Kapitel 197 - Was bleibt, wenn wir lachen
- empirewebnovel
- 15. Juni 2025
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Als die vier am nächsten Morgen aufbrachen, lag ein erster Hauch von Frühling in der Luft. Die Sonne stand schon etwas höher am Himmel und strahlte mit einer Klarheit, die den Schnee des Vorabends vollständig hatte schmelzen lassen. Der Boden dampfte leicht, als erwache die Welt selbst aus ihrem Winterschlaf. Ein warmer Wind spielte mit den Haaren der Reisenden, strich über Felder und Bäume und kündigte den Wandel der Jahreszeiten an.
Vinessa flatterte mit lebhafter Energie voraus. Die kleine Fee wirbelte um Sträucher, tanzte in der Luft über den Weg und sog gierig die neuen Gerüche des Morgens ein. Man spürte ihr an, wie sehr sie das Licht und die Wärme genoss. Aus Rücksicht auf Leyla und Alexandra hatte sie Zensa am Vorabend dazu gebracht, ein zweites Zimmer zu nehmen. Nun strotzte sie vor guter Laune.
Die Straße, auf der sie sich bewegten, trug, wie von Eroica beschrieben, den Namen Salba-Straße. Doch von einer echten Straße war nicht mehr viel übrig. Es war eher ein schmaler Trampelpfad, der sich zwischen knorrigen Bäumen und verwilderten Hecken hindurchschlängelte. An einigen Stellen waren noch Reste einer alten Pflasterung zu erkennen – der letzte Hinweis auf die Zeit, in der Händler hier mit Karren und Lasttieren entlanggezogen waren.
Leyla fiel zurück und ging neben Zensa. Sie warf ihm einen Seitenblick zu.
„Hattet ihr gestern Abend noch eine schöne Zeit?“ fragte sie beiläufig.
Zensa zuckte mit den Schultern. „Wir haben uns die Festung angesehen. War ganz okay.“ Er kickte mit der Schuhspitze einen Kiesel vom Weg, dann sah er Leyla direkt an. „Sag mal… du kannst deine Magie ziemlich präzise einsetzen, oder?“
Leyla runzelte die Stirn. „Was meinst du damit genau?“
Zensa wirkte plötzlich verlegen. Eine leichte Röte trat auf seine Wangen, und er blickte zur Seite. „Na ja… du kannst das Wasser aus einer Flasche in ein Glas fließen lassen, ohne etwas zu verschütten. Bei mir… ist alles immer irgendwie chaotisch. Ich will zum Beispiel einen kleinen Funken erzeugen – und dann zucken die Blitze wild durch die Gegend. Ich habe das Gefühl, meine Magie macht, was sie will.“
Leyla schwieg kurz und ließ die Worte auf sich wirken. Sie konnte das gut nachvollziehen. In den ersten Wochen nach dem Kontakt mit dem Runenstein der Erde hatte sie dasselbe durchgemacht – eine rohe Kraft, die mehr zerstörte als half, schwer zu bändigen, voller Eigenleben.
Nachdenklich streckte sie die Hand aus. Aus ihren Fingerspitzen sammelten sich kleine Tropfen, formten sich langsam zu einer schwebenden Kugel aus Wasser, die sich ruhig und kontrolliert in der Luft hielt.
„Versuch dir vorzustellen, wie dein Mana in dir fließt“, sagte sie ruhig. „Nicht wie ein Strom, der einfach herausbricht, sondern wie ein Fluss, den du selbst leitest. Wenn du die Öffnung, durch die das Mana strömt, verengst und es gleichmäßig, gezielt herauslässt – nicht zu viel, nicht zu wenig – kannst du lernen, es zu kontrollieren. Es dauert, aber es ist möglich.“
Zensas Augen begannen zu leuchten. Man sah ihm an, dass ihre Worte bei ihm etwas ausgelöst hatten. „Das werde ich ausprobieren. Wirklich, danke Leyla!“
„Dann versuch's gleich mal“, sagte sie grinsend – und schleuderte spielerisch die kleine Wasserkugel achtlos zur Seite.
Ein empörter Schrei gellte durch den Morgen.
„EY! WAS SOLL DAS?!“ Vinessas Stimme überschlug sich fast vor Empörung.
Leyla blickte verdutzt nach vorne. Die Fee taumelte triefnass durch die Luft, ihre winzigen Flügel flatterten schleppend, und Tropfen fielen aus ihren klatschnassen Haaren. Alexandra stand ein paar Schritte weiter hinten und versuchte, nicht laut zu lachen.
„Trockne sofort meine Kleidung!“ kreischte Vinessa und schoss wie ein nasser Pfeil auf Leyla zu.
Leyla hob beschwichtigend die Hände, konnte sich ein Grinsen aber nicht verkneifen. „Tut mir leid, das war nicht mit Absicht.“ Sie fing die tropfende Fee sanft in ihrer Handfläche auf. Eine wohlige Wärme strömte durch Leylas Hand, und kurz darauf begannen Vinessas nasse Kleider zu dampfen. Binnen Sekunden waren sie wieder trocken – und knisterten sogar ein wenig vor Wärme.
Vinessa verschränkte die Arme vor der Brust. „Was ist daran so lustig?’’ fragte sie streng, doch ihre Miene war weniger wütend als gespielt beleidigt.
Leyla schmunzelte. „Ach, nichts. Wirklich nichts.“
Sie war froh, dass die Reise mit Alexandra, Vinessa und Zensa nicht nur aus Kämpfen, Sorgen und Verantwortung bestand. Es waren solche Momente, in denen sie für einen Augenblick vergaß, was sie war. Und das war vielleicht wertvoller als jedes Juwel.
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Gegen Mittag machten sie Rast an einem kleinen, glasklaren See, dessen Oberfläche ruhig in der Frühlingssonne glitzerte. Libellen tanzten über dem Wasser, und ein leiser Wind ließ die Grashalme am Ufer wogen, als wollten sie den Reisenden ihre Anwesenheit versüßen. Der Wald, der sich nördlich erstreckte, wirkte auf den ersten Blick friedlich. Helle Baumstämme, von Vogelrufen begleitet, säumten das Gelände. Doch jeder wusste: Der Tiefenwald begann hier – und das, was sich hinter dieser trügerischen Freundlichkeit verbarg, war etwas anderes.
Schon wenige Dutzend Meter tiefer wurde das Dickicht dichter, die Schatten dunkler, die Geräusche fremder. Doch hier, an diesem Ort, herrschte noch Ruhe.
Vinessa hatte ihr Geknurre wegen des Wasserangriffs längst eingestellt. Fröhlich flatterte sie an Alexandras Seite entlang, beide unterhielten sich mit kindlicher Begeisterung über die vielen violetten Beeren, die an einem Strauch in Hülle und Fülle wuchsen. Alexandra roch daran, während Vinessa versuchte, die Beeren nach Geschmack zu kategorisieren.
Leyla dagegen hatte sich mit Zensa etwas abseits begeben, auf eine kleine Lichtung unweit des Ufers.
„Also“, sagte sie ruhig, „versuch es, so wie ich es dir erklärt habe.“
Zensa nickte. Doch seine Miene verriet seine Unsicherheit. Leyla kannte ihn mittlerweile gut genug, um zu erkennen, was in ihm vorging. Zu Beginn ihrer gemeinsamen Reise war Zensa überheblich gewesen – überzeugt von seiner Stärke, getrieben vom Wunsch, mächtiger zu werden. Doch etwas hatte sich verändert. Vinessa hatte ihr erzählt, dass er sich in den letzten Wochen oft nachts zurückzog, um allein zu üben. Und nun, statt nach größerer Kraft zu streben, konzentrierte er sich auf Kontrolle. Feine, präzise Magie – der schwierigste Weg für einen mit solch instinktiver Macht.
Zensa schloss die Augen. Tief atmete er ein, dann aus.
Sofort begannen kleine, bläuliche Funken über seine Finger zu zucken. Wie feine Adern aus Licht krochen sie über seine Handflächen, knisterten leise in der Luft. Leyla sagte nichts. Sie wollte ihn nicht ablenken. Stattdessen beobachtete sie jeden Muskel in seinem Gesicht, das Spiel der Magie auf seiner Haut.
Dann öffnete Zensa die Augen. Seine goldenen Iriden leuchteten kurz auf – ein Moment der Konzentration, ein Bruchteil einer Sekunde, in dem alles passte. Doch plötzlich – ein Zucken, ein Funke zu viel. Die Spannung entlud sich mit einem grellen Lichtblitz.
Leyla spürte es nur einen Herzschlag später.
—BANG—
Ein gleißender Blitz schoss direkt auf sie zu, traf sie an der Schulter und schleuderte sie mehrere Schritte nach hinten. Sie prallte unsanft gegen den Stamm eines Baumes und rutschte dann zu Boden.
„Leyla…“ rief Zensa erschrocken und rannte zu ihr.
Doch noch bevor er ihr helfen konnte, weiteten sich seine Augen. Er blieb abrupt stehen, stotterte. „L-Ley…la. D-Deine… H-Haare…“
Leyla richtete sich auf, rieb sich mit einem schmerzverzerrten Gesicht den Arm – und blickte an sich herunter. Dort, wo einst ihre langen, hellblauen Strähnen sanft über ihre Schultern gefallen waren, ragten nun verbrannte, versengte Reste empor. Die Spitzen waren versengt, ein Teil sogar gänzlich verkohlt.
Sie seufzte leise, dann stand sie auf, trat an Zensa heran und schnippte ihm mit zwei Fingern leicht gegen die Stirn.
„Mach dir nichts draus. Halb so wild“, sagte sie freundlich. „Du hattest das richtige Gefühl. Der Anfang war gut. Wenn du das konservieren kannst – ohne Überladung – wird das irgendwann fließend gehen.“
Zensa nickte stumm. Er schien sich Vorwürfe zu machen, doch Leyla ging nicht weiter darauf ein. Mitleid half ihm nicht, Fortschritt schon eher.
Sie drehte sich um, ließ Mana durch ihre Handfläche strömen. Es wuchs und formte sich, wurde fest, metallisch. Bald war eine sauber geformte Schere aus dunklem Eisen in ihrer Hand entstanden.
Mit einem entschlossenen Lächeln ging sie auf Alexandra zu.
,,Alexandra’’, rief Leyla grinsend, ,,schneidest du mir die Haare?’’
Alexandra sah auf, musterte sie, dann entfuhr ihr ein kurzes Lachen. Sie nahm die Schere entgegen, ließ sie prüfend durch die Luft schnappen und bedeutete Leyla, sich zu setzen.
„Na gut“, sagte sie, „aber beschwer dich nachher nicht.“
„Ich sah vorhin aus wie ein gegrillter Phönix. Viel schlimmer kann’s kaum werden.“
Zensa setzte sich schweigend daneben und beobachtete sie. Er sagte kein Wort, aber Leyla spürte, dass er genau zuhörte – und dass in ihm etwas arbeitete. Vielleicht war es Stolz. Vielleicht Reue. Vielleicht aber auch einfach nur der Beginn von Demut.
Und während Alexandra mit ruhiger Hand die ersten Strähnen abschnitt, fühlte sich Leyla für einen kurzen Moment einfach nur menschlich.
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Neugierig beugte sich Leyla über das klare Wasser des Sees und betrachtete ihr Spiegelbild. Ihre neue Frisur war deutlich kürzer als zuvor, die blauen Strähnen wirkten nun zerzauster, ungebändigter – als hätte der Wind selbst sie geschnitten. Es erinnerte sie an früher, an eine Zeit, bevor alles begann. Und doch war da etwas Neues in ihrem Ausdruck – etwas Reiferes.
„Gefällt’s dir?“ fragte Alexandra mit leiser Stimme, während sie sich neben sie ins kühle Gras setzte und mit einer Hand einzelne Halme zwischen den Fingern zerrieb.
Leyla wandte sich ihr zu, grinste breit. „Ja. Sehr sogar.“ Sie beugte sich zu ihr hinüber und küsste sie zärtlich auf die Wange – ein stiller Dank, ein Zeichen von Nähe.
Dann richtete sie sich auf, klopfte sich Erde von der Kleidung und hielt Alexandra die Hand hin. „Komm. Lass uns weiterreisen.“
Alexandra ergriff die Hand, ließ sich von Leyla mühelos auf die Beine ziehen. Sie tauschten einen Blick – wortlos, verständnisvoll – und gingen dann gemeinsam zu Zensa und Vinessa zurück, die etwas abseits warteten.
Zensa musterte Leyla kurz, dann atmete er merklich auf. „Ein Glück“, sagte er mit einem schiefen Lächeln, „die Frisur steht dir.“
Leyla grinste und warf ihm einen neckischen Blick zu. Es war rührend, wie sehr er sich Gedanken gemacht hatte. Offenbar hatte ihn das Missgeschick vom Vormittag stärker beschäftigt, als er zugeben wollte.
Gemeinsam machten sich die vier wieder auf den Weg. Der Trampelpfad wand sich über sanfte Hügel und flache Felder, immer Richtung Osten. Der Himmel war klar, durchzogen von einzelnen Wolken, und der Wind roch nach Frühling und fernen Regenfällen.
Drei Wochen lagen noch vor ihnen. So lange würde es dauern, bis sie die äußere Grenze des Denja-Dschungels erreichten – jener gewaltigen, grünen Welt, das sich wie ein lebendiges Bollwerk über den Nordosten des Kontinents legte. Drei Wochen bis zu einer möglichen Begegnung mit Bläsk.
Leyla hatte kein gutes Gefühl bei dem Gedanken. Alexandra war stark – das wusste sie. Und auch Zensa hatte Kraft, wenn er sie zu kontrollieren lernte. Doch Vinessa? Vinessa war klein, zerbrechlich. Ihre Magie reichte kaum aus, um einen ernsthaften Zauber zu wirken. Und dennoch war sie dabei.
„Alexandra“, sagte Leyla leise, während sie nebeneinander durch das hohe Gras gingen, „wir werden auf die beiden besonders achten müssen. Zensa ist oft übermütig…“
„…und Vinessa ist eine Fee“, ergänzte Alexandra ernst, „sie kann sich nicht verteidigen. Wenn es hart auf hart kommt, wird sie auf uns angewiesen sein.“
Leyla nickte langsam. Die Verantwortung lastete schwer auf ihr, doch sie war bereit, sie zu tragen. Sie würde dafür sorgen, dass niemand ihrer kleinen Gruppe zu Schaden kam – nicht, wenn es in ihrer Macht stand.
Ihr Blick glitt nach Süden, über die weiten Ebenen des Herzogtums Vallyka, wo Wiesen in der Sonne glänzten und verstreute Höfe wie Farbtupfer in der Landschaft lagen. Es war ein Bild des Friedens. Ein Moment der Ruhe vor dem nächsten Sturm.
Ein Lächeln schlich sich auf Leylas Lippen. Für diesen einen Tag, für diese eine Stunde, fühlte sich alles richtig an. So wie es jetzt war – so konnte es ewig weitergehen.



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