Kapitel 186 - Ein Schatten hinter dem Lächeln
- empirewebnovel
- 11. Juni 2025
- 12 Min. Lesezeit

„Ich bin wieder da“, flüsterte Leyla, beinahe ehrfürchtig, als sie gemeinsam mit Zensa und Vinessa das wuchtige Tor zur Kaiserstadt durchschritt. Die Abendsonne lag wie ein goldener Schleier über den verschneiten Straßen, tauchte die Dächer, Türme und Statuen in warmes Licht, während der Frost unter ihren Stiefeln knackte. Der vertraute Geruch von Schnee, Ruß und gebranntem Wein stieg ihr in die Nase – ein Duft, der für sie Heimat bedeutete.
Sie hatte die Wochen fernab dieser Mauern genossen, das Rauschen der Wildnis, das Flüstern der Feen, die Freiheit, fern von Befehlen, Rängen und Erwartungen. Doch jetzt, da sie zurück war, merkte sie, wie sehr ihr das alles gefehlt hatte. Und wie sehr sie sich nach den beiden Frauen sehnte, die hier auf sie warteten.
„Das ist also die Kaiserstadt“, hauchte Vinessa mit aufgerissenen Augen, während sie aus Leylas Brusttasche spähte. Die kleine Fee war sichtlich überwältigt. Als Tochter des Feenwaldes hatte sie nie zuvor eine Stadt gesehen, geschweige denn eine Metropole wie diese, mit ihren emporragenden Türmen, ihren unzähligen Fenstern und dem Durcheinander von Kutschen, Marktständen und rauchenden Schornsteinen.
Leyla nickte nur flüchtig, ihre Gedanken drifteten ab.
Sie dachte nicht an die steinernen Mauern oder die gaffenden Passanten, nicht an die Garnisonen oder die kaiserliche Wache, die an den Straßenecken patrouillierte. Ihre Gedanken galten zwei ganz bestimmten Personen: Nea und Eroica. Ihrer besten Freundin. Und der Frau, die ihr immer zur Seite stand, der sie alles anvertrauen konnte.
Zensa hingegen schien wenig beeindruckt. Er schlenderte mit den Händen in den Taschen hinterher, die grünlichen Haare zerzaust, die goldenen Augen halb geschlossen, als langweilte ihn das ganze Spektakel.
Selbst die prachtvollen Statuen, die steinernen Drachen an den Dachrinnen, die kaiserlichen Banner, die im Wind flatterten – nichts schien seine Aufmerksamkeit wirklich zu fesseln. Leyla warf ihm einen prüfenden Blick zu. Er war wieder ganz der Junge, der auf dem Baumstamm gesessen und in den Himmel gestarrt hatte – hochmütig, stolz, aber nicht ohne Grund. Und dennoch schwang in seinem Gang jetzt eine Spur Achtung mit, die vorher nicht da gewesen war.
Die Passanten erkannten sie. Einige blieben stehen, andere flüsterten ihrem Gegenüber etwas zu. Manche deuteten auf sie, andere wichen ehrfürchtig zur Seite. Leyla nahm es nur am Rande wahr. Früher hatte es sie gestört – diese Blicke, das Getuschel, die Aura der Heldin, oder des Monsters, die man ihr aufzwang. Doch heute? Heute war sie zu müde, zu gedankenschwer, als dass sie sich darum kümmerte. Ihr Blick blieb starr nach vorne gerichtet, die Schritte wurden schneller, der Atem flacher. Sie wollte nur ankommen.
Nach etwa zwanzig Minuten, die ihr kürzer vorkamen als gedacht, erreichten sie das massive Gebäude mit den hohen Fenstern und dem steinernen Emblem über dem Eingang. Das Hauptquartier der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Wie oft war sie diesen Weg gegangen? Und doch fühlte es sich heute anders an. Der Schnee hatte den Vorhof in ein fast unberührtes Weiß gehüllt.
„Endlich zuhause“, sagte Leyla leise und fast andächtig, während sie stehen blieb. Zensa trat an ihre Seite, musterte das Gebäude mit gerunzelter Stirn. „Schon ziemlich düster“, murmelte er lakonisch und setzte zum Weitergehen an. Doch Leyla griff blitzschnell nach seiner Schulter, hielt ihn zurück und zog ihn hinter sich.
„Bleib hinter mir“, sagte sie eindringlich, ihre Stimme deutlich ernster. „Wenn du einfach so vorgehst, halten sie dich womöglich für einen Eindringling.“
Zensa nickte nur, der arrogante Glanz in seinen Augen wich einem Anflug von Respekt. Während der Reise hatte er oft zugehört, wenn sie von den Kopfgeldjägern sprach – von ihrer Verantwortung, von Yang, von den Kämpfen. Auch wenn er das meiste mit einem Schulterzucken quittiert hatte, war ihr nicht entgangen, wie aufmerksam er eigentlich war.
Gemeinsam betraten sie das Grundstück, der Kies knirschte unter ihren Schuhen. Der Weg war vom Schnee halb bedeckt, aber die Spuren von den Kopfgeldjägern, ihren Dienern und den Besuchern hatten einen schmalen Pfad freigelegt.
Leyla schritt voraus, ihre Hand locker am Griff ihres Schwerts. An der Eingangstür zögerte sie kurz, dann öffnete sie sie mit einem festen Ruck. Der Gemeinschaftsraum lag still und leer vor ihnen – kein Lachen, kein Stimmengewirr, kein vertrautes Klirren von Bechern oder das Murmeln geheimer Pläne.
„Niemand scheint da zu sein. Wir können direkt zu mir“, sagte sie, ohne sich umzudrehen.
Zensa folgte ihr schweigend, Vinessa schwebte dicht über ihrer Schulter.
Die Flure waren kühl, die Steinwände von flackernden Fackeln nur spärlich erleuchtet. Alles wirkte ruhig, beinahe unheimlich. Doch als Leyla vor ihrer Tür anhielt und sie langsam öffnete, wich jede Unsicherheit einem warmen, vertrauten Gefühl.
Denn dort, inmitten des spärlich beleuchteten Raums, saß Eroica. Ihre Leibdienerin. Ihre Vertraute. Die eine Konstante in Leylas Leben, wenn alles andere ins Wanken geriet.
Sie sah auf, lächelte – und für einen Moment schien die ganze Welt stehen zu bleiben.
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„Leyla, Ihr seid wieder da!“ rief Eroica mit glänzenden Augen, noch ehe Leyla ganz über die Schwelle getreten war.
Leyla zögerte keine Sekunde, durchquerte in wenigen Schritten den Raum und schloss ihre treue Dienerin in die Arme. Der vertraute Duft von warmem Kerzenwachs und getrockneten Kräutern stieg ihr in die Nase – ein Duft, der ihr augenblicklich das Gefühl von Zuhause gab. Der an lange Nächte erinnerte, in denen Eroica still in einer Ecke saß, lesend, während Leyla sich von einem harten Auftrag erholte.
„Eroica… es tut so gut, dich zu sehen“, sagte Leyla leise und drückte sie noch fester, bevor sie sich langsam wieder löste.
Eroica erwiderte ihr Lächeln mit Sanftmut. „Wollt Ihr mir erzählen, wie der Auftrag verlaufen ist?“
„Natürlich“, erwiderte Leyla und ließ sich auf einen der gepolsterten Sessel fallen. „Aber vorher möchte ich dir zwei neue Freunde vorstellen.“
Sie deutete mit einer leichten Kopfbewegung auf Vinessa, die begeistert um einige Pflanzen flatterte, die in kunstvoll verzierten Tontöpfen zwischen den Bücherstapeln standen – eine kleine grüne Oase im Raum. „Das ist Vinessa. Ich habe sie im Feenwald getroffen. Seitdem begleitet sie mich.“
Vinessa sah auf, schwirrte in einem verspielten Bogen durch den Raum und schmiegte sich ohne jede Scheu an Eroicas weiches Fell. „Soo weich…“ murmelte sie, während sie sich mit geschlossenen Augen an der Wange der Filina rieb.
Eroica beobachtete die Fee mit sanfter Neugier und strich ihr vorsichtig über den Rücken. „Freut mich sehr, Vinessa. Willkommen in unserem Zuhause.“
Leyla deutete dann auf den Jungen, der es sich bereits mit überkreuzten Beinen in einem Sessel bequem gemacht hatte. „Und das ist Zensa. Ich… überlege, ihn als Schüler aufzunehmen.“
Zensa hob kaum merklich den Kopf, murmelte: „Wir sind doch noch keine Freunde…“ doch als er Leylas Blick auffing – fordernd, mahnend – errötete er leicht. „Aber freut mich trotzdem, Eroica“, fügte er hastig hinzu und richtete sich etwas auf.
Leyla schmunzelte und begann, Eroica vom Verlauf ihrer Mission zu berichten. Sie sprach vom Kampf gegen Leandro und Vincenz, vom Feenwald, von Zensa, von der Reise zurück – jedoch erwähnte sie den Runenstein der Heilung nicht. Dieses Geheimnis war für Zensas Ohren nicht bestimmt. Nur Eroica wusste davon, seit sie sich durch ein Siegel der Verschwiegenheit gebunden hatte. Und Vinessa war ohnehin Eingeweihte – schließlich hatte sie selbst einst über einen der Steine gewacht.
Als Leyla ihre Erzählung beendet hatte, streckte sie sich ausgiebig und seufzte erleichtert. „Eroica, kannst du mehr über das Schwert von Zcepes herausfinden? Ich will mehr darüber erfahren, insbesondere über die Heilkräfte.“
Die Filina nickte, der Blick ernst. „Natürlich. Ich beginne sofort.“
Dann wandte sie sich Zensa zu und musterte ihn einen Moment lang. „Er ist wirklich talentiert. Wenn es Euch recht ist, Leyla, würde ich mich gerne ebenfalls um ihn kümmern – zumindest was seine Bildung betrifft.“
Zensa schnaubte leise. „Ich brauche niemanden, der sich um mich kümmert. Ich komm auch alleine klar.“ Trotz des Protests wich sein Blick nicht von der Schüssel, die Eroica nun beinahe beiläufig in seine Richtung schob – eine große, mit frisch gebackenen Keksen gefüllte Tonschale, aus der noch der süße Duft von Vanille und Honig stieg.
„Man kann es ja mal versuchen“, murmelte er mit einem knappen Lächeln, griff nach einem der Kekse und biss genüsslich hinein.
Leyla lehnte sich entspannt zurück. „Du übernimmst die Bildung, ich das Training. Das ist eine gute Idee. Danke, Eroica.“
„Gern geschehen, Leyla“, erwiderte diese mit einem kleinen Knicks. Dann legte sich ein neuer Ausdruck auf ihr Gesicht – eine Mischung aus Freude und feinem Schalk. Sie warf einen Blick zur Tür und antwortete mit einer Gegenfrage: „Wollt Ihr wissen, wie es Nea geht?“
Leyla runzelte leicht die Stirn, drehte sich halb um – da spürte sie plötzlich zwei Arme, die sich von hinten um ihren Hals schlangen, einen warmen Körper auf ihrem Rücken, wildes Haar an ihrer Wange. Und ein vertrautes Kichern, das wie ein Glockenspiel durch den Raum hallte.
„Du bist wieder da, Leyley!“
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Leyla zog Nea mit einem Lächeln an den Armen über ihre Schulter und schloss sie fest in die Arme. Für einen Moment blieb sie einfach so sitzen, spürte die vertraute Wärme einer der Frauen, die ihr mehr bedeutete, als Worte je ausdrücken konnten. Dann setzte sie Nea sanft auf dem Boden ab und betrachtete sie.
Nea strahlte über das ganze Gesicht. Ihre violetten Augen funkelten voller Lebensfreude, und von ihren einstigen Verletzungen war nichts mehr zu sehen. Keine Wunde, keine Spur von Schmerz.
„Dir geht es gut, Nea… ein Glück“, sagte Leyla leise, mit spürbarer Erleichterung in der Stimme.
Nea grinste breit und legte den Kopf schief. „War doch nur ein Kratzer! Der war im Nu wieder verheilt.“ Dann fiel ihr Blick auf Zensa und Vinessa, die sich zurückhaltend im Hintergrund hielten. Fragend sah sie zwischen ihnen und Leyla hin und her. „Und wer sind die beiden?“
Bevor Leyla antworten konnte, trat Eroica mit einem warmen Lächeln vor. „Setzt Euch doch erst einmal, Nea. Ich mache uns allen Tee.“ Ihre Stimme war ruhig, wie ein sicherer Anker inmitten der wiedergewonnenen Heimeligkeit.
Nea nickte und ließ sich neben Leyla in einen der Sessel sinken. Ihre Beine baumelten über die Kante, und sie drehte sich erwartungsvoll zur Seite, als Leyla zu erzählen begann.
Mit ruhiger Stimme berichtete Leyla, wo sie Zensa getroffen hatte, wie es zum Kampf gekommen war – und warum sie nun mit einem eigenwilligen Jungen und einer Fee zurückgekehrt war. Vinessa hatte sich mittlerweile schon auf Neas Schulter niedergelassen und ließ ihre Beinchen baumeln, während sie mit neugierigen Augen die Kopfgeldjägerin musterte.
„Freut mich, Zenzen. Nessy!“ rief Nea mit leuchtenden Augen, und ihre Stimme war so voller Unschuld und Freude, dass es fast ansteckend war.
Vinessa kicherte sofort. „Wenn ich Nessy bin, dann bist du Nenny.“ Sie legte den Kopf schief und streichelte zart mit einer ihrer winzigen Hände Neas Wange.
Neas Augen begannen noch heller zu leuchten, ihr ganzes Gesicht schien zu glühen. „Nenny… das klingt gut!“
Leyla schüttelte belustigt den Kopf. Jetzt fingen die beiden schon mit Spitznamen an – das konnte ja heiter werden.
Ihr Blick wanderte zu Zensa, der auf einmal erstaunlich still geworden war. Er saß etwas abseits, die Hände auf den Knien, den Rücken aufrecht – und sah mit scheuer Konzentration zu Nea hinüber. Leyla erkannte das Glänzen in seinen Augen sofort. Er war eingeschüchtert – und beeindruckt. Wahrscheinlich war ihm zum ersten Mal so richtig bewusst, dass er mit zwei der Kopfgeldjägerinnen des Kaiserreichs in einem Raum saß.
Eroica kehrte wenig später mit einem Tablett voller dampfender Teetassen zurück. Der Duft von Jasmin, Minze und einem Hauch von Zimt erfüllte den Raum. Sie verteilte die Tassen mit der ihr eigenen Anmut und ließ sich dann ebenfalls nieder.
Die nächsten Stunden vergingen wie im Flug. Geschichten wurden erzählt, es wurde gelacht, hin und wieder geschwiegen, wenn ein Satz nachwirkte. Besonders Eroicas Erzählungen von ihrer Zeit als Seemagierin – von Stürmen, die Schiffe zerbarsten, von magischen Kreaturen, die aus dem Nebel auftauchten, und von einem Leuchtturm, der angeblich von Geistern betrieben wurde – fesselten alle Anwesenden.
Zensa hörte gebannt zu, Nea unterbrach gelegentlich mit Fragen, Vinessa flatterte aufgeregt hin und her. Für einen Moment war alles leicht.
Dann, als die Sonne längst untergegangen war und nur noch das flackernde Licht der Öllampen den Raum in warmes Gold tauchte, streckte sich Nea wohlig gähnend.
„Ich gehe mal wieder zu mir, Leyley. Begleitest du mich ein Stück?“ Ihre Stimme war sanft, fast ein bisschen verschlafen.
Leyla lächelte. „Natürlich.“
Sie stand auf, schenkte den anderen einen letzten Blick – Vinessa, die sich müde auf ein Kissen sinken ließ, Zensa, der gedankenverloren in seine Teetasse starrte, und Eroica, die ihnen still nachsah – dann verließ sie mit Nea gemeinsam den Raum.
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Schweigend liefen die beiden nebeneinander durch die Gänge ihres Zuhauses, ihre Schritte klangen gedämpft auf dem schwarzen Teppich. Doch anstatt zu Neas Wohnbereich abzubiegen, verließ Nea den gewohnten Pfad und trat hinaus auf die schneebedeckte Straße vor dem Hauptquartier. Ein eisiger Wind wehte durch die Gassen der Kaiserstadt, brachte den Geruch von Kaminrauch und winterlicher Stille mit sich.
Leyla runzelte die Stirn, folgte ihr jedoch ohne Zögern. „Wolltest du nicht zu dir, Nea?“ fragte sie leise, als sie gemeinsam in den Garten traten.
Nea blieb stehen, der Schnee knirschte unter ihren Schuhen. Sie drehte sich zu Leyla um, ihre violetten Augen glänzten im Schein der fernen Laternen. „Ich wollte mich eigentlich nur noch einmal verabschieden. Ich habe eine Mission… und ich breche heute noch auf.“
Leyla horchte sofort auf. Eine Mission? Alle aktuellen Einsätze sollten doch gemeinsam mit Partnerinnen erfolgen – das hatte Yang nach Bunjs Tod klar befohlen. Und Nea war doch gerade erst genesen.
„Bist du überhaupt schon wieder vollständig fit?“ fragte sie besorgt, und ihre Stimme verriet mehr Unruhe, als sie zeigen wollte.
Nea grinste, stellte sich auf die Zehenspitzen und tätschelte Leyla leicht den Kopf. „Klar doch. Ich bin topfit. Keine Sorge, Leyley.“ Ihre Stimme war fröhlich, beinahe verspielt – doch Leyla spürte einen Hauch von Unruhe unter dem Lächeln, so flüchtig, dass sie sich fragte, ob sie es sich nur eingebildet hatte.
Leyla atmete tief durch. Es hatte ohnehin keinen Sinn, mit Nea zu diskutieren, wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte. „Wann musst du los?“ fragte sie stattdessen.
„Heute Nacht“, antwortete Nea knapp. „Yang hat mir den Auftrag heute Morgen gegeben. Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich vorher noch sehe – das war ein schöner Zufall.“
Leyla gähnte und rieb sich die Augen. Die Müdigkeit hing schwer in ihren Knochen, aber sie nickte. „Dann wünsche ich dir Glück. Pass auf dich auf, ja?“
Nea nickte. Ihre Schultern zitterten leicht in der Kälte, doch ihr Lächeln blieb. „Natürlich, Leyley. Immer.“
Sie drehte sich um, hob die Hand zum Abschied und ging langsam in Richtung der dunklen Gassen. Ihre Silhouette verschwand nach wenigen Schritten zwischen den Schneeflocken, die jetzt leise vom Himmel fielen.
Leyla sah ihr noch einen Moment nach, dann wandte sie sich um und ging zurück zum Hauptquartier. Die Kälte kroch ihr unter die Kleidung, aber ihr war nicht nur vom Wetter kalt.
Vielleicht war es die Müdigkeit, vielleicht auch die Erleichterung über das Wiedersehen. Oder einfach die Gewissheit, dass Nea immer wieder heil zurückgekehrt war.
Was Leyla nicht gesehen hatte – oder nicht sehen wollte – war das flüchtige, traurige Glitzern in Neas Blick. Ein leiser Schatten, den sie hinter ihrer Fröhlichkeit versteckt hatte. Ein Funke von Sorge.
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Leyla trat in den Eingangsbereich des Hauptquartiers und blieb stehen. Die Tür fiel leise hinter ihr ins Schloss, das Knarren verklang in der Stille des nächtlichen Flurs. Eigentlich wollte sie nur noch schlafen gehen – der Tag war lang gewesen, voll von Begegnungen, Erinnerungen und Entscheidungen. Doch etwas hielt sie zurück. Ein Bedürfnis nach einem Moment der Ruhe, des Innehaltens. Nach einem Zwischenraum, bevor sie zurückkehrte zu Zensa, Vinessa und Eroica.
Ihre Schritte trugen sie lautlos an den Bücherregalen vorbei, bis sie vor einem der großen Gemälde stehen blieb. Der schwere Rahmen war in goldenes Metall gefasst, das im Schein der flackernden Wandfackeln matt schimmerte. Das Bild zeigte eine Schlacht aus dem Großen Krieg: Männer und Frauen in Rüstungen, verzerrt von Schmerz, von Entschlossenheit, von Chaos. Der Boden war von Blut durchtränkt, der Himmel voller Rauch und Asche.
Und obwohl die Szene eine Schlacht an Land darstellte, erinnerte es Leyla unweigerlich an etwas anderes – an das Meer vor Tripolis. An den Moment, als sie nicht nur Zeugin, sondern Ursprung einer Zerstörung geworden war, wie sie sie sich früher nie hätte vorstellen können.
Die Erinnerung kam über sie wie eine Welle. Die Stimme der See in ihren Ohren, der Runenstein des Meeres, der in ihrer Brust vibrierte. Der Mahlstrom, gewaltig und endlos, zwei Kilometer breit, der die stolzen Kriegsschiffe wie Spielzeuge verschlungen hatte. Die haushohen Wellen, geboren aus ihrem Willen, die zerbrechliche Planken unter sich begrabend. Und das Gefühl… das wilde, berauschende Gefühl von Freiheit. Nicht von Freude. Nicht von Schuld. Sondern etwas Ursprüngliches, Reines.
Sie beweinte die Toten nicht. Sie konnte es nicht. Der Runenstein der Erde hatte ihr die Reue genommen. Ihre Seele war still in dieser Hinsicht – nicht leer, nicht hart, nur unbeweglich. Wie ein Fels, den selbst Sturm und Brandung nicht formen konnten.
Trotzdem dachte sie oft an diesen Tag zurück.
[???] ,,Leyla?’’
Die Stimme kam leise, fast zaghaft. Doch sie wusste sofort, wem sie gehörte. Noch ehe sie sich vollständig umgedreht hatte, spürte sie ihr Herz schneller schlagen.
„Alexandra?“ Ihre Stimme war ein Flüstern, ungläubig. „Du bist hier?“
Alexandra trat aus dem Schatten, ihre goldenen Haare glänzten im Licht der Fackeln. Ihre blauen Augen lagen fest auf Leyla, und im nächsten Moment hatte sie die Distanz überwunden, griff nach Leylas Hals und zog sie zu sich.
Der Kuss traf Leyla mit voller Wucht – nicht körperlich, sondern in der Tiefe ihres Herzens. Sie schloss die Augen und ließ sich hineinfallen, in das, was sie bei Alexandra immer gefunden hatte: Wärme, Vertrautheit, Halt. Ihre Arme legten sich wie von selbst um den schlanken Körper der Elfe, und sie spürte, wie die Welt um sie herum kurz verstummte.
Minuten vergingen, in denen nichts existierte außer der Umarmung, dem Gefühl der Nähe, den Lippen aufeinander. Dann lösten sie sich langsam, widerstrebend, voneinander.
„Ich liebe dich, Leyla“, flüsterte Alexandra, ihre Stirn an Leylas lehnend.
Leyla spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. „Ich dich auch.“ Ihre Stimme zitterte. „So sehr.“
Sie hatte nicht damit gerechnet, sie schon jetzt wiederzusehen. Nicht nach all dem, was passiert war. Nicht nach dem Abschied.
„Wenn du hier bist…“ Leyla trat einen halben Schritt zurück, sah ihr ins Gesicht. „…dann sind Karst, Betty und Jevry auch hier?“
Für einen Moment blieb Alexandra stumm. Dann senkte sie den Blick, und in ihrem Gesicht zeigte sich ein Ausdruck, den Leyla sofort erkannte – Schmerz. Verlust. Und ein leises, kaum wahrnehmbares Flackern von Schuld.
„Nein…“ sagte Alexandra leise. Es war kein Wort, es war ein Bruch.
Leylas Herz zog sich zusammen. Nicht wegen dem Tod der drei, sondern wegen dem Mitleid für ihre Freundin. Doch sie sagte nichts weiter. Stattdessen trat sie noch näher an Alexandra heran, schloss erneut ihre Hand um ihren Arm. „Lass uns erst einmal zu mir gehen“, sagte sie mit ruhiger Stimme. „Dann reden wir in aller Ruhe.“
Und gemeinsam verschwanden sie im Flur. Hinter ihnen flackerte das Licht über die Pinselstriche des Gemäldes, in dem die Vergangenheit weiterkämpfte. Doch Leylas Gedanken gehörten nur Alexandra.



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