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Kapitel 202 - Absolut

Yang stand auf dem höchsten Turm des Kaiserpalasts.


Der Wind zerrte an ihrem weißen Kleid, ließ die Stoffbahnen wie dünne Schleier flattern, doch sie stand still. Unbewegt. Ihre Haltung war die der Stärksten.


Unter ihr wimmelte die Kaiserstadt. Eine kalte, klare Frühlingsnacht hatte sich über das Reich gelegt, doch in den Straßen war es noch lebendig – Händler, Trunkenbolde, Kinder mit Laternen. Leben, wohin das Auge reichte.


Doch Yangs Blick sah nicht nach unten. Nicht zu den Menschen.


Sie sah darüber hinaus.


Zwei Attentäter hatten es heute gewagt, das Leben des Kaisers zu fordern. Ihre Klingen hatten nicht einmal den Klang eines Alarms erzeugt. Yang hatte sie zerfetzt, ohne einen Schritt zu machen. Ein Blick hatte genügt. Ein Gedanke.


Sie war der Schild des Kaisers.


Dann war da noch Kronprinz Hypos – der wahnsinnige Prinz, der sich in den Schatten seines Anwesens zurückgezogen hatte. Sie spürte seine Bewegungen wie Druckwellen unter ihrer Haut. Was immer er plante, es war bedeutend. Vielleicht der Aufstieg des Reiches. Vielleicht sein Ende.


Plötzlich hielt Yang inne.


Etwas war zerrissen. Kein Geräusch. Kein Bild. Nur ein Riss – tief in ihrer Seele. Ein Band, das einst gewebt war, war zerfallen.


Nea.


Ihr Blick ging nach Süden. Ihre Augen sahen nicht den Ort – doch ihre Macht wusste, wo es geschehen war.


Keine Sekunde Zögern. Yang stieß sich ab, durchbrach den Himmel. Der Turm unter ihr schrumpfte zu einem Punkt, die Stadt zu einem Nebel. Sie war schneller als der Schall, fast so schnell wie das Licht.


Und dann war sie da.


Ein Hügel, karg und still. Der Wind schwieg. Der Himmel hatte sich verdunkelt. Die Welt hielt den Atem an.


Sie landete mit der Leichtigkeit eines Blattes. Der Boden unter ihren Füßen verformte sich, ohne sie zu berühren. Ihre Augen begannen zu leuchten – ein tiefes, flammendes Rot, das jeden Widerstand verbrannte.


Vor ihr lag Nea. Blutüberströmt. Die Flügel zerfetzt. Die Brust durchbohrt. Der Kopf… durchstoßen.


Und daneben – der Mörder.


Ein Mann. Ruhig. Wahnsinnig. Immer wieder rief er dasselbe Wort. Wie ein Kind, das an ein Märchen glaubt, das nie geschehen wird.


„Ätherbrand! … Ätherbrand! … Ätherbrand!“


Yang trat den Hügel hinab. Der Dreck wich vor ihr zurück. Kein Staub wagte es ihr Kleid zu berühren.


Dann blieb sie hinter ihm stehen.


Und sie sprach, mit einer Stimme, die Jahrhunderte tragen konnte:


„Eine so armselige Existenz wie du wird niemals den Äther erreichen.“



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Jamall fuhr herum. Seine Hand schnellte zum Schwertgriff, doch seine Bewegungen waren fahrig. Nicht aus Schwäche – aus Schock.


Er kannte diese Stimme nicht. Doch die Macht, die sie mit sich brachte…


Ein Druck, wie das Gewicht eines einstürzenden Gebirges, legte sich auf seinen Verstand. Er musste nicht sehen, um zu wissen, wer vor ihm stand.


„Y–Yang…“ brachte er hervor. Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauchen. Kein Name – ein Urteil.


Vor ihm stand die lebende Legende. Yang. Anführerin der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Schild des Kaisers. Die mächtigste Wacal der Welt. Ein Wesen, das man nicht herausforderte. Nicht berührte. Nicht verstand. 


Jamall schluckte, griff fester nach dem Griff seines Schwertes. Die Klinge der Fünf Monde war sein einziges Mittel. Ein Werkzeug der Monde.


Yang stand reglos am Fuß des Hügels. Ihr weißes Kleid fiel faltenlos an ihr herab, unbefleckt, obwohl sie durch Blut und Schlamm gewandelt war. Ihre Haut schimmerte dunkel unter dem fahlen Licht des Mondes, und ihr Haar – ein perfekter, schwarzer Schopf – wurde nicht vom Wind berührt. Nicht einmal der Himmel wagte es, sie zu stören.


Ihr Blick war das Gegenteil von Zorn. Kein Hass, kein Ekel. Nur absolute Autorität.


„Du hast Nea getötet“, sagte sie schließlich.


Es war keine Anklage. Kein Schrei. Nur eine Feststellung, in der der Tod selbst mitschwang.


„Dir ist bewusst, dass das Verletzen oder Töten einer Kaiserlichen Kopfgeldjägerin mit dem Tod bestraft wird?“


Jamall sagte nichts. Was hätte er sagen sollen? Dass es ein Unfall war? Dass Nea ihn gezwungen hatte sie zu töten? Dass er geglaubt hatte, sie würde nicht sterben?


Nichts davon spielte eine Rolle. Nicht für sie.


Sie bewegte sich nicht. Nicht ein Schritt. Doch ihre Präsenz kam näher. Drang in ihn ein, als würde sie seine Lügen prüfen, seine Gedanken durchwühlen, seine Ängste sezieren.


Er wagte es trotzdem. Hebelte das Schwert nach vorn, stellte es wie ein dünnes Schild zwischen sich und die Frau.


Yang blickte auf das Schwert herab, als sei es ein schmutziger Stock in einer Kinderhand.


„Damit also“, sagte sie. „Wie feige.“


Jamall schluckte. Ihre Worte schnitten härter als jede Klinge. Sie war nicht einmal wütend. Für Yang war das hier kein Kampf.


Er biss die Zähne zusammen. Er wollte nicht sterben. Nicht jetzt. Nicht, wenn er so kurz davor war, Leyla zu töten.


Aber konnte er sie besiegen? Nein.


Fliehen? Unmöglich. Nicht bei ihr.


Sie war das Ende. Der Schlussstrich unter seiner Geschichte. Der Punkt, nach dem nichts mehr kam.


Es blieb nur ein Ausweg: Worte. 


Vielleicht, wenn sie ihn reden ließ. Vielleicht, wenn sie es verstand.


Er richtete sich auf, zwang sich zu einem ruhigen Ton, obwohl sein Herz raste.


„Wisst Ihr, warum Leyla so mächtig ist?“ fragte er, leise, fast versöhnlich. Ein Versuch, nicht zu flehen – sondern zu verführen. Zu erklären. Vielleicht ein Versuch, um sich zu retten.



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Es war ein eisiger Winterabend gewesen, als Yang zum ersten Mal auf Nea traf. Der Wind hatte durch die vergoldeten Gänge des Kaiserpalastes geheult.


Benjuro, der siebte Kaiserliche Kopfgeldjäger, hatte das Mädchen gefangen genommen – ein Wesen mit durchscheinenden Flügeln, pechschwarzem Haar und einer Aura, die eindeutig nicht normal für ein Kind war. Nea war kaum älter als zehn. Und dennoch war sofort klar gewesen, was sie war.


Ein Engel.


Und Engel bedeuteten Gefahr.


So wie Dämonen galten sie als instabile Elemente in der Ordnung des Reiches – Kräfte, die nicht kontrolliert werden konnten, weder durch Stahl noch durch Worte. Sie waren Mahnmale aus einer anderen Zeit, fremd und voller Risiken.


Yang hatte nicht gezögert. Solche Wesen durften nicht existieren. Sie wollte sie töten. Rasch, effizient, ohne Aufsehen. Kein Verhör. Kein Zaudern.


Doch dann hatte sie ihr in die Augen geblickt.


Und etwas war geschehen.


Neas Augen leuchteten in einem sanften Violett, ohne Angst, ohne Trotz – aber mit einer seltsamen Ruhe, einer Neugier und Lebensfreude, die tiefer ging, als Yang je zuvor gesehen hatte. In diesem Moment, inmitten der Kälte, geschah etwas, das sie selbst nicht erklären konnte. Etwas berührte sie. Sie, die Unberührbare. Diejenige, die seit über eintausend Jahren niemandem zu nah gekommen war.


Dann sprach das Mädchen. Ihre Stimme war klar, kindlich – und dennoch durchdrang sie den Raum wie ein Gebet.


„Bist du nicht Yaya?“


Ein kindlicher Name. Eine Assoziation. Ein Missverständnis? Vielleicht. Aber es war, als hätte sich ein Spalt in der Rüstung geöffnet, die Yang sich über Jahrhunderte aufgebaut hatte.


Sie ließ ihre Hand sinken.


Und entschied. Gegen jeden Grundsatz. Gegen jede Vernunft.


Sie würde das Mädchen nicht töten. Sie würde sie ausbilden.


Wenn sie dem Weg der Kaiserlichen Kopfgeldjäger nicht gewachsen war, würde die Welt sie richten. Doch wenn sie es war… dann sollte sie es beweisen.


Nea lernte schnell. Rasend schnell. Auch wenn Yang keine Geduld zeigte, selten sprach, keine Erklärungen lieferte. Nea wuchs. Körperlich, geistig – und magisch. Sie sog Wissen auf wie trockene Erde den Regen. Und sie kämpfte. Nicht aus Wut. Nicht aus Angst. Sondern aus einem inneren Antrieb, den selbst Yang nicht ganz verstand.


Nach drei Jahren stand sie mit geradem Rücken vor Kaiser Leo V., der ihr feierlich den Titel der zehnten Kaiserlichen Kopfgeldjägerin verlieh. Ein Mädchen, das tot hätte sein sollen – jetzt ein offizielles Schwert des Reiches.


Yang hatte nie Stolz empfunden. Es war ein menschliches Konzept, nutzlos in der Struktur, die sie sich selbst auferlegt hatte. Doch an diesem Tag… war da etwas. Ein leises Ziehen in der Brust. Vielleicht war es Stolz. Oder vielleicht etwas Tieferes.


Sie verstand nicht, warum gerade Nea ihr Herz berührte. Warum dieses Wesen aus Licht und Schweigen mehr in ihr auslöste als die zahllosen Personen zuvor. Mehr als Kaiser, mehr als Gefährten, mehr als Gegner. Vielleicht, weil Nea nicht nur überleben wollte – sondern leben.


Doch sie zeigte es niemandem. Auch Nea nicht.


Nach außen blieb sie distanziert. Die Öffentlichkeit kannte sie als das, was sie war: unnahbar, kompromisslos, perfekt. Selbst den Kaisern, die mit den Jahrhunderten kamen und gingen, blieb verborgen, was Nea für sie bedeutete. Und das sollte so bleiben.


Sie prüfte Nea mit immer gefährlicheren Aufträgen. Nicht aus Grausamkeit. Aus Hoffnung. Sie wollte wissen, wie weit die junge Engelin gehen konnte. Wo ihre Grenzen lagen. Ob sie ihr ähnlich werden würde.


Und Nea enttäuschte sie nicht. Sie lernte alle sechs Grundelemente, wurde eine Meisterin im waffenlosen und magischen Kampf, wurde eine Stimme unter den Jägern – respektiert, gefürchtet, bewundert.


Yang hatte versucht, ihr auch den Äther zugänglich zu machen. Doch schon bald erkannte sie: Nea fehlte etwas. Etwas, das nicht gelehrt werden konnte. Ein innerer Schlüssel, eine bestimmte Art von Instinkt. Yang wusste es nicht genau. Nur, dass Nea ihn nicht hatte.


Also stellte sie das Training ein. Ohne Erklärung. Ohne Groll.


Doch ihr Blick ruhte stets auf ihr. Wie der einer Mutter, die das Kind nicht als solches benennen durfte. In der Hoffnung, dass sie eines Tages doch ihre Grenzen durchbrechen würde.


Nicht, weil sie es musste. Sondern weil Yang es wollte.



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,,Sprich.’’


Ein einziges Wort. Leise gesprochen, ohne jede Schärfe, ohne Zorn. Und doch ließ es keine Alternative zu. Es war ein Befehl, reiner als Stahl, unausweichlich wie der Tod.


Jamall schluckte. Die Kälte in seiner Kehle lähmte für einen Moment seine Zunge.


Er holte tief Luft, zwang seine Stimme zur Ruhe.


„Leyla besitzt eine Fähigkeit… eine, die nicht existieren dürfte.“ Er hielt inne. Ihre Augen fixierten ihn. Keine Reaktion. Kein Zucken. Kein Blinzeln.


„Wenn sie stirbt, dann stirbt jemand anderes für sie. Jemand, der ihr nahesteht. Es passiert einfach – als würde die Welt selbst ihren Tod ablehnen und dafür andere opfern.“


Nichts. Nicht einmal ein Nicken. Nur dieser stumme, kontrollierte Blick. Yang war wie eine Statue aus Fleisch und Wille.


„Deshalb will ich sie töten. Nicht aus Hass. Sondern weil sie eine Gefahr ist. Jeder, der ihr zu nahe kommt, riskiert, für sie zu sterben. Sie ist ein Knotenpunkt des Leidens – und niemand will es sehen. Auch Nea wollte es nicht begreifen.“


Er machte einen Schritt nach hinten. Yang machte einen Schritt nach vorn.


So leicht. So langsam. Und doch fühlte es sich an, als käme eine Lawine auf ihn zu.


„Was gibt dir das Recht, absolute Urteile über andere zu fällen?“ Ihre Stimme war so ruhig, als würde sie über das Wetter sprechen. „Du maskierst deine Unbedeutsamkeit mit Idealen. Das ist kein Gerechtigkeitssinn. Das ist Größenwahn.“


Jamalls Zähne mahlten aufeinander. Er hatte mit vielem gerechnet. Verachtung, Ablehnung, vielleicht sogar Zorn. Aber nicht mit dieser kalten, klinischen Demontage seiner Motivation. Er verstand nicht, warum sie ihn so behandelte. Warum sie nicht sah, was er sah.


Sie war Yang. Die Vollkommene. Diejenige, die Recht über Leben und Tod sprach. Warum verurteilte sie ihn, der doch das Richtige wollte?


Er spürte, wie die Wut sich in seiner Brust sammelte, heiß wie geschmolzenes Erz.


„Mit diesem Schwert…“ Er hob es, und in seinem Blick flackerte wieder Hoffnung auf. „kann ich jede Form von Unsterblichkeit durchdringen. Jede göttliche Rettung. Jede Umkehr des Todes. Wenn man damit getroffen wird, endet der eigene Weg. Für immer.“


Die Klinge des Schwerts der Fünf Monde glänzte matt im Licht der Mondsichel. Fünf Edelsteine funkelten wie das letzte Aufbegehren einer sterbenden Sonne. Es war kein gewöhnliches Schwert. Es war ein Werkzeug der Auslöschung.


Yang sah es sich an. Ein flüchtiger Blick, kurz, abwertend. Dann wandte sie ihre Augen wieder ihm zu.


Das war der Moment.


Der Moment, in dem Jamall entschied, dass es keine Umkehr mehr gab.


Er spannte jeden Muskel, sein Körper eine einzige gezielte Bewegung. Das Schwert durchbrach die Luft mit gnadenloser Präzision – und bohrte sich tief in Yangs Bauch.


Blut spritzte. Ihr weißes Kleid färbte sich sofort tiefrot, wie zerfetzte Seide im Sturm. Die Zeit schien für einen Augenblick stillzustehen.


Jamalls Brust hob sich. Er atmete schneller. Spürte die Vibration der Klinge in ihrer Wunde. Er hatte sie erwischt. Yang, das Symbol der Unantastbarkeit. Verwundet. Gebrochen?


Er grinste. Ein breites, triumphierendes Grinsen.


„Das hast du davon! Ich wollte dich nicht töten. Du hättest gehen können! Aber du… du zwingst mich!“


Seine Stimme bebte, nicht vor Furcht, sondern vor Erregung. Zum ersten Mal spürte er, was es bedeutete, oben zu stehen. Es war ein Taumel, ein Sog. Die Möglichkeit, nicht nur Leyla zu stürzen – sondern Yang.


Warum nicht? Warum sollte nicht er der Stärkste sein? Der neue Maßstab. Er brauchte keinen Schild. Nicht Diener des Reiches – sondern Herr darüber.



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,,Sag mir, Yang. Warum willst du die Stärkste sein?’’


Seine Stimme war ruhig, fast beiläufig – und doch bohrte sich die Frage tief in sie hinein.


Yang saß in einer dunklen Ecke des frisch errichteten Kaiserlichen Schlafgemachs des neuen Kaiserpalastes. Der Boden unter ihr war noch nicht ganz trocken. Der Duft von neuem Stein und verbranntem Holz lag in der Luft – ein Mahnmal für die Ruinen, auf denen dieser Palast errichtet worden war. Die Ruinen der Verlierer. 


Sie hatte sie alle unterworfen. Die Menschenreiche, die Rebellen, die Götzendiener. Für Simour. Für ihn allein.


„Ich bin es längst“, antwortete sie ohne Zögern.


Simour Algavia, der Erste seines Namens, erhob sich von seinem Sitz und trat aus dem Halbschatten. Sein goldenes Haar fiel ihm ins Gesicht, doch er strich es nicht zurück. Stattdessen lächelte er. Dieses typische Lächeln – müde, wissend, überlegen.


„Das ist nicht, was ich meine.“ Er trat näher, seine Stimme klang nun ernster. „Warum willst du das Symbol der Stärksten sein? Warum diese Rolle – dieses Bild, das nicht verblassen darf?“


Yang blickte zu ihm auf. Ihre schwarzen Augen suchten nach dem wahren Kern seiner Frage. Für einen Moment wirkte sie nachdenklich. Dann antwortete sie ruhig:


„Für Frieden?“


Ein dünnes Lächeln zuckte über Simours Lippen. „Nein, Yang, Liebes. Das ist nicht die Wahrheit. Du willst Kontrolle. Die absolute. Über das Reich. Über diesen Kontinent. Über mich. Über meine Kinder. Meine Enkel. Alle, die Algavia im Blut tragen.“


Sie schwieg. Simour hatte sie durchschaut. Wieder einmal. Sie senkte den Kopf, nicht in Scham, sondern in Anerkennung.


„Das ist nicht meine Absicht“, erwiderte sie ruhig, beinahe geflüstert.


Doch Simour schüttelte den Kopf. „Sag es nicht so. Nicht in diesem Ton. Wenn du dieses Symbol werden willst – die Verkörperung von Stärke und Ordnung – dann musst du mehr sein als eine Soldatin. Du musst mit Kaisern sprechen, wie mit deinen Feinden. Ohne Angst. Ohne Ehrfurcht. Ohne Zweifel.“


Yang wirkte einen Herzschlag lang irritiert. „Du heißt meine Idee gut?“


„Natürlich.“ Simours Blick wurde weich. „Ich vertraue niemandem mehr als dir. Wenn ich eines Tages sterbe – und das werde ich – sollst du nicht nur das Reich beschützen. Du sollst es lenken. Formen. Erheben.“


Er machte eine Geste zur Seite, als wolle er ihr die Zukunft zeigen.


„Überlege dir Regeln. Für dich. Für alle anderen. Und wenn jemand deine Position bedroht, dann vernichte ihn. Es spielt keine Rolle, ob es ein Freund ist. Ein Kind. Oder ein Kaiser. Nur so erreichst du das, was du sein willst: das Maß aller Dinge.“


Yang nickte langsam. In ihren Augen spiegelte sich kein Zweifel. Sie verstand, was er ihr übergeben wollte – keine Krone, kein Thron. Etwas Höheres.


„Ich weiß, dass du diese Zukunft formen wirst“, sagte Simour leise. „Und wenn du es tust, werden die Kaiser zwar herrschen – aber du wirst regieren. Du wirst entscheiden, wer lebt. Wer Macht verdient. Wer vergessen wird.“


Yang trat an den Spiegel. Sie trug ihre alte Uniform, das schwere Leder, den vergoldeten Kragen, das Abzeichen ihres Ranges. Alles daran war martialisch, zweckhaft, ehrfürchtig.


Sie zog sie langsam aus, Stück für Stück. Legte sie über einen der Stühle.


Dann drehte sie sich zu Simour um. Ihre Haltung hatte sich verändert – weniger starr, dafür zielgerichtet. Ein Hauch von Neugier lag in ihrem Blick.


„Wie würden mir leichte, perfekt gefertigte Kleider stehen?“, fragte sie, als wäre es eine strategische Überlegung – nicht Eitelkeit, sondern Symbolik.


Simour trat zu ihr und betrachtete sie still. Dann strich er ihr über den Arm.


„Wundervoll“, sagte er schließlich. „Unbesiegbar.“



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Yang blickte hinab auf die Klinge, die tief in ihrem Bauch steckte. Sie glänzte im kalten Licht des Mondes, als wäre sie etwas Besonderes. Doch in ihren Augen war sie nur ein gescheitertes Werkzeug. Sie spürte keine Schmerzen, kein Ziehen, nicht einmal den Hauch von Irritation. Es war, als wäre da gar nichts.


Wie dumm musste dieser Mann sein?


Wusste er nicht, dass die wahre Macht des Schwertes – die Fähigkeit, das Unsterbliche zu töten – nicht einfach verfügbar war? Dass sie versiegelt war, solange der Träger nicht von allen Monden anerkannt wurde?


Langsam, beinahe desinteressiert, griff sie an den Knauf und zog die Klinge aus sich heraus. Fleisch, Organstruktur, selbst das Gewebe ihres weißen Kleids – alles schloss sich augenblicklich. Kein Blut, kein Laut. Nur Perfektion. Vollkommene, furchterregende Perfektion.


Der Mann wich einen Schritt zurück, sein Blick flackerte zwischen Panik und Unglaube. In seinen Händen zitterte das Schwert der Fünf Monde.


„W-Warum?“ stammelte er, seine Stimme ein Krächzen, das selbst ihn zu erschrecken schien.


Yang musterte ihn einen Moment, als würde sie überlegen, ob diese Information überhaupt noch einen Wert hatte. Dann atmete sie einmal tief durch.


„Du weißt nicht mal, was das Problem ist. Dieses Schwert... wäre in der Lage gewesen, meine Existenz zu beenden. Wenn der Arkibe dich akzeptiert hätte.“


Ihre Stimme klang leise, doch sie schnitt durch ihn wie eine Guillotine. Sie trat einen halben Schritt auf ihn zu und streckte die Hand aus – nur ein Finger tippte das Schwert an.


Ein leiser Klang. Dann zerbarst die Klinge. Splitter aus Sternenstahl regneten zu Boden, wirkungslos, bedeutungslos. Ein Werkzeug ohne Zweck. Genau wie der Mann, der es geführt hatte.


Er sah auf die Bruchstücke in seinen Händen, als könnten sie ihm die Antwort geben, die er nicht verstand. Sein Atem ging flach, seine Gedanken rasten.


Yang wandte sich ab. Ohne Hast, ohne Triumph. Der Sieg war für sie selbstverständlich. Sie war nicht hier, um sich zu rechtfertigen. Sie war hier, um zu urteilen. Nur sie hatte das Recht auf ein absolutes Urteil.


Langsam erhob sie sich in die Lüfte, getragen vom Wind, als sei sie selbst ein Teil der Naturgesetze. Ihr Kleid wehte makellos um sie, das Mondlicht spiegelte sich auf ihrer Haut wie auf poliertem Obsidian.


Dann sprach sie.


„Ich danke dir, Mann ohne Namen, ohne Gewicht, ohne Bedeutung. Du hast mir gezeigt, was ich noch nicht klar genug gesehen hatte.“


Sie drehte sich halb zu ihm um. Ihre Augen glühten nun in einem tiefen, unmenschlichen Rot.


„Leyla muss vernichtet werden.“


Der Mann wollte etwas erwidern, doch es war zu spät. Ihre Worte waren endgültig.


„Trage diese Wahrheit mit dir ins Grab – dass dein erbärmlicher Versuch dazu geführt hat, dass ich den letzten Zweifel verloren habe.“


Dann breitete sie ihre Arme aus – nicht als Geste des Triumphs, sondern als Bote der unausweichlichen Apokalypse.


Und der Himmel begann zu beben.



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Jamall verstand es nicht.


Der schwarze Mond hatte ihn abgelehnt?


Der Arkibe – der einzige, den er wirklich gebraucht hatte?


Er starrte auf Yang, die nun langsam in den Himmel aufstieg, als würde sie vom Schicksal selbst getragen. So leuchtend. So fern. So uneinholbar.


Was für eine Ironie.


Er hatte alles gegeben. Sein Leben, seine Seele, seine Menschlichkeit. Alles geopfert, um diese Welt von dem zu befreien, was er für ihre größte Bedrohung hielt. Und nun war er nichts weiter als ein Häufchen Asche auf dem Altar der Bedeutungslosigkeit.


Ein leises Flüstern entkam seinen Lippen, kaum lauter als der Wind, der durch die Nacht strich: „Es tut mir leid, Welt… Ich habe dich enttäuscht.“


Dann hörte er Yangs Stimme – klar, eiskalt, endgültig.


„Ich danke dir, Mann ohne Namen, ohne Gewicht, ohne Bedeutung. Du hast mir gezeigt, was ich nicht sehen wollte.“


Sein Blick hob sich. War das… Gnade? Anerkennung?


„Leyla muss vernichtet werden.“


Hatte sie ihn doch verstanden? Vielleicht, nur vielleicht, würde sie ihn am Leben lassen. Vielleicht würde sie Leyla vernichten – für ihn, an seiner Stelle. Dann musste er sich die Hände nicht schmutzig machen. Dann konnte er zurück in das ruhige Leben, das er sich einst gewünscht hatte.


Doch bevor er den Gedanken vollenden konnte, folgte ihr Urteil.


„Trage diese Wahrheit mit dir ins Grab – dass dein erbärmlicher Versuch dazu geführt hat, dass ich den letzten Zweifel verloren habe.“


Sein Blick glitt nach oben – und erstarrte.


Dann bebte der Himmel. Sein Blick glitt nach oben – und erstarrte.


Abertausende Lichter in allen Farben des Regenbogens erschienen hinter Yang. Sie schwebten über ihr, tanzten wie ein Sturm aus Hoffnung und Verdammnis zugleich. Und in der Mitte: Sie. Das Symbol aller Kontrolle. Die Richterin über Leben und Tod. Sie, die Absolute, entfesselte das, was ihm misslungen war.


Äthermagie.


Nicht eine Kugel. Nicht ein Pfeil. Ein Sturm aus Äther. Eine kosmische Antwort auf sein armseliges Spiel mit göttlichen Kräften.


Jamalls Knie gaben nach, doch er hielt sich aufrecht. Und dann… begann er zu lachen. Erst leise, ungläubig, dann lauter, beinahe ekstatisch.


Ein Lachen aus Wahnsinn und Erleichterung zugleich.


„Nun denn! Edle Miss Yang!“ rief er, mit weit ausgebreiteten Armen. „Erfüllt mir meinen Wunsch! Lasst mich sterben, auf dass Ihr meine Träume in Erfüllung gehen lasst! Ich mag hier fallen, doch mein Name wird leben! Er wird besungen werden in Liedern! In Legenden!“


Er schloss die Augen. Wärme überkam ihn. Ein letzter, tröstender Gedanke.


Vielleicht hatte er doch etwas bewirkt.


Doch dann hörte er sie. Die letzten Worte, die je an ihn gerichtet wurden.


,,Niemand interessiert sich für deinen Namen.’’


Und dann fielen die Ätherpfeile. Tausend Sterne, geboren aus reiner Magie, rasten auf ihn nieder. Sein Körper wurde zerrissen, noch bevor er den Boden berührte. Keine Spur blieb. Kein Rauch. Kein Schatten.


Nur Stille.


 
 
 

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