Kapitel 187 - Was uns verändert
- empirewebnovel
- 11. Juni 2025
- 14 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Juni 2025

Leyla ließ sich rücklings auf ihr Bett fallen, die Arme weit ausgestreckt, als müsse sie sich in die weiche Matratze fallenlassen wie in einen schützenden Kokon. Kaum hatten sie und Alexandra ihren Wohnbereich betreten, hatte Eroica mit einem verständnisvollen Nicken Zensa und Vinessa in ihr eigenes Zimmer geführt – ein leiser, wortloser Akt des Respekts. Nun waren sie allein.
Alexandra setzte sich langsam neben Leyla und betrachtete sie für einen Moment, bevor sie begann, ihr mit sanften Bewegungen durch das Haar zu streichen. Die Geste war vertraut, beruhigend, zärtlich – und dennoch lag ein Schatten über ihnen, der sich nicht vertreiben ließ.
Leyla schloss die Augen und atmete langsam aus. Doch der Frieden währte nur kurz.
„Möchtest du erzählen, was mit Betty, Karst und Jevry passiert ist?“ fragte sie leise, ohne die Augen zu öffnen.
Alexandra schwieg. Für einige Sekunden war nur ihr gleichmäßiger Atem zu hören, dann kam die Antwort: „Sie wurden getötet. Von einem Drachar.“
Leylas Augen öffneten sich langsam. Ihr Blick blieb auf die Decke gerichtet. „Ich verstehe“, sagte sie tonlos. Dann, nach einer Pause: „Das tut mir leid.“
Stille legte sich über das Zimmer, wie eine schwere, unsichtbare Decke. Keine Tränen, keine Wut – nur ein leises Vibrieren unter der Oberfläche. Leyla wusste, dass sie traurig sein sollte. Vielleicht auch wütend. Doch der Runenstein der Erde ließ diese Gefühle nicht mehr zu. Die Erde kannte diesen Schmerz nicht.
Schließlich war es Alexandra, die die Stille durchbrach.
„Leyla? Was hat es mit den Runensteinen auf sich?“
Die Worte durchbrachen die Ruhe wie ein Blitzschlag. Leyla schoss hoch – zu schnell – und stieß sich mit voller Wucht den Kopf am Nachttisch.
„Aua…“ Sie verzog das Gesicht, rieb sich die schmerzende Stelle und starrte den Tisch an, als hätte der ihr absichtlich wehgetan.
Alexandra konnte sich ein leises Lächeln nicht verkneifen, auch wenn es nur kurz aufblitzte. Dann wurde ihr Blick wieder ernst, durchdringend. „Also hatte ich recht. Die Runensteine sind dir ein Begriff.“
Leyla setzte sich aufrecht hin, drehte sich zu ihr um und begegnete ihrem Blick. „Ich erzähle dir gerne davon. Aber vorher musst du mir sagen, woher du davon weißt. Und wie viel du weißt.“
In ihrem Innern begann sich etwas zu regen – eine Unruhe, die sie nicht benennen konnte. Hatte Aragi Alexandra eingeweiht? Oder jemand anderes? Warum gerade sie?
Alexandra schien zu spüren, wie angespannt Leyla wurde. Ihre Haltung wurde fester, ihre Stimme kontrolliert.
„Fangen wir mit dem Abend an, an dem Betty, Karst und Jevry gestorben sind. Wir waren in einer Taverne in Tunike. Es war ein ganz normaler Abend – wir lachten, tranken, planten die nächsten Tage. Dann setzte sich ein Mann zu uns. Ein Drachar. Klein, schweigsam, mit einer Kapuze. Und dann begann er, uns nach dir auszufragen. Ob wir dich kennen. Ob du dich auf den Weg zum Denja-Dschungel machst.“
Leyla blinzelte. Sie kannte keinen Drachar außer Zuphoor, dem zweiten Kaiserlichen Kopfgeldjäger – und der hatte seit Monaten die Kaiserstadt nicht mehr verlassen. Wer also war dieser Mann? Und warum interessierte er sich für den Denja-Dschungel?
„Was wollte er dort?“ fragte sie mit wachsender Sorge. Sie erinnerte sich an die Worte Eroicas, dass sich im Dschungel vermutlich ein Runenstein befand.
„Das hat er nicht gesagt“, antwortete Alexandra und schüttelte den Kopf. „Er war... beunruhigend. Ruhig, aber unheimlich. Als wir nicht mit ihm reden wollten, holte er einen kleinen schwarzen Stein aus seiner Tasche. Mit seltsamen Runen. Dann… hat er uns einfach getötet. Ohne Vorwarnung. Nacheinander.“
Leyla spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Ein Runenstein, der töten konnte? Ihre Gedanken rasten. Wie viele dieser Steine besaß er noch? Was konnte dieser Stein noch tun?
„Aber du lebst“, sagte sie leise. „Was ist dann passiert?“
Alexandra wandte den Blick ab. Für einen Moment schien sie unsicher. „Er hat mich wiederbelebt. Mit demselben Stein.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Danach hat er mir einen Auftrag gegeben. Er sagte, ich solle zum Berg der Dämonen gehen.“
Leyla hielt den Atem an.
Der Berg der Dämonen. Ein verlassener Ort voller Legenden. Das Zentrum des alten Dämonenkults. Dort, wo die Statuen der Zehn Erzdämonen standen. Ein Ort, den kaum jemand freiwillig aufsuchte.
„Und? Warst du da?“ fragte sie, die Stimme rau vor Anspannung.
Alexandra blickte sie an – nachdenklich, beinahe vorsichtig. Und dann sagte sie einen Satz, der Leyla traf wie ein Hieb.
„Machen dir die Tode von den dreien eigentlich nichts aus? Du wirkst... merkwürdig ruhig. Nicht bestürzt. Nicht traurig.“
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Leyla erstarrte.
Nicht wegen der Kälte, nicht wegen der Worte selbst, sondern wegen dem, was sie tief in sich spürte – und nicht spüren durfte. Es war, als ob sich in ihrer Brust etwas rührte, ein Schatten von Schmerz, ein Echo von etwas Verlorenem. Doch bevor sich der Funke der Trauer vollends formen konnte, war er auch schon wieder fort. Begraben. Verschluckt vom Runenstein der Erde, der ihre Seele wie eine zweite Schicht umhüllte. Hart. Unerbittlich.
„Es ist nicht so, dass es mir egal ist…“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Sie blickte Alexandra nicht an. Zu schwer war der Moment.
Sie schwieg. Nicht aus Feigheit, sondern weil sie sich fragen musste, ob sie wirklich alles teilen konnte. Die Runensteine waren mehr als nur Macht. Sie waren ein Fluch. Ein Versprechen. Sie waren eine Gefahr.
„Aber?“ fragte Alexandra sanft.
Leyla schloss die Augen. Als sie sprach, klang ihre Stimme klarer. „Es ist nicht so, dass es mir egal ist, aber… ich bin nicht mehr fähig, dem Verlorenen nachzutrauern. Ich würde es gern – doch etwas in mir lässt es nicht zu. Es hat mit einem der Runensteine zu tun. Ich erzähle dir mehr… doch ich möchte vorher wissen, was genau dir passiert ist. Und was du über sie weißt.“
Alexandra sah sie lange an. Ihr Blick war weich, doch in ihm lag auch Erschöpfung. Eine einzelne Träne sammelte sich in ihrem linken Augenwinkel, schwer wie eine Erinnerung. Doch noch bevor sie über ihre Wange rollen konnte, wischte sie sie mit einer raschen Bewegung fort. Dann nickte sie stumm.
„Auf dem Berg der Dämonen bin ich in einen Tempel gegangen. Ich dachte erst, es wäre ein Zufall, dass ich überhaupt hineingelangt war… Aber als ich den innersten Raum betrat, geschah etwas. Ich wurde hineingezogen – nicht körperlich, eher… wie in einen anderen Ort. Vielleicht ein Traum, vielleicht etwas Jenseitiges.“
Leyla lauschte mit angehaltenem Atem.
„Dort… traf ich sie“, fuhr Alexandra leise fort. „Die Erzdämonin Jess.“
Leylas Magen zog sich zusammen. Der Name hallte in ihr nach wie ein kalter Schlag. Sie hatte Bläsk gesehen – gesehen, wie er sie getötet, zerschmettert, zerrissen hatte. Wie er ihr das Leben genommen hatte. Und sie hatte überlebt – nur durch Roxy, die das Opfer im Raum der Kerzen stattdessen unfreiwillig gebracht hatte.
Und nun hatte Alexandra Jess getroffen.
„Bist du sicher?“ fragte Leyla mit rauer Stimme. „Bist du dir sicher, dass es sie war?“
Alexandra nickte langsam. „Es war kein Zweifel möglich. Ihre Präsenz… Die Flügel…“
Leyla warf ihr einen forschenden Blick zu. Doch alles, was sie in Alexandras Gesicht fand, war stille Ehrlichkeit. Keine Spur von Spott, keine Übertreibung. Nur ein leiser, erschütternder Ernst.
„Was wollte sie von dir?“ fragte Leyla vorsichtig.
Alexandra zögerte. „Zuerst war sie… neugierig. Sie sagte, ich hätte eigentlich keinen Zutritt haben dürfen. Nur jene mit Runenstein dürften jenen Ort überhaupt betreten. Doch ich war dort. Dann… hat sie in meine Erinnerungen gesehen. Ich weiß nicht, wie. Sie hat dich gesehen, Leyla. Und sie hat dich eine Jüngerin genannt.“
Leylas Herz setzte einen Schlag aus. Sie spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen zu entgleiten schien.
Alexandra sah den Schock in ihrem Gesicht, sah das Zittern in ihren Händen, und senkte sofort den Blick. „T-tut mir leid…“
Doch Leyla hob eine Hand. Tief durchatmend, versuchte sie, sich zu sammeln. „Nein. Es ist gut. Ich will die Wahrheit hören. Bitte… erzähl weiter.“
Ein Moment der Ruhe. Dann, ohne sich abzuwenden, griff Alexandra nach Leylas Hand. Ihre Finger waren warm, leicht zitternd. Eine vertraute Nähe legte sich zwischen sie.
„Jess hat mir ein Angebot gemacht. Oder… vielleicht war es eher ein Befehl.“ Sie stockte.
Leyla nickte auffordernd.
„Sie hat mich zu einer Dämonin gemacht.“
Leyla zuckte zusammen, doch Alexandra ließ ihre Hand nicht los.
„Im Gegenzug“, fuhr sie fort, „will sie eines Tages, nur für eine Stunde, mit mir den Körper tauschen können.“
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Wollte Jess sie töten? Genauso wie Bläsk es versucht hatte? Und wenn ja, konnte Leyla es verhindern? Sie war ohne Zweifel stärker als früher, erfahrener, kontrollierter – aber tief in ihrem Innern wusste sie, dass Jess eine andere Liga war. Sie würde keine Chance haben.
„Du bist also… zu einer Dämonin geworden?“ fragte sie leise.
Alexandra nickte langsam, beinahe schuldbewusst. „Ich bin danach noch einmal zurück zum Berg gegangen. Dort war ein alter Mann – auch ein Dämon. Er hat mir geholfen. Gezeigt, wie ich das, was ich nun bin, verstecken kann.“
Leyla betrachtete ihre Freundin mit forschendem Blick. Sie wirkte kräftiger, aufrechter, als hätte sie in den letzten Wochen nicht nur neue Kräfte gewonnen, sondern auch neue Lasten schultern müssen. Und doch… sie sah noch immer aus wie die Alexandra, die sie liebte.
„Danach bin ich in die Kaiserstadt gereist, um dich zu sehen. Das ist jetzt etwa zwei Wochen her. Hier bin ich Nea begegnet… und Eroica. Eroica hat mich Rhovar Trellis vorgestellt. Er hilft mir seitdem, meine Kräfte zu kontrollieren und zu trainieren. Ich war heute auch bei ihm.“
Leyla spürte, wie ihre Gedanken zu rasen begannen. Jess. Der Berg der Dämonen. Rhovar Trellis. Ihre Freundin, ein wandelnder Pakt. Es war viel – zu viel – und dennoch glaubte sie ihr jedes Wort. Weil es Alexandra war.
Alexandra schien ihren Blick zu bemerken. Dann, ohne jede Vorwarnung, veränderte sich etwas. Schwarze Hörner durchbrachen die Stirn der Elfe, zwei dunkle Schwingen entfalteten sich mit einem leisen Rascheln hinter ihr. Leyla spürte einen stechenden Schmerz in ihrer Hand – schwarze Klauen hatten sich in ihre Haut gebohrt.
„T-Tut mir leid!“ rief Alexandra erschrocken, ihre Stimme zitternd vor Angst. Sie zuckte zurück, wollte sich von Leyla lösen. „Ich verstehe, wenn du mich jetzt anders siehst…“
Doch Leyla antwortete nicht mit Worten. Stattdessen beugte sie sich vor und küsste sie. Sanft. Ohne Eile. Ohne Zögern.
Sie spürte die feinen, spitzen Reißzähne an ihrer Zunge, spürte das leise Beben unter Alexandras Haut – aber nichts davon störte sie. Im Gegenteil: Es fühlte sich vertraut an. Echt. Auf eine neue, tiefere Weise.
Als sie sich wieder voneinander lösten, lag ein Glanz in Leylas Augen.
„Warum sollte ich dich anders behandeln?“ flüsterte sie. „Du bist immer noch du, Alexandra. Vielleicht stärker. Vielleicht verändert. Aber immer noch die, die ich liebe.“
Alexandras Augen füllten sich mit Tränen. „Aber ich habe dich verletzt… und ich… ich sehe so anders aus.“
Leyla nahm ihre Hand, zeigte ihr die Stelle, an der die Klaue sie eben verletzt hatte – nichts als glatte Haut.
„Verletzt? Meinst du das hier?“ Ein leises Lächeln huschte über ihre Lippen. Der Runenstein der Heilung hat sich längst darum gekümmert.
Alexandra öffnete den Mund, wollte etwas sagen – aber kein Laut kam heraus.
„Und was dein neues Aussehen angeht“, fuhr Leyla fort, „die Hörner, die Flügel, die Krallen – sie stehen dir verdammt gut. Und deine Reißzähne…“ Sie legte einen Finger sanft auf Alexandras Lippen. „…die finde ich ehrlich gesagt ziemlich heiß.“
Ein leises, zitterndes Lachen entrang sich Alexandras Brust. Ihre Unsicherheit war noch nicht ganz verschwunden, aber Leylas Worte hatten sie getroffen – genau dort, wo sie gebraucht wurden.
„Sicher?“ hauchte sie.
Leyla nickte fest. „Ganz sicher. Und ich zeig dir jetzt, wie sehr ich dich liebe.“
Sie zog Alexandra behutsam zu sich, küsste sie erneut – tiefer diesmal, wärmer. Ihre Körper fanden sich, als hätten sie nie getrennt existiert. Während der Kuss andauerte, ließ Leyla ihre Finger über Alexandras Wange gleiten, über ihren Hals, zu ihrer Taille. Sie drückte sie sanft ins Kissen, das weiße schimmernde Licht des Mondes fiel durch das Fenster und spiegelte sich in ihren Augen.
Mit vorsichtigen Bewegungen streifte sie ihrer Geliebten die Kleidung vom Leib, nahm sich Zeit für jede Berührung, jeden Atemzug, jedes Zittern. Ihr Herz klopfte ruhig – nicht wegen Erregung, sondern wegen Vertrauen, wegen Nähe, wegen Liebe, die trotz allem überlebt hatte.
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Leyla und Alexandra lagen nebeneinander, eingehüllt in die weiche Decke, die ihre nackten Körper schützend umhüllte. Die Kälte des Raums war kaum spürbar – nicht, weil sie nicht existierte, sondern weil sie im Licht der Zweisamkeit keinen Platz fand. Leylas Atem ging noch leicht beschleunigt, doch mit jedem Herzschlag wurde er ruhiger, gleichmäßiger, tiefer. Sie fühlte die Wärme Alexandras neben sich, spürte ihren Herzschlag, spürte sich selbst.
Einige Sekunden vergingen in angenehmer Stille, ehe Alexandra sich leicht zur Seite drehte, ihren Kopf auf den Arm stützte und sie ansah. „Erzählst du mir jetzt von den Runensteinen?“ fragte sie mit leiser Stimme. Kein Drängen, keine Ungeduld – nur ehrliches Interesse und die Bitte um Vertrauen.
Leyla sah sie einen Moment lang an. Ihre blauen Augen, der leichte Glanz von Neugier, Sorge und Zuneigung – es fühlte sich richtig an. Sie atmete tief ein und aus, dann drehte sie sich ebenfalls auf die Seite und begann zu sprechen.
„Es gibt insgesamt zwölf Runensteine“, begann sie. Ihre Stimme war ruhig, fast erzählerisch. „Jeder von ihnen trägt eine uralte, elementare Kraft in sich.“
Alexandra blieb stumm, hörte aufmerksam zu, hing an jedem Wort.
„Vor etwa einem Jahr habe ich den ersten gefunden. In einem alten Engelstempel, in der Nähe von Malyl. Es war der Runenstein der Erde. Ich habe ihn nicht nur gefunden – ich habe ihn berührt. Und in diesem Moment… ist etwas geschehen. Ich habe ihn aufgenommen. In mich. Seitdem ist er ein Teil von mir.“
Sie schloss kurz die Augen, erinnerte sich an das grollende Echo der Erde, das ihren Körper durchdrungen hatte, bevor sie den Berg zum einstürzen gebracht hatte.
„Später, in Mylrie, fand ich den Runenstein des Meeres – und dann vor wenigen Wochen im Grünwald den Stein der Heilung. Ich habe alle drei absorbiert. Ihre Kräfte… gehören nun zu mir. Ich kann sie nutzen. Sie machen mich stärker, ja. Aber sie verändern auch, wer ich bin.“
Ein leichtes Zittern durchlief Alexandra, kaum merklich. Leyla spürte es.
„Und du bist die Einzige, die das kann?“ fragte Alexandra schließlich leise.
„Zumindest scheint es so“, antwortete Leyla. „Andere können sie berühren, ja. In Teilen können sie kurzfristig ihre Magie nutzen. Doch sie verschmelzen nicht mit ihnen. Der Titel Jüngerin wurde mir von außen gegeben – von jenen, die wissen oder spüren, was ich geworden bin. Ich habe ihn mir nie selbst gewählt.“
Einen Moment lang war nur das Flackern einer nahen Kerze zu hören.
Leyla zögerte. Es gab mehr, viel mehr. Den Raum der Kerzen. Das seltsame Band, das sie am Leben hielt. Aber das musste noch warten.
„Der Drachar, von dem du gesprochen hast… ich denke, er weiß von all dem. Vielleicht sogar mehr als ich. Er scheint dieselben Steine zu suchen. Und er hat offenbar keine Skrupel, sie mit Gewalt an sich zu reißen.“ Sie schluckte. „Im Denja-Dschungel soll einer verborgen sein. Ein Runenstein, der es dem Träger erlaubt, Tiere und Monster zu befehligen. Wenn er den in die Hände bekommt…“
Alexandra unterbrach sie. Ihre Stimme war voller Entschlossenheit: „Dann werden wir ihn finden, bevor er es tut. Ich will mich rächen. Für Betty. Für Karst. Für Jevry.“
Leyla nickte. „Und ich brauche den Stein, den er bereits besitzt. Wenn wir ihn gemeinsam finden, können wir beide unsere Ziele erreichen.“
Ein schwaches Lächeln huschte über Alexandras Lippen. Es war nicht fröhlich – aber dankbar. „Danke, Leyla.“
Doch dann wurde ihr Blick wieder ernst, fast zögerlich. „Darf ich dich noch etwas fragen?“ murmelte sie. „Warum… warum kannst du keine Trauer empfinden? Du wirkst so… still, wenn du von den Toten sprichst.“
Leyla starrte zur Decke, ihre Miene wurde schwer.
„Das liegt am Runenstein der Erde“, begann sie langsam. „Er… hat einen eigenen Willen. Wie die anderen auch. Aber er ist besonders. Hart. Unnachgiebig. Er will mich zu einem Werkzeug machen. Zu einem Monster. Unerschütterlich, unbeugsam. Deshalb nimmt er mir die Trauer. Den Schmerz. Alles, was mich langsamer machen würde. Was mich zögern ließe.“
Alexandra drehte sich wieder zu ihr, Tränen schimmerten in ihren Augen.
„Aber ist das nicht schrecklich?“ flüsterte sie. „So zu leben, ohne fühlen zu können, was dich menschlich macht?“
Leyla schwieg. Dann drehte sie sich auf den Rücken, betrachtete das dunkle Gewölbe über ihr.
„Vielleicht ist es das“, sagte sie leise. „Vielleicht habe ich längst aufgehört, ganz ich selbst zu sein.“
Alexandra legte ihre Stirn gegen Leylas Schulter. Die Decke raschelte leise.
Und inmitten der stillen Nacht fühlte sich ihre Nähe an wie ein Gegengewicht zur Last der Runen – klein, aber bedeutend.
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Es vergingen einige Minuten in wohliger Stille, bis Alexandra schließlich die Stille durchbrach. Ihre Stimme war sanft, fast tastend. „Du hast wirklich Glück, Leyla. Mit Freundinnen wie Eroica und Nea …“
Leyla nickte langsam, das Gesicht noch halb in das Kissen gedrückt. Sie musste nicht lange überlegen – ja, sie war dankbar. Für Eroica, für Nea, für Vinessa … und vor allem für Alexandra. Inmitten aller Macht, aller Kämpfe, aller Bürden war es dieses Band zu ihnen, das sie aufrecht hielt.
„Ich möchte an deiner Seite sein“, fuhr Alexandra fort. „Mit dir gemeinsam kämpfen. Dich stützen, wenn du wankst. Auch wenn du dich immer weiter veränderst, stärker wirst, vielleicht irgendwann sogar … etwas anderes wirst – ich will dich trotzdem begleiten. Ich will mitwachsen, stärker werden. Ich werde dich nicht im Stich lassen.“
Leyla zögerte. Ein Teil von ihr wollte sofort Ja sagen. Doch ein anderer zögerte. Der Gedanke an Bläsk durchzuckte sie wie ein kalter Schauer – was, wenn er zurückkam? Was, wenn Alexandra ihm begegnete? Wenn sie starb … und Leyla nichts fühlte? Wenn das Gefühl der Trauer wieder ausblieb, so wie schon bei Filia? Bei Bunj? Bei Betty, Karst und Jevry?
Das war keine Angst um sich selbst. Es war die Angst, den Verlust nicht mehr als Verlust zu begreifen. Nicht trauern zu können, weil der Runenstein der Erde ihr das Herz verschlossen hatte.
Alexandra bemerkte ihr Schweigen, rückte näher heran, schob sich vorsichtig an sie und legte die Arme um ihre Taille. „Bitte, Leyla“, flüsterte sie eindringlich. „Ich will nicht, dass du diesen Weg allein gehen musst. Du brauchst jemanden, der dich versteht. Jemanden, der bei dir bleibt – egal, was kommt.“
Leyla spürte, wie langsam der Damm in ihr bröckelte. Eine Mauer, gebaut aus Pflicht, Schmerzlosigkeit und Kontrolle, begann Risse zu zeigen. Vielleicht konnte sie sich nicht vollständig öffnen, nicht weinen wie früher – aber sie konnte annehmen, was ihr angeboten wurde.
„Ich will den Kaiserlichen Kopfgeldjägern beitreten“, sagte Alexandra nach einer kurzen Pause. Ihre Stimme war entschlossen. „Rhovar meinte, ich sei stark genug. Und der zehnte Platz ist doch noch offen, oder?“
Leyla seufzte. Es stimmte – der zehnte Sitz im Kreis der Kopfgeldjäger war unbesetzt geblieben. Sie drehte sich zu Alexandra, sah in ihre klaren, aufrichtigen Augen. „Wenn Yang dich in die Gruppe aufnimmt, kann ich wenig dagegen sagen. Und ehrlich gesagt – ich will dich auch dabeihaben.“
Alexandra grinste. „Dann fragst du sie für mich?“
Leyla erwiderte das Grinsen mit einem kleinen Lächeln und gab ihr einen zarten Kuss auf die Wange. „Natürlich. Ich werde mit ihr sprechen.“
Doch dann wurde ihr Blick ernster. Ein Gedanke hatte sich in ihre Euphorie geschlichen – Jess. Die Erzdämonin, mit der Alexandra einen verhängnisvollen Pakt geschlossen hatte.
„Wir müssen über Jess sprechen“, begann sie ruhig. „Solange wir nicht wissen, was genau sie plant – und wann sie deinen Körper für eine Stunde übernehmen will – können wir ihr nicht trauen. Wir müssen auf der Hut sein.“
Alexandra nickte sofort. Ihre Miene wurde schmal. Es war beiden klar, ohne dass sie es laut aussprechen mussten: Jess war gefährlich. Mächtiger als alles, was sie bisher getroffen hatten. Mächtiger vielleicht sogar als Yang. Und wenn sie sich entschloss, zu erscheinen – waren sie ihr momentan völlig ausgeliefert.
„Ich werde morgen mit Yang sprechen“, fuhr Leyla fort. „Ich werde dich vorschlagen – als neue Kopfgeldjägerin. Und ich werde auch den Antrag stellen, dass wir gemeinsam zum Denja-Dschungel reisen dürfen. Wir müssen dem Drachar zuvorkommen. Den Runenstein sichern.“
Sie zögerte kurz, dann legte sie die Stirn an Alexandras Schulter. „Aber von den Runensteinen darf niemand erfahren. Vor allem nicht Yang. Wenn sie davon weiß … ich weiß nicht, was sie tun würde.“
Alexandra verstand sofort. „Das ist mir klar. Ich werde kein Wort sagen.“
Leyla war dankbar für das Vertrauen. „Vinessa weiß es bereits – sie hat mit den Feen den Runenstein der Heilung bewacht. Und Eroica … ihr habe ich mich anvertraut. Noch bevor ich den zweiten Stein gefunden habe. Sie hat ein Schweigesiegel auf sich gelegt.“
Ein Moment der Ruhe trat ein. Leyla zog Alexandra sanft näher an sich, ihre Finger strichen über die Linien ihrer Schulter, fuhren sanft über die Flügel, die sich nicht mehr verstecken mussten.
„Ich bin so froh, dass wir uns wiedergefunden haben“, flüsterte sie. „Ich habe dich vermisst.“
Alexandra schloss die Augen, ein stilles Lächeln auf den Lippen. Sie beugte sich vor und küsste Leylas Stirn – sanft, liebevoll. Mit einer Kralle fuhr sie zärtlich Leylas Rücken entlang, als wolle sie jedes Fragment ihrer Nähe spüren.
„Ich dich auch, Leyla. Du fehlst mir jedes Mal, wenn du nicht bei mir bist.“
Leyla spürte, wie ihr Körper langsam zur Ruhe kam. Ihr Herz war leicht, der Knoten in ihrer Brust etwas gelöst. Und obwohl sie wusste, dass der Weg vor ihnen schwer sein würde, fühlte sie sich zum ersten Mal seit Langem nicht mehr allein.
„Ich liebe dich“, flüsterte sie – kaum hörbar.
Dann schloss sie die Augen.
Und fiel in einen tiefen, friedlichen Schlaf.



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