Kapitel 200 - Ein Name bricht den Himmel
- empirewebnovel
- 15. Juni 2025
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„Wie würdet Ihr gegen Bläsk kämpfen, wenn er erneut auftauchen würde?“
Eroicas grüne Augen lagen ruhig auf Leyla, durchdringend wie ein Seziermesser. Es war keine beiläufige Frage. Sie kam mit Gewicht. Mit Absicht.
Leyla saß auf der Terrasse des Anwesens der Kaiserlichen Kopfgeldjäger in der Kaiserstadt. Die Herbstsonne warf lange Schatten, der Minztee dampfte sanft in der Tasse, die ihre Dienerin ihr gerade gereicht hatte. Leyla nahm einen Schluck. Ihre Finger waren ruhig, doch in ihrem Innern begann es zu arbeiten.
„Ich bin beim letzten Mal nur knapp entkommen“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme war ruhig, fast beiläufig, aber das Glimmen in ihren Augen verriet mehr. „Der Hauptgrund war, dass er mich in die Luft geschleudert hatte. Hoch. Weg von allem, was mir Kontrolle gibt. Ich konnte meine Erdmagie kaum noch einsetzen.“
Eroica nickte langsam. Sie hatten den Kampf mehrmals durchgesprochen, in Theorie zerpflückt. Aber Theorie war immer leichter als Wirklichkeit.
„Ich denke, mein erster Versuch wäre es, ihn aus der Luft zu holen. Seine Flügel sind ein Schwachpunkt. Mit konzentrierter Eismagie könnte ich sie einfrieren. Nicht sofort, aber vielleicht mit mehreren gezieltenen Schlägen.“
Sie formte aus einem Stein am Boden eine kleine Halbkugel und ließ sie über ihre Tasse gleiten. Eine schützende Kuppel. Oder ein Gefängnis.
„Und sobald er fällt… sperre ich uns beide ein. Ein Sarg aus Stein, massiv und verstärkt mit meiner Magie. Keine Flucht. Kein Himmel mehr. Dann werfe ich alles auf ihn. Alles, was ich habe.“
Eroica lehnte sich zurück, ihre Hände verschränkt. Ein leichtes Lächeln lag auf ihren Lippen, wissend, nicht spöttisch.
„Das ist ein solider Ansatz. Und Euer Talent für direkte Konfrontationen ist beeindruckend – Ihr seid im Reich kaum noch vergleichbar. Die meisten würdet Ihr in einem reinen Ausdauerkampf bezwingen. Aber…“ sie hob den Finger, „…was, wenn Ihr angeschlagen seid? Was, wenn Ihr müde, verwundet oder allein seid?“
Leyla schwieg. Natürlich hatte sie darüber nachgedacht. Nächte lang. Bläsk würde sich nicht an einen Ehrenkodex halten. Er würde nicht warten, bis sie bereit war. Wenn er wiederkam – und sie wusste, dass er wiederkommen würde – dann würde er im Moment der Schwäche zuschlagen.
„Dann werde ich vorher dafür sorgen, dass ich nicht mehr schwach bin“, sagte sie leise, aber bestimmt. „Ich werde weitere Runensteine finden. Das Wasser, die Erde, das Feuer – das reicht nicht. Ich brauche mehr. Ich werde mächtiger sein als beim letzten Mal. Ich werde nicht noch einmal fliehen müssen.“
Eroica betrachtete sie einen Moment, dann senkte sie den Blick auf ihren eigenen Tee.
„Das ist die Antwort einer Kaiserlichen Kopfgeldjägerin. Keine Flucht, kein Ausweichen. Nur Vorbereitung.“
Leyla blickte hinaus über die Gärten ihres Anwesens. Es war friedlich hier. Vögel sangen. Die Luft war klar.
Doch in ihr arbeitete bereits die Kälte des nächsten Kampfes.
Denn sie wusste es.
Der Erzdämon würde zurückkehren.
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„Jüngerin. Seit unserem letzten Aufeinandertreffen hast du zwei weitere Runensteine gefunden. Meine Hochachtung.“’
Bläsks Stimme donnerte über die Wipfel des Denja-Dschungels, wie ein Sturm, der sich mit Sprache verbündet hatte.
„Doch sag mir… wie lebst du noch?“
Leyla antwortete nicht. Sie stand auf einem breiten Ast, knapp achtzig Meter über dem Waldboden, der Regen rann ihr über das Gesicht. Ihre Augen fixierten den Himmel, den Gegner. Kein Wort. Kein Zögern.
Der Erdboden war zu weit entfernt, um sie in voller Stärke zu verankern – aber er war nicht verloren. Und sie hatte das Wasser des Regens.
Und noch hatte sie Zeit. Noch.
Sie begann, ihr Mana in die Fingerspitzen zu leiten, präzise, kontrolliert, versteckt unter der Bewegung ihrer zitternden Hände. Der Regen bot ihr mehr als Deckung – er war Waffe und Schild zugleich. Er war ihr Verbündeter.
„Du schweigst?“ dröhnte Bläsk weiter, seine goldenen Augen funkelten höhnisch. „Nun, dann sei es eben so.“
Er riss die Arme in die Höhe. Über ihm antwortete das Gewitter mit einem orchestralen Krachen, als würde der Himmel selbst vor ihm salutieren. Dutzende Blitze brachen aus den Wolken hervor, alle gleichzeitig auf Leyla gerichtet.
Sie sprang seitlich ab, rollte sich auf einem Ast ab und schuf im selben Moment eine dicke Schicht Eis über sich. Der erste Blitz durchschlug sie mühelos. Doch noch bevor der zweite einschlug, hatte sie weitere Schichten erzeugt, eine über der anderen – nicht zum Aufhalten, sondern zum Verlangsamen.
Die Luft flackerte. Hitze, Licht, Druck.
Gleichzeitig schleuderte sie drei Feuerkugeln auf Bläsk, schnell, aggressiv, aber vor allem kalkuliert – sie lenkten ihn ab.
Vierzig Meter über ihr tanzte der Erzdämon durch die Luft. Seine Bewegungen waren elegant, fast verspielt. Die Feuerkugeln streiften ihn nicht einmal.
„Drei Runensteine, und das ist alles, was du zustande bringst?“ Seine Stimme klang amüsiert, doch da war ein Hauch von Ungeduld darunter. Er begann, tiefer zu sinken, den Druck zu erhöhen.
Leyla antwortete nicht. Stattdessen ließ sie unauffällig ihr Mana durch den Baum unter sich fließen. Die Äste begannen zu wachsen, schossen wie Speere auf den Erzdämon zu. Manche versuchten, ihn zu umklammern, andere zielten wie Lanzen auf seinen Rumpf.
Er wich mühelos aus, zerfetzte einige mit seinen bloßen Händen, wirbelte durch den Himmel – doch genau das hatte sie einkalkuliert.
Während er beschäftigt war, ließ sie hinter ihm in aller Stille mehrere Eiskristalle entstehen – groß, hart, scharf. Sie schwebten regungslos, verborgen im Regen. Warteten.
Jetzt war der Moment gekommen. Die Ablenkung war bereit. Der Schlag musste sitzen.
„Drei Runensteine?“ Leyla hob den Blick, ihre Stimme war kalt wie der Regen. „Für einen Erzdämon bist du erstaunlich schlecht informiert.“
Bläsk hielt inne. Nur ein Sekundenbruchteil – ein Zucken in seinem Flug, ein Hauch von Überraschung.
Genug.
Die Eiskristalle schossen nach vorne und rasten in seinen Rücken. Sie explodierten beim Aufprall in eine Lawine aus Kälte. Das Eis umschloss seine Flügel – nicht vollständig, aber gezielt. Die Membranen erstarrten, die Beweglichkeit war dahin. Der Erzdämon begann zu taumeln, flog einen unkontrollierten Bogen, verlor an Höhe.
Leyla nutzte den Moment. Sie sprang auf einen langen, dünnen Ast.
Der Ast bog sich unter ihr, sie ließ ihn sich spannen, wie einen Bogen, lenkte ihr Gewicht im richtigen Winkel, konzentrierte ihre ganze Kraft auf den Sprung.
Sie schoss in die Luft – mit einer Wucht, wie sie es selbst kaum erwartet hatte. Hoch. Hinauf in den Himmel.
Weg von der Erde.
Direkt auf Bläsk zu.
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„Ich glaube nicht, dass ich schon bereit bin, gegen Bläsk zu kämpfen…“
Leylas Stimme war leise. Sie lag mit dem Rücken an Alexandras Brust gelehnt, beide ausgestreckt auf einem breiten Ast, der sanft unter ihrem Gewicht schwankte. Der Himmel war dunkelblau, vom weißen Licht des Skullaer erleuchtet, und der Wind trug den Geruch feuchter Erde heran. Der Dschungel war noch nicht zu sehen, aber sie spürte ihn.
Alexandra schwieg einen Moment, zog Leyla etwas enger an sich. Ihre Finger streichelten sacht über Leylas Bauch, dann über ihre Seite.
„Warum glaubst du das?“ fragte sie schließlich. Ihre Stimme war sanft, aber wach.
Leyla drehte den Kopf leicht, sah nach oben in die Blätterkrone. „Es ist nur ein Gefühl. Wenn ich meine Kraft jetzt mit seiner damals vergleiche … Ich komme nicht an ihn heran.“
Alexandra folgte ihrem Blick, sah in das Blätterdach, über das der Skullaer leuchtete. Sie überlegte einen Moment.
„Und wenn du dir einen Vorteil verschaffst?“ sagte sie dann. „Du hattest mir erzählt, dass du ihn in eine Kuppel einsperren willst. Aber wie willst du ihn überhaupt da rein kriegen?“
Leyla biss sich auf die Lippe. „Ich dachte daran, ihn einzufrieren. Seine Flügel – damit er fällt.“
„Und dann?’’ fragte Alexandra ruhig.
Leyla zuckte mit den Schultern. „Dann würde ich ihn auf dem Boden stellen. Ich kann auf dem Boden eher gewinnen.“
Alexandra drehte sich leicht, sah ihr direkt ins Gesicht. Dann tippte sie ihr mit zwei Fingern auf die Stirn.
„Was, wenn du nicht wartest, bis er fällt? Was, wenn du zu ihm springst – ihn in der Luft angreifst und mit dir nach unten reißt?“
Leyla starrte sie einen Moment entgeistert an. „Ich soll freiwillig zu ihm … nach oben?“
Sie wollte weiterreden, doch ein Gedanke stoppte sie. Sie runzelte die Stirn. Es war verrückt. Aber es ergab Sinn. So viel Sinn, dass es wehtat, nicht schon früher daran gedacht zu haben.
„Verdammt“, flüsterte sie. „Das ist genau das, womit er am wenigsten rechnet.“
Alexandra lächelte und küsste sie sanft auf die Stirn. „Du musst ihm zeigen, dass du kein Beutetier bist. Du bist Leyla, Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Die Jüngerin.“
Leyla lachte leise. Dann sah sie Alexandra an – wirklich an. Ihre Augen, ihre Ruhe, ihre Präsenz. Sie fühlte sich für einen Moment nicht wie eine Kriegerin. Nur wie eine Frau, die von der richtigen Person gehalten wurde.
„Du bist genial“, flüsterte sie. „Ich liebe dich.“
„Ich weiß“, erwiderte Alexandra und schloss die Augen. „Und ich liebe dich auch.“
Während der Wind durch die Blätter strich, formten sich in Leylas Kopf bereits die ersten Skizzen eines neuen Plans. Wenn sie die Flugbahn kontrollierte, wenn sie seine Aufmerksamkeit lenken konnte … dann konnte sie ihn in der Luft schlagen.
Es war nicht mehr nur eine Idee.
Es war ihre beste Chance.
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Leyla schoss auf Bläsk zu wie ein vom Bogen gelöster Pfeil – schneller, als das Auge eines normalen Menschen folgen konnte. Jeder Muskel in ihrem Körper war angespannt, jede Faser bereit, alles zu geben. Der Luftdruck presste sich gegen ihre Brust, während ihr Mana wie ein Sturm durch ihre Adern jagte.
Der Wind riss an ihr, der Regen peitschte ihr ins Gesicht. Doch statt sie zu bremsen, trieben die Elemente sie weiter voran. Tropfen wurden zu Nadeln, jeder davon schien sie anzufeuern: Weiter. Härter. Schneller.
Bläsk drehte sich um. Zu spät.
Seine goldenen Augen weiteten sich, sein Blick ein einziger Ausdruck von Erstaunen – und für einen flüchtigen Moment vielleicht sogar von Furcht. Der Blitz in seiner Hand formte sich, loderte, aber noch ehe er ihn schleudern konnte, war Leyla schon bei ihm.
Wie eine Naturgewalt prallte sie gegen ihn, ihre Arme rissen ihn mit sich. Zwei Kräfte, eingeschlossen in einer einzigen Bewegung, taumelnd durch das tobende Firmament.
Und dann kam das Feuer.
Leyla ließ es entfesseln, ein Befehl ohne Worte. Flammen brachen aus ihrem Körper hervor, loderten um sie herum wie ein zweites Ich. Das Metall ihrer Rüstung begann zu glühen, sich auszudehnen, wurde zur glühenden Waffe, die mit ihr atmete.
Ein Schmerzenslaut entrang sich Bläsk. Ein Laut, der nicht hätte existieren dürfen – nicht aus seinem Mund.
Doch dann traf sie der Gegenschlag.
Elektrizität jagte durch ihren Körper. Nicht wie Blitze, sondern wie ein Gewitter, das sich direkt unter ihrer Haut entlud. Ihre Sehnen spannten sich schmerzhaft, ihre Glieder zuckten. Blut füllte ihren Mund, ihre Zähne splitterten als sie ihre Kiefer unter der Spannung zusammenbiss.
„Egal“, dachte sie. „Solange er fällt.“
Und dann begann es.
Sie stürzten wie ein Komet, durchbrachen das Blätterdach mit einem berstenden Knall. Äste splitterten, Lianen rissen, Tiere flohen kreischend in die Nacht. Die Luft füllte sich mit Asche und Dampf. Und dann:
—BUMM—
Der Aufprall ließ die Erde beben. Der Boden selbst schien zu ächzen.
Leyla, kaum mehr als ein glühendes Wrack, war schneller als der Schmerz. Ihre Finger gruben sich in den Dschungelschlamm, und sie sprach – nicht mit Worten, sondern mit ihrem Willen.
Die Erde antwortete.
Ein tiefes Grollen durchfuhr den Boden, dann riss Stein aus der Tiefe empor. Eine Kuppel – massiv, unausweichlich, zwanzig Meter hoch. Bläsk brüllte auf, schlug mit seinen Flügeln, versuchte sich zu lösen. Doch das Gestein war schneller. Die Öffnung schloss sich, versiegelte ihn – einen Erzdämon, eingesperrt in der Umarmung der Welt.
Ein Moment der Stille.
Doch nicht der Dunkelheit.
Das Innere der Kuppel glühte. Bläsk war ein Stern in der Finsternis, sein Licht pulsierte durch das Gestein, warf tanzende Schatten über den zerstörten Dschungel. Die Welt ringsum war verwüstet: Bäume geknickt wie Strohhalme, verbrannte Erde, Stille, nur durchbrochen vom Knacken schwelender Zweige.
Leyla kauerte im Matsch, ihre Finger in den Boden gekrallt, zitternd vor Erschöpfung. Doch sie lebte. Ihre Magie arbeitete – zäh, entschlossen. Ihre Zähne wuchsen zurück. Die verbrannte Haut heilte. Organe ordneten sich neu.
Dann regte sie sich.
Langsam. Zentimeter für Zentimeter richtete sie sich auf.
Ihre Augen, brennend wie zwei Splitter aus Vulkanglas, fanden die Lichtquelle im Innern der Kuppel. Sie sah ihn – nicht mehr als strahlende Gottheit, sondern als Kreatur, gefangen, in Zorn erstarrt.
Sie trat vor.
Und ihre Stimme, brüchig und doch unüberhörbar, schnitt durch die Luft wie ein Schwert.
„Jetzt wirst du mich nicht mehr von dieser Erde reißen.“
Jeder Laut ein Schwur. Jeder Atemzug eine Rebellion gegen das, was war.
„Ich beende, was Bolt begann.“
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Bläsks Augen weiteten sich, als hätte ihn ein Geist der Vergangenheit gepackt.
„B-Bolt? Du wagst es… seinen Namen zu erwähnen?“
Seine Stimme war nicht mehr donnernd, sondern brüchig – ein einziger Klang aus Entsetzen, Zorn und unausgesprochener Furcht. Für einen Moment war der Sturm um sie herum still. Selbst die Blitze hielten inne, als lauschten sie dem Echo dieses Namens.
Leyla sah es. Die Maske war gefallen. Genau darauf hatte sie spekuliert.
Sie erinnerte sich an den Abend in der Bibliothek von Malyl – an den flackernden Kerzenschein, an das Kratzen der Feder auf altem Pergament. Damals hatte sie zum ersten Mal von ihm gelesen. Von Bolt. Dem Menschen, der Bläsk zum Beben gebracht hatte.
Ein Sterblicher, der unbedingt Schüler eines Erzdämons werden wollte. Der, nach unzähligen Zurückweisungen, schließlich doch angenommen worden war. Ein Mensch, der sich über das Menschliche hinaus erhoben hatte, nur um am Ende bitter zu erkennen, dass Bläsk ihn nie als potenziellen Dämon angesehen hatte. Ein Werkzeug. Mehr nicht.
Er hatte sich verraten gefühlt. Und er hatte zurückgeschlagen.
Bolt hatte versucht, Bläsk zu töten. Ihn zu überlisten. Seine Macht zu stehlen. Und er war gescheitert – aber nur knapp. Beinahe wäre ein Sterblicher zur Legende geworden, auf Kosten eines Gottes.
Leyla war sich sicher gewesen: Für Bläsk war dieser Name kein bloßes Echo. Er war ein Fluch. Ein Trauma, das ihn bis in den Schlaf verfolgte.
Und jetzt hallte dieser Name durch den Dschungel – direkt in sein Herz.
Der Erzdämon zitterte. Zögerte. Sein Blick irrte suchend umher, als könnte er das Gespenst seines längst verstorbenen Schülers zwischen den Blättern erkennen. Seine Magie flackerte. Die goldene Aura, die ihn umgab, verlor für einen Herzschlag ihren Glanz.
Leyla zögerte nicht.
Mit einem stummen Befehl ließ sie zwei massive Platten aus dunklem Stahl aus dem Boden schnellen. Sie klatschten wie Fallbeile aufeinander – mitten durch Bläsks Rumpf.
Ein hässliches Knacken. Rippen brachen. Knochen splitterten.
Bevor der Dämon auch nur schreien konnte, spieh Leyla ihr Feuer heraus. Ein gleißender Strom aus weißem Flammenlicht schoss aus ihrem Mund, heißer als das Feuer der Drachen, heißer als das Herz der Vulkane.
Bläsks Flügel begannen zu brennen. Nicht lichterloh – sondern still, wie Papier, das sich in Asche auflöst. Seine Federn zerfielen zu Staub.
Dann hob Leyla ihre Hände. Eiskristalle tanzten um sie herum, schärfer als Speerspitzen, hunderte, tausende.
Ein einziger Gedanke – und sie schossen los.
Bläsk wurde durchbohrt. Die Splitter brachen durch seine Arme, seine Beine, seine Schulter. Einer traf sein goldenes Horn, riss es entzwei.
Er fiel zurück, taumelte gegen die steinerne Kuppelwand. Zuckte.
Leyla schoss vor. Zog mit einem Ruck Zcepes’ Schwert aus der Scheide, wirbelte herum und stach zu – mit all der Wucht ihrer Hoffnung, ihrer Wut, ihrer Geschichte.
Doch sie traf nicht.
Bläsk, in einem letzten Akt instinktiver Panik, schleuderte Blitze in alle Richtungen. Ein Netz aus reiner Zerstörung. Die Entladung erfasste Leyla, warf sie durch die Luft, riss ihr die Luft aus den Lungen.
Sie prallte hart auf den Boden, keuchte, der Geschmack von Eisen im Mund. Ihre Arme zitterten, ihre Beine fühlten sich taub an.
Aber sie stand wieder auf.
Und sie sah ihn an.
Bläsk stand noch, ja – aber es war nicht mehr der majestätische Dämon aus der Luft. Sein Körper war verkohlt, seine Flügel wie Stümmel. Die goldene Haut hatte sich schwarz verfärbt, sein Gesicht war kaum mehr zu erkennen – eher eine Fratze, halb verbrannt, halb zerschnitten.
Schwäche lag in seinen Bewegungen. Und Angst.
Leyla atmete einmal tief durch, dann lächelte sie. Es war ein kaltes, entschlossenes Lächeln. Nicht triumphierend, sondern wissend.
Sie wusste jetzt: Sie konnte gewinnen.
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Leyla formte einen Speer aus Stein über ihrem Kopf. Drei Meter lang, mit einer Spitze wie aus diamantgeschliffenem Obsidian. Er begann zu rotieren – schneller und schneller, bis er ein Brummen in der Luft erzeugte, das selbst das Trommeln des Regens auf der Kuppel übertönte.
Dieser eine Treffer würde reichen. Er musste reichen. Sie würde ihn töten. Endlich. Ihn als Gefahr für immer beseitigen.
Doch dann hallte Bläsks Stimme durch die verwüstete Lichtung. Schwächer als zu Beginn des Kampfes, krächzender, aber noch immer durchdrungen von dieser unmenschlichen Wucht.
„Fesseln des Zil... leiht mir eure Macht!“
Ein violettes Leuchten brach aus seinem Körper hervor. Es war kein Licht normaler Magie. Es war älter. Schwerer. Es schien die Luft zu verformen, als würde der Raum selbst brechen.
Leyla reagierte sofort. Ohne zu zögern schoss sie den Speer auf ihn ab – wie ein Blitz aus Stein, durchbohrend, final.
—BUMM—
Eine Druckwelle folgte dem Einschlag, Sand wurde aufgewirbelt, Erde splitterte, der gesamte Boden erbebte. Die Sicht verschwamm in einer Wolke aus Staub und Dampf.
Leyla wartete. Ihre Brust hob und senkte sich rasend. War es vorbei?
Doch als sich der Schleier lichtete, stand er noch da.
Unversehrt.
Völlig.
Unversehrt.
Nicht einmal ein Kratzer.
„W-was…?“ Leyla stolperte rückwärts, ihre Augen geweitet, ihre Lippen trocken. Das war kein Zauber. Das war Wahnsinn. Das war unmöglich.
Um Bläsk waberte nun eine dichte, pulsierende Aura aus violettem Licht, wie aus einer anderen Dimension geboren.
Der Erzdämon lächelte. Ein bitteres, grausames Lächeln.
„Glückwunsch, Jüngerin. Du hast es geschafft, mich an den Rand meiner Kräfte zu bringen.“ Er trat einen Schritt näher. „Dafür wirst du die Ehre haben, mich schlafen zu schicken – für ein ganzes Jahrzehnt.“
Er hob die Hand. Violette Blitze begannen sich spiralförmig um seinen Arm zu winden, funkelten wie vergiftete Schlangen.
„Doch vorher“, sprach er, und seine Stimme war jetzt klar wie Glas und kalt wie Stahl, „werde ich dich vernichten.“
Leyla wollte sich bewegen, wollte angreifen, doch ihr Körper gehorchte nicht mehr.
„Ich verfluche die Jüngerin Leyla. Auf dass ihr Mana entweicht.“
Mit einem Schlag spürte sie es. Die Leere. Das Nichts. Ihre Magie wich von ihr wie Wasser aus einer geborstenen Amphore. Die Verbindung zu den Runensteinen – durchtrennt. Kein Flüstern mehr. Kein Puls. Kein Widerhall.
Sie sackte auf die Knie. Ihre Finger krallten sich in den matschigen Boden, doch selbst die Erde antwortete nicht mehr.
„Nein…“ flüsterte sie. „Nein, das… das kann nicht…“
Aber es konnte. Und es war.
Bläsk stand da, seine Silhouette lodernd vor Macht, von der sie zu diesem Zeitpunkt nur träumen konnte.
Leyla begann zu lachen. Erst leise. Dann lauter. Das Lachen einer Wahnsinnigen.
Es war Irrsinn. Reiner Irrsinn.
Sie hatte ihn fast besiegt. Sie war so nahe gewesen. Und jetzt?
Jetzt war sie machtlos. Schwach. Und allein.
„Alles… alles meine Schuld…“ flüsterte sie. Ihre Stimme war brüchig. „Hätte ich mich nicht von Alexandra getrennt… hätte ich Zensa eingeweiht…“
Doch Schuldgefühle brachten keine Stärke.
Das violette Licht sammelte sich über ihr, formte sich zu einem pulsierenden Kreis. Es war kein Blitz mehr. Es war ein Urteil.
Ein Todesurteil.
Es schoss herab – und erfasste sie vollständig.
Leylas Gedanken zersplitterten. Ihre Wahrnehmung wurde schwarz.
Und der letzte Gedanke, der ihr blieb, war:
,,Wer stirbt diesmal für meinen Fehler..?’’
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„Schneller, Alexandra!“ Vinessas Stimme zitterte vor Dringlichkeit, während sie sich tief in Alexandras Ausschnitt verkrochen hatte, um sich vor dem peitschenden Wind zu schützen.
Erst wenige Minuten war es her, seit sie die erschütternde Welle gespürt hatte. Eine Magie, so grausam, so überwältigend, dass selbst der Wind ihren Namen flüsterte. Es gab keinen Zweifel. Diese Magie gehörte Bläsk, dem Erzdämon des Donners.
Ohne zu zögern hatte Alexandra ihre Dämonenform angenommen. Ihre Augen hatten sich schwarz verfärbt, Hörner waren aus ihrer Stirn gebrochen, und riesige, pechschwarze Schwingen hatten sich entfaltet wie das Banner eines gefallenen Engels. Dann war sie aufgestiegen – hinauf über die Wipfel des Denja-Dschungels, gegen den Sturm, gegen die Natur selbst.
Der Regen peitschte gegen ihr Gesicht, der Wind schlug ihr mit brutaler Gewalt entgegen. Ihre Flügel bebten bei jedem Schlag, und dennoch zwang sie sich weiter.
„Dort!“ kreischte Vinessa. Am Horizont ragte die Steinkuppel auf, ein Monolith inmitten des Chaos. Genau so hatte Leyla sie beschrieben. Eine letzte Bastion. Oder ein Grab.
Alexandras Blick verfinsterte sich. Die Kuppel war nicht leer. Sie sah das Licht, das aus ihren Rissen drang. Sah die Blitze, die durch den Himmel zuckten. Spürte die Vibration der Luft. Und sie wusste: Leyla kämpfte.
„Verdammter Sturm!“ presste Alexandra zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während sie versuchte, dem Orkan zu trotzen. Ihre Flügel wurden nach hinten gerissen, ihr ganzer Körper schwankte in der Luft. Jeder Meter wurde zum Kraftakt.
„Ich… ich kann nicht…“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Keuchen, das im Wind verloren ging.
Vinessa hielt sich verzweifelt fest, spürte Alexandras Herz unter sich rasen. „Du musst! Wenn wir zu spät kommen, stirbt sie!“
Ein lautes Grollen durchzuckte den Himmel. Ein weiterer Blitz. Noch einer. Und noch einer. Der Sturm tobte wie ein rasender Gott, als wolle er sie beide verschlingen.
Alexandra schrie auf. Nicht vor Schmerz – sondern vor Entschlossenheit. Ihre Flügel schlugen stärker. Schneller. Die Muskeln in ihren Schultern brannten, doch sie ignorierte es.
Sie dachte an Leylas Gesicht. An ihr Lächeln. An die Nacht am Lagerfeuer. An ihre gemeinsamen Momente. An das Versprechen, das sie sich gegeben hatten.
„Bitte…“ flüsterte sie, während ihr Blut kochte und ihre Magie mit jeder Sekunde dunkler wurde.
„Bitte lebe, Leyla… Nur noch ein bisschen… Ich bin gleich da…“



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