Kapitel 191 - Allein mit dem Tod
- empirewebnovel
- 14. Juni 2025
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Franca rannte durch den kniehohen Schnee, ihre Stiefel wirbelten weiße Gischt auf, während sie sich entschlossen nach Süden kämpfte. Dorthin, wo die Kaiserliche Armee lag. Dorthin, wo Francesco di Lorenzos Banner wehten – dem Mann, den sie in Gedanken nur als Feind ihrer Familie verfluchte. Jeder Schritt brannte in den Oberschenkeln, doch sie hielt nicht inne. Nicht jetzt.
„Ich hab ein ganz schlechtes Gefühl“, zischte sie. Der Wind hatte es ihr verraten – hatte diesen eigenartigen Nebel getragen, schwer und flimmernd vor Mana, der sich wie eine Warnung über das Land legte und sich nun unaufhaltsam in Richtung der kaiserlichen Truppen schob. Etwas stimmte hier nicht. Etwas war grundlegend falsch.
Sie war noch nie jemand gewesen, die lange zögerte. Ihre Beine waren flink, ihre Muskeln gestählt durch Jahre des Trainings. Als Kriegerin war sie geachtet, als Läuferin gefürchtet – und heute trug sie beides in sich wie eine brennende Pflicht. Mit kräftigen Sprüngen erklomm sie einen vereisten Hügel, zog sich an knorrigen Wurzeln und rauem Gestein hoch, das unter ihren Handschuhen splitterte.
Oben angekommen, keuchte sie, ließ den Blick über das Tal gleiten – und ihr Herz setzte einen Schlag aus.
Dort, wo sie die Banner der Kaiserlichen vermutet hatte, tobte ein Albtraum. Eine Armee aus Toten – verwesend, leblos, von dunkler Macht gebunden – stürmte gegen die formierten Reihen der Soldaten. Es war kein Gefecht, es war ein Massaker. Und mittendrin das Zeichen des Reiches, beinahe verschlungen vom Grauen.
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Ohne zu zögern riss Franca den Runenhammer Gendihr von ihrem Rücken. Die kalte Luft sirrte, als die Waffe ihre Halterung verließ, und noch bevor ihre Stiefel festen Halt gefunden hatten, stürzte sie sich mitten ins Getümmel. Kein Zögern, kein Plan – nur Instinkt. Um sie herum zerplatzten Schatten aus Knochen und Fleisch, die wie ein schwarzer Strom gegen die Reihen der Soldaten brandeten. Doch Gendihr fraß sich durch sie hindurch wie ein lebendiges Urteil.
Sie war nicht umsonst eine der zehn Kaiserlichen Kopfgeldjäger geworden. Sie hatte sich diesen Ruf erkämpft, nicht durch List oder Diplomatie, sondern durch Blut und Entschlossenheit. Und sie würde nicht zulassen, dass ausgerechnet ihr erster großer Auftrag ihr letzter wurde.
Es gab für sie keinen Zweifel mehr – die Toten waren das Werk von Varon. Der Mananebel, die marschierenden Leiber ohne Seele: Es passte alles zu dem Mann, den sie längst als Feind erkannte. Der Feind von ihr. Von Cyntha. Vom Leben selbst. Ihre erste Vermutung hatte sich bestätigt. Leider.
Wie ein wütender Sturm zog Franca über das Schlachtfeld, ein Strudel aus Bewegung und Gewalt. Jeder Hieb ihres Hammers ließ Splitter durch die Luft schwirren, Knochen brachen mit einem dumpfen Knacken, das selbst den Wind übertönte. Es war kein Kampf mehr, es war ein Tanz – ein Rausch aus Zorn, Pflicht und Überlebenswillen. Und trotzdem schienen es immer mehr zu werden.
Zehn gegen einen. So lautete das tödliche Verhältnis. Für jeden lebenden Soldaten drängten sich zehn Leiber aus Knochen und Tod in die Schlacht. Eine Rechnung ohne Hoffnung. Was, bei Kamera, hatte sich der Kaiser dabei gedacht? Er konnte nicht ahnungslos gewesen sein. Nicht bei Varon. Nicht bei dem, was dieser entfesseln konnte. Oder hatte er es in Kauf genommen?
[???] ,,Edle Miss Aldobrandini, stoßen Sie zu mir!’’
Franca knirschte mit den Zähnen. Sie rannte los, sprang, trat auf den erhobenen Schild eines Skeletts und katapultierte sich mit einem gewaltigen Satz in die Luft. Ihr Blick durchbrach den Nebel des Gefechts – und fand ihn.
Francesco di Lorenzo.
Der Schwertdämon. General des Kaiserreichs. Ein Relikt früherer Kriege, aber noch immer tödlich. Für sein Alter bewegte er sich mit erschreckender Leichtigkeit durch die Toten, als tanze er mit ihnen. Um ihn hatten sich Trupps versammelt – diszipliniert, organisiert, in Formationen, die Raum schufen, statt ihn zu verlieren. Ringe aus Leben gegen das Einsickern der Fäulnis.
Doch wer es nicht rechtzeitig in die Formation geschafft hatte, war verloren. Die Toten duldeten keine Fehler.
Franca landete hart auf den knirschenden Schädeln der Untoten, federte ab, sprang erneut – direkt in Richtung Francesco. Doch noch während sie in der Luft war, zuckte etwas in ihrem Blickfeld. Oder vielmehr: jemand.
Ein junger Mann. Schwarzes Haar, eine grüne Robe, die sich wie Moos um seinen Körper legte.
Franca fror mitten im Sprung. Für einen Herzschlag lang war da kein Krieg, kein Tod, kein Gedanke. Nur diese Erkenntnis, wie ein Faustschlag in die Magengrube.
Es war Kronprinz Sebastian.
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Franca hatte Geschichten über ihn gehört. Flüsternde Berichte am Rand von Karten, zwischen Befehlen und Legenden – der ehemalige vierte Kronprinz. Sebastian. Das Kind des Kaisers, das nie eine Wunde davontrug. Selbst inmitten blutigster Schlachten soll kein Kratzer ihn je gezeichnet haben. Ihr Vater, Giolitti Aldobrandini, hatte es einmal in einem dieser seltenen, ruhigen Gespräche als eine Form von Zeitmagie beschrieben – der Gabe, wie sie nur innerhalb der Linie der Algavia-Dynastie existierte. Tief, alt, verborgen.
Entweder, so hatte ihr Vater gesagt, sah er in die Zukunft. Oder aber er war in der Lage, Zeit selbst zu manipulieren – sie immer wieder ablaufen zu lassen, bis sie seinen Wünschen entsprach. Ein Gegner, der nie falsch lag, weil er alle Fehler bereits gemacht hatte. Und sie ungeschehen machte.
Damals war er in die Hände der Rebellen geraten, irgendwo in Randurin, in jenen Wirren, als Loyalitäten neu geschrieben wurden. Franca fragte sich: Stand er jetzt auf ihrer Seite? Oder gegen sie?
Die Antwort lag vor ihr. Und sie war eindeutig.
Seine Haut war unnatürlich blass, der Glanz seiner Augen war von einem kühlen, fast durchsichtigen Grau. Doch anders als die anderen Toten auf dem Schlachtfeld trug er keine Fäulnis, keinen Verfall, kein Anzeichen von Schwäche. Im Gegenteil. Er wirkte – wachsam. Klar. Und schmerzhaft präsent.
Er wirkte lebendig. Auf seine eigene, unheimliche Art.
Franca landete schwer neben Francesco di Lorenzo, der noch immer mit präzisen Schlägen seine Gegner niederstreckte. Sein Blick glitt zu ihr, ohne dass er aufhören musste zu kämpfen.
„General di Lorenzo“, begann sie knapp und zeigte mit einem Ruck des Kinns auf die andere Seite des Schlachtfeldes. „Dort drüben...“
Er unterbrach sie mit einem knappen Nicken. „Ich weiß. Dort steht Seine Hoheit. Ich beobachte ihn schon eine ganze Weile. Er hätte längst tot sein müssen – dutzende Male.“
Natürlich wusste Francesco nichts von der Zeitmagie des Prinzen. Woher auch? Die Wahrheit darüber war ein gut gehütetes Geheimnis. Wahrscheinlich wussten überhaupt nur eine Handvoll Personen davon. Ihr Vater war einer davon gewesen. Vielleicht Yang. Vielleicht niemand sonst.
Franca spürte, wie sich ihr Kiefer verkrampfte. Ihre Finger umklammerten Gendihr fester.
„Ich übernehme ihn. Ihr haltet mir den Rücken frei – kümmert euch um den Rest.“
Sie wartete seine Antwort nicht ab. Es war nicht nötig. Entschlossen stapfte sie voran, der Hammer schwer in der Hand, das Gewicht der Verantwortung auf ihren Schultern. Leichen krachten unter ihren Tritten zusammen, als sie sich ihren Weg bahnte – direkt auf Sebastian zu.
Doch kurz bevor sie ihn erreichte, geschah etwas Unerwartetes: Die Toten zogen sich zurück. Nicht in Panik. Nicht im Chaos. Mit unheimlicher Disziplin wichen sie zur Seite, wie ein dunkles Meer, das Platz machte. Sie bildeten einen Kreis. Ein Ring aus Stille und Tod – für sie. Für ihn. Für das, was nun kommen sollte.
Ein Duell.
Franca blieb stehen, die Finger zitterten leicht, doch ihr Blick war klar. In ihrem Kopf loderte nur eine einzige, brennende Frage:
Wie besiegt man einen Gegner, der jede Bewegung kennt, noch bevor man sie ausführt? Der jeden Angriff, jede Taktik, jedes Zögern bereits gesehen hat – vielleicht tausend Mal?
Wie tötet man jemanden, der niemals verliert?
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Zwei Mal noch.
Nur zwei Male konnte Franca mit Gendihr die Gesetze der Natur, die Regeln der arkanen Welt, durchbrechen – sie umgehen, überschreiben, missachten. Zwei Ausnahmen, zwei Möglichkeiten, das Unmögliche zu tun. Danach war Schluss. Dann war sie wieder an Zeit, Raum und Realität gebunden wie jeder andere.
Aber würde das reichen? Würde selbst das gegen ihn genügen – gegen einen Mann, der vielleicht nicht nur jeden Schlag vorhersehen konnte, sondern sich jede Möglichkeit zurechtlegte, als wäre sie ein Werkzeug?
Nein. Sie durfte ihn nicht direkt besiegen wollen. Sie musste ihn binden. Zeit gewinnen.
„Eure Hoheit“, rief sie ihm zu, bemüht um einen ruhigen, gefassten Ton, während in ihr alles schrie. „Man sagte mir, Ihr wäret gefangen genommen worden. Was also führt Euch ausgerechnet hierher, auf dieses blutige Schlachtfeld?“
Der junge Mann, der einst Sebastian war, erwiderte ihren Blick – kalt, ruhig, leer. „Hoheit?“ fragte er leise, fast belustigt. „Mein Name ist Jester. Ich kämpfe auf Befehl von Meister Varon.“
Jester. Also sprach er. Also dachte er. Also lebte er. Zumindest teilweise. Ein Gespräch war möglich – aber was bedeutete das? Hatte er seine Identität wirklich verloren? Oder war sie verdrängt worden? Und falls ja – durch Magie? Oder durch Überzeugung?
Franca konnte sich keine Antwort geben. Denn plötzlich war da etwas – eine Bewegung hinter ihr, zu schnell, zu lautlos, zu nah. Ein Luftzug, scharf wie eine Warnung. Eine Klinge, die sich ihr näherte, mit tödlicher Präzision.
Ohne zu zögern, ohne einen klaren Gedanken zu fassen, ließ sie Gendihrs Kraft durch sich fließen. „SONNENBLITZ!“ schrie sie mit aller Kraft, die sie hatte, und ihre Stimme zerriss den Schlachtlärm wie ein Donnerschlag.
Gendihr glühte auf, so hell, dass selbst die Sonne für einen Moment wie ein schwaches Licht erschien. Dann brach der Zauber los – ein kreisrunder Lichtstrahl, sengend, alles verbrennend, was sich ihm näherte.
Tote verdampften im Bruchteil einer Sekunde. Knochen zerplatzten, Rüstungen schmolzen, Schatten flohen. Jester sprang geistesgegenwärtig zurück, das Licht reflektierte in seinen grauen Augen. Und auch der Angreifer hinter ihr – wer immer es gewesen war – wich mit einem Satz zurück, zu schnell für einen normalen Menschen.
Franca selbst blieb unverletzt. Die Magie erkannte sie, schützte sie. Noch.
Langsam, mit festem Griff um den Hammer, drehte sie sich um.
Da stand sie – eine Frau, geschmeidig, mit dunkler, schattenartiger Haut und funkelnden, dunklen Augen. Eine Schattenläuferin. Und wie Jester war sie seltsam. Nicht tot, nicht lebendig. Irgendetwas dazwischen. Gebunden. Verändert.
Franca fluchte leise. Ihr Blick wanderte zwischen den beiden hin und her. Sie war umzingelt.
War das der Moment für ihren letzten Trumpf?
Wenn dieser nicht wirkte, blieb ihr nur noch ihre rohe Kampfkraft – und so gut sie auch war, gegen zwei Gegner dieser Art, ohne Gendihrs volle Macht, hatte sie keine realistische Chance.
Ihre Augen glitten unaufhörlich zwischen den beiden hin und her, suchten nach einer Lücke, einem Fehler, einem Atemzug zu viel.
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Gleichzeitig setzten sie zum Angriff an – Jester von vorn, die Schattenläuferin aus der Flanke. Eine perfekte Koordination, wie einstudiert. Franca spürte den kalten Hauch des Todes näherkommen.
Sie duckte sich blitzschnell unter dem sichelartigen Hieb der Schattenläuferin hinweg, spürte die Luft über ihrem Kopf vibrieren, und trat im selben Moment mit aller Kraft gegen Jester. Ihr Stiefel traf ihn an der Seite – ein satter Aufprall. Er wurde mehrere Meter zurückgeschleudert, schlug hart auf und rutschte noch ein Stück über den gefrorenen Boden.
Franca rollte sich zur Seite, kam wieder auf die Beine und schnappte kurz nach Luft. Ihr Blick schnellte zu Jester. Er bewegte sich langsam, aber er lebte.
Warum hatte ihr Tritt getroffen? Warum war der Angriff nicht vorhergesehen worden? Hatten die Berichte übertrieben? Unwahrscheinlich. Sie hatte selbst gesehen, wie Jester auf dem Schlachtfeld kämpfte – präzise, effizient, nahezu unbesiegbar. Alles an ihm war durchdacht, jeder Schritt saß, jeder Schlag hatte Gewicht.
Was war also anders?
Er war immer allen Angriffen ausgewichen, nicht nur den tödlichen. Und sein Kampfstil? Zu perfekt. Zu sauber. Da kam ihr ein beunruhigender Gedanke.
Was, wenn er nur dann seine Zeitmagie aktivieren konnte, wenn er starb?
Ein bloßer Angriff, eine bloße Wunde – das würde nicht reichen. Im Gegenteil: Wenn er verletzt war, konnte er sich vielleicht selbst das Leben nehmen, um den nächsten Durchlauf zu starten. Sie durfte ihm diesen Ausweg nicht lassen. Sie musste ihn ausschalten – ohne ihm Gelegenheit zur Reaktion zu geben.
Ihre Finger umklammerten den Griff von Gendihr fester. Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. Jetzt.
„LUFTSCHLOSS!“ brüllte sie, und der Hammer pulsierte in ihrer Hand.
Eine unsichtbare Welle aus komprimierter Luft entlud sich mit ohrenbetäubendem Zischen, raste direkt auf Jester zu – zu schnell, um ihr auszuweichen, zu schnell für jede Reaktion.
Jester versuchte es trotzdem. Er rollte sich seitlich ab – elegant, geübt – doch die Welle traf ihn trotzdem mit voller Wucht. Wie ein Spielzeug aus Stoff wurde er vom Boden gerissen, katapultiert, erst in die Höhe, dann immer höher, immer weiter. Seine Silhouette wurde kleiner, verlor sich in den grauen Wolken, bis er ganz verschwand.
Franca hielt den Atem an.
War er tot?
Nein. Wenn sie es richtig einschätzte, war er nur bewusstlos. Seine Magie reagierte auf das Ende – nicht auf das Schweben dazwischen. Er war jetzt irgendwo zwischen Leben und Tod gefangen. Und genau das war ihre Chance.
Kaum hatte sie sich umgewandt, richtete sie den Blick auf die Schattenläuferin, bereit, ihren nächsten Angriff abzuwehren.
Doch dieser kam nicht. Stattdessen sah sie, wie die Frau davonrannte – rasch, lautlos. Sie hastete den schneebedeckten Hang eines Hügels hinauf, mit der Eleganz eines Tieres, das in seiner Umgebung geboren worden war. Und dann – kletterte sie auf einen Baum.
Verdammt.
Franca fluchte heftig. Sie wusste, was die Schattenläuferin vorhatte. Sie wollte Jester abfangen. Ihn retten. Verhindern, dass der Sturz seine Kräfte ausschaltete oder seinen Zustand endgültig machte. Wahrscheinlich war er jetzt wehrlos. Bewusstlos. Und ohne aktiven Einfluss auf seine Fähigkeiten.
Franca setzte zum Sprint an, versuchte, ihr zu folgen – doch kaum hatte sie den ersten Schritt gemacht, bebte der Boden unter ihren Füßen. Die Untoten griffen sie wieder an. Hunderte. Vielleicht tausende. Sie brandeten über sie herein wie eine Flut aus Knochen und Blut.
Sie hatte die Schattenläuferin aus den Augen verloren.
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Hunderte Gegner hatte Franca bereits niedergestreckt. Ihre Bewegungen hatten vernichtet wie ein Sturm aus Stahl und Entschlossenheit, hatten Knochen zerschmettert, Rüstungen gespalten, untote Körper zerfetzt. Doch es war, als würde der Boden selbst neue Leiber ausspucken. Immer mehr, immer näher. Kein Ende in Sicht.
Und über all dem schwebte die unausweichliche Uhr: Jester würde bald wieder fallen. Aus den Wolken, aus dem Himmel, zurück in die Realität. Wenn die Schattenläuferin ihn auffing – und alles sprach dafür, dass sie genau das versuchen würde – dann würde er nicht lange brauchen. Dann wäre er wieder kampffähig.
Franca spürte, wie ihre Muskeln langsamer wurden. Nicht abrupt, sondern schleichend. Die Sehnen in ihren Armen brannten, der Atem ging schwer. Sie war noch nicht am Ende – aber sie näherte sich ihm.
„Verdammt“, knurrte sie und versuchte, sich freizukämpfen. Jeder Schritt kostete Überwindung, jeder Schlag mehr Konzentration, als sie entbehren konnte. Wo war Francesco di Lorenzo? Wo waren die anderen Soldaten? Waren sie gefallen? Hielten sie stand? Oder war sie die letzte, die noch hier kämpfte?
Allein inmitten von Tod?
Mit einem wütenden Schrei begann sie, Gendihr kreisen zu lassen – ein rotierender Wirbel aus Stahl und Magie, der Leiber zerschmetterte und eine Schneise in die Übermacht schnitt. Knochen barsten, Schädel zerbrachen wie Porzellan. Doch dann geschah es.
Ein falscher Schritt.
Ein Moment der Schwäche.
Sie stolperte.
Nicht weit, nicht tief. Doch es reichte. Die Präzision war weg. Der Schwung brach. Der Hammer glitt ihr aus den Händen, rutschte über den Boden, schlitterte meterweit fort und blieb reglos liegen – viel zu weit entfernt.
Dann kam der Schmerz. Hart. Plötzlich. Unerbittlich.
Ein Schwert hatte sie getroffen – tief in die linke Schulter gerammt, der Stahl hatte Fleisch und Knochen durchdrungen, wie ein brennender Dorn. Blut trat hervor, warm und erschreckend real, rann an ihrem Arm entlang, tränkte den Stoff.
Franca keuchte, sackte leicht zusammen. Der Schmerz lähmte sie nicht, aber er zwang sie zum Stillstand. Und in diesem Moment fragte sie sich:
War das das Ende?
War das der Ort, an dem sie sterben würde?
Sie hatte doch noch etwas beweisen wollen – ihrer Familie, dem Adel, sich selbst. Dass sie mehr war als nur ein Name. Dass sie ihren Platz unter den Hochgeborenen verdient hatte. Auch wenn sie nicht die eine Pflicht erfüllen konnte, die man von ihr erwartete: Kinder gebären. Eine Erbin sein.
,,Verdammt…’’
Das Wort kam heiser über ihre Lippen, mehr ein Ausatmen als ein Fluch. Doch in seinem Klang lag alles, was sie noch hatte: Wut. Stolz. Trotz.
Und irgendwo, tief in ihr, eine letzte Glut Hoffnung.



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