Kapitel 192 - Ein letzter Preis
- empirewebnovel
- 14. Juni 2025
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„Lass dich fallen!“ schrie Cyntha gegen den Sturm aus Wind und Asche.
Zorda reagierte sofort. Ohne zu zögern, ohne ein Bruchteil einer Sekunde zu verlieren, klappte der Drache seine gewaltigen Schwingen ein – und stürzte. Sein massiger Körper fiel wie ein Stein, mehrere Dutzend Meter in die Tiefe, durchbrach eine Wolkendecke aus Rauch und Glut. In dem Moment, in dem seine Schuppenlinie die Sicht verließ, schnappte das Maul des anderen Drachen dort zu, wo sie gerade noch geflogen waren. Nur ein bisschen später – und sie wären zerrissen worden.
Cyntha rang nach Atem. Der Widerstand der Luft auf ihrer Haut brannte, doch sie hielt sich fest im Sattel. Sie warf einen Blick über die Schulter, spähte zurück. Ihre Gedanken rasten.
„Ich muss irgendwie über ihn kommen“, schoss es ihr durch den Kopf.
Und dann, während sie das tödliche Schauspiel betrachtete, wurde ihr klar, was sie ohnehin längst hätte wissen müssen. Sie erkannte den Drachen, auf dem Varon ritt.
Der Urdrache Jade.
Ein uraltes Wesen von erschütternder Macht. Schwarze Schuppen, glatt wie Onyx, widerstanden allem: Pfeilen, Schwertern, selbst hochrangiger Magie. Kein Zauber drang durch. Kein Feuer entzündete ihn. Nicht einmal das anderer Drachen. Dieser Jade war nicht nur das Reittier Varons – er war ein Bollwerk.
Und das bedeutete: Fernkampf war sinnlos.
Nur im Nahkampf ließ sich ein Wesen wie Jade verwunden. Wenn überhaupt. Cyntha wusste das – und sie wusste ebenso gut, dass Zorda, so mächtig er auch war, in einem Nahkampf gegen einen Urdrachen keine Überlebenschance hatte.
Ein Grollen ließ die Luft vibrieren. Jades Maul öffnete sich weit, weiter als es natürlich wirkte. In seinem Rachen sammelte sich Licht – flackernd, zuckend, ein gleißender Kern aus reiner Hitze. Eine Feuerkugel formte sich aus purer Zerstörungswut.
Cyntha sog scharf die Luft ein. Sie hatte keine Zeit. Keine Wahl.
„Verzeih mir, Zorda!“ rief sie, laut, voller Schmerz. Nicht, weil sie glaubte, dass er es ihr übel nehmen würde – das wusste sie besser. Sondern weil sie es sich selbst nie ganz verzeihen konnte.
Sie schloss die Augen. Die Welt um sie herum wurde still. Die tosenden Winde, das Donnern der Drachen, selbst das tiefe Grollen von Jades Zauber verstummte in ihrem Geist. Nur ein einziger Gedanke blieb.
Und ein Schwur, den sie einst geleistet hatte – ein Schwur, den sie brechen musste.
„Drache, gebunden durch meinen Willen“, sprach sie in Gedanken, ihre Lippen bewegten sich kaum, doch die Worte hallten wie ein Urteil, uralt und unausweichlich, „werde eins mit mir!“
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Cyntha drang mit ihrem Geist in den von Zorda ein – ein Eindringen, das weder sanft noch natürlich war. Es war ein Akt der Dominanz, ein Aufzwingen ihres Willens, gegen jede Grenze, die zwischen Mensch und Drache existierte. Zorda wehrte sich nicht. Doch das machte es nicht weniger grausam.
Es war eine verbotene Technik. Eine Technik, die ihr Zorda selbst beigebracht hatte – aus Vertrauen. Aus Liebe vielleicht.
Der Drachenbund.
Bei diesem uralten Ritual übernahm ein Sterblicher die volle Kontrolle über einen gebundenen Drachen. Körper, Sinne, Kraft – alles wurde verschmolzen. Für den Drachen bedeutete es, seine Selbstständigkeit zu verlieren. Für den Reiter bedeutete es, über sich hinauszuwachsen.
Doch der Preis war hoch.
Der Drachenbund vervielfachte die Macht des Drachen – aber er fraß seine Lebenszeit wie Feuer trockenes Holz. Zorda hatte nach dem ersten Bund zwei volle Jahre nicht fliegen können. Damals hatte sie die Technik über sechs Stunden aufrechterhalten. Ein ewiger Moment aus heutiger Sicht.
Heute würde sie es kurz halten. Wenige Minuten. Vielleicht nur Sekunden. Vielleicht… würde er es verkraften.
,,Mach dir keinen Vorwurf, Cyntha.’’
Zordas Stimme war warm, vertraut – so klar, als würde er neben ihr sprechen. Dann verstummte sie. Ein letzter Gedanke, ein letzter Trost, bevor seine Präsenz in ihrem Geist verblasste.
Cyntha öffnete die Augen.
Und sie war nicht mehr nur Cyntha. Sie war mehr.
Sie war Schuppen und Klauen, Flügel und Feuer, Verstand und Instinkt zugleich. Die Kraft, die durch ihre Adern pulsierte, war überwältigend. Ihr Blick schärfte sich, ihre Bewegungen wurden präzise. Ihre mächtigen Pranken schnitten durch die Luft, die Schwingen trugen sie mit einer Leichtigkeit, die sie kaum fassen konnte.
Ohne Zögern nahm sie Fahrt auf. Im Zickzack stieg sie höher und höher, riss durch die Luft wie ein Pfeil auf der Suche nach dem Herz des Feindes. Die Hitze von Jades Feuer zerrte an ihr, sengend, lähmend. Aber sie zwang sich, den Schmerz zu ignorieren. Jede Faser ihres Körpers brannte – und doch flog sie weiter.
Sie musste. Es gab keinen Rückweg mehr.
Erst als das Lodern hinter ihr abflaute, wagte sie es, sich umzudrehen. Der Feuerstrahl war versiegt, die glühende Luft flackerte nur noch in schwachen Zungen.
Jetzt schwebte sie in der Luft, gut fünfzig Meter von Jade entfernt.
Ihr Blick fokussierte ihn. Der Schwarze Urdrachen hatte den Kopf leicht gesenkt, seine Brust hob und senkte sich schwer. Einen Wimpernschlag lang sah er… erschöpft aus.
Cyntha runzelte innerlich die Stirn. Urdrachen sollten keine Erschöpfung zeigen. Kaum ein Wesen dieser Welt – abgesehen von Monstern wie Yang – sollte sie je in die Knie zwingen können. Und doch… Jade wirkte geschwächt.
„Egal“, dachte Cyntha. Jetzt war nicht der Moment für Fragen.
Sie öffnete ihr Maul – und das Feuer sammelte sich. Es zischte, vibrierte, formte sich zu einer Säule aus Wut und Hitze. Doch sie stoppte. Kurz vor dem Ausbruch ließ sie die Temperatur sinken, zwang die Flamme in sich selbst zurück, bis sie nicht mehr brannte, sondern rauchte.
Dampf stieg auf – dichter, heißer Nebel, der ihr Sichtfeld und das Jades verschlang.
Mit kräftigen Flügelschlägen fächerte sie den Dampf gezielt zwischen sich und den Urdrachen, versteckte ihre Position, dann zog sie ruckartig nach oben – höher, schneller, aus dem Sichtfeld.
Sie zählte innerlich.
Eins.
Zwei.
Drei.
Dann drehte sie sich in der Luft, legte die Schwingen eng an den Körper und ließ sich fallen – ein Sturzflug, so schnell und präzise wie ein gezielter Dolchstoß aus dem Himmel.
Und Jade? Er begann sich zu regen.
Zu spät.
Cyntha war bereits unterwegs.
Wie ein Blitz aus Schuppen, Wille und Gewalt – direkt auf ihn zu.
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Cyntha wurde in Alkyre geboren – der legendären Stadt der Sonnensänger, hoch oben auf dem Rücken des Urtitanen Glike, der unermüdlich durch die Himmelsweiten zog. Ein Ort voller Licht, Musik und makelloser Schönheit. Die Gebäude glänzten wie aus geschliffenem Glas, der Himmel über ihnen war nie wolkenverhangen, und selbst die Schatten wirkten dort golden.
Wie die meisten Sonnensänger war auch Cyntha von strahlender Anmut. Ihre Haut war blass, fast durchscheinend, als wäre sie aus Marmor gehauen – von Sonne und Licht gleichermaßen geküsst. Doch in einem Punkt unterschied sie sich von allen anderen.
Ihr Haar war nicht das typische, fast schon heilige Wasserstoffblond der Sonnensänger. Es war lila.
Nicht nur ein sanftes Violett, sondern ein tiefes, leuchtendes, kaum irdisch wirkendes Lila – wie das Licht der letzten Dämmerung vor dem Beginn der Nacht.
Und doch – sie wurde nicht gemieden. Sie wurde nicht verspottet. Nicht verstoßen.
Denn so etwas gab es nicht in Alkyre. Die Kultur der Sonnensänger kannte keinen offenen Spott, kein Ausgrenzen, keinen Hass. Zumindest nicht auf den ersten Blick.
Cyntha wurde stattdessen bewundert. Vergöttert. Umjubelt.
„Du bist etwas ganz Besonderes, Cyntha.“
„Deine Schönheit überstrahlt alles, was wir je gesehen haben!“
„Du solltest uns anführen. Wir lieben dich.“
Es waren Worte, die andere mit Stolz erfüllt hätten. Doch Cyntha hasste sie.
Sie hasste, dass sich die Straßen wie von selbst öffneten, wenn sie hindurchging – nicht aus Respekt, sondern aus Unterwerfung. Als wäre sie unantastbar.
Sie hasste, dass jede Begegnung in schmeichelnden Worten erstickte – keine ehrliche Meinung, kein Widerspruch, nur Huldigung.
Sie hasste, dass ihre Fehler unbeachtet blieben – nie wurde sie getadelt, nie zur Rechenschaft gezogen. Es war, als würde sie gar keine Schwächen haben. Als wäre sie zu hoch, um zu fallen.
Und genau darin lag das Gift.
Es war keine Freiheit. Es war ein trügerisches Paradies. Kein Mensch – oder Sonnensänger – konnte wachsen, wenn er nie mit Widerstand konfrontiert wurde. Wenn niemand ihm sagte: „Du liegst falsch.“
Cyntha erkannte es früh. Und sie entschloss sich, dem zu entkommen.
Sie würde Glike verlassen – den schwebenden Urtitan, dessen mächtiger Rücken Alkyre über den Kontinenten trug, fern von Leid, fern von Wirklichkeit.
Sie würde hinabsteigen – in die Welt unter dem Licht.
Dorthin, wo sie keine Göttin war.
Sondern nur eine Sonnensängerin.
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Es dauerte nur wenige Sekunden – dann kam der Aufprall.
Mit einem ohrenbetäubenden Krachen trafen die beiden Drachen in der Luft aufeinander. Schuppen splitterten, Wind barst auseinander, und inmitten des Chaos vergrub Cyntha ihre Zähne in Jades Nacken – dort, wo die Schuppen am dünnsten waren. Es war ein Akt roher Gewalt, instinktiv, unaufhaltsam.
In diesem Moment löste sie den Drachenbund. Der Riss in ihrem Geist war scharf und kalt – ein schmerzhafter Schnitt durch das Band, das sie und Zorda verbunden hatte.
Dann war sie wieder sie selbst.
Ihr Körper schien plötzlich fremd, schwer und klein im Vergleich zur Macht, die sie eben gespürt hatte. Doch sie hielt sich fest. Zorda war noch unter ihr – taumelnd, keuchend, aber fliegend. Er lebte. Und er trug sie.
Sie sah zu ihm. Sein linker Flügel zuckte schwach, und sein rechter hatte Risse in der Membran. Er war erschöpft, an der Grenze des Zusammenbruchs. Aber er kämpfte noch.
„Du bist unglaublich!“ murmelte sie. Dann zog sie ihr Schwert.
Mit einem kräftigen Satz sprang sie von Zorda ab, landete auf dem gewaltigen Rücken Jades. Die Schuppen unter ihren Füßen waren glitschig, von Blut und Mana getränkt, doch sie hielt das Gleichgewicht.
Dort war er.
Varon.
Er hatte sich zwischen zwei Schuppenplatten verkeilt, seine Hände tief hineingegraben wie Klauen. Seine Haltung war angespannt, sein Blick leer. Und jetzt, da sie ihm so nahe war, sah sie es deutlich: Er war verändert.
Seine Haut war von violetten Linien durchzogen – dünne, pulsierende Stränge, als würde etwas in ihm fließen, das nicht hineingehörte. Zu Beginn des Kampfes hatte er gesund gewirkt, mächtig, beinahe unantastbar. Doch jetzt wirkte er… verwüstet.
Lag es an dem Zauber, den er entfesselt hatte?
Oder war es der Drachenbund, den sie genutzt hatte? Hatte ihre Magie ihn verletzt? Oder hatte sie etwas geweckt?
„Was ist denn mit dir passiert!?“ rief sie ihm zu, mit einem schiefen Grinsen, das mehr Trotz als Spott war.
Varon hob mühsam den Kopf. Seine Augen lagen tief in den Höhlen, sein Atem ging stoßweise. Er wirkte, als würde allein das Atmen ihn Kraft kosten.
Langsam hob er die Hand – zitternd.
Vor ihm entstand ein Umriss, blass und flackernd – ein Soldat, wie aus Nebel und Asche geformt. Ein Toter. Aber nicht vollständig. Irgendetwas fehlte. Sein Gesicht war undeutlich, sein Körper wirkte zerbrochen. Als hätte Varon nicht genug Kraft, ihn ganz zu formen.
Ein Schatten. Kein Krieger.
„Wenn du nicht reden willst!“ rief Cyntha, während sie die Klinge hob. „Dann werde ich dich eben hier und jetzt umbringen!“
Und mit einem Schrei, der all ihren Zorn, all ihre Erschöpfung und all ihren Mut vereinte, stürzte sie nach vorne – über den Rücken des Urdrachen hinweg, direkt auf Varon zu.
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Das Schwert – geschärft mit der Magie der Kopfgeldjägerin, getränkt mit Willen, Wut und uralter Kraft – drang tief in Varons Brust ein. Genau dort, wo einst sein Herz geschlagen hatte, ehe es dem Opfer für seine dunkle Macht zum Opfer gefallen war.
Aber er starb nicht sofort.
Sein Körper zuckte, sein Mund verzog sich zu einem tonlosen Aufschrei. Doch nicht das Schwert raubte ihm die Kraft. Nicht die Wunde, die ihm das Fleisch spaltete und das Blut herausquellen ließ.
Es war der Fluch.
„Scheiße… Scheiße… Scheiße…“ hallte es in seinem Kopf wider, grell und schrill wie ein splitternder Gong.
Er hatte einen Fehler gemacht. Einen gewaltigen.
Er hatte Barathila unterschätzt – die Fluchhexe, die er in Randurin getroffen hatte. Er hatte geglaubt, er könne sie benutzen, wie er so viele andere benutzt hatte. Dass er ihr etwas nehmen könnte, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.
Er war ein Narr gewesen.
Wieder hörte er die Worte, die sie ihm einst ins Gesicht geschleudert hatte – an jenem kalten, faulig riechenden Tag vor fast zwei Monaten, in der zerfallenen Hütte der Hexe:
,,Uralte Fluchkraft, nimm meinen Geist als Opfer. Ich verfluche den Mann, der mir mein Leben entrissen hat. Sein Name ist Varon — und er wird einen grausamen Tod sterben.’’
Damals hatte er nach einem kurzen Moment des Schocks gelacht. Jetzt war ihm nicht mehr danach.
„Du lebst ja immer noch!“ rief die Kopfgeldjägerin, beinahe erstaunt, beinahe spöttisch. Wie gerne hätte er sie zu seinen Sammlungen gezählt – sie und ihren Drachen, konserviert, gebunden, Teil seines Vermächtnisses.
Doch er spürte, wie sie ihn verließen.
Die Kontrolle.
Die Macht.
Die Stränge, mit denen er die Toten geführt hatte, rissen. Einer nach dem anderen. Und dann plötzlich – alles auf einmal. Ein scharfes Zucken durch seinen Geist, als würde ihm jemand das Rückgrat entreißen. Die Verbindung brach.
Jade, der uralte Drache, zerfiel unter ihren Füßen zu Staub. Einfach so. Keine Explosion. Kein Zucken. Nur Asche im Wind.
Gemeinsam mit der Kopfgeldjägerin fiel er.
„Ahh... ich hätte so gerne noch mehr an der Nekromantie geforscht...“ murmelte er. Die Worte entglitten ihm, kamen über seine Lippen wie letzter Atem. Dann schlug er auf.
Der Aufprall war brutal. Seine Knochen zersplitterten. Seine Haut riss in langen, blutenden Bahnen. Etwas knackte tief in ihm – vielleicht seine Wirbelsäule. Vielleicht sein Stolz.
Er hätte sterben müssen. Doch er wollte nicht.
Er sammelte alles, was ihm an Mana geblieben war, hielt sich mit verzweifelter Magie am Leben – ein Fetzen von Existenz, zusammengehalten durch bloßen Willen.
Sein verbliebenes Auge flackerte offen. Es sah, wie der Drache Zorda langsam zur Erde glitt, die Kopfgeldjägerin auf seinem Rücken – lebend, bewusst. Sie hatte überlebt.
Natürlich.
Plötzlich spürte er eine Bewegung. Hände packten ihn. Sein Blick drehte sich. Er lag nun auf dem Rücken.
Jakira.
„Ja…ki…ra…“ flüsterte er, jede Silbe ein Raub an Kraft, ein Schnitt durch seine Seele.
Neben ihr stand Jester. Beide starrten auf ihn herab – seine Kreationen. Seine Schöpfungen. Perfekt. Mächtig. Treu.
Und doch... sie halfen ihm nicht.
„Dass du uns so lange kontrolliert und manipuliert hast...“ sagte Jakira mit zitternder Stimme.
Jester schwieg. Sein Blick war kalt. Mitleidlos.
Warum? Varon verstand es nicht. Hatte er sie nicht mit Sorgfalt behandelt? Mit Respekt? Mit... Liebe?
Jakira zog einen Dolch aus ihrem Gürtel. Die Klinge war schlicht, aber scharf – wie ihr Blick.
„Das ist für das, was du Liam und mir angetan hast.“
Dann stach sie zu.



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