Kapitel 185 - Der Junge mit den goldenen Augen
- empirewebnovel
- 11. Juni 2025
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Almiko.
Der Name stand in verblassten Lettern auf einem alten, moosbedeckten Holzschild, das über dem einzigen Wegbogen des Ortes hing. Ein kleines Dorf, kaum mehr als ein Punkt auf den Karten des Kaiserreichs, verborgen zwischen kahlen Winterbäumen und sanften Hügeln. Nur wenige Stunden trennten es von der Kaiserstadt – und doch wirkte es wie eine andere Welt.
Leyla war fast wieder am Ziel ihrer Reise angekommen, und Almiko sollte ihr letzter Zwischenstopp sein. Ein Moment des Innehaltens, bevor sie sich wieder dem Rhythmus der Hauptstadt unterwerfen musste. Noch einmal durchatmen, fern der Erwartungen, fern der Blicke. Würde man ihr sofort einen neuen Auftrag zuteilen? Oder hätte sie einige Tage, um bei Nea und Eroica zur Ruhe zu kommen? Ein paar ruhige Abende in vertrauter Gesellschaft wären eine willkommene Abwechslung.
Sie überquerte die hölzerne Brücke, die sich über einen schmalen, glasklaren Bach spannte – das einzige, was Almiko von der Außenwelt zu trennen schien. Das Wasser war so ruhig, dass sich Leylas Spiegelbild im Vorübergehen kurz im Bach zeigte, ehe es von einem fallenden Blatt zerrissen wurde.
Die Reise hatte ihr gutgetan. Sie war mit Händlern geritten, hatte in Tavernen Geschichten getauscht, mit Fremden getrunken, gelacht und geschwiegen. Diese Form der Freiheit – das Gefühl, niemandem Rechenschaft schuldig zu sein – war selten für jemanden in ihrer Stellung. Doch dieses Gefühl wich nun. Mit jedem Schritt, den sie dem Zentrum des Kaiserreichs näherkam, kehrte auch die Schwere der Verantwortung zurück.
Almiko selbst war nicht viel mehr als eine Straße. Eine einzige, von Kopfstein und Winterstaub bedeckte Gasse, flankiert von Häusern, deren Fassaden alt und müde wirkten. Die Fenster waren trüb, die Dächer mit Schnee bedeckt, der langsam taute. Die Taverne zur Rechten war geschlossen, ein verwittertes Schild hing schief in den Angeln. Nur wenige Menschen waren zu sehen. Ein alter Mann saß auf einer Bank und rauchte gemächlich Pfeife, die Augen geschlossen, als wäre er schon seit Jahrzehnten Teil des Ortes. Weiter hinten tadelte eine Mutter ihre Tochter, während drei halbverwilderte Hunde im Schnee balgten.
Leyla atmete aus. Das Dorf war still. Trostlos. Wie ein Ort, der vergessen hatte, dass es einmal Frühling geben könnte.
,,Also doch kein Zwischenstopp, fürchte ich…’’ murmelte sie leise, die Enttäuschung in ihrer Stimme kaum zu überhören.
Dann hielt sie inne.
Am Rand des Dorfplatzes, auf einem alten, umgestürzten Baumstamm, saß ein Junge. Vielleicht dreizehn, vierzehn Jahre alt. Seine Beine baumelten leicht, doch seine Haltung war erstaunlich ruhig – fast reglos. Er starrte in den Himmel, als suche er dort nach etwas, das nur er erkennen konnte.
Sein Haar war grün. Nicht wie Gras oder Moos, sondern wie die blassen Blätter eines uralten Baumes im tiefsten Dschungel – wild, ungebändigt, wie seine ganze Erscheinung. Seine Augen dagegen waren leuchtend gelb, eher goldfarben, und hatten einen Ausdruck, der Leyla kurz innehalten ließ. Da war keine kindliche Naivität. Da war etwas anderes.
Leyla wollte gerade einen Schritt auf ihn zugehen, als sie ein Zupfen an ihren Haaren spürte.
Vinessa war aus ihrem Mantel hervorgeflogen, kaum größer als eine Hand, ihre durchscheinenden Flügel flimmerten im kalten Licht.
,,Du, Leyla… der Junge ist stark.’’
Leyla sah zu der kleinen Fee. Ihr Tonfall war ungewohnt ernst. Dann wandte sie den Blick wieder dem Jungen zu, diesmal mit geschärfter Aufmerksamkeit.
Und sie spürte es. Es war kein gewaltiger Druck wie der von Yang, keine Eiseskälte wie die Aura von Selfmun Aragi. Nein – es war etwas Wildes. Etwas Ungebändigtes. Eine rohe Kraft, die noch keinen Namen hatte. Es war wie ein Tier, das noch nicht wusste, ob es beißen oder rennen sollte.
Dieser Junge war kein gewöhnlicher Dorfjunge. Und Leyla war nicht länger nur Besucherin – sie war neugierig geworden.
Etwas an ihm zog sie an, wie ein unvollendetes Lied, dessen Melodie sie glaubte zu kennen.
Er hatte ihr Interesse geweckt.
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„Hey, kann ich mich zu dir setzen?“ Leylas Stimme klang freundlich, fast beiläufig, als wolle sie dem Jungen nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken.
Er reagierte zunächst nicht. Sein Blick blieb fest auf den Himmel gerichtet, als würde er darin ein Rätsel suchen, das sich ihr entzog. Erst nach einem Moment antwortete er, ohne sie anzusehen: „Wenn du nichts Besseres zu tun hast.“
Leyla zögerte kurz, dann ließ sie sich neben ihn auf dem bemoosten Baumstamm nieder. Das Holz war kalt und feucht, aber das störte sie nicht. Ihre Augen folgten seinem Blick gen Himmel, doch sie sah dort nur blasse Wolken, die langsam über das Dorf hinwegzogen.
„Was beobachtest du da oben so intensiv?“ fragte sie nach einer Weile.
„Nichts Besonderes.“ Seine Stimme war ruhig, beinahe müde. „Ich will einfach nur meine Ruhe. Weg von den ganzen Nervensägen. So wie dir.“
Leyla spürte, wie sich ihre Braue leicht hob. Sie hatte mit vielen Arten von Menschen gesprochen – arroganten Kommandanten, hochnäsigen Adligen, wortkargen Söldnern – aber dieser Junge war anders. Frech. Direkt. Und dabei doch irgendwie unbeeindruckt von ihrer Präsenz.
„Hast du trotzdem Lust, dich zu unterhalten?“ fragte sie. „Ich finde, du wirkst stark.“
Zum ersten Mal drehte er den Kopf und sah sie an. Seine goldenen Augen funkelten im kühlen Licht der Wintersonne. „Du wirkst dafür ziemlich schwach. Also was willst du eigentlich von mir?“
Er wusste also nicht, wer sie war. Keine Verbeugung, kein Erkennen ihrer Person – nur ehrliche Gleichgültigkeit. Fast erfrischend.
„Ich bin auch nicht ganz schwach. Vielleicht beweist du’s mir in einem Übungskampf?“ schlug sie vor, ein wenig spielerisch.
„Nee.“ Er wandte sich wieder dem Himmel zu. „Keine Lust auf einen sinnlosen Kampf gegen eine, die am Ende heult.“
Leyla schnaubte. Für wen hielt dieser Bengel sich eigentlich? Sie stand auf, zog langsam das Schwert von Zcepes vom Rücken und hielt es ihm hin. Das kalte Metall glänzte matt im Licht.
„Wenn du gegen mich gewinnst, gehört das hier dir.“
Er drehte den Kopf nur leicht, warf dem Schwert einen flüchtigen Blick zu – und verzog das Gesicht. „Wie primitiv. Interessiert mich nicht.“
Dann drehte er sich ganz weg, als hätte sich das Gespräch für ihn erledigt.
Leyla biss sich auf die Lippe. Der Ärger wich – stattdessen wuchs ihre Neugier. Wer war dieser Junge?
„Wie wär’s dann mit ein paar Münzen?“ Sie zog ihren Beutel hervor und ließ ihn in ihrer Hand klimpern. Das Geräusch war deutlich genug, um Aufmerksamkeit zu erregen.
„Die paar Kupfer interessieren—“ begann er abwertend, doch als sein Blick den offenen Beutel streifte, hielt er inne. Seine Augen wurden groß. Sehr groß.
Er sprang auf, riss ihr den Beutel nicht aus der Hand, aber musterte ihn mit einem Blick, der sofort jedes Anzeichen von Desinteresse verfliegen ließ. „Sind das... zwanzig Goldmünzen?“
„Jap“, sagte Leyla mit einem Grinsen. „Wenn du es schaffst, mich kampfunfähig zu machen oder mich zur Aufgabe zu zwingen, gehören sie dir.“
Der Junge sah sie mit neuem Respekt an – oder vielleicht war es Gier. Oder Stolz. Jedenfalls hatte sie nun seine volle Aufmerksamkeit. Er streckte sich und sprang mit überraschender Geschmeidigkeit vom Baumstamm.
„Gut. Komm mit. Aber wehe, du brichst dein Wort.“
Leyla nickte zufrieden und folgte ihm durch das Dorf, das ihr plötzlich gar nicht mehr so trostlos erschien. Der Wind spielte mit einer Fahne, irgendwo klang entfernt ein Hundegebell.
Vinessa lugte aus der Brusttasche ihrer Rüstung hervor, ihre kleinen Flügel vibrierten leicht. „Leyla… ist das nicht ein bisschen unfair?“
Leyla schüttelte den Kopf, das Grinsen noch immer auf den Lippen. „Wer so eingebildet daherkommt, muss irgendwann auf dem Boden der Realität landen.“
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Der Junge hatte sie zu einem weiten, offenen Feld am Rand des Dorfes geführt. Dort, wo sich das hohe, winterlich blasse Gras im Wind wiegte und nur ein einzelner knorriger Baum einsam in der Mitte stand. Er sah sich kurz um, legte die Hand an die Stirn und nickte dann knapp. „Hier ist’s gut.“
Leyla warf selbst einen prüfenden Blick über die Fläche. Keine Menschen in Sicht, keine neugierigen Augen. Nur der Wind, das Gras, und sie beide. Gut.
„Vinessa, halt ein bisschen Abstand“, sagte sie, ohne den Blick von dem Jungen zu nehmen.
Die kleine Fee gehorchte sofort. Ihre schimmernden Flügel summten leise, als sie sich in die Höhe erhob und ein Stück zur Seite flog, wo sie auf einem Ast des knorrigen Baumes landete. Von dort beobachtete sie alles mit zusammengekniffenen Augen.
„Wie heißt du überhaupt?“ fragte Leyla schließlich.
Der Junge drehte ihr nicht einmal den Kopf zu. „Mein Name ist Zensa. Deiner interessiert mich nicht.“
Ein kleiner Stich der Kränkung. Nicht, weil er sie nicht erkannte, sondern weil er sich so sicher fühlte – so überlegen. Leyla verzog die Lippen zu einem schmalen Grinsen. Diese Arroganz würde sich schnell legen.
Sie machte sich bereit. Das Schwert von Zcepes hing ruhig an ihrem Gürtel, doch sie rührte es nicht an. Ihre Finger begannen stattdessen, ein vertrautes Muster zu formen, Mana sammelte sich in ihrer Hand.
„Willst du dein Schwert nicht ziehen?“ fragte Zensa spöttisch. „Nicht, dass es dir viel bringen würde – aber ich hätte ungern, dass es langweilig wird!“
Leyla erwiderte sein Grinsen. „Brauch ich nicht. Ich besieg dich auch so.“
In ihrer Hand formte sich eine Kugel aus glasklarem Wasser, in deren Innerem kleine Strömungen kreisten. Der Runenstein des Meeres vibrierte leicht in ihrem Innern, wie ein Herz, das im Takt des bevorstehenden Kampfes schlug. Er freute sich. Sie spürte es. Dieser Kampf hatte keine höhere Bedeutung, keine Pflicht – er war ein Spiel. Und das Meer liebte Spiele.
Zensa hingegen hatte seine Haltung verändert. Sein Körper senkte sich leicht, ein Fuß ging zurück, die Arme in Position. Es war keine kindliche Pose, sondern die Haltung eines echten Kämpfers – wild, ausbalanciert, instinktiv.
Ein leiser Wind kam auf, der die Halme um sie herum zum Tanzen brachte. Seine Haare begannen sich unruhig zu kräuseln, als hätte die Luft selbst beschlossen, ihm zu folgen. Und dann sah Leyla es.
Blitze.
Feine elektrische Fäden zuckten über seine Fingerspitzen. Erst flüchtig, kaum wahrnehmbar. Dann wurden sie stärker. Sie schossen aus seinen Händen, zischten durch die Luft, rissen den Boden neben ihm auf.
„Er beherrscht Donnermagie…“ Leyla dachte den Satz kaum zu Ende, als sie der erste Schlag traf.
Ein Fausthieb, so schnell, dass sie kaum die Bewegung gesehen hatte. Der Treffer ging direkt in ihren Bauch, ließ sie keuchend nach hinten stürzen.
„So schnell…“, dachte sie überrascht, als sie sich überschlug und wieder aufkam. Kaum hatte sie sich aufgerichtet, folgten weitere Schläge. Einer traf ihr Kinn, ein zweiter die Rippen, ein dritter kam hart gegen ihren Hinterkopf.
Sie taumelte, fing sich aber, das Wasser in ihrer Hand zerplatzte nicht. Jeder Schlag war präzise, schnell wie ein Pfeil. Und doch… etwas fehlte.
„Stark sind sie nicht“, stellte sie fest. Für normale Gegner wäre diese Geschwindigkeit tödlich. Doch sie war nicht normal. Sie war Leyla.
Trotzdem musste sie sich eingestehen: Gegen seine Schnelligkeit hatte sie im direkten Austausch keine Chance. Ihre eigene Stärke lag woanders.
„Wenn ich ihn nicht erreichen kann… dann muss ich eben die Umgebung für mich nutzen.“
Sie landete auf beiden Füßen, warf sich zur Seite, rollte über das Gras und legte im selben Moment die flache Hand auf den Boden.
Die Luft um sie herum veränderte sich. Das Gras neigte sich ihr entgegen. Und dann begann der Boden zu beben.
Vinessa, die in sicherer Entfernung auf dem Ast saß, rief besorgt: „Leyla?!“
Doch Leyla war vollkommen konzentriert. Ihre Finger gruben sich in die Erde, Mana floss aus ihr wie aus einer geöffneten Quelle. Der Runenstein vibrierte erneut, diesmal stärker – zustimmend, fordernd.
Zensa stoppte seinen nächsten Angriff, bremste abrupt und blickte überrascht zu ihr. Zum ersten Mal zeigte sein Gesicht einen Ausdruck, der irgendwo zwischen Respekt und Misstrauen lag.
„Wird Zeit, dass du mich ernst nimmst“, flüsterte Leyla und richtete sich langsam auf.
Die Erde unter ihren Füßen riss auf. Wasser quoll hervor, schoss in Fontänen in die Höhe. Das Feld war nicht mehr unter seiner Kontrolle.
Jetzt gehörte es ihr.
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Immer mehr Wasser schoss aus dem aufgebrochenen Boden. Leyla hatte bei der Ankunft sofort gespürt, was darunter verborgen lag – ein unterirdischer See, dessen Präsenz sie regelrecht willkommen zu heißen schien. Die Kälte, die Tiefe, das ruhige Gewicht des Wassers – es war vertraut, es war ihr Element.
Sie hatte bewusst diesen Weg gewählt. Die Wassermagie erlaubte es ihr, mit Macht zu agieren, ohne ernsthaft zu verletzen. Und sie wollte nicht den Jungen brechen, nur seine Arroganz.
Vor ihrem inneren Auge formte sich ein klarer Würfel – ein Aquarium ohne Glas, ein schwebendes Gefängnis, das von allen Seiten Wasser hielt und zugleich durch ihre reine Vorstellungskraft kontrolliert wurde. Binnen Sekunden gehorchte das Element ihrem Ruf. Das Feld versank in einem plötzlichen Strom aus gleißend hellem Wasser, das die Wintersonne spiegelte und in wirbelnden Bögen emporstieg.
Dann schloss sich das Konstrukt. Zensa und Leyla waren nun vollständig umgeben – eingeschlossen in einer Welt aus schwebender, flüssiger Stille.
Der Junge hatte nicht damit gerechnet. Seine Augen weiteten sich, er begann, mit kräftigen Bewegungen zur Seite zu schwimmen, doch Leyla war schneller. Ihr Körper schoss durchs Wasser wie ein Speer, elegant, zielgerichtet. Sie erreichte ihn, griff nach seinem Bein und versetzte ihm einen schnellen, gezielten Schlag in den Bauch – hart genug, um seine Haltung zu brechen, aber nicht brutal.
Luftblasen stiegen aus seinem Mund auf. Zensa prustete, seine Augen flackerten – zwischen Wut und Überraschung, zwischen Panik und Trotz.
Dann streckte er plötzlich die Arme aus – und Leyla wusste, was kommen würde.
Blitze.
Sie zuckten aus seinen Fingern, glitten durchs Wasser wie Licht selbst, und erreichten sie in weniger als einem Herzschlag. Die Elektrizität zuckte durch ihren Körper, ließ ihre Muskeln verkrampfen, die Sicht verschwimmen. Ein stechender Schmerz schoss durch ihre Brust, ihre Glieder gehorchten ihr kaum noch.
Doch noch bevor der Schmerz die Kontrolle gewann, spürte sie ihn – den Puls des Runensteins der Heilung. Warm, beinahe väterlich, begann er sein Werk. Die Wunden wurden nicht geheilt, aber die schlimmsten Auswirkungen der Magie gedämpft, gestoppt, beruhigt.
Leyla ballte die Faust.
Mit einem explosionsartigen Impuls ließ sie das Wasser verdampfen.
Ein Donnern hallte über das Feld, als die Wassermasse in Dampf überging und in dichten Nebelschwaden verschwand. Plötzlich gab es keinen Halt mehr – sie befanden sich beide im freien Fall. Leylas Haare flatterten wild, Zensa schrie überrascht auf.
„He— was soll…!“ rief er noch, dann krachte er schon auf dem gefrorenen Boden auf. Nicht schwer verletzt, aber außer Atem.
Leyla landete eine Sekunde später neben ihm. Die Magie des Runensteins der Erde bebte, und sofort begannen aus dem Boden Ranken zu wachsen. Dick, dunkelgrün, lebendig. Sie schnellten hervor wie Schlangen, wanden sich um Zensas Handgelenke, seine Beine, hielten ihn fest wie Fesseln eines lebenden Waldes.
Sie stand über ihm, dampfend, das Haar zerzaust, das Wasser von ihrer Kleidung tropfend. In ihren Augen flackerte kühle Entschlossenheit.
„Du warst schnell“, sagte sie, und ein schiefes Grinsen legte sich auf ihr Gesicht. „Aber nicht schnell genug.“
Da hörte sie ein empörtes Summen, und Vinessa flog mit schnellen Flügelschlägen heran, die Arme in die Seiten gestemmt.
„Leyla! Das war doch total übertrieben! Schau dir den armen Jungen an!“
Leyla blinzelte. Für einen Moment hatte sie sich gehen lassen – in der Freude des Kampfes, im Rausch ihrer Macht. Sie atmete tief durch. Der Dampf um sie herum löste sich langsam auf, ließ das winterliche Licht zurückkehren.
Sie kniete sich neben Zensa. „Geht es dir—“
„Leyla?“ unterbrach er sie atemlos. Seine Stimme hatte sich verändert – nicht mehr überheblich, sondern überrascht. „Die Kaiserliche Kopfgeldjägerin Leyla?“
Sie seufzte. Jetzt also hatte er seine Arroganz verloren. „Ja. Genau die.“
Zensa versuchte, sich aus den Ranken zu befreien, aber sie hielten ihn fest wie eiserne Umarmungen. Statt weiter zu zappeln, blickte er sie nun eindringlich an. Seine goldenen Augen flackerten – mit einer Mischung aus Hoffnung, Furcht und etwas Neuem: Ehrfurcht.
„Leyla… Ich bitte dich“, sagte er plötzlich, mit einer Stimme, die ehrlicher kaum hätte sein können. „Nimm mich mit dir. In die Kaiserstadt. Trainiere mich!“
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Leyla betrachtete ihn lange schweigend. Der Wind fuhr durch ihr blaues Haar. Schließlich richtete sie sich auf, streckte die Hand aus und ließ die Ranken langsam in den gefrorenen Boden zurücksinken. Der Zauber löste sich auf, als wäre er nie gewirkt worden.
Zensa setzte sich auf, rieb sich mit einer Mischung aus Erleichterung und Anspannung die Handgelenke. Doch seine Augen wichen nicht von Leyla – es war ein Blick voller Erwartung, Stolz und einer fast kindlichen Hoffnung.
Vinessa flatterte in leisem Schwirren heran, setzte sich nahe Leylas Ohr und flüsterte eindringlich: „Er meint es wirklich ernst. Das spüre ich.“
Leyla nickte langsam. Und lächelte. Nur schwach, fast nachdenklich – aber echt.
Zensa war talentiert, das stand außer Frage. Sein Instinkt, seine Geschwindigkeit, die rohe Kraft seiner Magie – all das war beeindruckend. Er war wie ein Rohdiamant, noch voller Ecken und Kanten, aber mit einem Kern aus unverkennbarer Stärke. Sie konnte es förmlich spüren: Wenn er geführt wurde, wenn er lernte zu zügeln und nicht nur zu zerschlagen, dann könnte er jemand Bedeutendes werden.
Aber war sie die Richtige, um ihn zu führen?
Sie war keine Lehrmeisterin. Niemand hatte sie je in dieser Rolle gesehen – nicht einmal sie selbst. Und vieles, was sie konnte, hatte sie sich unter Schmerz, Gefahr und Verlust selbst beigebracht. War sie fähig, jemandem wie ihm den richtigen Weg zu zeigen, ohne ihn zu zerstören?
Und dann war da noch die Frage, ob sie es überhaupt durfte. Gab es für Kopfgeldjäger Regeln, was Schüler betraf? Ob Yang etwas dagegen hätte? Oder würde es einfach niemanden interessieren?
„Bitte“, sagte Zensa da mit brüchiger Stimme. „Ich werde dir gehorchen. Ich mach alles, was du sagst. Aber bitte – nimm mich mit.“
Er hatte sich verändert. Der Übermut war verflogen, der Hochmut zerplatzt wie eine Seifenblase. Was blieb, war ein Junge mit leuchtenden Augen, der zum ersten Mal einen Hoffnungsschimmer in der Welt sah.
Leyla atmete tief durch. Blickte kurz zu Vinessa, die erwartungsvoll in der Luft schwebte. Dann zurück zu Zensa. Sie zögerte einen Moment, dann seufzte sie.
„Ich nehme dich mit“, sagte sie leise. „Ob ich dich trainiere… das sehe ich dann.“
Zensas Augen wurden groß. Dann sprang er auf, als hätte man ihn mit Energie durchflutet. „Danke, Leyla! Ich werde dich nicht enttäuschen!“ rief er und ballte die Fäuste vor Freude. „Wann brechen wir auf?“
Leyla öffnete den Mund, um zu antworten – doch Vinessa kam ihr zuvor.
„Musst du nicht deinen Eltern Bescheid geben?“ fragte die kleine Fee, sichtlich besorgt. Ihre Stimme klang ungewohnt ernst.
Zensa blinzelte, drehte sich zu ihr. Seine Augen wurden sanfter. „Du bist eine Fee, oder? Wie heißt du?“
Vinessa reckte stolz die Brust, wie ein Soldat bei der Parade. „Natürlich bin ich eine Fee! Mein Name ist Vinessa! Ich bin eine ehrenhafte Bewohnerin des Grünwaldes und Begleiterin von Leyla!“
Dann schüttelte sie energisch den Kopf. „Aber du lenkst ab. Was ist mit deinen Eltern?“
Zensa sah sie für einen Moment still an, dann hob er die Schultern. „Hab keine. Hatte ich nie. War einfach irgendwann da.“
Leyla und Vinessa wechselten einen Blick. Keine Trauer lag in Zensas Stimme – nur eine schlichte, nüchterne Wahrheit. Ein Junge, der niemandem gehörte, und darum tat, was er wollte.
„Also?“ fragte er mit leuchtenden Augen. „Brechen wir auf?“
Leyla lächelte. Etwas müde, aber herzlich.
„Ja“, sagte sie. „Lass uns aufbrechen.“
Sie gingen nebeneinander los, Vinessa flatterte über ihnen in sanften Bögen. Der Winterwind trug feine Eiskristalle durch die Luft, und in der Ferne, nur von der Landschaft zerfasert, ragten die Mauern der Kaiserstadt empor – kalt, stolz, gewaltig.
Leyla warf einen Blick dorthin. Gedankenverloren, aber zuversichtlich.
„Bald sehen wir uns wieder“, murmelte sie leise. „Nea. Eroica.“
Und sie gingen weiter – ein neuer Weg, ein neuer Schüler, und vielleicht, nur vielleicht, ein neues Kapitel.



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