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Kapitel 188 - Zug um Zug

„Berichte mir vom Auftrag. Wie liefen die Verhandlungen im Grünwald?“


Leyla saß aufrecht auf dem schlichten, aber eleganten Holzstuhl vor Yangs Schreibtisch. Der Raum war kühl und dunkel gehalten, eine einzige Lichtquelle fiel durch das hohe Fenster hinter Yangs Rücken. Yang selbst trug ein tiefschwarzes Kleid, das streng und zugleich erhaben wirkte. Ungewohnt an ihr – sie bevorzugte sonst weiße Kleider – doch selbst in dieser neuen Aufmachung war sie unantastbar, makellos, fast beunruhigend schön.


Leyla atmete ruhig durch, achtete auf ihre Haltung, ihre Stimme. Kein Zögern, keine Unsicherheit. „Der Auftrag wurde erfolgreich ausgeführt. Es kam zu einer Auseinandersetzung, wie Nea Euch sicher bereits berichtet hat. Doch wir konnten die Situation unter Kontrolle bringen. Der Anführer der Rebellen – Leandro di Lorenzo – wurde von mir exekutiert, die übrigen Beteiligten wurden lebend gefangen genommen und Kronprinz Cornelius übergeben.“


Yang nickte langsam, beinahe beiläufig. Es war klar, dass sie längst alles wusste. Dieses Gespräch diente der Prüfung, nicht der Information..


„Nea hat sich für eine Weile aus unserer Einheit entfernt“, fuhr Yang fort, ohne das Thema weiter zu kommentieren. „Sie hat einen Sonderauftrag angenommen. Ihre Partnerschaft mit dir ist damit vorerst aufgelöst.“


Leyla nickte knapp. Sie hatte es sich nach dem vergangenen Abend bereits gedacht. Und dennoch hinterließ die offizielle Bestätigung einen leichten Stich in ihrer Brust – ein Schatten aus Wehmut und Verlust, dem der Runenstein der Erde kaum Raum ließ. Sie spürte ihn nur als flüchtige Erinnerung.


Sie hob den Blick. „Wenn ich etwas vorschlagen dürfte …“ Ihre Stimme blieb ruhig, doch sie spürte, wie sich etwas in ihrem Inneren zusammenzog. Wie würde Yang reagieren?


,,Was möchtest du mir vorschlagen?’’ fragte Yang und strich mit dem Zeigefinger langsam am Rand ihres Weinglases entlang, ohne die Miene zu verziehen.


„Ich möchte eine Kandidatin für den zehnten Platz in unserer Runde vorschlagen. Es handelt sich um eine Freundin von mir, Alexandra.“


Sie hielt den Atem an. Der Name lag nun im Raum. Alexandra – die Dämonin. Ihre Geliebte. Ihre Gefährtin.


Yang blieb regungslos. Dann legte sie den Finger vom Glas ab und verschränkte die Hände. „Du meinst Alexandra, jene junge Dämonin, die derzeit unter Rhovar Trellis’ Aufsicht trainiert? Ihre Eignung wurde bereits geprüft. Sie gilt als vielversprechend. Eine außergewöhnliche Veranlagung – jedoch auch ein gewisses Risiko. Bist du bereit, für sie zu bürgen?“


Leyla zögerte keine Sekunde. „Ja. Ich bürge für sie mit meiner Ehre und meinem Leben.“


Ein seltener, kaum sichtbarer Ausdruck von Zustimmung flackerte über Yangs Gesicht, ehe sie wieder ihr Glas aufnahm. „Dann sei es so. Sie wird aufgenommen. Von nun an wird sie an deiner Seite stehen – als deine direkte Partnerin. Du wirst für ihre Einführung verantwortlich sein.“


Leyla spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. Das war mehr, als sie zu hoffen gewagt hatte. Alexandra an ihrer Seite – nicht nur als Geliebte, sondern auch als Verbündete im Kampf. 


Doch sie war noch nicht fertig.


„Es gibt da noch etwas …“ begann sie vorsichtig. „Ein persönliches Anliegen, das in direktem Zusammenhang mit dem Reich steht.“


Yang sah sie mit dem durchdringenden Blick an, für den sie berüchtigt war.


„In der Nähe des Denja-Dschungels hat ein Drachar zugeschlagen. Er hat drei meiner Freunde ermordet. Ich wünsche mir, ihn zur Rechenschaft zu ziehen.“


Die Reaktion kam sofort – wie ein unsichtbarer Schlag. Yangs Aura flutete den Raum wie eine dunkle Welle. Einschüchternd, kontrollierend, absolut. Leyla hatte bei ihrer letzten Begegnung noch instinktiv geschwiegen. Doch diesmal hielt sie stand. Ihre Füße blieben fest auf dem Boden, ihr Blick wich nicht zurück. Vielleicht war es der Runenstein der Heilung, vielleicht etwas anderes – doch sie konnte Yangs Präsenz ertragen.


„Ein Drachar also“, wiederholte Yang langsam, neutral. Kein Zorn, keine Überraschung – nur analytisches Interesse. Sie schwenkte ihr Weinglas, als würde sie eine neue Strategie im Geiste abwägen.


Dann stellte sie das Glas ab und sprach mit kalter Klarheit: „Ihr beide werdet mit diesem Fall betraut. Euer offizieller Auftrag lautet: Verfolgung und Gefangennahme des Drachars. Er soll lebend zurückgebracht werden. Töten ist untersagt.“


Leyla schluckte. Es war mehr, als sie verlangt hatte – und zugleich eine Einschränkung, die gefährlich werden konnte. Der Drachar trug wahrscheinlich einen Runenstein bei sich, einen, mit dem er tötete. Ihn zu verschonen, konnte tödlich enden.


Doch sie verbeugte sich, wie es die Etikette verlangte. „Ich habe verstanden. Es wird geschehen, wie Ihr es befehlt.“


Yang sagte nichts weiter. Das Gespräch war damit beendet.


Leyla verließ das Zimmer der ersten Kaiserlichen Kopfgeldjägerin – ihre Schritte waren ruhig, aber innerlich war sie aufgewühlt. Alexandra war nun offiziell Teil ihrer Einheit. Die Jagd auf den Drachar war eröffnet. Und der Pfad zu einem, wenn nicht sogar zu zwei weiteren Runensteinen – und zu einem neuen Abgrund – hatte sich geöffnet.



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Dieses Mädchen. Leyla. 


Sie war wieder stärker geworden.


Yang stand still in ihrem dunklen Arbeitszimmer, nur das leise Tropfen des Weines in das Glas unterbrach die Stille. Ihr Blick ruhte noch immer auf der Tür, durch die Leyla gerade gegangen war. Sie hatte sich verändert. Ihre Aura war nicht mehr schwach, nicht mehr zerbrechlich. Sie konnte die Gegenwart einer Herrscherin aushalten, ohne zu zittern, ohne zusammenzubrechen. Sie sprach mit fester Stimme. Sie wich nicht mehr aus.


Ein weiteres Zeichen ihres Wachstums.


Ein weiteres Zeichen einer möglichen Bedrohung.


Yang trank langsam einen Schluck. Der Wein war alt, teuer, perfekt temperiert – wie alles in diesem Raum. Doch der Geschmack war heute nebensächlich.


Würde Leyla gefährlich werden?


Wenn ja, dann würde Yang keine Sekunde zögern. Sie war bereit, sie zu vernichten. So wie sie es mit vielen vor ihr getan hatte.


Denn es gab einen feinen, unsichtbaren Grat – kaum zu erkennen, und doch tödlich scharf – zwischen der Art von Stärke, die dem Kaiserreich diente, und der Art von Stärke, die es bedrohte.


Sie war bisher auf der richtigen Seite geblieben. Noch.


Yang stellte das Weinglas ab und trat an das große Panoramafenster. Von hier aus konnte sie den Innenhof überblicken, die Anlagen der Kopfgeldjäger, das Herz ihres Machtapparates. Sie dachte an Ifrit. Den Mann, der einst Mitglied in ihrer Einheit gewesen war. Den, den sie nie ganz aus dem Blick verloren hatte.


Sie wusste, wo er war. Schon seit Wochen. Doch sie hatte keinen ihrer Jäger auf ihn angesetzt. Nicht offiziell.


Ein Fehler? Nein. Ein Schachzug.


Sie hatte es Leyla wie eine kleine Gunst erscheinen lassen. Doch in Wahrheit verfolgte sie längst einen Plan. Sie brauchte Ifrit. Nicht als Toten. Sondern lebendig. Und vor allem anderen brauchte sie den Runenstein von Leben und Tod, den er bei sich trug.


Sie wusste von den Runensteinen schon seit über tausend Jahren. Doch dieser Stein war der erste, von dem sie wusste, wo er sich befand. In den Händen von Ifrit.


Die Runensteine waren eine Bedrohung für die Ordnung die sie schützte.


Sie drehte sich zurück zum Regal, nahm eine zweite Flasche Wein heraus. Stärker. Dunkler. Passender. Sie goss sich erneut ein, diesmal mehr. Ihr Blick blieb ruhig, doch innerlich arbeitete es in ihr. Sie war nicht nervös – das war sie nie. Doch aufmerksam. Wach. Bereit.


Die Zeiten veränderten sich. Alte Mächte rührten sich. Erzämonen, Runensteine, Beherrscher alter Kräfte. All das begann, sich aus dem Nebel zu schälen. Die Welt atmete unruhig.


Aber sie?


Sie war nicht beunruhigt. Denn es war nicht das erste Mal, dass Kräfte nach Macht griffen. Nicht das erste Mal, dass jemand versuchte, den Kaiser zu schwächen. Nicht das erste Mal, dass man versuchte, sie zu verdrängen.


Und wie jedes Mal würde sie es sein, die den letzten Schritt tat.


Die am Ende noch stand.


Die als absolute Siegerin hervorging.


Yang. 


Die Stärkste im Kaiserreich.



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Leyla trat hinaus in die Straßen der Kaiserstadt. Ihre Stiefel knirschten über das kühle Pflaster, doch sie schenkte dem kaum Beachtung. In ihr war es heiß – nicht vor Zorn, sondern vor Zielstrebigkeit. Sie hatte sich entschieden. Dieses Mal war sie es, die in die Offensive ging. Nicht länger ein Spielball fremder Kräfte, nicht länger Objekt politischer Manipulation.


Ihr Ziel war klar: das Ministerium. Genauer gesagt das Herzstück kaiserlicher Verwaltung – das Büro von Selfmun Aragi, dem Kaiserlichen Minister. Dem Roten Teufel.


Sie wusste nicht, was sie genau von ihm wollte. Informationen, ja. Vielleicht eine Reaktion. Vielleicht ein Fehler, ein Zucken in seinem Blick, ein einziger falscher Satz, an dem sie ihn festnageln konnte. Vielleicht aber auch nur das Gefühl, nicht länger schweigend zu warten, sondern selbst zu handeln.


Mit schnellen, festen Schritten durchquerte sie die breite Hauptstraße, vorbei an Händlern, Wachen, Adligen und Kindern in Schulkleidung. Die Kaiserstadt war in Bewegung, doch Leyla bewegte sich gegen den Strom. Als sie das große Ministerium erreichte, verharrte sie einen Moment.


Der Bau war prachtvoll wie eh und je. Die weißen Fassaden waren glatt wie Porzellan, kunstvoll verziert mit goldenen Gravuren, in denen Szenen aus der Geschichte des Reiches abgebildet waren. Die Sonne des späten Winters ließ das Gold fast lebendig wirken. Bald würde der Frühling beginnen. Und mit ihm, vielleicht, ein neuer Abschnitt. Eine neue Ordnung.


Sie betrat das Ministerium, trat durch die hohen Tore in die Halle und ließ den Blick über die Marmorfliesen gleiten, hin zu dem Empfangstresen, wo eine junge Frau mit sauber geknotetem Dutt und goldenem Abzeichen auf sie wartete.


„Ich möchte Minister Aragi sprechen. Sofort.“


Ihre Stimme klang ruhig, aber unmissverständlich. Kein Bitten. Kein Zögern. Ein Befehl.


Die Sekretärin hob kurz die Augenbrauen, als wolle sie protestieren. Doch dann erkannte sie Leyla, sah vielleicht etwas in ihrem Blick, das keine Widerrede duldete. Sie senkte den Blick leicht und nickte. „Wie Ihr wünscht, Edle Miss Leyla. Folgt mir.“


Leyla ging hinter ihr her. Die Gänge waren ihr bekannt – einst war sie auf Einladung hier gewesen. Heute kam sie ohne Einladung.


Die Schritte hallten in der Stille des Korridors, während sie sich dem Ende näherten. Vor ihnen lag die Tür. Massiv, mit eingelegtem Ebenholz und einem goldenen Emblem: ein Auge, das auf einem Buch ruhte – das Zeichen der kaiserlichen Kontrolle.


Die Sekretärin klopfte mit drei klaren Schlägen.


„Lord Aragi? Die Edle Miss Leyla wünscht Euch zu sprechen.“


Einen Augenblick lang blieb es still. Kein Rascheln, kein Atmen, nur der leise Druck der Zeit auf beiden Schultern.


Dann erklang die Stimme. Kalt. Metallisch. Ohne jede Emotion.


„Sie kann hereinkommen.“


Die Sekretärin öffnete wortlos die Tür, verbeugte sich knapp und trat zurück.


Leyla sog unwillkürlich die Luft ein. Und betrat den Raum.



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„Leyla! Was für eine Freude, dass du mich heute ganz freiwillig aufsuchst. Ich hatte beinahe schon befürchtet, wieder einmal den ersten Schritt machen zu müssen.“


Selfmun Aragi stand am Fenster seines Büros, den Rücken zur Tür gewandt, wie eine Figur aus einem gut einstudierten Theaterstück. Seine rote Ministerrobe fiel in sanften Falten an seinem schmalen Körper herab, die langen Ärmel akkurat auf Ellenbogenhöhe gekrempelt. Das Licht der Mittagssonne zeichnete scharfe Schatten auf seine Gestalt, während sein glattes, blutrotes Haar zu leuchten schien. Als er sich schließlich umdrehte, zierte ein beinahe warmes Lächeln sein Gesicht – doch seine Augen blieben kalt wie die Oberfläche eines gefrorenen Spiegels.


„Erkennst du endlich unsere Freundschaft an?“ fragte er mit einem gespielt charmanten Tonfall.


Leyla verschränkte die Arme, ihr Blick hart. Sie blieb stehen, einen guten Schritt von seinem Schreibtisch entfernt. Keine Spur von Höflichkeit in ihrer Stimme.


„Wir sind keine Freunde, Aragi. Ich bin hier, weil ich Antworten brauche.“


Aragi nickte fast schon gönnerhaft, als hätte er mit nichts anderem gerechnet. „Natürlich. Du möchtest wissen, woher ich von den Runensteinen weiß, nicht wahr?“


Ein Zucken ging durch Leylas Gesicht. Sie hatte erwartet, um das Thema herumtänzeln zu müssen. Doch wie so oft war Selfmun ihr einen Schritt voraus – oder vielmehr hatte er sie von Anfang an dorthin gelenkt, wo er sie haben wollte.


Sie hob eine Augenbraue, schwieg. Wenn sie „Ja“ sagte, gab sie zu, dass sie sich auf sein Spiel einließ. Doch Schweigen wäre ebenso ein Zugeständnis. Sie war bereits in seine Falle getappt – spätestens mit dem ersten Schritt in dieses Gebäude, vielleicht schon in dem Moment, in dem sie entschlossen hatte, ihn aufzusuchen.


Also nickte sie.


Aragi schmunzelte, als hätte sie ihm die Pointe auf seinen Witz geliefert. Dann trat er langsam an seinen Schreibtisch, ließ sich mit übertriebener Grazie in den schweren Sessel gleiten und faltete die Hände vor sich.


„Das“, begann er gedehnt, als wolle er eine Geschichte erzählen, „ist ein gut gehütetes Geheimnis. Aber keine Sorge, Leyla – es bleibt unter uns. Ich habe niemandem etwas gesagt. Und ich werde es auch nicht. Das verspreche ich dir.“


Leylas Miene verfinsterte sich. Er log. Oder vielleicht log er nicht – vielleicht sagte er die Wahrheit auf eine Weise, die sich wie eine Lüge anfühlte. Er hatte nichts gesagt, ja. Aber was, wenn andere für ihn sprachen? Wenn seine Verbündeten längst tätig geworden waren?


Sie hatte keine Ahnung. Und das war das Beunruhigende.


Sie musterte ihn scharf. Er war kein Kämpfer. Kein Krieger, kein Magier. Doch irgendetwas schützte ihn. Etwas, das so mächtig war, dass selbst die Runensteine bei dessen Anwesenheit zögerten. Es war nicht seine körperliche Stärke, die sie zurückhielt. Es war das Gefühl, dass jede Bewegung gegen ihn nur das Netz enger schnüren würde, das er längst um sie gelegt hatte.


„Lass uns über etwas anderes sprechen“, fuhr Aragi nun in munterem Ton fort, als wäre das Thema erledigt. „Wie ich höre, hast du eine Hälfte des Schwarzen Sterns vernichtet. Beachtlich. Wahrlich. Und nun, da du wieder einen kleinen Sieg errungen hast, zieht es dich zum Denja-Dschungel. Um den Tod deiner Freunde zu rächen, nehme ich an?“


Leylas Herzschlag beschleunigte sich unmerklich. Wie konnte er das wissen? Jedes Mal schien er ihre Schritte nicht nur zu kennen, sondern bereits kommentiert zu haben, bevor sie sich zu ihnen entschlossen hatte. Was war er? Ein Meister der Manipulation? Oder einfach jemand, der in den richtigen Momenten mit den richtigen Monstern sprach?


„Ich denke, das ist ein nobles Ziel“, fuhr Aragi unbeirrt fort. „Wir brauchen mehr noble Menschen wie dich… und mich im Kaiserreich.“


Leyla verzog das Gesicht. „Wir beide sind keine Seite derselben Münze.“


„Ach, wirklich?“ Aragi grinste, ohne sein Glas zu heben. „Hast du schon von der Auslöschung Drakias gehört?“


Leyla nickte nur knapp. Ja, sie hatte davon gehört. Drakia, das Dracharenkönigreich im Osten des Kontinents Garnime, war von einer plötzlichen Naturkatastrophe vernichtet worden. Das war zumindest die offizielle Erklärung. Doch sie hatte schon das Gefühl gehabt, dass mehr dahintersteckte. Es war ein Verbündeter des Kaiserreichs gewesen, wenn auch ein instabiler. Und jetzt – einfach verschwunden.


„Ich habe wenig Interesse an den politischen Spielen fremder Nationen“, sagte sie ruhig.


Aragi zuckte mit den Schultern, als würde er zustimmen. „Geht mir ganz genauso. Wie ähnlich wir uns doch sind.“ Dann beugte er sich leicht vor, der Glanz in seinen Augen wurde schärfer. „Aber weißt du, was mich interessiert? Das Mädchen, das diese Auslöschung zu verantworten hat.“



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„Nun, dieses Mädchen“, fuhr Aragi fort, ohne Leyla auch nur eine Sekunde zum Nachdenken zu lassen, „dieses Mädchen besitzt eine beängstigende Macht. Eine, wie man sie selten sieht. Und sie rollt geradewegs auf die Kaiserstadt zu, unaufhaltsam, als wäre sie eine Sturmwelle, entfesselt durch göttliche Hand.“


Sein Blick war noch immer auf das Fenster gerichtet, doch Leyla spürte, wie seine Aufmerksamkeit voll bei ihr lag.


„Derzeit befindet sie sich im äußersten Osten, dort, wo der Ozean die Endlose Wüste küsst.“


Leyla verschränkte die Arme. Es berührte sie nicht. Noch nicht. Nicht, solange Yang ihr keinen Befehl erteilte. Nicht, solange es nicht ihr Auftrag war, sich darum zu kümmern. Sie würde keine Kraft in Aragis Andeutungen verschwenden, so sehr sie auch in ihr brodelten. 


Doch Aragi hatte noch nicht fertig gesprochen. Sein Tonfall wurde sanfter, beinahe beiläufig – was seine Worte umso gefährlicher machte.


„Noch beängstigender als sie ist der Mann, der sie lenkt. Der sie formt. Ein Mann, der dich einst unterrichtet hat… in der Gefangenschaft.“


Er sprach den Namen nicht aus. Musste er auch nicht. Die Erinnerung an Yaga schoss ihr wie kaltes Wasser durch die Adern. Der Oni mit den ruhigen Augen, dessen Training sie noch zu gut in Erinnerung hatte. Sie hatte ihn zuletzt im Süden, in der Nähe von Welldyl gesehen – es kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Und nun war er zurück.


„Aber gut“, fuhr Aragi fort und winkte mit der Hand, als hätte er über einen belanglosen Theaterbesuch gesprochen. „Das ist ja auch nicht weiter wichtig. Sag – darf ich dir vielleicht etwas zu essen bringen lassen? Ich kenne eine Küche im Gebäude, die noch echte kaiserliche Rezepte zubereitet.“


Er lächelte. Charmant. Berechnend. Gefährlich.


Leyla musterte ihn. Wie könnte sie ihn aus der Fassung bringen? Da erinnerte sie sich an den einzigen Namen, der ihn – wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde – zum Zucken brachte.


,,Nein, danke“, erwiderte sie kühl. „Ich habe noch etwas anderes vor. Ich bin mit seiner Hoheit, Kronprinz Hypos, verabredet.“


Es war eine Lüge. Eine durchsichtige, aber solange Aragi nicht in ihren Verstand blicken konnte – und sie war sich ziemlich sicher, dass er das nicht konnte – war sie wirkungsvoll genug.


Sein Gesicht veränderte sich nicht sofort. Doch dann, nach einem winzigen Moment zu langem Schweigen, in dem seine Pupillen sich verengten, reagierte er:


„Wirklich?“ Seine Stimme war kontrolliert. Nur ein winziger Hauch von Unruhe. „Dann richte Seiner Hoheit doch bitte meine herzlichsten Grüße aus. Ich hoffe, ihr beide findet eine gute Gesprächsbasis.“


Leyla nickte knapp, nicht ohne Genugtuung. Ein Punkt für sie. Klein, aber spürbar.


Sie wandte sich zum Gehen. Als sie an der Tür ankam, blieb ihr Blick an der Statue haften, die aud dem Bücherregal thronte – die Statue von Kaiser Verion III. Sie erinnerte sich, wie Aragi sie zerstört hatte. Und wie sie sie danach mit ihrer Magie wieder zusammengesetzt hatte.


„Wie ich sehe“, sagte sie, ohne sich umzudrehen, „ist die Statue noch immer in bestem Zustand.“


Dann verließ sie das Büro, ohne eine Antwort abzuwarten. Ihre Schritte hallten selbstsicher durch den langen Korridor des Ministeriums, der von goldenem Licht durchflutet war.


Doch ihr Geist war längst nicht so ruhig, wie ihr Gang vermuten ließ.


Das Mädchen… war es das arme Ding, das noch gelegentlich in ihren Träumen vorkam? Die, die sie in den Visionen gesehen hatte?


Und Yaga. Warum war er zurückgekehrt? Was plante er?


Gedankenverloren trat sie aus dem Gebäude in die Mittagssonne. Die Kälte des Spätwinters war noch spürbar, aber das Licht versprach bereits den nahenden Frühling.


Da wurde sie aus ihren Gedanken gerissen.


Eine Stimme, ruhig und höflich, erklang aus der Nähe.


[???] ,,Edle Miss Leyla, was haltet Ihr von einem Essen in einem Lokal in der Nähe? Ich lade Euch ein.’’



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Thibedeau van Trey lehnte lässig an einer der steinernen Säulen des Ministeriums, sein Blick fest auf Leyla gerichtet. Das Stirnband mit dem Horn war ein wenig verrutscht. Sein roter Mantel flatterte im kühlen Wind des Spätwinters, als wäre er selbst ein Banner, das die Standhaftigkeit seiner Person symbolisieren wollte.


„General, Ihr in der Kaiserstadt?“ fragte Leyla, während sie ein leicht spöttisches Lächeln nicht unterdrücken konnte.


Thibedeau löste sich von der Säule, trat mit ruhigem Schritt näher. „Unfreiwillig. Ein gewisser Minister hat mich zu einem Gespräch eingeladen. Höchst unerfreulich, wenn Ihr mich fragt. Aber wer kann sich dem höflichen Befehl eines Ministers schon widersetzen, ohne als unhöflich zu gelten?“


Leyla schmunzelte. Früher hätte allein seine Anwesenheit sie in Rage versetzt. Damals, bei ihrem ersten Aufeinandertreffen in Malyl, hatte sie ihn regelrecht gehasst – seine Art, sein Auftreten. Doch der Hass war einer kühlen Achtung gewichen, einem Respekt, der mit der Zeit gewachsen war.


„Mein herzlichstes Beileid, General. Das Angebot zum Essen muss ich allerdings ablehnen – es gibt wichtigere Dinge. Doch wenn Ihr wünscht, dürft Ihr mich ein Stück begleiten.“


Thibedeau streckte ihr seinen Arm entgegen, eine Geste des Respekts, kein Versuch von Nähe. Er geleitete sie nicht als Befehlshaber, nicht als Gleichgestellter, sondern als Begleitung. Leyla nahm den Arm an, ließ sich auf das Spiel ein.


„Gibt es etwas Bestimmtes, über das Ihr sprechen wollt?“ fragte sie, während sie gemeinsam durch die belebten Straßen der Kaiserstadt schritten. Der Lärm der Händler und das Hufgetrappel der Kutschen schienen sie nicht zu berühren – ihre Unterhaltung schloss die Welt um sie herum aus.


„Ich nehme stark an, Minister Aragi hat auch mit Euch über ein gewisses Mädchen gesprochen.“


Leyla nickte leicht. Jetzt wurde es interessant.


„Dieses Mädchen“, begann Thibedeau ruhig, „soll in der Lage sein, die Kräfte derer, die sie tötet, in sich aufzunehmen. Ihre Macht wächst mit jedem Blutvergießen. Wenn man ihr zu spät entgegentritt, könnte sie zu einer existenziellen Bedrohung für alles werden, was wir zu schützen versuchen.“


Leyla runzelte die Stirn. „Und warum erzählt Ihr das mir? Und nicht der Edlen Miss Yang?’’


Der General verzog die Lippen zu einem schmalen Lächeln. „Weil die Edle Miss Yang ohne zu zögern ihre Kopfgeldjäger entsenden würde. Sie würde handeln – vielleicht zu schnell. Und wenn sie Euch entsendet, mit Verlaub, Ihr wäret ihr im aktuellen Zustand nicht gewachsen. Noch nicht.“


Leyla warf ihm einen prüfenden Blick zu. Wie konnte er so sicher über ihre Stärke urteilen? Hatte er sie beobachtet? Hatte Aragi ihn mit Informationen versorgt?


Thibedeau schien ihre Gedanken zu erraten. „Ihr fragt Euch sicher, woher ich das weiß, nicht wahr?“


Ein kurzes Nicken war Antwort genug.


„Ein Freund hat es mir gesagt. Finn ist sein Name. Er meinte, Ihr würdet mir glauben, wenn ich ihn erwähne.“


Der Name weckte eine unerwartete Regung in ihr. Finn. Fast hätte sie ihn vergessen. Erst zweimal war sie ihm begegnet, und doch hatte er einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nicht wegen seiner Stärke, sondern wegen seines Wissens – seiner Ruhe.


„Habt Ihr ihn nicht damals in Malyl gejagt?“ fragte sie scharf.


„Das habe ich“, entgegnete Thibedeau ohne Zögern. „Es war mein Befehl. Ich habe ihn allerdings erst getroffen, als der Auftrag längst nicht mehr gültig war. Seitdem... schätze ich seine Ratschläge.“


Ein seltener Ton von Ehrlichkeit klang in seiner Stimme mit. Leyla schwieg einen Moment, ehe sie fragte: „Und was gedenkt Ihr zu tun, wenn dieses Mädchen so gefährlich ist, wie Ihr sagt?“


Van Treys Antwort kam mit einem Lächeln. „Ich werde sie mit meinen eigenen Händen aufhalten.“


Leyla blieb fast stehen. „Ihr glaubt also, dass Ihr es könnt – obwohl Ihr meint, dass ich es nicht kann?“


„Finn hat mir nicht gesagt, ob ich gewinnen werde. Die Frage kam nicht auf. Aber ich weiß, was ich kann. Und ich weiß, dass ich es versuchen muss.“ Sein Blick war klar, unverrückbar wie ein alter Felsen.


„Ich bitte Euch lediglich darum, dieses Gespräch für Euch zu behalten. Ich wusste nicht, ob Ihr es geheim halten würdet.“’


Leyla verstand jetzt, warum er sie angesprochen hatte. Nicht um Rat zu suchen, sondern um sich abzusichern. Er hatte längst entschieden, was er tun würde. Es ging nur noch darum, ob sie ihm den Rücken freihielt – oder ihn verriet.


„Keine Sorge“, sagte sie leise. „Ich behalte es für mich.“


An der nächsten Abzweigung ließ sie seinen Arm los. Ihre Schritte verlangsamten sich.


„Hier trennen sich unsere Wege. Viel Erfolg, General.“


Van Trey verbeugte sich leicht, nicht theatralisch, sondern wie ein Mann, der sich bewusst war, dass dies ein Moment der Bedeutung war. „Ich danke Euch, Kaiserliche Kopfgeldjägerin Leyla. Möge Euer Weg klar und Euer Ziel nahe sein.“


Dann drehte er sich um, sein roter Mantel schwang mit einer letzten Bewegung im Wind, ehe er in der Menge der Kaiserstadt verschwand. Leyla blickte ihm noch einen Moment hinterher. Dann ging auch sie weiter – allein, aber nicht mehr unvorbereitet.

 
 
 

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