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Kapitel 194 - Das Erbe des Phönix

Aktualisiert: 15. Juni 2025

Die Sonne brannte gnadenlos auf Thibedeau van Trey herab.


Der heiße Wind fegte über die karge Ebene, trug Sand und feine Staubkörner in jede Falte seiner Kleidung. Doch Thibedeau schritt unbeirrt weiter. Er hatte sich unmittelbar nach dem Gespräch mit Leyla auf den Weg gemacht – auf den Weg zu dem Mädchen. Das Mädchen, das das Dracharenreich Drakia ausgelöscht hatte. Ausgelöscht. Nicht besiegt. Nicht verdrängt. Vernichtet.


Er war nicht naiv. Aber er war sich sicher: Er konnte gewinnen.


Sein Blick wanderte über das Dorf, zu dem Aragi ihn geschickt hatte. Der Minister hatte behauptet, dass das Mädchen sich hier aufhielt. Woher Aragi diese Information hatte, wusste Thibedeau nicht. Aber er zweifelte nicht daran. Aragi irrte nicht. Seine Worte waren wie Schachzüge – jedes einzelne hatte ein Ziel, einen Zweck. Eine Konsequenz.


Das Dorf hieß Draß. Offiziell Hauptstadt des Herzogtums Kries, das im Süden der Endlosen Wüsten und am östlichen Rand des Kaiserreichs lag. Hauptstadt – ein Wort, das hier fehl am Platz wirkte. Draß zählte kaum zweitausend Seelen. Es besaß nicht einmal den Verwaltungsstatus einer Stadt. Die Häuser waren niedrig, viele aus hellem Stein und Lehm, gegen die Hitze gebaut. Es roch nach trockener Erde, nach Schweiß und Vieh. Keine Stadt der Macht. Ein Ort, den man leicht übersehen konnte. Vielleicht zu lange übersehen hatte.


Thibedeau schritt durch die schmalen Straßen, sein roter Mantel flatterte im heißen Wind. Sein Blick war unbewegt, sein Gang zielstrebig. Die wenigen Dorfbewohner, die ihm begegneten, wichen instinktiv zur Seite.


Dann blieb er stehen.


„Mädchen, das Drakia vernichtet hat!“ rief er laut, seine Stimme wie ein Trompetenstoß. „Ich, General Thibedeau van Trey, bin im Namen Seiner Majestät, Kaiser Verion III., gekommen, um dich zu richten!“


Die Worte hallten durch das Dorf wie Donner. Einige Bewohner hielten inne. Köpfe drehten sich. Türen schlossen sich langsam, Fensterläden fielen ins Schloss.


Und dann trat jemand aus der Taverne.


Ein Oni. Van Trey erkannte ihn sofort.


Yaga.


Ehemals dritter Anführer des Ordens der Goldenen Sonne. Ein Name, den man in Militärakten nicht fand. Seit der Auflösung der Organisation in Welldyl galt er als gesuchter Verbrecher. Und doch stand er jetzt vor ihm, als sei nichts geschehen – mit einem freundlichen, fast spöttischen Lächeln.


„General“, sagte Yaga und verbeugte sich leicht. „Es freut mich, Euch zu sehen. Wir wurden also entdeckt? Das Kaiserreich weiß von uns?“


Van Trey trat einen Schritt vor, sein Blick unverwandt. Dann zog er sein Schwert. Mit einem Zischen fuhr die Klinge aus der Scheide. In dem Moment entzündete sie sich, Flammen leckten an der Schneide entlang, tanzten in der flimmernden Luft.


„Das ist richtig“, antwortete er kühl. „Und es war ein Fehler von euch, hierherzukommen. Wo ist das Mädchen?“


Yaga grinste. „Nur eine Frage, General… Warum seid nur Ihr gekommen? Wo ist Eure Armee? Wo sind die Kopfgeldjäger? Wo ist Yang?“ Er lehnte sich leicht zurück, verschränkte die Arme. „Ihr handelt doch nicht etwa allein?“


Der Treffer saß. Thibedeau spürte es. Er war durchschaut worden. Aber das war bedeutungslos.


„Wenn du dich ergibst, erwartet dich ein gerechter Prozess in der Kaiserstadt, Yaga.“


„Hm.“ Yaga lächelte nur. Dann deutete mit einem Nicken auf die Taverne hinter sich. „Sicher, dass Ihr Euch nicht ergeben wollt? Wobei… es spielt keine Rolle. Ihr sterbt hier sowieso.“


Thibedeau drehte leicht den Kopf. Seine Augen verengten sich.


Da trat sie heraus.


Ein Mädchen – nicht älter als fünfzehn. Dunkle Haut, struppiges braunes Haar, barfuß, ein einfaches Leinenhemd. Nichts an ihr wirkte gefährlich. Und doch – ihr Blick. Ruhig. Direkt. Ohne Furcht. Ohne Zögern.


Sein Herz schlug einen Takt langsamer.


Die Zerstörerin von Drakia.



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Thibedeau van Trey war geboren worden, um Großes zu erreichen.


Er stammte aus einer alten Familie des Hochadels, deren Sitz sich in Anjen befand – jener geschichtsträchtigen Handelsstadt im Süden des Kaiserreichs. Die Familie van Trey genoss Ansehen, Einfluss, Reichtum – und hatte ebenso viele Feinde. Die Lacroix, die Aldobrandini, selbst die Kaiserfamilie standen in stiller, aber tief verwurzelter Rivalität zu ihnen. Intrigen, wirtschaftliche Fehden, alte Kriegsniederlagen – all das lag wie ein Netz aus unausgesprochenem Hass über den Beziehungen.


Doch all das bedeutete dem jungen Thibedeau zunächst nichts. Noch nicht.


Als Kind war er wild, freiheitsliebend, fast schon trotzig gegenüber dem goldenen Käfig seiner Herkunft. Während andere Adlige in den kaiserlichen Akademien Altelfisch sprachen und Tänze lernten, spielte Thibedeau mit Straßenkindern im Hafenviertel von Anjen. Er klaute Obst, warf Steine, lachte mit denen, die andere Adlige nicht einmal ansahen. Sein Vater duldete es – mehr aus Resignation als aus Nachsicht – aber gut hieß er es nie.


Mit dem Eintritt in die kaiserliche Armee änderte sich vieles. Thibedeau war sechzehn. Seine Adelsherkunft verschaffte ihm Vorteile, aber es war sein Können, das ihn voranbrachte. Er war ein Naturtalent mit dem Schwert, aber es war seine Intelligenz, sein strategisches Verständnis, das seine Ausbilder aufmerken ließ. Er führte kleine Einheiten mit einer Präzision, wie man sie bei Männern doppelten Alters selten sah.


Seine Kampfkraft war nur ein Bonus. Er war kein Krieger, der dachte – er war ein Denker, der tötete, wenn es nötig war.


Dann, mit zwanzig Jahren, kam der erste Wendepunkt.


Es begann mit Träumen. Mit Hitzewellen, die seinen Körper in der Nacht durchfluteten. Mit Visionen von brennenden Flügeln, von Stimmen aus Licht. Und dann – kam der Tag, an dem sein Blut Feuer wurde.


Das Erbe des Phönix war in ihm erwacht.


Eine uralte Kraft, die nur einmal in mehreren Generationen der van Trey sichtbar wurde. Einer Legende nach hatte ein Phönix dem ersten van Trey seine Magie vermacht – als Gegenleistung für Treue, für Schutz, für eine Verbindung zwischen Mensch und Phönix. Eine Macht, die weitergegeben wurde, über Jahrhunderte, schlummernd, wartend.


Nun war sie in ihm. Und sie brannte.


Die Flammen, die er beschwor, waren nicht bloß Hitze – sie waren Licht. Energie. Leben und Zerstörung zugleich. Seine Magie übertraf bald alles, was gewöhnliche Magier aufzubieten hatten. Manche behaupteten sogar, sie übertraf selbst das, was die meisten Kaiserlichen Kopfgeldjäger entfesseln konnten.


Mit dreiundzwanzig Jahren wurde Thibedeau van Trey zum General ernannt – einer der jüngsten in der Geschichte des Reiches. Seine Ernennung war nicht nur ein militärischer Akt. Es war ein politisches Signal. Die van Trey waren zurück. Und mit ihnen ein Mann, der nichts fürchtete.


Thibedeau selbst war sich sicher: Sein Name würde sich in die Geschichte einbrennen – so unauslöschlich wie das Feuer, das in ihm loderte.


Nichts konnte ihn aufhalten.


Noch nicht.



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„Töte ihn!“ befahl Yaga, ohne Zögern.


Das Mädchen warf ihm einen wütenden Blick zu, kalt und schneidend, doch sagte nichts. Kein Widerwort, kein Protest. Nur diese unausgesprochene Wut in ihren Augen – nicht gegen Yaga, sondern gegen die Welt selbst.


Langsam setzte sie sich in Bewegung. Ihre Schritte hinterließen Abdrücke im heißen Sand. Doch um sie herum begann sich die Luft zu verändern. Eine Aura entfaltete sich – schneidend, fremd, kalt. Und dann begann es zu schneien.


Schnee. Inmitten der Wüste.


Der Sand wurde von weißen Flocken überzogen, doch sie schmolzen nicht. Nicht einmal unter der gleißenden Sonne. Es war, als hätte sich eine andere Realität um das Mädchen gelegt, eine, die sich nicht um Naturgesetze scherte.


Thibedeau verengte die Augen. „Diese Magie… die hast du High Rock gestohlen, oder?“ Seine Stimme war ruhig. Er kannte die Antwort längst. Er wollte sie nur hören.


Das Mädchen blieb stehen. Ihr Blick war unbewegt, fast mitleidig.


„Gestohlen?“ wiederholte sie. Ihre Stimme war ruhig, klar – und doch vibrierte sie mächtig in der Luft. „Nein. Ich habe sie geschenkt bekommen. Von seinem toten Körper. Ich habe sie gerettet.“


Die Worte drangen ihm bis in die Knochen. Kein Trotz. Kein Spott. Nur eine entsetzliche Wahrheit.


Er hatte genug gehört. Er hatte seine Bestätigung. Dieses Mädchen… besaß wirklich jene Fähigkeit, die vor ihr nur ein einziger Mensch getragen hatte: die Gabe den Toten ihre Kräfte zu rauben.


Barbarossas Erbe.


Er schnellte vor, ohne Warnung. Sein Schwert zuckte durch die Luft, eine Schneise aus brennendem Zorn. Die Klinge loderte, gierig nach Blut.


Doch das Mädchen wich aus. Mit einer geschmeidigen Bewegung sprang sie rückwärts, rollte sich ab – und öffnete den Mund.


Ein Lichtstrahl schoss heraus, grell, konzentriert, todbringend.


Thibedeau stieß sich vom Boden ab, der Aufprall ließ Staub und Glut aufwirbeln. In ihm erwachte das Feuer. Das wahre Feuer.


Phönixflammen.


Flügel aus purem Licht und Hitze wuchsen aus seinem Rücken – gewaltig, herrlich, uralt. Mit einem Flügelschlag erhob er sich in den Himmel, schraubte sich höher und höher, bis er fünfhundert Meter über dem Dorf schwebte. Von hier aus konnte er alles sehen: die Dächer, die Straßen, die kleine Taverne, aus der das Grauen gekommen war.


Er würde alles vernichten.


Die Bewohner würden sterben – doch nicht umsonst. Ihr Tod würde das Reich schützen. Sie würden als Helden in die Geschichte eingehen. Als Opfer im Dienste der Ordnung.


Er schloss die Augen. Atmete tief. Spürte, wie das Feuer in ihm wuchs. Loderte. Glühte. Die Luft um ihn herum begann zu flimmern. Die Wolken verdampften. Der Himmel öffnete sich.


Dann formte er die Kugel.


Ein Feuerball, größer werdend mit jeder Sekunde. Glühend wie die Sonne selbst. Er ließ ihn los – und der Ball raste zur Erde, ein Meteor des Untergangs.


Doch dann erstarrte er. Im Dorf unter ihm zog etwas auf. Ein Sturm. Kein gewöhnlicher. Ein Sturm aus Eis.


Der Feuerball stoppte nicht – aber er wuchs nicht weiter. Im Gegenteil. Mit jeder Sekunde, mit jedem Meter, den er dem Boden näher kam, wurde er kleiner. Die Aura des Mädchens schlug ihm entgegen, riss an der Hitze in seinem Inneren.


Thibedeau stieß einen langen Atemzug aus. „Natürlich... es wäre zu einfach gewesen.“


Als der Feuerball aufschlug, war er kaum noch größer als ein Wagenrad. Eine Explosion folgte – hell, wütend, aber begrenzt. Das Flammenlicht erhellte die Wüste, versengte den Boden – und verpuffte im eisigen Gegenwind.


Als sich der Rauch verzog, war Yaga verschwunden. Der Feigling hatte sich versteckt.


Doch das Mädchen stand noch da.


Sie grinste.


Und dann geschah es.


Zwei gewaltige, leuchtend weiße Flügel brachen aus ihrem Rücken – aus reiner Energie, aus gefrorenem Licht. Sie breiteten sich aus, majestätisch, bedrohlich. Der Schnee tanzte um sie wie um eine Königin.


Und in diesem Moment verstand Thibedeau.


Er kämpfte nicht gegen irgendein Mädchen mit fremden Kräften.


Er kämpfte gegen Barbarossa selbst.



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Leyla schlug das Buch mit einem dumpfen Klopf zu. Der Ledereinband war abgegriffen, die Seiten vergilbt – ein Werk über die bedeutendsten Kämpfe der Geschichte. Sie hatte es fast ohne Unterbrechung gelesen, fasziniert und zugleich verwundert über die Legenden, die es enthielt.


Sie hob den Blick. Neben ihr saß Eroica, aufrecht, wie immer in sich ruhend.


„Du, Eroica?“ begann Leyla nachdenklich, während sie das Buch leicht in den Händen drehte. „Der Kampf von Barbarossa gegen die vier Erzengel... Hat der wirklich stattgefunden?“


Sie zögerte nur einen Moment. Sie hatte sich längst damit abgefunden, dass es sowohl Erzdämonen als auch Erzengel gab – zu viel hatte sie gesehen, zu viel erlebt, um daran noch zu zweifeln. Aber diese Geschichte? Diese Geschichte wirkte fast absurd.


Ein einzelner Mensch, Barbarossa, soll allein gegen vier Erzengel gekämpft haben – himmlische Wesen, Träger uralter Magie. Und nicht nur das: Er hatte dabei zwei von ihnen getötet. Gabriel. Ismael. Namen, die man sonst nur in den Gebeten der Engelsempel hörte.


Eroica antwortete nicht sofort. Stattdessen lächelte sie. Ein stilles, wissendes Lächeln.


„Ja“, sagte sie schließlich. „Das ist in der Tat geschehen. Es liegt sehr, sehr lange zurück – lange bevor es das Kaiserreich überhaupt gab. Damals war die Welt noch wilder. Die Ordnung instabil. Und die Macht einzelner weit ungezügelter.“


Leyla pfiff durch die Zähne. „Dann ist es ein verdammtes Glück, dass er tot ist. Sonst hätte er heute die Kraft zweier Erzengel.“


Eroica nickte langsam. Ihre Ohren zuckten leicht, ein Zeichen ihrer Aufmerksamkeit.


„Das stimmt“, murmelte sie. „Dann wäre selbst Yang nicht mehr unantastbar.“


Leyla sah in die Ferne, hinaus durch das Fenster ihres Wohnzimmers, in dem sie saßen. Der Gedanke an einen Menschen, der Erzengel tötete, ließ sie nicht los.



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Das Mädchen schlug einmal mit den Flügeln – ein einziger Flügelschlag, und sie schoss in die Luft wie ein Pfeil. Ihre Bewegung war fast lautlos, aber die Kraft dahinter war gewaltig. Aus ihren ausgestreckten Händen schossen Kugeln aus grünem Dampf – träge wirbelnde Geschosse, die in der Luft zischten.


Gift.


Thibedeau reagierte sofort. Er ließ die Hitze in sich anschwellen, pumpte mehr Magie in sein Zentrum. Die Temperatur stieg explosionsartig. Der Himmel flackerte, die Luft flimmerte.


Feuer begann zu regnen.


Nicht einfach Flammen – sondern ganze Bahnen aus sengendem Licht, die wie brennende Pfeile vom Himmel herabrasten. Die Giftkugeln verglühten in der Luft, verdampften mit einem Zischen. Doch das Gift selbst regnete weiter herab, sank wie ein feiner Nebel auf das Dorf unter ihnen.


Ungeachtet des Chaos blieb das Mädchen unverletzt. Es stieg weiter auf. Direkt auf Thibedeau zu.


Er spannte sich an, ließ seine Magie durch das Schwert strömen. Die Flammen entlang der Klinge flackerten auf, wurden heißer, greller. Der Stahl leuchtete wie geschmolzenes Metall. Das Feuer antwortete ihm – dem Erben des Phönix.


Dann setzte er sich in Bewegung , die Phönixflügel peitschten hinter ihm, und er raste ihr entgegen – ein glühender Komet gegen ein Wesen aus Licht und Frost.


Das Mädchen hob den Arm, als sie sich näherten. Eine Klinge formte sich um ihren Unterarm – aus reinem, gleißendem Licht, klar und blendend wie der erste Sonnenstrahl auf Schnee.


—KNALL—


Als die beiden Klingen aufeinandertrafen, war es, als würde ein Vulkan explodieren. Die Druckwelle fegte durch den Himmel, Funken stoben in alle Richtungen. Der Himmel flackerte, als hätte jemand die Sonne selbst entzündet. Magie kollidierte mit Magie, Hitze mit Kälte, Wille mit Macht.


Und dann begann der Schlagabtausch.


Erbarmungslos. Rasend schnell.


Das Mädchen verfügte über eine absurde Kraft – ungebremst, wild, schier übermenschlich. Doch Thibedeau war ein Krieger, kein bloßes Kraftbündel. Jeder seiner Hiebe war berechnet, jede Parade ein Reflex, geboren aus jahrelanger Disziplin. Er hatte das Schwert geführt, seit er gehen konnte. Und nun zahlte sich jede Stunde aus.


Langsam, Schritt für Schritt, gewann er die Oberhand.


Er ließ nicht nach. Seine Magie pulsierte weiter. Mit einem Schrei ließ er Energie in den Knauf seiner Waffe fließen – und eine zweite Klinge wuchs aus reiner Flamme hervor und formte ein Doppelschwert. Sein Schwert war nun doppelt, wie ein Phönixschrei in Metallform.


Und dann schnitt er zu.


Die Klinge fuhr durch den Arm des Mädchens. Blut spritzte – ein dunkler Strahl gegen den gleißenden Himmel. Der abgetrennte Arm drehte sich in der Luft, stürzte wie ein Meteorit herab.


Aber Thibedeau wusste: Das war nicht genug.


Er setzte nach, schloss die letzte Lücke zwischen ihnen – und stieß die Klinge tief in ihren Bauch. Das Feuer bohrte sich hinein, verschlang ihr Fleisch. Flammen züngelten aus der Wunde, fraßen sich nach oben.


Das Mädchen schnappte nach Luft, öffnete den Mund – Blut quoll hervor, dunkelrot, heiß.


Doch sie weinte nicht.


Sie schrie nicht.


Sie sprach.


Mit letzter Stimme, mit einer Kraft, die mehr war als Schmerz, flüsterte sie:


,,Welt in Perfektion.’’



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Als Thibedeau siebenundzwanzig Jahre alt war, erschütterte ein Ereignis sein Leben bis ins Mark.


Seine Familie, die van Trey, seit Generationen fest im Hochadel des Kaiserreichs verwurzelt, hatte sich öffentlich gegen den Thron gewandt. Der amtierende Kaiser, Tavil IV., war verstorben, und sein Nachfolger, Verion III., hatte das sogenannte Prinzenspiel ausgerufen – eine grausame, erbarmungslose Form der Erbfolgeregelung, in der seine Söhne gegeneinander antreten würden. Ein blutiger Wettstreit, in dem nur der Sieger überleben und regieren durfte.


Die van Trey bezeichneten es als Wahnsinn. Laut, offen, ohne diplomatische Umschweife.


Und so geschah es.


Thibedeau war gerade in der Kaiserstadt – auf Urlaub von seinem Posten im Süden – als kaiserliche Gardisten ihn auf offener Straße in Handschellen legten. Kein Wort der Erklärung, kein Urteil, keine Anklage. Doch er wusste, was es bedeutete. Der Schatten des Hochverrats hing über seinem Namen.


Er wurde direkt zum Palast gebracht, wo man ein Militärtribunal anberaumt hatte. Eine Farce. Das Urteil stand längst fest. Die Formalitäten dienten nur der öffentlichen Ordnung. Hinrichtung – das war beschlossene Sache.


Und Thibedeau wusste es.


Er machte sich keine Illusionen. Doch anstatt klein beizugeben, nutzte er sein Abschlussplädoyer – die einzige Bühne, die ihm blieb – um seine Familie zu verfluchen. Mit einer Stimme, die fester war als sein Herz es in diesem Moment war, wetterte er gegen ihre Entscheidungen, nannte ihre Worte Hochverrat und Dummheit, warf ihnen vor, das Kaiserreich für persönliche Eitelkeit in Gefahr gebracht zu haben.


Und er schloss mit einem Satz, der ihm in der Hitze der Verzweiflung in den Sinn kam – und den er selbst kaum glaubte:


„Wenigstens sterbe ich nicht als Verräter des Reiches.“


Es war ein letzter Versuch, mit Würde unterzugehen. Ein gespielter Loyalismus. In Wahrheit war Thibedeau kein glühender Anhänger des Kaisers. Er strebte nach Ruhm, Macht, Unsterblichkeit in den Geschichtsbüchern – nicht nach Idealen.


Doch genau diese Worte trafen auf offene Ohren.


Kaiser Verion III. selbst war anwesend, wie stets bei bedeutenden Verfahren gegen den Adel. Und irgendetwas in Thibedeaus Rede – sei es die Selbstverleugnung, die Härte gegen die eigenen Blutsverwandten oder die eiserne Selbstdisziplin, mit der er das Urteil hinnahm – beeindruckte ihn.


Verion griff ein.


Er sprach ein Machtwort. Thibedeau wurde begnadigt. Der Prozess wurde beendet. Die Urteile gegen seine Verwandten jedoch blieben bestehen. Die van Trey wurden aus dem Hochadel verstoßen, ihre Ländereien eingezogen, ihr Einfluss gelöscht. Ihre Namen verschwanden aus dem Adelsregister – für immer.


Nur einer durfte seinen Namen behalten: Thibedeau.


Er behielt nicht nur den Namen, sondern auch seinen Rang. General der Kaiserlichen Armee.


Und in diesem Moment – inmitten der Demütigung, des Verlustes, der bitteren Einsamkeit – geschah etwas in ihm.


Aus Worten, die einst leer und taktisch gesprochen worden waren, wurde Realität. Eine Überzeugung keimte auf. Nicht aus Idealismus, sondern aus Konsequenz, aus Überlebenswillen, aus Stolz.


Thibedeau schwor sich selbst:


Er würde Verion dienen. Bedingungslos.


Nicht, weil er musste – sondern weil es das Einzige war, was er jetzt noch hatte.



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,,Welt in Perfektion.’’


Kaum waren die Worte gesprochen, entstand eine Kugel aus reinem, strahlendem Weiß um das Mädchen. Keine Magie, wie man sie kannte – dies war etwas anderes. Älter. Reiner. Vollkommener.


Im nächsten Moment wurde es totenstill. Der Wind erstarrte, als hätte die Welt selbst den Atem angehalten. Selbst die Flammen, eben noch wild lodernd, erstickten lautlos in dem Licht. Kein Knistern, kein Fauchen. Nur das Pochen des Lichts – in gleichmäßigem, unheilvollem Rhythmus, wie der Puls eines Gottes.


Thibedeau spürte, wie seine Haut prickelte, wie seine Magie sich auflöste, wie das Feuer in ihm versiegte. Der Himmel rings um ihn begann zu verblassen, der Horizont selbst zerfloss in Weiß.


In der Kugel glomm das Licht einmal auf – dann heilten sich die Wunden des Mädchens mit einem einzigen, sanften Ruck. Als hätte die Zeit selbst einen Moment angehalten, um sich zu erinnern, wie ihr Körper ursprünglich beschaffen gewesen war.


Und dann… wurde es gleißend hell.


Das Licht brach hervor wie eine Welle, erbarmungslos, reinigend. Es verschlang alles: Luft, Raum, Materie. Es fraß sich durch Thibedeaus Körper, löste ihn auf, bis nichts – nicht einmal Asche – zurückblieb.


Keine Explosion. Kein Aufschrei. Nur das völlige Verschwinden. Die Stelle, an der er eben noch geflogen war, war nun leer. Als hätte er nie existiert.


Langsam ließ das Mädchen die Schultern kreisen, streckte sich, als würde sie sich aus einem langen Schlaf erheben. Dann blickte sie hinab.


Was einst ein Dorf gewesen war, war verschwunden. Kein einziger Ziegel, kein Trümmerstück. Nur ein makelloser, runder Krater, der sich tief in die goldene Wüste gegraben hatte. Der Sand an seinen Rändern war glasig, geschmolzen, von göttlicher Hitze gebrannt.


,,Hoffentlich ist dieser Oni tot’’, murmelte sie und grinste kalt.


Doch noch während sie sprach, zuckte ihr Blick nach oben. Ein schwaches Flackern hatte ihre Aufmerksamkeit geweckt.


Hoch oben, am Himmel, dort wo der General zuletzt gestanden hatte – flackerte eine winzige Flamme.


Klein. Unregelmäßig. Doch lebendig.



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Es war kurz nach seinem achtundzwanzigsten Geburtstag, als Thibedeau auf ihn traf – Finn, einen Mann mit schneeweißem Haar und einer Ruhe in den Augen, wie sie nur jene tragen, die Dinge gesehen hatten, die anderen verborgen bleiben. Finn sprach nicht viel. Doch jedes seiner Worte war durchdacht, gewogen, unmissverständlich.


Er sprach von einem Mädchen im Osten. Einem Mädchen mit einer Macht, wie sie die Welt seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen hatte. Der Macht von Barbarossa – dem legendären Krieger, der einst zwei Erzengel getötet hatte.


Thibedeau horchte auf. Er kannte diese Geschichte. Nicht aus Legenden, sondern weil Selfmun Aragi selbst ihm nur einen Tag zuvor davon berichtet hatte.


Finn hatte es direkt gesagt: „Dieses Mädchen ist zu mächtig. Selbst die Kaiserlichen Kopfgeldjäger, mit Ausnahme von Yang, würden versagen. Und Leyla… sie muss sich raushalten.“


Finn hatte ihm dabei tief in die Augen gesehen – ein Blick, der nicht nur Befehle übermittelte, sondern Schicksale lenkte.


Dann überreichte Finn ihm ein kleines Objekt. Ein Juwel, kaum größer als eine Haselnuss, schimmernd in changierenden Farben zwischen Gold, Grün und Blaugrau. Er nannte es das „Juwel der Menschen“.


Was es genau war, sagte er nicht. Keine Erklärungen, keine Warnungen.


Nur ein einziger Satz: „Verschlucke es.“


Thibedeau zögerte nicht. In seinem Leben hatte er gelernt, Befehlen zu folgen – nicht aus blindem Gehorsam, sondern weil Macht nun einmal jenen zufällt, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.


Er schluckte das Juwel – und sofort durchzuckte ihn eine Kraft, wie er sie nie zuvor gespürt hatte. Seine Sinne schärften sich. Die Welt wurde klarer, die Luft dichter, die Magie in ihm lebendiger.


Ein einziger Gedanke formte sich in seinem Geist – glasklar und erschreckend sicher:


Er war nun der mächtigste Mensch des Reiches, gleich hinter Yang.


Einige Tage später, mit seinem Zorn, seiner Überzeugung und dieser neuen, brennenden Macht im Leib, zog er nach Osten.


Nach Draß.


Dorthin, wo ein Mädchen mit fremder Macht wartete. Dorthin, wo sein Name Geschichte schreiben sollte – oder untergehen.



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Die kleine Flamme wuchs. Zuerst kaum größer als eine Kerze, dann lodernd wie eine Fackel – bis sie sich windend und zischend zu einem Körper formte.


Thibedeau van Trey keuchte auf. Die Luft war dünn, seine Haut verbrannt, doch sein Herz schlug. Langsam, schwer, aber es schlug.


Das Erbe des Phönix.


Es hatte ihn gerettet. Einmal. Ein einziges Mal – das war die Grenze. Jeder Träger dieses alten Feuers erhielt nur eine Rückkehr aus dem Tod. Und jetzt hatte er sie eingelöst.


Er streckte seine Flügel, taumelte, und blickte zu ihr – dem Mädchen, das dort in der Luft schwebte, völlig unversehrt.


Er wusste es in diesem Moment. Er konnte nicht gewinnen. Nicht in einem ehrlichen Duell. Nicht mit Leben.


Ein bitteres Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Ironie? Nein. Anerkennung. Die Dorfbewohner von Draß hatten mit ihrem Leben bezahlt, damit er diese Karte ausspielen konnte. Jetzt war es an ihm, den Preis zu zahlen.


Er öffnete die Hand. Eine kleine, leuchtende Flamme tanzte auf seiner Handfläche. Der Phönix – geboren aus seiner Seele, gehorsam, wachsam, verbunden.


„Wenn ich falle… dann nimm das Juwel.“ Seine Stimme war heiser, kaum mehr als ein Flüstern. „Bring es zu Leyla.“


Warum Leyla?


Er wusste nicht warum. Vielleicht, weil Finn sie erwähnt hatte. Vielleicht, weil in ihrer Nähe die Dinge einfacher wirkten. Oder vielleicht, weil niemand anderes geblieben war, dem er das Juwel anvertrauen konnte.


Der Phönix verstand. Er zögerte nicht, wandte sich ab und schoss davon – ein flammender Streif am Himmel.


Thibedeau wandte sich wieder dem Mädchen zu.


,,Ey, Barbarossa!’’ rief er dem Mädchen zu.


Sie stoppte. Ihre Flügel bewegten sich kaum, sie ließ sich treiben. Ihre Augen funkelten – Interesse, Hunger, Wissen.


,,Oho, du weißt wer ich bin, trotz des Körpers?’’ Ihre Stimme war spöttisch, aber nicht feindselig. Sie hatte ihn nicht sofort angegriffen. Sie wollte ihn sehen. Ihn verstehen. Ihm seine Macht rauben.


Sie wollte sein Erbe. Das Phönixerbe. Sie wollte alles.


Er wusste, dass es keine zweite Chance mehr geben würde. Keine Flucht. Kein taktischer Rückzug. Nur ein einziger Moment, der alles entschied.


Thibedeau breitete die Arme aus. Die Hitze sammelte sich in seinem Inneren. Er rief das Letzte, das Stärkste in sich wach.


,,Sonnenverschmelzung!’’ brüllte er – und die Luft selbst schien zu reißen.


Sofort explodierte eine Welle aus Licht und Hitze aus seinem Körper. Weißes Feuer – heißer als jedes irdische Element, jenseits von Natur und Kontrolle – brannte sich in die Welt.


Das Mädchen erkannte es zu spät. Sie versuchte zu fliehen, schlug mit den Flügeln, schrie auf – doch da hatte Thibedeau sie schon erreicht.


Mit letzter Kraft warf er sich an sie, riss sie an sich, umschlang sie mit brennenden Armen. Er drückte sie an sich wie eine Liebende – oder wie ein Henker seine Beute.


„Du stirbst mit mir“, murmelte er in ihr Ohr.


Und die Welt wurde erneut weiß.



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Yaga rappelte sich auf. Jeder Muskel in seinem Körper brannte vor Schmerz, als hätte ihn jemand in glühendes Eisen getaucht. Er schwankte, kniff die Augen zusammen und blinzelte in den Himmel – dorthin, wo vor wenigen Augenblicken eine Feuerwelle explodiert war, gleißend wie eine zweite Sonne, so grell, dass sein rechtes, offenes Auge nun nur noch flimmernde Schatten sah.


Sein Haar war versengt, verbrannte Strähnen hingen ihm ins Gesicht. Seine Kleidung war kaum mehr als Ruß und Stofffetzen, und selbst seine Haut fühlte sich an, als würde sie bei der nächsten Berührung abblättern.


Von Barbarossa? Keine Spur. 


Er drehte sich einmal im Kreis, schnaufte, blickte angestrengt über die verkohlte Ebene. War es wirklich vorbei? Hatte der General gesiegt?


Yaga fluchte. „Verdammte Scheiße…“


Er spuckte in den verbrannten Sand. Das durfte nicht wahr sein. Barbarossa – gestorben? Gegen einen Menschen, gegen General van Trey?


Wie konnte jemand mit so viel Macht fallen? War seine Arroganz schuld? Ein Moment zu spät?


Dann – Bewegung am Himmel.


Ein kleiner Phönix flog Richtung Norden, ein einzelner Lichtpunkt, der sich durch die Wolken schnitt. In seinem Schnabel trug er etwas – ein graues Steinchen, kaum zu erkennen. Ein Juwel?


Yaga kniff die Augen zusammen, hob keuchend die Hand, wollte einen Ball aus fest verdichtetem Gestein formen – ihn vom Himmel holen, bevor er zu weit weg war.


Doch da flackerte neben ihm ein Licht auf.


Ein einziger, goldener Funke.


Dann ein zweiter.


Lebendig. Unverletzt.


Die Flammen züngelten durch die Luft, sammelten sich zu einer Gestalt – und dann stand er dort im Körper von Taliba. 


Barbarossa. Lebendig. Unversehrt. Nicht einmal Ruß klebte an ihm.


Yaga hielt inne.


„Du… du lebst“, brachte er schließlich hervor, und in seiner Stimme lag eine Mischung aus Erleichterung und ungläubigem Staunen.


Barbarossa nickte nur. Seine Stimme war ruhig, fast kalt: „Der Mensch ist einen Wimpernschlag vor mir gestorben. Die Kraft der Wiedergeburt hat sich dadurch auf mich übertragen.“


Yaga schnaubte. „Du hast sein Erbe genommen.“


„Ich habe genommen, was mir zustand.“


Der Oni wandte sich wieder dem Himmel zu. Doch der Phönix war bereits fort. Zwischen den Wolken verschwunden.


Aber es war egal.


Barbarossa war am Leben. Stärker denn je.


„Wohin geht es als Nächstes?“ fragte das Mädchen, ihre Stimme gedämpft, aber hungrig. „Ich bin noch nicht bereit für Yang. Noch nicht. Ich brauche mehr Macht.“


Yaga lächelte schief, und trotz seiner Verletzungen leuchtete ein Glanz in seinen Augen – nicht Hoffnung, sondern Zielstrebigkeit.


„Zuerst ruhen wir uns aus“, sagte er. „Und dann... reisen wir nach Randurin.“


 
 
 

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