Kapitel 198 - Was uns verbindet
- empirewebnovel
- 15. Juni 2025
- 6 Min. Lesezeit

„Das ist also der Denja-Dschungel“, flüsterte Vinessa ehrfürchtig, während sie in der Luft schwebte und auf das vor ihnen liegende Naturwunder blickte.
Vor ihnen türmte sich eine Wand aus wildem, undurchdringlichem Grün auf. Der Dschungel wirkte nicht wie ein Ort, den man einfach betreten konnte – eher wie ein uraltes Wesen, das in sich ruhte und Eindringlinge prüfend musterte, bevor es sie verschlang. Die feuchte Luft trug den Geruch von nassem Holz, Blütenstaub und tiefem Leben mit sich. Aus dem dichten Blattwerk drang das vielstimmige Konzert fremder Vögel, gelegentlich unterbrochen von fernem Rascheln. Noch ein bis zwei Stunden, dann würde der Pfad sie an seine Schwelle führen.
Vinessa ließ den Blick langsam über ihre Gefährten gleiten – jene, mit denen sie in den letzten Wochen durch die Ebenen gereist war.
Leyla ging vorneweg, wie immer mit festem Schritt und unbeirrtem Blick. Ihre neue, kurze Frisur verlieh ihr etwas Rohes, etwas Ungestümes – genau das, was Vinessa mit der Rolle einer Jüngerin verband. Sie verkörperte Stärke, Entschlossenheit, aber auch einen Hauch Unnahbarkeit. Und dennoch war da diese warme, stille Freundlichkeit, die Leyla nie ganz ablegte. Vinessa hatte sie von Anfang an gemocht – nicht nur, weil sie mächtig war, sondern weil sie gerecht handelte. Auf dem Weg vom Grünwald zur Kaiserstadt hatte Leyla ohne zu zögern Monster und Räuber zurückgeschlagen. Nicht aus Zorn. Sondern aus Verantwortung.
Alexandra lief nur wenige Schritte hinter Leyla. Ihre Augen waren wach, ihr Lächeln offen – sie wirkte entspannt, beinahe glücklich. Vinessa liebte es, wie Alexandras Gesicht sich veränderte, wenn sie Leyla ansah. Da war Zuneigung, echte Verbundenheit. Keine gespielte Romantik, kein leeres Ideal, sondern das ruhige, tiefe Gefühl zweier Seelen, die sich gefunden hatten. Zwei Frauen, die sich auf Augenhöhe begegneten und Freude daran hatten, Zeit miteinander zu verbringen. Für Vinessa war das ein seltener, schöner Anblick – gerade in einer Welt, in der viele Beziehungen aus Zweck, Abhängigkeit oder Lüge bestanden.
Dass Leyla so eine Person an ihrer Seite hatte, erfüllte Vinessa mit Hoffnung. Die Rolle als Jüngerin war schwer, das wusste sie. Wer immer an so einem Ort stehen musste, brauchte jemanden, der einen auffing. Und Alexandra war so jemand.
Weiter hinten spielte Zensa mit seiner Magie. Kleine, kaum sichtbare Blitze zuckten zwischen seinen Fingern und den Grashalmen zu seinen Füßen. Er hatte die letzten Wochen verbissen trainiert – aus eigenem Antrieb. Seine Kontrolle wurde stetig besser, und das Leuchten in seinen goldenen Augen verriet, dass er seine Kraft langsam verstand. Vinessa erinnerte sich gut daran, wie sie ihm das erste Mal beim Üben zugesehen hatte. Seitdem betrachtete sie ihn fast wie einen kleinen Bruder. Er war laut, frech und ungestüm – aber sein Herz war groß, sein Wille ehrlich. Und vor allem: Er verehrte Leyla. Als Schüler der Jüngerin genoss er eine besondere Stelle. Vinessa sah es als ihre Aufgabe, auch ein Auge auf ihn zu haben.
Sie atmete tief durch und streckte sich in der Luft, ließ den Wind durch ihre Flügel streichen. Dieser Tag war bedeutsam. Sie alle standen an einer Schwelle – nicht nur geografisch, sondern auch innerlich.
Dies war eine gute Gruppe, dachte sie. Nicht perfekt, aber harmonisch. Eine Gruppe, die Leyla Halt gab. Eine, die sie stärkte. Und vielleicht – wenn es darauf ankam – auch retten konnte.
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Zensa konzentrierte sich ganz auf die Mücke, die einige Meter entfernt auf einem Blatt saß. Winzig, reglos, unscheinbar – und doch hatte er genau sie als Prüfstein gewählt. Nicht aus Zufall. Sie war klein, schnell und leicht. Der perfekte Test für Kontrolle, Präzision und Fokus. Genau das, woran es ihm bisher gemangelt hatte.
Drei Wochen lang hatte er sich gequält. Jeden Tag, vom ersten Sonnenstrahl bis in die Nacht, hatte er geübt, geflucht, ausprobiert. Hatte Leyla und Alexandra beim Training zugesehen, jedes Manöver analysiert, jede Geste in seinem Kopf wiederholt. Er hatte Fragen gestellt, die richtigen, die dummen. Und er hatte nicht aufgegeben.
Leyla hatte ihm gezeigt, dass Magie mehr war als Kraft. Dass sie nicht nur auf Zerstörung beruhte, sondern auf Form, Richtung, Wille. Sie hatte ihm gesagt, dass er nicht glauben dürfe, was andere ihm über seine Grenzen erzählten. Dass er frei war, kreativ. Dass er seine Magie selbst erschaffen konnte.
Und je mehr Zeit er mit ihr verbrachte, desto stärker wurde sein Wunsch, ihr gerecht zu werden. Sie war mehr als eine Lehrerin. Sie war seine Orientierung. Ihre Stärke, ihr Mut – das alles faszinierte ihn. Und tief in sich spürte er, dass er nicht nur lernen wollte, um besser zu werden. Er wollte, dass sie stolz auf ihn war.
Er atmete tief durch, schloss kurz die Augen, dann hob er die Hand. Sein Zeigefinger richtete sich auf das Blatt.
Das Mana in ihm begann zu fließen. Nicht explosiv, nicht wild. Es sammelte sich, gehorchte seinem Willen, trat aus ihm hervor wie ein lebendiger Strom. Ein einzelner, präziser Blitz zuckte hervor – kaum hörbar, kaum sichtbar. Doch er traf.
Die Mücke zuckte, fiel vom Blatt. Tot.
Zensa starrte auf die Stelle. Für einen Moment konnte er es kaum glauben. Dann riss er die Arme hoch und schrie: „JAAA!“
Er hüpfte wie ein Kind, sein ganzer Körper vibrierte vor Stolz.
Hinter ihm erklang Klatschen. Er drehte sich um – und sah Leyla. Sie stand am Wegesrand, das Licht des Vormittags ließ ihre hellblauen Haare silbern schimmern. Sie lächelte.
„Das hast du sehr gut gemacht, Zensa“, sagte sie warm. Sie ging auf ihn zu, streckte die Hand aus – und wuschelte ihm durchs Haar.
Früher hatte ihn das genervt. Aber mittlerweile bedeutete es etwas.
Er wurde rot, spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. Unwillkürlich dachte er an ihr erstes Treffen zurück. Daran, wie überheblich, ja beinahe feindselig er damals gewesen war. Und wie wenig es gebraucht hätte, damit sie ihn aus dem Weg räumte. Aber sie hatte es nicht getan. Sie hatte ihn nicht bestraft. Sie hatte ihn aufgenommen.
„Lass uns zu Vinessa und Alexandra zurückgehen“, sagte Leyla und wandte sich ab. „Wir sind bald da.“
Er nickte, auch wenn sie es nicht sehen konnte, und folgte ihr mit leichten Schritten.
Sein Herz schlug schneller. Nicht wegen der Anstrengung. Sondern wegen des Gefühls, das in ihm wuchs.
Er hatte es geschafft.
Und Leyla hatte es gesehen.
Er würde es ihr beweisen – immer wieder. Dass es richtig gewesen war, ihn mitzunehmen.
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Als sie den schmalen, fast zugewachsenen Pfad betraten, der in den Denja-Dschungel führte, durchfuhr Alexandra eine Mischung aus Ehrfurcht und Aufregung. Der Moment, in dem ihre Stiefel den ersten wurzelbedeckten Boden berührten, fühlte sich an wie das Überschreiten einer unsichtbaren Grenze.
Sie hielt Leylas Hand fester. Der Kontakt gab ihr Halt, Sicherheit – und doch auch Herzklopfen. Vor ihnen erstreckte sich eine grüne Wildnis, wie sie sie noch nie gesehen hatte. Im Vergleich dazu wirkte der Grünwald, in dem ihr Heimatdorf gelegen hatte, beinahe gezähmt. Dieser Wald war anders. Tropisch, dampfend, lebendig. Die Luft war feucht, schwer, erfüllt vom Summen und Zirpen zahlloser Insekten, vom entfernten Rufen unbekannter Tiere und vom Rascheln des dichten Blattwerks über ihnen.
Die Bäume ragten hoch auf, ihre Stämme waren gewunden, mit dicker Rinde überzogen, ihre Wurzeln krochen wie Schlangen über den Boden. Über ihren Köpfen bewegte sich etwas: ein Affe, flink, grau, mit einem grellen Schrei. Er sprang von Ast zu Ast. Eine grün-gelbe Spinne hatte sich unter einem breitblättrigen Farn ein kunstvolles Netz gespannt, das im Licht wie Silber glänzte. Die Farben, die Geräusche – alles war intensiver, unmittelbarer. Der Wald atmete. Und sie spürte es.
Alexandra sah zu Leyla. Ihre Silhouette zwischen den Blättern, ihre entschlossene Haltung, der Ausdruck der Aufmerksamkeit in ihren Augen – es war ein Anblick, der ihr Herz stets aufs Neue höher schlagen ließ. Alle Zweifel, die sie vor Monaten noch gequält hatten, all die Ängste, Leyla könnte sie wegen ihrer neuen, dämonischen Herkunft ablehnen, waren längst verflogen. Sie erinnerte sich an den Abend in der Kaiserstadt. Ihr Wiedersehen. Die Umarmung, der Kuss, das Gespräch. Seitdem war alles anders gewesen. Intensiver. Tiefer. Reiner.
„Was grinst du so breit?“ fragte Leyla plötzlich mit einem schelmischen Lächeln.
Alexandra beugte sich leicht vor, legte den Kopf schief. „Ich liebe dich, Leyla“, sagte sie leise, aber bestimmt – und küsste sie sanft auf den Mund.
Hinter ihnen ertönte ein genervtes Schnauben. „Baah, nehmt euch ein Zimmer“, kam es von Zensa, der demonstrativ wegsah.
Alexandra löste sich mit einem Lächeln von Leyla und blickte zurück. Vinessa hatte sich an Zensas Ohr festgekrallt und zog kräftig daran.
„Sich zu küssen, wenn man sich liebt, ist völlig normal! Hör auf, Leyla und Alexandra zu stören!“ Die Fee war deutlich kleiner, aber in diesem Moment mindestens doppelt so laut.
Die beiden Frauen tauschten einen Blick – und lachten. Erst leise, dann lauter, bis das Lachen wie ein Windstoß durch den Dschungel hallte.
Alexandra atmete tief durch. Der Geruch nach nasser Erde, Harz und Blütenstaub erfüllte ihre Lungen. Sie waren angekommen. Im Denja-Dschungel. Es gab kein Zurück mehr. Bläsk konnte jederzeit zuschlagen. Irgendwo da draußen lauerte der Erzdämon des Donners – und sie war nicht naiv genug zu glauben, dass er sie verschonen würde.
Sie legte die Hand an den Knauf ihres Schwertes, spürte das vertraute Gewicht. Sie war bereit. Zwei Monate hartes Training lagen hinter ihr. Sie hatte ihre Geschwindigkeit geschärft, sich fast Zensas Tempo angenähert. Ihre Kraft war gewachsen – sie war nicht so übermenschlich wie Leyla, aber nah dran. Und, was wichtiger war: Sie hatte gelernt, in Leylas Schatten nicht unterzugehen, sondern darin zu stehen.
Sie würde nicht zulassen, dass irgendjemand Leyla etwas antat. Nicht Bläsk. Nicht sonst jemand.
Alexandra war bereit zu kämpfen.
Bereit zu töten.
Bereit zu sterben.



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