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Kapitel 189 - Der Junge, der den Blitz überholte

Aktualisiert: 13. Juni 2025

Leyla ließ ihren Blick über die Liste gleiten, die sie soeben fertiggestellt hatte. Mit ruhiger Hand und klarem Kopf hatte sie in den vergangenen Stunden Namen, Begriffe, Orte und Geschehnisse aufgelistet, die sie nicht mehr losließen – lose Fäden, die sie zu einem Bild zusammenweben wollte. Es war keine abschließende Zusammenfassung, eher ein Anfang, ein Versuch, Struktur in das wachsende Netz aus Vermutungen, Bedrohungen und offenen Fragen zu bringen. Sie wusste, dass Eroica mit solchen Dingen gut umgehen konnte. Mit Puzzleteilen, die nicht zusammenpassten – noch nicht.


Mit einem letzten prüfenden Blick fuhr sie mit dem Finger über den Namen Selfmun Aragi, dann weiter zu General van Trey. Zwischen ihnen standen Begriffe wie der Federglaube, die Auslöschung von Drakia, der Schwarze Stern und ganz unten, sorgfältig unterstrichen: „Jess – Erzdämonin.“


Zufrieden faltete sie das Blatt in der Mitte und schob es zu ihrer Freundin über den Tisch. Eroica saß in ihrem weichen Sessel, halb in ein Buch vertieft, die Brille leicht verrutscht auf der Nase.


„Ihr habt die Liste fertig, Leyla?“ fragte sie mit leichtem Neigen des Kopfes, ohne ganz vom Text aufzusehen.


Leyla nickte. „Ich brauche vor allem Informationen zu Jess. So viel du bekommen kannst. Alles, was nicht in den Werken bei uns steht. Vielleicht auch alte Schriften oder Abhandlungen.“


Eroica klappte das Buch zu, ohne die Stelle zu markieren. „Verlasst euch auf mich. Ich beginne morgen in der Kaiserlichen Bibliothek – dort steht mehr zwischen den Zeilen, als es auf den ersten Blick scheint.“ Ihr Tonfall war ruhig, beinahe vergnügt. Recherchieren war für sie nie eine lästige Pflicht gewesen, sondern eine Form des Spiels – ein Tanz mit vergessenen Wahrheiten.


Leyla lächelte dankbar. „Wie steht es um die Reiseplanung nach Jidar?“


Jidar. Die Hauptstadt des Sectododen-Volkes, tief im Inneren des Denja-Dschungels. Sie war eine Stadt, die kaum von außen zu erreichen war. Dort, so die Informationen, sollte einer der Runensteine liegen. Und dorthin war der Drachar unterwegs — oder er war bereits angekommen.


Schon bei dem Wort hellte sich Eroicas Miene auf. Sie erhob sich mit einer Eleganz, die ihrer Herkunft als Felina geschuldet war, verschwand kurz in ihrem Zimmer und kam mit einer kleinen Sammlung von Pergamentrollen zurück. Auf dem Tisch entfaltete sie die erste Karte, legte zwei beschriftete Seiten daneben, auf denen ein feiner, gleichmäßiger Schriftzug Details vermerkte. Leyla setzte sich näher heran.


„Ihr werdet zuerst in Richtung Vallyka reisen“, begann Eroica mit leiser, erklärender Stimme, während sie mit einem kleinen silbernen Zeigestab auf die jeweiligen Punkte deutete. „Von dort nehmt Ihr die Salba-Straße. Sie verläuft an der südlichen Grenze des Tiefenwaldes entlang – eine alte Handelsroute, die allerdings kaum noch genutzt wird, seit das Reich seine Handelsverträge mit den Dschungelvölkern vernachlässigt hat.“


Leyla betrachtete die gezackten Linien auf der Karte. Vallyka war ihr nur aus Erzählungen bekannt – einst die Hauptstadt des Kaiserreichs, nun ein bedeutungsvoller Ort der Geschichte, der dennoch von vielen vergessen wurde. Der Gedanke, ihn bald mit eigenen Augen zu sehen, löste eine leise Neugier in ihr aus.


„Am Waldeck“, fuhr Eroica fort, „endet die Straße. Dort beginnt der Denja-Dschungel. Die Karte zeigt Euch die bekannten Pfade – sie reichen etwa bis zur Mitte des Weges. Danach seid Ihr auf die Hilfe der Bewohner angewiesen. Die Chimp leben in den oberen Baumkronen, während die Tartaruga sich im feuchten Dickicht aufhalten. Mit ein wenig Geschick und etwas Glück werdet Ihr von ihnen erfahren, wo Jidar liegt.“


Sie zeigte auf einen winzigen Punkt am oberen Rand der Karte – nicht mehr als ein dunkler Fleck. „Dort also“, murmelte Leyla nachdenklich. „Und irgendwo dort soll der nächste Runenstein liegen…“


Eroica nickte knapp. „Die Quellen sind widersprüchlich, aber einige alte Aufzeichnungen sprechen von einem Tempel unter der Erde. Die Bewohner Jidars sollen ihn bewachen – oder zumindest von ihm wissen.“


Leyla legte die Karten und Seiten sorgfältig übereinander und strich mit der Hand darüber, als wolle sie sich ihre Bedeutung einprägen. Ihr Blick fiel auf ein kleines Objekt am Rand des Tisches: eine schlichte Brille mit runden Gläsern, eingefasst in feines Silber. Sie hatte Eroica das Artefakt vor ihrem Aufbruch in den Grünwald geschenkt – eine Brille, die es ihrer Trägerin ermöglichte, beim Lesen die Gedanken und Absichten des ursprünglichen Autors zu erfassen, sofern dieser sie bewusst niedergeschrieben hatte.


„Hat dir die Brille schon gute Dienste geleistet?“ fragte sie leise.



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Eroica nahm die Brille behutsam in die Hand und drehte sie gegen das Licht des Fensters, sodass sich die silberne Fassung sanft in einem goldenen Schimmer spiegelte. Ein feines Lächeln huschte über ihre Lippen, während sie über die Linse hinweg Leyla ansah.


„Ja, das hat sie. Nicht bei allen Autoren, wohlgemerkt – es gibt Texte, bei denen sie seltsam stumm bleibt. Doch bei den meisten Werken konnte ich nützliche Hinweise gewinnen. Wusstet Ihr zum Beispiel, dass die Hinrichtung von Kim Parenski vor beinahe sechshundert Jahren keineswegs ein Befehl des Kaisers war, wie es in den offiziellen Chroniken steht?“ Sie machte eine kleine Pause, als wolle sie die Wirkung ihrer Worte genießen. „Es war Yang. Sie hat den Befehl damals eigenmächtig gegeben. Angeblich, um eine größere Bedrohung zu verhindern. Und noch brisanter: Der Bürgerkrieg, der daraus resultierte, war womöglich von ihr beabsichtigt. Ein kontrollierter Konflikt, wie sie es nannte.“


Leyla musste schmunzeln. Natürlich hatte sie davon nichts gewusst – wie auch? Solche Wahrheiten standen nicht in den gefeierten Geschichtsbänden, die in den Schulen und Akademien des Kaiserreichs verbreitet wurden. Sie gehörten zu jener Sorte von Wissen, das verborgen lag, in tiefen Kellern der Archive oder zwischen den Zeilen von Manuskripten, die kaum jemand je vollständig las.


Sie streckte sich, als wollte sie die Spannung aus den Schultern vertreiben, und sah Eroica mit einem nachdenklichen Blick an. „Ich würde dich gern mitnehmen in den Dschungel. Du wärst eine wertvolle Hilfe – und vermutlich wüsstest du dort mehr mit den alten Völkern des Waldes anzufangen als ich. Aber… hier in der Kaiserstadt hilfst du mir im Moment mehr.“


Eroica verbeugte sich leicht, elegant wie immer. Ihre Stimme war sanft und bestimmt zugleich. „Leyla, Ihr wisst, dass ich alles tun werde, was Euch am meisten nützt. Wenn Ihr mir sagt, dass meine Arbeit hier wichtiger ist, dann bleibe ich. Doch…“ – sie hob leicht das Kinn und sah Leyla mit leuchtenden Augen an – „…wenn Ihr mir etwas aus dem Dschungel mitbringen könntet, etwas, das seine Geschichte atmet, dann würde mich das sehr freuen.“


Leyla lachte leise und nickte. „Natürlich werde ich das. Ich werde die Augen offen halten.“


Eroica legte den Kopf ein wenig schräg, ihr Blick war neugierig geworden. „Wollt Ihr allein reisen?“


Diese Frage hatte Leyla in den letzten Tagen mehrfach beschäftigt. Der Denja-Dschungel war kein Ort, den man leichtsinnig betrat – und schon gar nicht allein. Von Anfang an war ihr klar gewesen, dass sie Alexandra mitnehmen wollte. Ihre Nähe bedeutete ihr inzwischen mehr, als sie sich lange Zeit eingestehen wollte. Zensa hingegen sollte in der Kaiserstadt bleiben, nicht zuletzt, weil er hier sicherer war – und lernen konnte. Vinessa hingegen… Vinessa war eine Fee mit einem tiefen Verständnis für Wälder. Auch wenn der Denja-Dschungel nicht dem Grünwald glich, in dem Vinessa aufgewachsen war, so war es doch ein Terrain, in dem ihre Fähigkeiten von großem Nutzen sein würden.


„Ich werde mit Alexandra reisen. Und Vinessa wird uns begleiten. Zensa bleibt hier bei dir. Wie kommt er mit dem Lernen voran?“


Eroica seufzte leicht und setzte sich wieder auf den Rand des Sessels. „Er ist klug. Man merkt, dass viel Potenzial in ihm schlummert – aber er will nur das lernen, was ihn auch interessiert. Er hasst langweilige Texte, meidet jedes Thema, das ihn nicht unmittelbar betrifft. Aber ich gebe nicht auf. Ich bin sicher, mit etwas Geduld wird er seinen eigenen Zugang finden.“


Leyla nickte nachdenklich. Es waren inzwischen mehrere Tage vergangen, seit sie mit ihm in der Kaiserstadt eingetroffen waren. Und obwohl sie ihn unter ihre Obhut genommen hatte, hatte sie es bislang nicht geschafft, mit ihm zu trainieren. Das sollte sich bald ändern. Bevor sie sich auf den Weg in den Osten machte, wollte sie zumindest noch einmal mit ihm üben – nicht nur, um sein Können zu testen, sondern auch, um seine Entwicklung besser einschätzen zu können.


Sie erhob sich langsam. „Weißt du, wo Zensa gerade ist?“


Eroica deutete mit einer Hand in Richtung der Fenster. „Er und Vinessa sind heute früh hinausgegangen. Sie wollten außerhalb der östlichen Stadtmauer gemeinsam trainieren.“


Leyla zog leicht die Augenbraue hoch. Dass Vinessa sich zum Training mit Zensa bereit erklärt hatte, überraschte sie – und machte ihr zugleich ein wenig Sorge. Vinessa war sanft, manchmal vielleicht zu sanft. Und Zensa hatte Kräfte in sich, deren Grenzen er selbst noch nicht verstand. Wenn er sie im falschen Moment verlor…


„Ich gehe mal nach ihnen sehen“, sagte sie schließlich. „Wenn Alexandra von ihrem Training mit Rhovar Trellis zurückkommt, erklär ihr bitte den Plan. Und sag ihr, dass ich sie brauche – nicht nur im Kampf, sondern auch als Freundin, der ich vertrauen kann.“


Eroica nickte schweigend. Leyla war bereits auf dem Weg zur Tür, als sie sich noch einmal umdrehte. Der Blick, den sie Eroica zuwarf, war weich – fast ein wenig müde.


„Danke, dass du hier bist. Ich weiß das mehr zu schätzen, als ich es vielleicht zeige.“


Mit diesen Worten verließ sie ihren Wohnbereich und machte sich auf den Weg, Zensa und Vinessa zu suchen. Der Tag war noch jung, doch sie spürte, dass die Zeit zu handeln gekommen war.



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Nach gut einer Stunde Fußmarsch erreichte Leyla die großen Felder östlich der Kaiserstadt. Das Gras war hier trotz der kühlen Jahreszeit kräftig grün, bedeckt von einem feinen Schleier aus Frost, der in der tiefstehenden Wintersonne funkelte. Genau hier hatte sie Vinessa und Zensa vermutet – und wie so oft hatte sich ihr Instinkt als richtig erwiesen.


Sie entdeckte die beiden unweit eines kleinen, kahlen Hains. Vinessa, in mehrere Lagen dicker Winterkleidung gehüllt – die charakteristisch sauberen Nähte verrieten, dass sie von Eroica selbst stammten – flog hin und her, offenbar um sich warm zu halten.


Leyla trat näher, und sofort bemerkte Vinessa sie. Mit einem fröhlichen Ausruf wirbelte die Fee zu ihr herum. „Ahh, Leyla! Was machst du denn hier draußen in der Kälte?“ Ihre Stimme klang wie immer hell und verspielt, und doch spürte man, dass sie wachsamer geworden war. Vielleicht lag es daran, dass sie inzwischen mehr Verantwortung übernommen hatte.


Leyla schmunzelte und deutete auf das weite Feld. „Ich wollte nach euch sehen.“ Ihr Blick glitt weiter zu Zensa, der in einiger Entfernung über das Feld jagte – und das mit einem Tempo, das selbst Leyla kurz den Atem stocken ließ. So schnell hatte er sich damals, als sie gegeneinander gekämpft hatten, nicht bewegt.


„Eroica meinte, ihr würdet trainieren“, sagte sie beiläufig, während sie Zensas Bewegungen verfolgte.


Vinessa nickte eifrig. „Ich hab ihm beigebracht, wie er seine Kräfte gezielter und kreativer einsetzen kann. Vor allem, wie man Kontrolle mit Vorstellungskraft verbindet.“


Leyla verstand: Es war weniger ein gegenseitiges Training als eine Unterrichtseinheit, in der Vinessa die Rolle der Lehrerin übernommen hatte. Eine interessante Entwicklung – und ganz anders, als sie es erwartet hatte. Sie wollte gerade noch etwas sagen, als –


—WUSCH—


Ein Geräusch durchschnitt die Luft. Wie aus dem Nichts stand Zensa plötzlich vor ihr, nur wenige Schritte entfernt. Eine heftige Druckwelle rauschte durch die Luft, trieb Staub und Schnee zur Seite, ließ Leylas Umhang flattern. Reflexartig griff sie nach Vinessas Arm, denn die Fee wäre beinahe rückwärts durch die Luft geschleudert worden.


„Leyla! Schau dir an, was ich mittlerweile kann!“ rief Zensa, aufgeregt wie ein Kind, das seinem großen Vorbild etwas beweisen wollte. Seine Stimme überschlug sich fast vor Stolz.


Leyla warf ihm einen prüfenden Blick zu. Ihr fiel auf, dass seine übliche freche Art, sein grenzüberschreitender Humor, komplett verschwunden war – zumindest solange Vinessa in der Nähe war. Offenbar hatte sie sich seinen Respekt verdient, auf eine Weise, die Leyla beeindruckte.


„Gut“, sagte sie ruhig. „Dann zeig mal, was du gelernt hast.“


Zensa atmete tief durch, als würde er sich selbst sammeln. Dann trat er einige Schritte zurück, schloss für einen Moment die Augen – und plötzlich zuckten elektrische Entladungen um ihn herum. Zunächst unkontrolliert, ziellos, entluden sich die Blitze in den gefrorenen Boden, ließen das Gras dampfen. Doch mit jeder Sekunde nahm das Chaos eine klarere Form an: Die Blitze ordneten sich, verbanden sich, bildeten schließlich schimmernde Schwingen, als wären sie aus reiner Elektrizität geschmiedet.


Er öffnete seine Augen und Leyla sah, wie sie nun blau leuchteten.


Zensa ging in die Knie mit einem kräftigen Stoß und katapultierte sich nach oben. Die Flügel spannten sich, zuckten, fächerten sich auf – und trugen ihn tatsächlich in die Luft.


Leyla konnte ein anerkennendes Pfeifen nicht unterdrücken. Sie hatte es geahnt, bereits bei seinem ersten Umgang mit Donner- und Windmagie – doch nun war es gewiss: Zensa war auf dem Weg, einer der wenigen zu werden, die im Kaiserreich das Fliegen beherrschten. Es war eine Gabe, die nicht nur körperliche Kraft, sondern mentale Disziplin erforderte.


Wie ein gelber Stern raste er höher, tanzte mit den Wolken, während Blitze hinter ihm ein wildes Muster zeichneten.


Ohne den Blick von ihm zu lösen, wandte sich Leyla leise an Vinessa. „Ich breche in ein paar Tagen zum Denja-Dschungel auf. Es gibt Hinweise, dass dort ein weiterer Runenstein liegt. Ich würde dich gerne dabeihaben.“


„Yippie!“ quietschte Vinessa begeistert und flatterte aufgeregt in die Luft, ihr geflügelter Schatten huschte über den frostigen Boden. „Dass du mich mitnimmst, freut mich riesig, Leyla! Ehrlich!“


Dann wurde ihr Blick ernster, fast ein wenig herausfordernd. Sie flog dicht an Leylas Schulter heran und flüsterte: „Und? Nimmst du Zensa auch mit?“


Leyla zögerte. Ihre Gedanken kreisten bereits seit Tagen um diese Entscheidung. Schließlich schüttelte sie langsam den Kopf. „Ich glaube nicht, dass er schon bereit dafür ist. Noch nicht.“


Vinessa schnaubte verärgert, ihre Wangen blähten sich leicht auf. „Bin ich etwa keine gute Lehrerin?“ Ihre Stimme war spitz, aber nicht wütend – eher beleidigt. „Ich finde, du solltest ihn mitnehmen. Er ist vielleicht jung, aber seine Kraft ist jetzt schon beachtlich. Und er hört auf mich.“


Leyla sagte nichts. Noch immer blickte sie nach oben, wo Zensa wie ein lodernder Blitz zwischen den Wolken kreiste. War sie zu vorsichtig? Hatte Vinessa recht? Vielleicht war es wirklich an der Zeit, dass der Junge sich beweisen durfte. Aber das würde sie nicht leichtfertig entscheiden. Sie würde abwarten, was Zensa ihr noch zeigte.



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Plötzlich hielt Zensa inne. Hoch oben, kaum noch als Mensch zu erkennen, stand er in der Luft wie eingefroren. Leyla blinzelte gegen das Licht der aufreißenden Wolkendecke. Etwas stimmte nicht. Die Luft schien sich zu verändern – dichter, schwerer, aufgeladen mit etwas, das selbst ihr erfahrener Instinkt nicht benennen konnte. Dann sah sie es.


Die Wolken begannen, sich um Zensa herum zu ballen. In rasender Geschwindigkeit verdichteten sie sich, grau-blau und wabernd wie eine zornige See. Blitze zuckten zwischen ihnen hindurch, hell und zuckend, und ein Wind kam auf, der innerhalb weniger Herzschläge zu einem peitschenden Sturm anschwoll.


Vinessa, die den herannahenden Druck zuerst spürte, quiekte erschrocken und huschte mit einem Flügelschlag in Leylas Rüstungsbrusttasche, aus der sie mit großen Augen wieder hervorlugte. Ihre Stimme war kaum zu hören gegen das Dröhnen des Windes: „Das ist… neu.“


Leyla sagte nichts. Sie starrte zum Himmel. Da, wo eben noch ein junger, ungestümer Magier gestanden hatte, tobte nun ein wütender Sturm, als würde der Himmel selbst eine Entscheidung treffen.


Dann begann das Donnern. Kein leises Grollen, kein fernes Rumpeln. Es war ein Klang, der durch Mark und Bein ging, durchdringend und alles übertönend. Ein Geräusch, das nicht einfach nur gehört, sondern gespürt wurde – in der Brust, im Magen, in den Knochen.


Blaue Blitze begannen sich in konzentrischen Wellen um Zensa zu sammeln. Sie zuckten nicht mehr nur ziellos durch den Himmel, sondern formten einen Kreis, ein magisches Gewölbe aus Energie. Was kam jetzt?


Dann geschah es. Zensa verschwand in einer pulsierenden Kugel aus Blitzen. Die Energie, die von ihr ausging, war überwältigend – wie eine zweite Sonne, gleißend, blauweiß, inmitten eines tobenden Gewitters.


Ein einzelner Regentropfen fiel. Dann noch einer. Und dann brach der Himmel los. Innerhalb von Sekunden mischte sich der Regen mit einem prasselnden Hagel, der gegen Leylas Rüstung trommelte wie ein Schwarm fliegender Kiesel.


Und inmitten dieses Chaos geschah es:


Zensa schoss einen gleißenden Blitz herab. Wie ein Pfeil, abgeschossen vom Sturm selbst. Der Donner war kaum verklungen, da durchschnitt er schon die Luft – ein leuchtender Strahl reiner Magie.


Doch er war nicht allein. Neben ihm stürzte sich Zensa selbst, die Arme an den Körper gelegt, die blauen Donnerflügel eng anliegend, wie ein Falke, der seiner eigenen Schöpfung hinterhereilte.


Er überholte den Blitz.


Leylas Herz setzte aus. Sie vergaß den Regen, den Lärm, selbst die Kälte. Ihre ganze Wahrnehmung war auf diesen einen Moment fokussiert.


Zensa schlug auf dem Boden auf – nein, landete. Grazil, mit einer Leichtigkeit, die an Tanz erinnerte. Er streckte beide Arme nach oben, als würde er den Himmel selbst empfangen.


Und dann kam er.


—BUMM—


Der Blitz, den er überholt hatte, schlug mit ohrenbetäubendem Knall in seine geöffneten Handflächen ein. Licht und Funken stoben auf. Die Luft roch nach verbrannter Erde. Rauch stieg von seinen Händen auf, die Haut war verkohlt, die Muskeln geöffnet, Blut vermischte sich mit Regenwasser und tropfte auf den gefrorenen Boden.


Zensa atmete schwer, aber er grinste, als wäre er gerade einem Drachen auf der Nase herumgetanzt. Er kam langsam auf Leyla zu, noch immer leicht taumelnd von der Kraft, die durch ihn geflossen war.


„Und?“ keuchte er mit funkelnden Augen. „Wie war das?“


Leyla sah ihn einen Moment lang nur an, dann schnippte sie ihm mit einem knappen Lächeln gegen die Stirn. „Beeindruckend. Vor allem, wie du deine eigenen Handflächen verbrannt hast.“


Zensa verzog das Gesicht. „D-Das ist doch nichts! Heilt schnell wieder.“


Doch seine Stimme zitterte leicht, und Leyla erkannte den Schmerz hinter der Tapferkeit. Sie lächelte. Ein echtes, warmes Lächeln.


„Her mit deinen Händen“, forderte sie ruhig.


Widerstandslos streckte er sie ihr entgegen. Die Haut war verbrannt, blutig, zerfetzt. Es roch nach Kupfer und geschmolzenem Leder.


Leyla legte ihre Finger sachte auf seine Handflächen. Für einen Moment schloss sie die Augen. Ihr Mana begann zu fließen – sanft, ruhig, kraftvoll. Seit sie den Runenstein der Heilung getragen hatte, wusste sie, dass sie heilen konnte. Doch sie hatte es nie an jemand anderem ausprobiert.


Jetzt war es an der Zeit.


Sie spürte, wie ihre Kraft in Zensas Körper einsickerte, heilende Wellen aussandte, die verbrannte Haut glätteten, blutende Risse schlossen, geschädigte Nerven erneuerten. Innerhalb weniger Sekunden war das Werk vollbracht. Dort, wo eben noch Wunden gewesen waren, glänzte nun neue, gesunde Haut.


Zensas Augen weiteten sich. „Das ist…“ Er suchte nach Worten, doch keine kamen. Er war sprachlos – zum ersten Mal.


Leyla fuhr ihm mit der Hand durch die vom Regen zerzausten Haare, wuschelte sie durcheinander. Es war eine Geste, so ungewohnt sanft für sie, dass selbst Vinessa ein leises Kichern nicht unterdrücken konnte.


„Willst du mit in den Denja-Dschungel kommen?“ fragte sie leise.


Zensa sah sie an – ernst, aufrecht, stolz – und nickte, ohne zu zögern.

 
 
 

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