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Kapitel 201 - Das siebte Element

Leyla befand sich in einem dunklen Raum.


Sie konnte sich zwar bewegen, doch aus ihrem Mund kamen keine Worte. Vor ihr befand sich nur ein Tisch, auf dem vier Kerzen standen.


Eine blattgrüne, eine blaue, eine schwarze und eine weiße.


Resigniert seufzte Leyla. Sie war gestorben. Zum vierten Mal war sie nun in diesem Raum.


Sie sah zu den Kerzen, versuchte sie mit ihrem Blick am Ausgehen zu hindern.


Eine der Kerzen erlosch.


Und für einen Moment fiel Leyla in einen Abgrund voller Selbsthass und Trauer.



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Das Schiff, das im Hafen von Welldyl anlegte, war kein gewöhnliches Handelsschiff. Es war ein stolzer, tief liegender Dreimaster aus Garnime – seine Planken dunkel vom Salz zahlloser Seetage, seine Segel noch aufgebläht vom ersten, warmen Windhauch, der vom Westen her über das weite Meer gezogen war. Die Takelage knarrte unter dem Echo der Reise, als wolle das Schiff erzählen, was es gesehen hatte.


Es kam aus Berillihara, der goldenen Perle Garnimes. Einer Stadt, deren Kanäle in Silber eingefasst sind, wo die Luft nach Safran, getrocknetem Fisch und altem Geld duftet – einem Ort, an dem die Händler in Gold gewogen und die Lügen in Samt gesprochen werden. Doch diesmal trug das Schiff keine friedliche Fracht.


Die Entladung begann im ersten Morgenlicht.


Zuerst rollten kräftige Hafenarbeiter schwere Fässer aus dem Bauch des Schiffes – berillischer Rotwein, so dunkel und dickflüssig wie getrocknetes Blut, mit Korken versiegelt, auf denen das Siegel des Handelshauses Palass prangte. Danach folgten sorgfältig verschlossene Holzkisten, ausgepolstert mit feinem Leinen und schwer von Reichtum. Sie waren gefüllt mit Edelsteinen aus der Zentralen Wüste – Rubine, die in der Morgensonne wie flüssiges Feuer glühten, Smaragde, so grün und tief, dass man sich darin verlieren konnte, und Saphire, deren Blau an vergessene Ozeane erinnerte. Und schließlich kamen die Artefakte. Alt. Fremd. In schwarze Tücher gewickelt, doch noch immer vibrierend von einer Magie, die selbst den Luftzug veränderte.


Dann kamen die Flüchtlinge. 


Vor allem Dracharen. Männer, Frauen, Kinder – gezeichnet von einer Flucht, die nicht nur den Körper, sondern auch die Seele ausgezehrt hatte. Ihre Kleidung war verrußt, ihre Gesichter bleich wie kalkgetünchte Wände, und in ihren Augen flackerten noch die Brände ihrer Heimat. Drakia war gefallen. Nicht einfach besiegt – ausgelöscht. In einem einzigen Atemzug Geschichte geworden. Die verlorenen Seelen stiegen an Land wie Schatten, und ihr Schweigen war lauter als jedes Klagen.


Zuletzt kamen die Passagiere, es war bereits Abends.


Händler mit dicken Säcken, Reisende mit müden Gesichtern, Abenteurer mit zu vielen Geschichten in den Augen. Sie vermischten sich mit den Arbeitern, den Bettlern, den Wachen – doch einer stach hervor wie ein Messer in weichem Brot.


Ein Mann mit grauem, vom Wind zerzaustem Haar, das sich wie eine zerfaserte Standarte um sein kantiges Gesicht legte. Sein Blick war wach, durchdringend, jede Bewegung gezielt. Auf seinem Rücken ruhte ein Schwert, schlicht in der Form, doch auf dem Griff glänzten fünf Edelsteine, eingefasst in schwarzes Metall – sie glühten schwach im Licht der sinkenden Sonne, als atmeten sie selbst. Er trug es nicht wie ein Andenken. Er trug es wie eine Schuld. Oder einen Eid.


Der Mann hatte keine Zeit für den Hafen. Keine Zeit für Fragen.


Er verschwand zwischen den Gassen von Welldyl wie ein Schatten in der Dämmerung. Seine Schritte waren schnell, entschlossen, als wüssten sie schon seit Tagen wohin. Zielgerichtet durchquerte er den Markt, ließ das Geschrei der Händler hinter sich, und fand, was er suchte: die Ställe am östlichen Stadtrand.


Dort wartete sie.


Eine weiße Stute, edel und still. Ihr Fell glänzte wie frisch gefallener Schnee im ersten Licht des Tages. Auf ihrer Stirn zogen sich drei schwarze Punkte in einer Linie – als hätte der Nachthimmel selbst sie gezeichnet. Die Stute wieherte nicht. Sie bewegte sich kaum. Doch ihre Augen suchten ihn, als hätten sie gewusst, dass er kommt.


Ohne zu zögern warf er dem Stallknecht eine goldene Münze zu, deren Gewicht mehr sagte als jedes Wort. Dann schwang er sich auf das Tier – ein einziger, fließender Bewegungsablauf – und ohne weitere Verzögerung ritt er los.


Er jagte durch die Stadttore, ließ das murmelnde Welldyl hinter sich. Vorbei an Feldern, auf denen der letzte Geruch des Winters hing, und Dörfern, deren Lichter in der Ferne wie verlorene Sterne schimmerten. Der Wind biss in sein Gesicht, der Himmel über ihm begann zu glühen – nicht vom Licht, sondern von der Erwartung der Nacht.


Erst als sich die ersten Hügel vor ihm auftürmten, raue, uralte Zeugen der Ebene, hielt er an. Ein guter Ort. Abgeschieden. Still.


Das Lager war schnell gemacht. Seine Hände bewegten sich sicher, das Feuer gehorchte ihm wie ein alter Freund. In wenigen Minuten züngelte die Flamme, und er saß davor – schweigend, wartend. Aus seiner Tasche zog er eine Flasche. Dunkles Glas, rauer Korken. Kein gewöhnlicher Schnaps. Etwas Würziges, Starkes, das nach Berillihara schmeckte – nach Gewürzen, nach Tabak, nach dem Ende eines Traums.


Er trank.


Langsam. Schluck für Schluck. Und sein Blick wanderte zum Himmel, zu den Sternen, die sich nun langsam über das Land legten. Es wirkte, als lausche er. Als erwartete er ein Zeichen. Vielleicht vom Himmel. Vielleicht aus der Vergangenheit.


Aber der Himmel schwieg.


Und der Mann trank weiter.



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Nea lauerte in den Büschen, reglos wie ein Schatten, eingespannt zwischen Blattwerk und Stille. Ihre Haut war vom Mondlicht gebleicht, ihr Atem flach, ihr Blick starr auf das Ziel gerichtet.


Nur wenige Schritte entfernt saß der Mann, den sie töten würde. Nein – den sie vernichten würde.


Er war ruhig. Fast zu ruhig. Der Schein des Lagerfeuers tanzte über sein Gesicht, doch es war nicht das Licht, das ihn lebendig wirken ließ – es war die Unruhe in seinen Fingern, das gelegentliche, kaum merkliche Zittern in seiner Kieferlinie.


Wie hatte Aragi ihn genannt?


Jamall?


War das wirklich sein Name?


Nea war es gleich. Sein Name war bedeutungslos. Seine Geschichte ebenfalls. Ob er einst ein Held, ein Mörder oder ein Verlorener war – es spielte keine Rolle. Was zählte, war einzig eines: Er wünschte Leyla den Tod. Und dafür würde er nicht einfach nur bezahlen. Er musste ausgelöscht werden.


Nicht einfach ein normaler Tod, nicht mit einem Dolch durch die Kehle oder einer Klinge ins Herz.


Nein.


Nea würde ihn verbrennen. Aus der Welt reißen. Bis nichts blieb. Kein Körper. Kein Staub. Kein Echo. Sie würde nicht zulassen, dass er auch nur einen weiteren Atemzug näher an Leyla kam.


Sie hatte drei Pläne.


Der erste: ein Blitzangriff. Lichtmagie, so rein und brutal wie die Sonne selbst. Eine Singularität aus Energie. Kein Warnschrei. Kein Zauberwort. Nur Vernichtung.


Der zweite: ein offener Kampf. Keine Zier, keine Kunst. Reines Zerschmettern. Wenn es sein musste, würde sie ihn mit bloßen Händen in den Boden drücken, bis seine Knochen splitterten.


Der dritte…


Darüber dachte sie nicht nach.


Nicht jetzt.


Jamall saß noch immer da. Seine Silhouette vom Feuer gezeichnet, seine Schultern leicht gesenkt. Er trank – einen schweren, dunklen Schluck aus einer bauchigen Flasche. Dann starrte er in den Himmel, als warte er auf etwas. Eine Botschaft. Ein Urteil. Oder das Ende. 


Er wirkte nicht nervös. Nicht wachsam. Nicht müde.


Er wirkte… bereit.


„Wirst du nie schwächer?“ dachte Nea, die Hände zu Fäusten geballt. Wie lange sollte sie noch warten? Wie lange noch dieser seltsame Friede, bevor der Sturm kam?


Dann – Bewegung.


Jamall stand auf. Langsam. Ohne Eile. Schlurfte ein paar Schritte, blieb unter einer knorrigen Eiche stehen und griff an seinen Gürtel. Er drehte ihr den Rücken zu. Offen. Wehrlos.


Ein Fehler.


Neas Hass explodierte.


Oben über ihr, am Rand der Schatten, erschienen Klingen. Aus purem Licht geboren. Sie schwebten einen Herzschlag lang regungslos, dann zuckten sie wie Raubtiere auf ihr Ziel – gleißend, tödlich, flüsternd schnell.


Ein Moment später folgte der zweite Schwarm: Lichtpfeile. Dutzende. Dann Hunderte. Jeder davon ein Fluch, geformt aus Entschlossenheit, Wut – und Liebe.


Noch während der Himmel sich öffnete, formte sich in Neas Hand ein Schwert. Kein einfaches, sondern eine Klinge aus Licht, flimmernd wie die Mittagssonne auf spiegelndem Wasser, heiß vor Magie.


Dann rannte sie.


—BOOM—


Die Luft zerriss. Staub wirbelte auf, vernebelte das Bild, als wäre der Wald selbst in Flammen aufgegangen. Doch Nea brauchte ihre Augen nicht.


Sie spürte ihn.


Den Rhythmus seines Atems.


Den dumpfen Schlag seines Herzens.


Den genauen Punkt, an dem sie zustechen musste.


Sie hob das Schwert, bündelte ihr ganzes Licht darin, und stieß zu – mit einer Zielstrebigkeit, die nicht von dieser Welt war.



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Der Staub verzog sich – langsam, zäh wie kalter Nebel. Und dann stand er da.


Jamall.


Unversehrt.


Sein Schwert, diese abscheuliche Klinge mit den fünf Edelsteinen, ruhte locker in seiner Rechten. Nicht gespannt. Nicht kampfbereit. Einfach nur… da. Als wäre der Angriff nie geschehen. Seine Hose war hochgezogen, kein Blut, kein Kratzer. Kein Funken Respekt in seinen Augen – nur dieses träge, beinahe gelangweilte Blinzeln.


Neas Angriff – der Sturm aus Licht, der Klingenhagel, die geballte Entladung aus Rache, Pflicht und Zorn – hatte nichts bewirkt. Nichts.


Dann trat er zu.


Ein einziger Stoß. Präzise. Brutal. Sie spürte, wie ihre Rippen nachgaben, wie der Aufprall sie zurückwarf. Doch noch im Flug aktivierten sich ihre Reflexe. Sie fing sich, landete schwer, kniete, sprang wieder hoch.


Dann sprach er – mit dieser ruhigen, ungerührten Stimme.


„Ich will dich nicht töten, wer auch immer du bist. Verzieh dich.“


Neas Blick verengte sich zu Schlitzen. Ihre Stimme war eine Klinge aus gefrorenem Zorn.


„Ich bin Nea. Fünfte Kaiserliche Kopfgeldjägerin.“ Sie machte einen Schritt nach vorne, ihre Flügel waren bereits leicht geöffnet. „Für deine Verbrechen verurteile ich dich zum Tode.“


Ein winziges Zucken ging durch Jamalls Augenwinkel. Überraschung? Vielleicht. Doch sie war flüchtig. Zu schnell verschwunden, um sie zu greifen. „Ihr habt also herausgefunden, dass ich Bournadette getötet habe?“


Dann war es, als ob die Welt für Nea kurz aufhörte, sich zu drehen.


Bournadette.


Tot? Getötet? Von ihm?


Es war unmöglich. Es durfte nicht sein. Bournadette war nicht irgendeine ehemalige Kopfgeldjägerin. Sie war die Zweite. Eine, die selbst Bunj besiegen konnte.


Warum er?


Warum ausgerechnet dieser Mann?


Nea rang nach Fassung. Ihre Hände zitterten nicht – doch ihre Seele bebte. Trotzdem: keine Tränen. Kein Aufschrei. Nur Stille. Dann: Entschlossenheit.


„Du wirst Leyla niemals zu Gesicht bekommen. Dein Feldzug gegen sie endet hier.“


Jamall lachte. Leise. Kurz. Wie ein Lehrer über die Naivität eines Schülers.


„Ach, darum geht es?“ Er schüttelte kaum merklich den Kopf, seufzte. „Dann muss ich dich wohl enttäuschen. Ich werde dich töten, wenn ich muss. Eigentlich hätte ich nichts gegen dich – aber du wirst mich wohl nicht einfach zu ihr lassen, oder?“


Nea öffnete ihre Flügel und flog einige Meter in die Luft.


Sie waren weiß. Blendend. Ein himmlischer Kontrast zur Dunkelheit, die sich zusammenzog. Und doch waren sie kein Symbol von Frieden – sie waren ein Vorzeichen. Für das, was kommen würde.


„Ich will nur sie töten“, sagte Jamall, beinahe beiläufig. „Sonst niemanden. Das wirst du doch verstehen, oder?“


Doch Nea verstand nur eines: die Sprache von Gewalt.


Sie antwortete nicht mit Worten.


Sie antwortete mit einem offenen Krieg.


Feuer flammte in ihren Handflächen auf, ein gleißender Zorn, gespeist aus Pflichtgefühl und Verzweiflung. Kugeln aus brennender Energie schossen hervor, rissen durch die Luft wie Meteoriten. Sie regneten auf Jamall nieder, ein Flächenangriff, der selbst Dächer schmelzen lassen konnte.


Gleichzeitig zog ihre Magie jede Wärme aus der Luft. Die Frühlingsnacht starb. Der Atem der Bäume erstarrte. Der Boden unter ihren Füßen knisterte leise, vereist.


Dann kam die Finsternis.


Nicht einfach Dunkelheit – absolute Finsternis. Eine Magie, so schwarz, dass selbst das Licht davor zurückwich. Ein Schleier, der sich über die Hügel legte, den Himmel verhüllte, selbst das Lodern des Feuers erstickte.


Nea sah alles. Ihre Augen durchdrangen die Schwärze. Für sie war es, als hätte sich nichts verändert. Für einen Menschen wie Jamall? Es war, als hätte jemand alles Licht ausgelöscht. 


Sie spannte sich. Der Griff um ihr Schwert aus Licht wurde fester. Die Luft flimmerte, kaum wahrnehmbar, vor der geballten Energie, die sich in ihr sammelte.


Dann stieß sie vor.


Kein Laut, kein Zögern.


Ein Angriff, so fließend wie Wasser, so schnell wie Wind, so tödlich wie das Urteil eines Gottes.


Hundert Schläge in einer Bewegung. Jeder ein Versuch, Jamall zu treffen – oder zu vernichten. Ihr Schwert zerschnitt die Dunkelheit, durchbrach die Luft, suchte nach Haut, nach Fleisch, nach Jamall.



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Jamall spürte, wie sich die Finsternis um ihn legte. Wie sie wuchs, sich an seinen Körper schmiegte, ihn umschloss wie eine schwarze Haut. Doch es war bedeutungslos. Seit er das Schwert der Fünf Monde in Händen hielt, konnten ihn solche Kinderspielchen nicht mehr berühren. Nicht wirklich.


Die Feuerkugeln, die auf ihn zurasten, zerplatzten am Rande seines Einflusses, ohne Hitze, ohne Klang. Sein Schwert – länger als gewöhnlich, geschmiedet aus einem silbernen Metall, das im Licht der Monde pulsierte – sog das Mana förmlich auf. Jede Flamme wurde ein Teil seiner Kraft, jedes Element ein Tropfen in seinem Ozean.


Nea stürmte auf ihn zu, ihre Klinge aus Licht hell wie die Sonne in der Nacht – doch er parierte. Ohne Kraftaufwand. Ohne Emotion. Der erste Schlag prallte ab, der zweite ebenso. Dann der dritte. Der vierte. Dutzende folgten, dann hunderte – eine Flut aus Entschlossenheit.


Doch sie alle fanden nichts als das Echo ihrer eigenen Vergeblichkeit.


Jamall bewegte sich kaum. Er wich nicht zurück. Parierte im Stand. Jeder Hieb verpuffte gegen die überlegene Wucht und uralte Gravitation seines Schwertes.


Ihr Stil war sauber, präzise. Doch es reichte nicht.


Ihr Schwert war strahlend, voller Ideale.


Doch gegen das Schwert der Fünf Monde – ein Relikt, geschaffen von den Monden selbst und durchzogen von Urmagischen Licht gleichermaßen – war es nur Spielzeug.


Er seufzte. Es war nicht Hochmut. Es war Müdigkeit.


Er hatte nicht vor, sie zu töten. Nicht sie. Nicht jetzt. Nicht in der Zukunft.


Nur Leyla.


Aus Jamalls Brust schob sich ein dritter Arm hervor – metallisch, grob, überzogen mit Adern aus runenverzinktem Stahl. Kein Kunststück – sondern eine Erweiterung seines neuen Wesens. In der Hand formte sich ein Hammer, massiv wie ein Felsen, aus purem Stein, geboren aus seinem Willen.


Er schwang ihn. Ein einziger Schlag.


Nea flog. Hart, ungebremst. Sie schlug gegen einen Baumstamm, die Rinde splitterte, Vögel stoben kreischend davon. Sie hustete, rappelte sich hoch, wischte Blut vom Mundwinkel.


„Lass uns das Ganze doch ohne Kampf klären, Nea“, sagte Jamall ruhig.


Ihre Antwort war ein Blick wie kalter Stahl.


„Es gibt nichts zu klären. Was hat Leyla dir getan? Hat sie dich gedemütigt? Bist du so schwach, dass du mit ihrer Stärke nicht leben kannst? Oder hat dein fragiles Ego den Kampf verloren und will jetzt Vergeltung?“


Jamall lachte. Nicht spöttisch – sondern fast erleichtert. „Du weißt es also wirklich nicht.“


Er trat einen Schritt näher, sein Schwert in der Rechten, den Hammer und den dritten Arm löste er auf.


„Gut“, sagte er. „Dann will ich es dir erzählen. Nicht, um dich zu überzeugen. Sondern weil du verdienst zu wissen, für welches Monster du dich opferst.“


Neas Haltung blieb angespannt, doch sie wartete.


Jamalls Stimme wurde fester.


,,Dann erzähle ich dir, wie Leyla die Welt verleugnet.’’



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Neas Gedanken überschlugen sich.


Leyla? Die Welt verleugnen? Was für ein lächerlicher Unsinn war das bitte? Die Leyla, die sie selbst beschützt, unterstützt, geliebt hatte wie ein eigenes Kind – sie sollte ein Monster sein? Eine Gefahr für die Welt?


Unmöglich.


Und doch … Jamalls Stimme klang nicht wie die eines Fanatikers. Er war ruhig, sachlich, müde.


Er lehnte sich gegen einen der Bäume, als würde die Wahrheit schwerer als jede Klinge wiegen.


„Leyla ist verantwortlich für den Tod ihrer engsten Vertrauten“, sagte er schließlich. „Zu ihrer Zeit als Abenteurerin war sie Teil einer Gilde. Zwei Mitglieder: ein Zwerg namens Fer. Und eine Frau namens Roxy. Beide tot. Durch sie.“


Nea verzog keine Miene. Die Worte prallten ab wie Hagel auf Stahl.


„Ich weiß nicht, wie viele seitdem ihrer Fähigkeit zum Opfer gefallen sind. Vielleicht Dutzende. Vielleicht mehr.“


Leyla sollte ihre Freunde verraten haben? Die Frau, die für andere lebte, die Verantwortung trug, selbst wenn sie daran zerbrach? Das ergab keinen Sinn. Und selbst wenn es wahr wäre – Nea war nicht hier, um zu urteilen. Sie war hier, um zu schützen.


„Und?“ fragte sie kühl, die Augen auf ihn gerichtet wie Speere aus Glas.


Er war stärker als alles, was sie erwartet hatte. Viel stärker. Kein gewöhnlicher Feind. Seine Aura brannte wie Sternenfeuer, seine Fähigkeiten übertrafen die von Bournadette, von ihr selbst – und selbst Leyla im Vollbesitz ihrer Kraft schien in seinem Schatten zu stehen.


Woher kam diese Macht? War es das Schwert?


„Wenn Leyla stirbt“, sagte Jamall und hob langsam die Waffe, „gibt sie diesen Tod weiter. Nicht an den Angreifer. Sondern an jemanden, der ihr nahesteht. Sie überlebt – weil andere für sie sterben.“


Ein kalter Schauer fuhr Nea über den Rücken.


„Das ist absurd. So eine Magie gibt es nicht.“


„Doch. Ich habe mit Liam gesprochen. Ihrem ehemaligen Partner. Er hat es bestätigt.“ Jamalls Augen wurden dunkler. „Fer ist gestorben, ohne einen Kratzer. Zeitgleich wurde Leyla von Bournadette getötet – durch einen Schnitt in den Hals. Doch Leyla stand wieder auf. Und Fer war tot.“


Neas Fäuste zitterten.


„Roxy starb hunderte Kilometer entfernt. Leyla war nicht in ihrer Nähe. Einfach tot – genau in dem Moment, als Leyla wieder einmal gefallen war.“


Er log nicht. Sie spürte es. Er war zu ernst. Zu klar. Und doch …


War das wirklich wichtig?


„Interessiert mich nicht“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme war leise. Fest. „Bist du fertig?“


Jamall seufzte. „Ich hatte dich für intelligenter gehalten. Ich dachte, du würdest erkennen, was das bedeutet. Was es mit der Welt macht.“


Er stieß sich vom Baum ab, glitt fließend in Kampfhaltung. Die Luft um ihn vibrierte.


Auch Nea spannte ihre Muskeln, breitete die Flügel aus. Schneeweiß im Mondlicht. Ein Kontrast zu seinem schwarzen Stahl.


Sie wusste, was kam.


„Moment mal“, sagte sie dann. „Wenn sie nicht sterben kann – wie willst du sie dann töten?“


Jamall grinste. Zum ersten Mal zeigte er echte Emotion.


„Dafür habe ich dieses Schwert“, sagte er. Er hielt es höher, ließ es im Licht der Sterne glänzen. „Das Schwert der Fünf Monde. Es ignoriert alle Schutzmechanismen, alle Unsterblichkeit, alle Rückkehr. Wenn ich damit töte, ist es endgültig.“


Nea atmete scharf ein. Also war das seine Waffe gegen das Unmögliche.


Gut.


Dann war klar, was sie tun musste.


Sie ballte ihre Faust, ließ die Magie in ihre Knochen fließen. Sie würde alles geben. Ihre Kraft, ihr Blut, ihr Leben, wenn es nötig war.


Jamall durfte Leyla niemals erreichen.


Nicht solange Nea noch atmete.


Und wenn sie aufhören musste zu atmen, um ihn aufzuhalten, dann war es eben so.



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Jamall blickte auf Nea.


Eine Närrin. Verloren in blinder Loyalität. Nicht fähig zu begreifen, was Leyla wirklich war: Eine Entehrung dieser Welt, eine wandelnde Beleidigung für jedes Opfer, das je gebracht wurde.


Er hatte gewusst, dass man ihn nicht verstehen würde. Dass viele ihn für einen Wahnsinnigen halten würden, für einen Mörder, einen Besessenen. Er war darauf vorbereitet gewesen, verachtet, bekämpft, ausgelacht zu werden.


Aber es enttäuschte ihn trotzdem.


Er dachte an Bournadette. Ihre ruhige Entschlossenheit. Ihre letzten Worte. Sie war für seine Mission gestorben. Nicht aus blinder Hörigkeit – sondern weil sie es begriffen hatte.


Und er? Er hatte geschworen, nicht dasselbe zu tun wie Leyla. Nicht andere opfern, um selbst zu überleben.


Aber… er hatte gehofft.


Dass die Starken es verstehen würden. Dass jemand wie Nea – eine der Zehn Kaiserlichen Kopfgeldjäger – erkennen würde, was auf dem Spiel stand.


Doch sie war geblendet. Zu sehr verstrickt in ihren Gefühlen.


Zu dumm, um es zu begreifen.


Yang hätte ihn verstanden. Ganz sicher.


Jamall seufzte. Die Bitterkeit in seinem Herzen schnitt tiefer als jedes Schwert. Dann ging er langsam, kontrolliert in Kampfhaltung.


Er würde es beenden.


Doch dann spürte er es. Die Luft veränderte sich.


Nea hatte ihre Hand ausgestreckt, die Finger weit gespreizt – wie eine Beschwörerin am Rande des Wahnsinns.


Sechs Kugeln bildeten sich in einem Kreis um sie herum.


Eine tiefschwarze, finster wie ein Nachthimmel ohne Sterne.


Eine meeresblaue, schwer und drückend wie die Tiefe des Ozeans.


Eine smaragdgrüne, lebendig, pulsierend wie eine Urwaldwurzel.


Eine blendend weiße, klar wie die Wolken über den Bergen.


Eine goldgelbe, warm wie das erste Licht eines neuen Tages.


Und eine rote, flackernd wie das Herz eines Vulkans.


Jamalls Augen verengten sich. Nein. Das konnte nicht sein.


Wenn es das war, was er dachte …


„Ätherbrand!“ rief Nea – nicht geschrien vor Angst, sondern gerufen wie eine Richterin, die das Urteil verkündet.


Ein Licht brach hervor. Grelle Magie explodierte aus dem Zentrum der sechs Kugeln – nicht roh, nicht wild, sondern in perfekter Harmonie.


Eine siebte Kugel entstand.


Größer. Reiner. Strahlender.


Nicht die Macht eines einzelnen Elements – sondern aller sechs zusammen.


Reine Äthermagie.



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In der Welt der Magie existieren sechs Grundelemente. Jedes von ihnen bildet das Fundament zahlloser Zauber, Rituale und Fähigkeiten. Sie sind Ursprung und Grenze zugleich – für fast alle.


Naturmagie steht für Kontrolle über die lebendige und unbelebte Welt: Erde, Stein, Metall – aber auch Pflanzen, Tiere und selbst manche Bestien unterstehen ihr. Sie ist urtümlich, wild und dennoch schaffend.


Feuermagie ist die Magie der Zerstörung und der Leidenschaft. Sie lenkt Flammen, Hitze, Asche – entfesselt den Zorn der Vulkane und das lodernde Inferno im Herzen des Magiers.


Wassermagie formt Flüssigkeiten, verändert ihre Dichte, ihr Wesen. Wer sie beherrscht, kann Ströme umlenken, Körper verformen oder sogar aus Dunst tödliche Klingen formen. Eismagie ist eine Unterform davon – sie zieht aus Stillstand und Kälte ihre Kraft.


Windmagie gibt Kontrolle über Luft und Bewegung. Sie erlaubt es, zu fliegen, Stürme zu entfesseln, Klänge zu lenken. Eine Unterform ist die Donnermagie – laut, präzise, tödlich. Wer Blitze ruft, spielt mit der Wut des Himmels.


Lichtmagie ist der wohl ambivalenteste Zweig. Sie heilt, schützt, stärkt – doch in der richtigen Form kann sie auch vernichten. Sie interagiert mit dem Reinen im Sein und macht den Unsichtbaren sichtbar.


Schattenmagie ist ihr Gegenstück. Sie umhüllt, täuscht, vernebelt den Geist, lähmt das Herz und verschlingt Licht. Sie ist keine rein böse Macht – aber eine gefährliche.


Fast jeder Sterbliche – ob Magier oder nicht – besitzt eine Affinität zu einem dieser Elemente. Manche wenige beherrschen zwei. Zwei Elemente gelten als das Maximum für einen gewöhnlichen Körper, für ein normales Bewusstsein.


Doch Ausnahmen existieren.


Wesen mit drei, vier oder gar sechs Affinitäten sind selten – oft sind sie gebrochen, gesegnet oder verflucht. Ihre Kräfte wachsen über Grenzen hinaus, doch der Preis ist hoch.


Und dann gibt es die Auserwählten.


Wesen, die jedes der sechs Grundelemente in sich vereinen. Solche Individuen stehen am Rande des Verständlichen. Für sie öffnet sich ein siebter Pfad.


Äthermagie.


Der Zugriff auf Äthermagie erfolgt durch den Zauber „Ätherbrand“ – ein Akt, der den eigenen Geist durch das Prisma der Elemente zwingt. Wer alle Grundelemente meistert, kann diesen Zauber nicht nur wirken, sondern leben.


Äthermagie ist keine bloße Kombination der Elemente. Sie ist ursprünglicher. Sie ist das, was vor den sechs Elementen war. Roh. Gewaltig. Formlos.


Ein einziger Zauber dieser Magie kann ein ganzes Schlachtfeld umformen. Eine einzige Berührung ein Schicksal wenden.


Ein Meister der Äthermagie steht über Kaisern und Generälen.


Ein Meister der Äthermagie kann selbst Erzengel töten.



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Sie musste es schaffen.


Noch nie in ihrem Leben hatte Nea es über den kritischen Punkt hinaus geschafft. Zwar hatte sie die sechs Grundelemente gemeistert – die Erde, das Feuer, das Wasser, den Wind, das Licht und den Schatten – doch die Äthermagie blieb ihr stets verwehrt. Sie konnte den Ätherbrand wirken, konnte die Elemente versammeln, doch im entscheidenden Moment zerrann die Macht zwischen ihren Fingern wie Staub im Sturm.


Jetzt durfte das nicht geschehen.


,,Ätherbrand!’’ rief sie, ihre Stimme durchdrang die Nacht wie ein Donnerschlag.


Um ihre ausgestreckte Hand tanzten sechs Kugeln – jede ein Symbol der Elemente, jedes schimmernd in seiner ureigenen Farbe. Sie vibrierten, kreisten, verdichteten sich – und dann, endlich, geschah es:


Eine siebte Kugel erschien.


Nicht in einer einzelnen Farbe, sondern als Prisma, in dem alle Farben zugleich existierten. Eine leuchtende Sphäre aus gebündeltem Ursprung, aus Essenz. Die sechs anderen Elemente zogen sich zurück, verschluckt von dem ersten. Zurück blieb nur Äther – rein, klar, unergründlich tief.


Neas Herz raste. War es das? Hatte sie es geschafft? War dies der Moment, den sie ihr ganzes Leben gesucht hatte?


Jamall, der ihr gegenüberstand, hatte den Wandel bemerkt. Sein Blick war nicht mehr überlegen oder gelangweilt – sondern kalt und schockiert. Er wusste, was das bedeutete. Wer einmal den Äther gemeistert hatte, war kein gewöhnlicher Gegner mehr.


„Ich“, sprach Nea mit einer Stimme, die stärker war als jeder Eid, „die fünfte Kaiserliche Kopfgeldjägerin, verurteile dich für die Ermordung von Bournadette Lacroix. Und für dein Vorhaben, die sechste Kaiserliche Kopfgeldjägerin Leyla zu töten. Dein Urteil ist gesprochen.“


Sie hob die Hand.


Die Ätherkugel zog sich zusammen, formte sich zu einem einzigen Pfeil – elegant, tödlich, schön. Er schwebte einen Moment lang in der Luft, flackerte in allen Farben, die je existiert hatten – und in einigen, die jenseits der sichtbaren Welt lagen.


Jamall machte keinen Schritt zurück.


Nea hielt inne. Nicht aus Zweifel – sondern aus Entschlossenheit. Sie wollte, dass er sie sah. Dass er wusste, wer ihn richten würde.


Ein letztes Mal trafen sich ihre Blicke.


Dann öffnete sie die Finger.


Und der Pfeil aus Äther raste los.



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Der Pfeil raste auf Jamall zu.


Ein Geschoss aus purer Urkraft, aus Äther gewoben, aus jener Magie, die selbst Erzengel vernichten konnte.


Jamall hob das Schwert der Fünf Monde, seine Haltung fest, seine Augen geschärft. Er spannte sich wie ein Bogen, bereit, dem Unmöglichen zu trotzen.


Dann – verpuffte der Pfeil.


Ohne Donner, ohne Aufprall. Die Kugel aus Äther zerfiel einfach – in Licht, in Stille, in nichts.


Jamall reagierte sofort.


Sein Körper schnellte nach vorn wie eine Feder aus Stahl, das Schwert vorgestreckt wie ein Speer. Nea stand noch reglos da, ungläubig, erstarrt in Hoffnung, die gerade zu Asche zerfallen war.


Die Klinge durchbohrte sie.


Mit einem einzigen, präzisen Stoß glitt sie zwischen die Rippen, durchdrang Haut, Fleisch, Knochen – und fand ihr Ziel.


Das Herz der Kopfgeldjägerin.


Neas Augen weiteten sich. Ihre Lippen bebten. Ein Ruck ging durch ihren Körper. Blut schoss aus ihrem Mund, heiß und dunkel, und spritzte auf Jamalls Brust.


„I… ich…“ stammelte sie, jede Silbe ein Krampf aus Schmerz und Enttäuschung. „Ich… dachte… ich hätte es… geschafft…“


In ihrem Blick war kein Hass. Keine Wut. Nur der bittere Schatten zerbrochener Hoffnung.


Jamall zog das Schwert ruhig heraus. Nea sackte zu Boden, wie eine Marionette, deren Fäden plötzlich durchschnitten worden waren.


Sie lebte noch. Ihr Brustkorb hob und senkte sich flach. Ihre Finger zuckten, ihre Flügel zitterten.


Er trat neben sie, hob das Schwert – und stieß es von oben in ihren Hinterkopf.


Schnell. Gnadenlos. Ohne Zögern.


Nicht aus Grausamkeit. Er wollte ihr Leiden beenden.


Dann wandte er sich ab, ging zurück zu seinem Lagerplatz, wo das Feuer noch flackerte, als hätte es den Kampf beobachtet.


Er setzte sich auf den kalten Boden, zog die dunkle Flasche aus der Tasche und trank. Lange. Ohne zu blinzeln.


Was war falsch gewesen?


Er hatte sich gefragt, ob auch er eines Tages den Äther berühren könnte. Das Schwert der Fünf Monde hatte ihm die Macht über die Elemente gegeben – mehr als ein Mensch je besitzen sollte.


Er hob die Hand.


,,Ätherbrand!’’ rief er laut.


Nichts.


Ein stilles Knistern des Feuers. Der Wind in den Zweigen.


Er kniff die Augen zusammen. „Ätherbrand! Ätherbrand!“


Noch einmal. Noch zehn Mal. Vergeblich.


Es war, als würde die Welt ihn nicht hören. Als würde der Äther ihn ignorieren. Ablehnen.


Er wollte gerade aufgeben, die Hand sinken lassen, den Blick abwenden –


Da erklang eine Stimme hinter ihm.


[???] „Eine so armselige Existenz wie du wird niemals den Äther erreichen.“

 
 
 

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