Kapitel 190 - Drei Herzschläge bis zum Aufprall
- empirewebnovel
- 13. Juni 2025
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Juni 2025

Der Wind peitschte erbarmungslos um Franca herum, zerrte an den sorgsam geflochtenen Haaren, die unter ihrer Kapuze hervorwehten wie helle Bänder im Sturm. Ihr Atem bildete kleine Wolken in der eisigen Luft, während sie mit verschränkten Beinen auf dem Rücken des Drachen saß – regungslos, ruhig, wie eine Statue. Gendihr, ihr magischer Hammer, war sicher und fest an ihrem Rücken verschnürt, jede seiner Runen von einer feinen Frostschicht überzogen.
Sie ritt auf Zorda – dem schuppenbedeckten, schwarzen Drachen, der wie ein lebendiger Schatten durch den Himmel glitt. Das mächtige Wesen war Cynthas treuer Begleiter und bewegte sich mit bewundernswerter Eleganz durch die Schneewolken des Nordens. Unter ihnen erstreckte sich eine endlose Weite aus Weiß, unterbrochen nur von zugefrorenen Seen, kahlen Baumgruppen und vereinzelten Felsnasen, die wie gestrandete Giganten aus der Eiswüste ragten.
„Du bist ziemlich ruhig für dein erstes Mal auf einem Drachen!“ rief Cyntha, die neben ihr auf Zordas Nacken saß. Ihre lila Haare flatterten wie Seidenfäden im Wind. „Oder fliegst du gar nicht zum ersten Mal, hm!?“
Franca schüttelte den Kopf, ein leises, kaum sichtbares Lächeln auf den Lippen. „Wir haben zuhause einen Drachen. Idaka. Auf ihr bin ich schon oft geflogen. Gegen sie wirkt Zorda wie ein entspannter Ausritt auf einem alten Gaul.“
Cynthas Augen vergrößerten sich vor Staunen. „Idaka!? Die Urdrachin Idaka?“
Franca nickte ruhig, bedachte jede Bewegung, jede Geste – es war Teil ihres Wesens, ihre Anmut zu bewahren, selbst hoch oben in der Luft, auf dem Rücken eines Drachen.
„Die Erweckerin von Mahlava!“ murmelte Cyntha ehrfürchtig. „Ich dachte, sie lebt verborgen in den Larifen..!“
„Tut sie auch.“
Während das Gespräch verebbte, ließ Franca den Blick über den Horizont schweifen. Die Welt unter ihnen lag in eisiger Stille. In weiter Ferne konnte sie bereits die ersten Zinnen von Randurin erkennen – dunkle Spitzen am Ende der weißen Einöde. Sie waren nahe am Ziel.
Doch trotz der majestätischen Aussicht lastete ein Gedanke schwer auf ihr. Yangs Auftrag. Sie sollte ein Familienmitglied töten. Einen von ihren eigenen Blutsverwandten. Eine Linie aus Vertrauen und Geschichte, die sie nicht bereit war zu durchtrennen.
Franca hatte nicht gehorcht.
Stattdessen hatte sie Spione bezahlt, alte Verbindungen genutzt, um den Verwandten zu warnen. Es war ein riskanter Zug gewesen – einer, der sie den Kopf kosten konnte, sollte es je bekannt werden. Doch sie hatte genau geprüft: Nur Yang und sie wussten vom Befehl. Niemand sonst. Auch Cyntha würde keine Fragen stellen – und sie würde sie erst recht nicht verraten.
Sie atmete tief durch. Der eisige Wind biss in ihre Wangen, ließ ihre Haut kribbeln. Dann drehte sie sich leicht und blickte zurück über die Schulter. Am Horizont, wie eine gewundene, schwarze Narbe im Schnee, zog sich die Fünfte Armee des Kaiserreichs durch das Weiß. Reihen über Reihen von Soldaten, Banner, Reiter. Ihr Marsch führte sie direkt in den Norden, angeführt von einem Mann, der mehr Mythos als Mensch war – Francesco di Lorenzo, der Schwertdämon. Feind ihres Vaters.
Sie beobachtete den Heerzug still, bis sie die Stimme wieder erhob: „Sag mal, Cyntha, was meinst du—“
Doch sie konnte den Satz nicht beenden.
Plötzlich wurde ihr der Boden unter den Füßen entrissen. Ein Ruck, ein Flattern, ein Schrei, der vom Wind verschluckt wurde. Ohne jede Vorwarnung wurde sie vom Rücken des Drachen geschleudert – fortgerissen, wie von einer unsichtbaren Faust.
Sie fiel.
--------------------------------------------------------------------------
Die Welt um Franca war nur noch ein Wirbel aus Wind, Schnee und lautem Tosen. Alles drehte sich, alles rauschte – und inmitten dieses Chaos spürte sie die eisige Luft, die wie tausend winzige Klingen über ihre Haut fuhr. Schneeflocken verwandelten sich in Rasiermesser. Der Wind schnitt ihr ins Gesicht, zerrte an Kleidung und Haar, als wolle er sie mit aller Gewalt vom Himmel reißen. Zorda war irgendwo über ihr – ein dunkler Schatten gegen das fahle Licht – und sie glaubte, Cyntha rufen zu hören, doch selbst der Schrei ihrer Freundin klang wie das ferne Winseln eines Geistes in einem Sturm.
Franca war gefallen.
Und sie fiel noch immer.
Ihr Instinkte übernahmen. Reflexe, die aus Jahren des Trainings stammten, rissen sie in die Bewegung. Sie krümmte den Körper, formte sich zu einer rollenden Kugel in der Luft, versuchte, ihre Position zu bestimmen. Wo war oben, wo war unten? Der Himmel? Der Schnee? Der Boden raste ihr entgegen – ein weißer Tod.
Was war geschehen? Magie? Ein Angriff? Ein Fluch? Ihre Gedanken überschlugen sich, aber keine Antwort drängte sich auf. Es war zu plötzlich gekommen. Zu gezielt. Und es war keine bloße Windbö gewesen.
Doch Franca war keine gewöhnliche Kriegerin. Sie war eine Tochter der Linie der Aldobrandini, Trägerin des Schicksalshammers – und sie hatte nicht überlebt, um jetzt wie ein Stein vom Himmel zu fallen.
Ein Funkeln trat in ihre Augen. Wild. Entschlossen.
Mit einer einzigen Bewegung griff sie nach hinten, durchtrennte mit einer magischen Geste die festgezurrten Lederriemen und riss den Hammer Gendihr frei. Die Runen auf seinem Schaft begannen augenblicklich zu glühen, als spürten sie die Dringlichkeit, den drohenden Aufprall, das Blut in der Luft.
Gendihr war keine gewöhnliche Waffe. Er war mehr als ein Hammer – er war ein Vermächtnis. Geschmiedet in den Tiefen von Erzofen, gesegnet von dem Erzdämonen der Erde Dharait, und an Franca weitergegeben, weil nur sie ihn heutzutage führen konnte. Jeder Schlag zertrümmerte das, was anderen als unzerstörbar galt. Und dreimal am Tag – nur dreimal – konnte er die Regeln der Welt selbst beugen.
Franca holte aus. Der Griff zitterte in ihrer Hand.
„DONNERSCHLAG!“ rief sie, und es klang wie das letzte Wort eines Gottes.
Der Hammer vibrierte, schrie beinahe, und im nächsten Moment schoss eine gewaltige Druckwelle aus ihm hervor. Eine Woge aus reiner, unsichtbarer Kraft explodierte nach unten. Der Boden unter ihr barst, noch bevor sie ihn berührte. Schnee flog in alle Richtungen. Gestein zersplitterte. Ein Krater bildete sich – und mitten in der Luft, kurz über dem Zentrum dieses Zorns, wurde Francas Fall abrupt gestoppt.
Sie schwebte.
Nur für einen Moment – aber in diesem Moment stand die Welt still.
Dann fiel sie erneut. Das Momentum war zwar gebrochen, doch der Aufprall war hart. Sie schlug schräg auf dem vereisten Boden auf, rollte ab, so gut sie konnte. Trotzdem hörte sie das Knacken in ihrer Brust. Ein Schmerz fuhr ihr durch den Oberkörper – heiß und schneidend zugleich. Einige ihrer Rippen waren gebrochen, daran bestand kein Zweifel.
Aber sie lebte.
Keuchend kam sie auf die Knie, Gendihr noch immer in der Hand, seine Runen glimmend wie pulsierender Zorn. Sie hustete, spürte den metallischen Geschmack von Blut auf der Zunge, doch sie zwang sich hoch. Auf die Beine. Aufrecht.
Dann hob sie den Blick.
Und ihr Atem stockte.
Nicht einer. Zwei.
Zwei Drachen kreisten nun über ihr. Zorda war der eine – das erkannte sie sofort an seinem glänzenden Schwarz, an seinen eleganten Flügelschlägen. Doch der andere… war größer. Breiter. Heller. Seine Flügel wirkten wie zerfetzte Segel, von Narben durchzogen.
Ein fremder Drache.
--------------------------------------------------------------------------
Cyntha verfolgte mit geweiteten Augen, wie Franca durch den Sturm fiel – ihr Körper wurde kleiner, bis er fast mit dem Schneegestöber verschmolz. Doch sie konnte nicht eingreifen. Nicht jetzt. Nicht, wenn sich der Schatten vor ihr ausbreitete.
Denn direkt vor ihr war ein Drache aufgetaucht – größer, schwerer, finsterer als Zorda. Seine Schwingen spannten sich weit, jede einzelne Schuppe war tiefschwarz, glänzte im matten Licht wie nasser Stein. Und seine Augen … leer. Nicht wild. Nicht wütend. Sondern leer. Als wäre alles Leben aus ihnen gewichen und nur Hunger geblieben.
Auf seinem Rücken saß ein Mann, schwarz gekleidet, mit einem langen Mantel, der im Wind wie ein zerrissenes Tuch flatterte. Seine Haare waren schneeweiß, unnatürlich hell – ein Kontrast, der ihn nur noch unheimlicher erscheinen ließ.
Cyntha erkannte ihn sofort. Und Wut loderte in ihr auf.
„Varon!“ rief sie, obwohl sie wusste, dass er sie nicht hören konnte. Der Wind brüllte lauter als jede Stimme. Ihre Worte wurden fortgetragen, zerschlagen, zerfetzt von der tosenden Luft. Aber es war ihr egal. Allein der Name auf ihren Lippen war eine Waffe.
Der Verräter. Der Mann, der das Kaiserreich verkauft hatte wie ein wertloses Gut. Ein Nekromant, dessen Hände nach Leben griffen, um es zu versklaven.
Cyntha packte ihren Bogen fester, spürte, wie das Holz unter ihrer Berührung vibrierte. Ihr Herz schlug schnell, aber gleichmäßig. Kein Zögern, kein Zweifel.
„Zorda!“ rief sie, „wir reißen ihn aus dem Himmel!“
Zorda antwortete mit einem grollenden Brüllen, das selbst den Wind durchbrach. In einer fließenden Bewegung bäumte er sich auf und schleuderte eine Säule aus reinen Flammen auf den fremden Drachen zu – ein lodernder Kegel aus Hitze und Zorn.
Gleichzeitig spannte Cyntha ihren Bogen. Mana durchzog ihren Arm, sammelte sich in ihren Fingern. Der erste Pfeil – federleicht, doch erfüllt mit einer tödlichen Ladung – verließ die Sehne. Dann der zweite. Der dritte. Ein Hagel aus magisch geladenen Salven folgte dem Feuer, zielte präzise auf Brust, Hals, Flügelansatz.
Doch nichts traf.
Der Feuerstrahl verpuffte – nicht einmal Rauch blieb zurück. Die Pfeile, die sich durch Wind, Regen und Nebel bohrten, wurden in der Luft abgelenkt. Als stieße eine unsichtbare Mauer sie zurück. Kein Schild. Keine sichtbare Barriere. Nur diese beunruhigende Leere, die sich um Varon und seinen Drachen spannte.
Cyntha verzog die Lippen zu einem Fluch. Ihre Augen verengten sich, als sie sah, wie Varon die Hand hob. Langsam, theatralisch, wie ein Mann, der wusste, dass ihm niemand etwas anhaben konnte. Blaue Magiewellen strömten von seinen Fingern herab – nicht auf sie gerichtet, sondern auf den Boden. Auf Franca?
Cyntha knirschte mit den Zähnen. Doch sie zwang sich zur Ruhe. Franca war stark. Sie würde den Sturz überleben. Der Blick ihrer Freundin kurz vor dem Sturz war klar gewesen, entschlossen. Cyntha durfte jetzt nicht zweifeln.
Dennoch – was tun? Ihre Magie, ihr Bogen, Zordas Feuer – nichts hatte gewirkt. Was konnte sie noch einsetzen? Was konnte sie tun, wenn selbst die Elemente ihr versagten?
Aber sie hatte kaum Zeit zu denken.
Denn der fremde Drache stieß mit einem Mal vor – sein Maul weit geöffnet, als wolle er nicht nur töten, sondern verschlingen. Der Luftdruck änderte sich schlagartig. Der Himmel verdunkelte sich um sie, als die gewaltige Kreatur auf sie herabstürzte.



Kommentare