Kapitel 193 - Wolkengrab
- empirewebnovel
- 14. Juni 2025
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Franca erwartete die Klingen. Erwartete das Aufspießen, das Zerreißen ihres Körpers. Erwartete das kalte, endgültige Ende. Auch wenn sie sich wehrte, auch wenn ihr Verstand es nicht akzeptieren wollte – ihr Körper hatte sich längst darauf eingestellt zu sterben.
Und dann. Plötzlich.
Stille.
Nicht der Schlag einer Waffe. Kein Rufen. Kein Stöhnen. Kein Klirren von Knochen. Nur das Heulen des Windes in der Ferne.
Langsam, zögernd, öffnete Franca die Augen.
Und sah – nichts.
Nur Schnee.
Was war passiert?
Langsam, mit schmerzverzerrtem Gesicht, rappelte sie sich auf. Ihre Glieder fühlten sich schwer an, ihr Blut war kalt, die Schulter pochte unter der Wunde, als hätte sich ein glühender Nagel in sie gebohrt. Doch sie ignorierte es. Sie zwang sich aufzustehen und blickte sich um.
Kein einziger von Varons Toten war mehr da.
Nicht einer.
Der Schlachtfeld war leergefegt – so still, dass es beinahe heilig wirkte.
Hatte Cyntha es geschafft? Hatte sie Varon besiegt?
Franca konnte nicht anders, als Ehrfurcht zu empfinden. Ihr eigentlicher Plan war gewesen, Varon gemeinsam mit Cyntha in den Nahkampf zu zwingen, ihn mit vereinter Kraft zu überwältigen. Doch Cyntha hatte es allein getan. Sie hatte sich dem Feind gestellt – und ihn zu Fall gebracht.
Allein.
Langsam, mit schleppenden Schritten, ging Franca in die Richtung, in der sie sich von Francesco di Lorenzo getrennt hatte. Die Fußspuren im Schnee waren fast verweht, der Wind hatte die Spuren der Schlacht bereits begonnen zu verschlingen.
Dann blieb sie stehen.
Francesco di Lorenzo.
Der Schwertdämon.
Er lag regungslos im Schnee, die Hände noch immer um sein Schwert gekrallt. Die Augen starrten leer gen Himmel. Neben ihm – Hunderte, Tausende – die Männer und Frauen der fünften Armee.
Alle tot. Franca stand da. Allein.
Niemand hatte überlebt. Niemand außer ihr. Einhunderttausend Soldaten. Vernichtet.
Ihr Atem ging stoßweise. Scharfer Wind biss in ihr Gesicht, doch sie spürte es kaum. Dieser Sieg – wenn man es überhaupt so nennen konnte – würde ihr keinen Ruhm bringen. Auch Cyntha nicht.
Im Gegenteil.
Der Kaisersprech, die größte und einflussreichste Zeitung des Reiches, würde sie zerreißen. Die Schlagzeilen waren schon jetzt vorhersehbar. Man würde ihre Familie in den Dreck ziehen. Ihre Mutter, ihre verstorbene Schwester, ihren Vater – alle würden in ihrem Schatten stehen, obwohl sie nichts getan hatten.
Franca biss sich auf die Lippen. Hart. Erst als sie das warme Blut spürte, das über ihr Kinn rann, zwang sie sich, den Blick zu heben.
Nach Norden. Dort musste Cyntha sein. Wenn noch mehr Rebellen kamen – und sie würden kommen, das wusste sie – wäre sie fast schutzlos. Sie musste zu Cyntha. Jetzt.
Langsam schleppte sie sich zu Gendihr, der noch immer dort lag, halb von Schnee bedeckt, wo sie ihn verloren hatte. Mit letzter Kraft hob sie den Hammer auf, band ihn sich mit zitternden Händen auf den Rücken. Jeder Handgriff schmerzte, jeder Atemzug brannte.
Es war mittlerweile Abend geworden. Der Himmel war grau, düster, voller Vorzeichen eines kommenden Sturms. Die meisten Leichen waren schon vom Schnee bedeckt. Bald würde es aussehen, als hätte es nie eine Schlacht gegeben.
Nur der Wind erinnerte noch an den Tod.
Er heulte kalt über das weiße Land hinweg, und Franca spürte, wie die Kälte in ihre Knochen kroch. Sie wollte losgehen. Doch dann – erstarrte sie.
Etwas war da.
Eine Präsenz.
Nicht sichtbar. Nicht hörbar. Aber spürbar. Wie ein Gewicht auf der Brust, wie eine Hand an der Kehle. Ihre Sinne schrien Alarm, ihr Instinkt zog sich zusammen wie ein verletztes Tier.
Es war nicht wie die Toten. Nicht wie Varon.
Es war... anders.
Eine Aura. Dicht, erdrückend, schwer.
Ähnlich wie bei Yang. Doch während Yangs Präsenz gewaltig und ehrfurchtgebietend war, war diese…
Rein böse.
Ein Abgrund ohne Boden. Und er näherte sich.
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Cyntha stöhnte leise, als sie sich unter Schmerzen aufrichtete. Ihre Glieder fühlten sich taub an, jeder Muskel brannte. Der Kampf hatte ihr mehr abverlangt, als sie sich eingestehen wollte. Doch sie lebte.
Neben ihr lag Zorda im Schnee. Sein gewaltiger Körper hob und senkte sich schwer, dampfender Atem stieg aus seinen Nüstern. Blut sickerte aus mehreren Rissen in seinen Schuppen, aber er atmete. Er war bei Bewusstsein. Und das war mehr, als sie sich nach dem Drachenbund zu hoffen gewagt hatte.
Sie hatte gewonnen. Varon war tot.
Mit seinem Tod waren unzählige Seelen befreit worden – Schatten, die er an sich gebunden hatte. Namenlose Tode, Gefangene seiner Nekromantie, deren Willen verdreht worden war. Auch Jade, der Urdrache, war nun frei. Endlich konnte auch er in jenen Frieden sinken, der ihm so lange verweigert worden war.
Doch die Bilder verließen Cyntha nicht. Diese violetten Linien auf Varons Haut – Adern aus Magie, aus Fäulnis, aus etwas, das kein Mensch tragen sollte. Was war das gewesen? Was hatte sich da in seinem Innersten eingenistet?
,,Das hast du gut gemacht, meine Cyntha.’’
Die Stimme von Zorda in ihrem Geist klang erschöpft, aber ruhig. Warm. Und sie beruhigte sie auf eine Weise, die keine Worte je erreicht hätten. Sie wusste, was es ihn gekostet hatte – und trotzdem sprach er mit Sanftmut.
War sie rechtzeitig gewesen? Hatte Franca überlebt?
Wie viele der Soldaten, die sie zu beschützen geschworen hatte, waren noch am Leben? Fragen, für die es keine Antworten gab. Noch nicht.
Cyntha streckte vorsichtig die Arme, zwang sich zur Bewegung. „Kannst du laufen, Zorda!?“ fragte sie, während sie ihren Blick über seine Verletzungen gleiten ließ.
„Es ist bei weitem nicht so schlimm wie letztes Mal“, antwortete er, und ein schwacher Hauch von Stolz schwang in seiner Stimme mit. „Gib mir eine Nacht. Dann kann ich wieder fliegen.“
Erleichterung durchströmte sie. Sie atmete tief durch, erlaubte sich einen Moment innerer Ruhe.
Für viele waren Drachen bloß Werkzeuge. Reittiere. Waffen. Bestien, die man bändigen oder auslöschen musste. Aber für Cyntha war das nie so gewesen.
Sie wusste es besser.
Drachen waren uralte, stolze Wesen – mit Verstand, mit Willen, mit Wissen, das älter war als jedes Buch, jede Bibliothek, jedes Reich. Sie waren nicht zum Gehorchen geschaffen, sondern zum Respektieren. Und gerade deshalb verachtete sie sich selbst dafür, dass sie Zorda zum Drachenbund gezwungen hatte.
Doch sie hatte keine Wahl gehabt.
Langsam setzte sie sich in Bewegung. Ihre Beine waren wacklig, doch sie bewegten sich. Und Zorda tat es ihr gleich. Er trottete neben ihr her – sein Gang schwer, aber bestimmt.
Ihr erstes Ziel war klar: Sie musste Franca finden. Die beiden mussten sich sammeln, Kräfte bündeln. Die Gefahr war noch nicht vorüber. Varon war gefallen, ja – und vermutlich war er der mächtigste Kämpfer im Schwarzen Stern gewesen.
Aber er war nicht der Mörder von Bunj.
Diese Tat gehörte jemand anderem. Jemandem, der noch lebte. Jemandem, den sie – gemeinsam mit Franca – im Auftrag von Yang zur Strecke bringen mussten.
„Lass uns erst einmal ein paar Tage—“ begann Cyntha, doch sie unterbrach sich selbst. Ihr Körper zuckte zusammen, als hätte sie ein unsichtbarer Schlag getroffen.
Etwas kam näher. Etwas Gewaltiges.
Eine Präsenz, so mächtig, dass sie das Blut in ihren Adern gefrieren ließ. Eine Aura, durchdringend wie kaltes Licht, so deutlich, dass selbst Zorda den Kopf hob und innehielt.
Es war nicht Varon. Nicht Jade.
Zuerst dachte Cyntha, es wäre Yang. Aber das war es nicht. Aber es war… ähnlich. So ähnlich, dass es ihr das Herz zusammenschnürte.
Fast wie die Präsenz ihrer Anführerin.
Cyntha spannte ihre Muskeln, griff instinktiv nach ihrem Bogen. Ihr Blick wanderte zum Horizont, über den verwehten Schnee, die leblosen Ebenen, doch noch war da nichts zu sehen.
Und trotzdem wusste sie:
Etwas kam.
Etwas Gefährliches.
Oder besser gesagt: Jemand.
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Wie lange saß Franca schon in der Kuhle, die sie sich in den Schnee gegraben hatte, als die Aura sie wie eine Mauer aus Gefahr und Macht getroffen hatte?
Sie wusste es nicht. Es konnten Sekunden gewesen sein – oder Stunden. Vielleicht war bereits die halbe Nacht vergangen. Die Kälte spürte sie kaum noch, ihr Körper hatte sich dem Zittern längst ergeben, nur ihr Geist hielt sich noch krampfhaft am Überlebenswillen fest.
Dann geschah es.
Ein Ruck ging durch ihren Körper, als eine plötzliche Welle von Energie sie durchströmte. Gendihr, der Runenhammer, vibrierte an ihrem Rücken. Sie spürte es deutlich: seine Magie hatte sich erneuert.
Drei Aufladungen. Es war Mitternacht.
Franca zwang sich auf die Beine. Ihr ganzer Körper fühlte sich an, als wäre er aus Stein. Doch das war egal. Sie musste zu Cyntha. Um jeden Preis. Ganz gleich, was diese Aura bedeutete, ganz gleich, was da kam.
Die Nacht war beinahe vollkommen schwarz, das Licht des Mondes schien matt und zögerlich durch dichte Wolken. Es hatte aufgehört zu schneien. Nur der Wind wehte in leisen, kalten Wellen über die weiten, weiß bedeckten Ebenen. Wenn hier nicht vor wenigen Stunden ein Massaker stattgefunden hätte, hätte der Ort beinahe friedlich gewirkt. Fast schön.
Franca schleppte sich voran, Schritt für Schritt, zäh, entschlossen. Ihre Muskeln schrien. Ihr verletzter Arm pochte. Doch dann – endlich – sah sie ihn.
Zorda.
Der Drache war unverkennbar. Massig. Verletzt, aber wachsam. Und daneben: Cyntha.
Erleichterung durchfuhr sie wie ein heißer Strom. Franca mobilisierte ihre letzten Reserven und rannte.
„Cyntha! Dir geht es gut!“ rief sie mit aufbrechender Stimme. „Was für ein Glück!“
Doch Cyntha antwortete nicht. Sie stand wie erstarrt. Erst als Franca sie an der Schulter berührte, zuckte sie leicht – und blickte langsam zu ihr.
Ihr Gesicht war grau vor Erschöpfung. Die Schultern hingen. Ihre Augen – sonst voller Leben – waren müde, leer.
„Franca? W… warum bist du hergekommen?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, brüchig wie dünnes Eis.
Franca runzelte die Stirn. Was meinte sie? Warum hätte sie nicht kommen sollen? Wegen der Aura?
„Was meinst du, Cyntha? Lass uns zurückziehen. Wir haben getan, was wir konnten.“
Doch Cyntha schüttelte den Kopf. Langsam. Schwer.
„Wir sind schon mittendrin“, sagte sie leise. „Die Aura wirkt wie ein Käfig. Wir kommen nicht mehr raus.“
Dann hob sie den Arm, zitternd, und deutete auf einen Punkt in der Ferne.
Ein Mann.
Etwa hundert, vielleicht zweihundert Meter entfernt. Er ging langsam. Sehr langsam. Als hätte er alle Zeit der Welt. Als wolle er sie spüren lassen, wie hilflos sie waren.
Franca folgte ihrem Blick – und sofort spürte sie es noch stärker. Die Aura kam von ihm.
Eindeutig. Eine Macht, die sich nicht wie ein Sturm anfühlte, sondern wie ein schleichendes Ersticken. Je näher er kam, desto schwerer wurde das Atmen. Als würde die Luft selbst gegen sie sein.
„Aber… warum kommt er nicht schneller her?“ fragte Franca, mit wachsender Beklemmung.
„Weil er weiß, dass wir ihm nicht entkommen“, antwortete Cyntha tonlos. „Und weil er weiß, dass wir mit jeder Minute in dieser Aura schwächer werden. Er spielt mit uns. Das ist der Krieger, der Bunj getötet hat. Ich spüre es. Und wenn das stimmt... dann sind wir ihm nicht gewachsen. Wir waren es nie. Selbst ohne den Kampf gegen Varon hätten wir keine Chance gehabt.“
Franca fühlte, wie sich ihre Kehle zuschnürte. Für einen Moment wollte sie fliehen. Für einen Moment wollte sie zusammenbrechen.
Aber dann tat sie etwas anderes. Sie griff nach Gendihr. Zog den Hammer vom Rücken. Spürte das Gewicht. Die vertraute Wärme der Magie.
Sie richtete ihn auf den nahenden Feind – die Hand fest, der Blick klar.
Und dann, voller Trotz, mit einem Mut, der keiner Logik folgte, sondern aus einem tieferen Quell kam, sprach sie mit fester Stimme:
„Und wenn schon.“
Ein Schritt nach vorn.
„Ich kämpfe trotzdem.“
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Der Mann war beinahe bei ihnen angekommen. Mit jedem Schritt, den er tat, schien die Luft schwerer zu werden, dichter, als würde sie von unsichtbaren Ketten gehalten. Und doch – Franca blieb stehen.
Sie zwang sich, standhaft zu bleiben. Die Aura presste auf ihre Glieder, schnürte ihr die Kehle zu. Doch Gendihr pulsierte an ihrer Seite, seine drei Ladungen schützten sie – nicht vollständig, aber genug. Genug, um zu kämpfen.
„Wenn du uns noch näher kommst, werde ich dich töten!“ rief sie ihm entgegen. Die Worte hallten kraftvoll in der Dunkelheit, doch sie wusste selbst, dass sie mehr sich selbst galten als ihm. Einschüchtern würde sie ihn nicht. Aber das war auch nicht ihr Ziel. Sie musste sich selbst daran erinnern, dass sie noch nicht aufgegeben hatte.
Der Mann trat schließlich zu ihnen. Sein Gesicht lag im Schatten eines tiefen, dunklen Umhangs. Kein einziger Zug war zu erkennen – nur eine Silhouette der Macht.
„Du kannst ja noch gerade stehen. Wie heißt du?“ fragte er mit ruhiger Stimme.
Franca antwortete nicht. Reden war Zeitverlust. Reden war Schwäche. Sie spürte, wie die Aura weiter an ihr nagte, wie ihre Gedanken begannen zu flackern.
Stattdessen griff sie an.
„FLAMMENSÄULE!“ schrie sie – und ließ Gendihr herniederfahren.
Ein gleißender Strom aus Feuer schoss in die Nacht. Die Luft selbst schien zu explodieren, als der magische Schlag sich entlud. Für einen Augenblick wurde die Nacht zum Tag, der Himmel flammte rot, und der Schnee um sie herum verdampfte mit zischendem Knacken. Hinter dem Mann verbrannte der Boden, schwarze Erde trat hervor, schwelend, dampfend.
Doch der Mann hob einfach die Hand.
Ein schwarzer Mantel aus Energie schlang sich um ihn – formte sich wie aus Schatten gewoben, dicht und undurchdringlich. Das Feuer tobte, brüllte, fauchte – und prallte einfach ab.
Als die Flammen sich legten, fiel der Mantel in sich zusammen. Der Mann stand unverändert. Nicht eine Haarsträhne war versengt.
„Warum so ungestüm?“ sagte er – fast belustigt. „Aber gut. Dann machen wir das eben anders.“
Seine Stimme war eiskalt. Kein Zögern, keine Wut – nur Kontrolle. Er sprach wie jemand, der nie gezwungen war, sich zu erklären. Der nie eine Niederlage erlebt hatte. Der wusste, dass er überlegen war.
Er klang wie Yang.
Er hob die Hand ein weiteres Mal. Ein Strahl schoss aus seinen Fingerspitzen – tiefschwarz, flüssig wie Öl, mit einem blauen Schimmer an den Rändern. Doch er zielte nicht auf Franca.
Er schoss an ihr vorbei. Sie wirbelte herum – und sah, wie der Strahl Zorda traf.
Der Drache bäumte sich auf, ein markerschütternder Schrei durchschnitt die Nacht. Der Strahl hatte ihn durchbohrt, direkt durch die Brust. Dunkles Blut spritzte in einem schockierenden Bogen über den Schnee. Dampf stieg auf, wo es die Kälte berührte.
„Z-Zorda?!“ Cynthas Stimme war ein Aufschrei. Sie stolperte vor, taumelte zu ihm, die Hände ausgestreckt, als wollte sie ihn einfach festhalten und dadurch heilen.
Doch da war er schon bei ihr.
Der Mann hatte sich mit erschreckender Geschwindigkeit bewegt, raste an Franca vorbei, erreichte Cyntha in einem Herzschlag. Er trat ihr mit brutaler Präzision die Beine weg – sie fiel hart in den Schnee, keuchend, benommen.
Dann drehte er sich zu Franca um.
„Willst du jetzt reden?“ fragte er, seine Stimme wie ein Messer, das langsam angesetzt wird.
Franca spürte, wie Wut in ihr aufstieg. Heiß, brennend, rein.
Cyntha war keine Aldobrandini. Nicht ihre Familie. Nicht ihr Blut. Aber in allem, was zählte, war sie mehr als das. Eine Schwester im Geist. Eine Verbündete im Feuer.
Langsam hob Franca den Hammer.
„Mein Name ist Franca Aldobrandini“, sagte sie mit fester Stimme. „Achte Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Und wie heißt Ihr?“
Der Mann die Kapuze zurück.
Darunter kamen Augen zum Vorschein – tiefschwarz, ohne Iris, doch in der Mitte leuchtete je ein winziger, blauer Punkt, wie eine Sternenexplosion im schwarzen Nachthimmel. Dunkle Adern zogen sich über sein Gesicht, als würde etwas unter der Haut kriechen. Und dann – grinste er.
,,Ich bin Atorm.’’
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Atorm blickte Franca mit durchdringenden Augen an, in denen ein Hauch von Neugier aufglomm. „Atorm“, wiederholte sie in Gedanken. Den Namen hatte sie noch nie gehört.
Er legte den Kopf schief. „Von dir wusste ich nichts. Du bist keine der ursprünglichen Kopfgeldjäger, oder?“ Seine Stimme klang nüchtern, fast respektlos. Dann hob er eine Hand und begann an seinen Fingern abzuzählen. „Yang, Bournadette Lacroix, Bunj, Zuphoor, Cyntha, Colart, Vital, Nea, Hepma, Varragil. Zwei von ihnen – Bunj und Colart – sind bereits tot.“
Franca erstarrte. Seine Liste war eindeutig veraltet, sie war knapp anderthalb Jahre alt. Er war nicht auf dem aktuellen Stand. Ihre Gedanken wirbelten: Die Namen der Neuen – sie fehlten komplett. Offenbar ruhte sein Wissen auf alten Informationen.
„Ich hab’s“, sagte Atorm nachdenklich und klang dabei fast überrascht. „Geh zurück in die Kaiserstadt und sag Yang, sie soll hierherkommen.“
Franca holte tief Luft. Yang herauszufordern, das war Selbstmord. Die souveräne Herrin der Kaiserlichen, immer an der Seite des Kaisers. Niemand wagte es. Es gab keinen, der es wagen konnte und lebend zurückkehrte. Der Mann war verrückt. Dachte er, sie wäre außerhalb der Kaiserstadt schwächer?
Franca spürte immer noch die Angst in ihrem Herzen. Und doch strotzte sie vor Entschlossenheit – und einem brennenden Funken Trotz.
„Und wenn ich ihr das ausrichte“, fragte sie leise, „lässt du uns dann gehen?“
Atorm nickte knapp, ohne sein kühles Lächeln zu verlieren.
Franca spürte, wie sich in ihrem Inneren Wut formte, wild und unbezwingbar. „Was auch immer“, dachte sie, „wenn er uns dafür am Leben lässt, dann werde ich Yang die Nachricht überbringen – und seinen Tod herbeiführen.“
„Gut“, bestätigte Franca. „Ich werde es ihr ausrichten.“
Mit jeder Faser ihres Körpers zwang sie sich, langsam einen Schritt nach vorn zu machen. Ihr Herz hämmerte in der Brust, die Angst schrie in ihrem Inneren – doch sie ignorierte sie. Höherer Zweck, höhere Pflicht.
Sie kniete sich neben Cyntha, deren Blick leer auf den leblosen Körper Zordas gerichtet war. Die Verwundung, die Atorm ihr zugefügt hatte, glänzte blutig an ihrem Bein. Cyntha wirkte so zerbrechlich, so weit weg von der stolzen Kriegerin, die sie gewesen war.
„Lass uns gehen, Cyntha“, flüsterte Franca und streckte die Hand aus, um sie hochzuziehen.
Doch in dem Moment, in dem ihre Finger Cynthas Hand berühren sollten, erklang Atorms Stimme erneut – kalt, schneidend.
„Mein Fehler“, sagte er, als hätte er einen erneuten Gedankenblitz, „natürlich lasse ich nur dich am Leben, Franca Aldobrandini.“
Bevor Franca reagieren konnte, spürte sie, wie Atorm einen Schritt vortrat. Ein leises Knacken. Dann sah sie, wie seine Stiefelspitze auf Cynthas Hals aufgesetzt wurde – ein Akt brutaler Egalität. Das scharfe Geräusch, als Knochen brach, ließ Franca das Blut in den Adern zusammenschießen.
Cyntha zuckte einmal, ihre Augen trübten ein, wurden glasig. Aus ihrem Mund rann dunkles Blut an den blassen Lippen hinab.
„DU…!“ begann Franca schreien, doch ihr blieb die Luft weg. Ein heftiger Schlag traf sie direkt in die Magengrube, riss ihr den Atem heraus. Schwarz umfing sie die Welt, und sie sank in die Knie, gefangen zwischen Schmerz und Ohnmacht.
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Als Franca wieder zu sich kam, war es bereits Tag.
Die Welt um sie wirkte still, fremd, beinahe leblos. Die Sonne war kaum mehr als ein matter Fleck hinter dichten, grauen Wolken – ein Lichtschein ohne Wärme. Der Wind strich eisig über die verlassene Ebene, schnitt ihr ins Gesicht wie mit kleinen Klingen. Schneekristalle tanzten in der Luft, funkelten im schwachen Licht, als wollten sie die Spuren des Grauens überdecken, das sich hier erst Stunden zuvor abgespielt hatte.
Ein krampfartiger Husten schüttelte ihren Körper. Franca krümmte sich, keuchte, spürte die brennende Übelkeit in ihrer Kehle aufsteigen – und erbrach sich. Der Schnee vor ihr färbte sich hellgelb. Der Schmerz in ihrer Magengrube war dumpf, aber bei jedem Zucken stechend, wie ein inneres Echo von Atorms Schlag. Noch schlimmer aber war die pochende Qual in ihrer linken Schulter – die Wunde hatte sich entzündet. Jeder Atemzug fühlte sich an, als würde jemand ein glühendes Messer durch ihr Fleisch ziehen.
Wo war Atorm?
Panik blitzte kurz auf, doch als sie sich umblickte, wich sie dumpfer Erleichterung. Keine Spur von ihm. Keine Präsenz, keine Bewegung. Nur Schnee, nur Wind. Nur Leere.
Langsam, zitternd, zwang sie sich aufzustehen. Ihre Beine fühlten sich an wie Blei, ihr Kopf hämmerte, als würde ihr Schädel jeden Moment bersten. Doch sie konnte nicht liegenbleiben. Nicht jetzt. Nicht hier.
Ihr Blick wanderte zu der Stelle, an der Cyntha gelegen hatte.
Und da war sie noch immer.
Cyntha – regungslos, das Gesicht friedlich, beinahe entrückt. Neben ihr Zorda, der gewaltige Drache, der sie so oft getragen, beschützt und geliebt hatte. Auch er lag still. Wie eine Statue aus längst vergangener Zeit. Der Tod hatte sie beide geholt.
Und nur Franca war zurückgeblieben.
Etwas schnürte ihr die Kehle zu. Keine plötzliche Explosion von Trauer – sondern ein lähmendes Gewicht, das sich langsam, stetig in ihr ausbreitete. Ein Schatten, der aus ihrem Inneren wuchs und sie erfasste. Es gab keine Tränen – nur Leere. Nur diesen bohrenden, brennenden Schmerz, der kein Ende kannte.
Langsam kniete sie nieder, legte eine zitternde Hand auf den gefrorenen Boden neben Cyntha. Ihre Finger sanken nicht ein – der Schnee war hart geworden, gefroren wie alles in ihr.
Mit der Rechten griff sie nach Gendihr. Der Runenhammer vibrierte sanft – nicht vor Zorn, sondern fast wie… Trost. Als würde er ihre Trauer verstehen.
„WOLKENGRAB!“ rief sie. Ihre Stimme war rau, brüchig, kaum mehr als ein Hauch. Und doch trug der Wind die Worte fort, als wären sie ein Gebet.
Die uralte Magie folgte ihrem Ruf.
Zuerst begann der Schnee um die Körper von Cyntha und Zorda zu glimmen. Dann lösten sich ihre Umrisse langsam auf – nicht grausam, nicht ruckartig. Sondern in Würde. In Licht. In Erinnerung. Staub, der aufstieg. Glühende Fragmente, die der Wind sanft aufnahm und mit sich nahm.
Franca sah zu, wie sie gingen. Sah, wie sie der Welt entglitten, aufstiegen, in den Himmel, in den Nebel. Fort. Fort von Blut, Schmerz und Kampf.
Warme Tränen liefen über ihre Wangen. Sie wischte sie nicht weg.
„D-du hast das Fliegen geliebt, Cyntha…“ murmelte sie. Ihre Stimme brach ab. Ihre Lippen zitterten, doch sie zwang sich, weiterzusprechen. „Jetzt wirst du für immer mit dem Wind reisen.“
Sie senkte den Kopf, verharrte für einige lange Sekunden in Stille. Dann presste sie die Lippen zusammen, zwang sich aufzustehen. Jede Bewegung war eine Qual. Die Wunde an ihrer Schulter brannte wie Feuer. Und trotzdem – sie band den Hammer auf ihren Rücken.
Dann begann sie zu gehen.
Kein Ziel. Nur ein Schritt. Und noch einer. Sie wusste, wohin sie musste. Yang. Bericht. Heilung. Schlaf.
Aber mit jedem Schritt, den sie machte, wuchs etwas anderes in ihr.
Das Bewusstsein.
Sie hatte verloren. Alles.
Ihre Familie würde sie verdammen. Die Aldobrandinis würden nicht vergessen, was geschehen war. Ein solcher Misserfolg ließ sich nicht schönreden. Und gerade sie – die Unvollkommene, die Unfruchtbare, die Außenseiterin – hatte sich beweisen wollen. Hatte zeigen wollen, dass sie würdig war.
Doch sie hatte versagt.
Cyntha war tot.
Luca.
Luca Aldobrandini.
Ihr Cousin. Der Mann, den Yang ihr befohlen hatte zu töten. Und sie hatte ihn verschont. Aus Mitleid. Aus familiärer Schwäche. Aus Feigheit.
Und wozu? Sie wusste, dass nur ein kompletter Sieg als ehrenvoll angesehen wurde. Gerade ihr würde man die Rückkehr nicht verzeihen.
Warum hatte sie sich ihrer Familie so sehr beweisen wollen?
,,Warte auf mich Luca. Ich bringe dich um. Und irgendwann… werde ich Vater töten.’’



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