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Kapitel 203 - Unausweichliche Singularität

Aktualisiert: 29. Apr.

Alexandra hatte fast die Kuppel erreicht, die Leyla errichtet hatte. Der Sturm tobte noch immer über dem Dschungel, Blitze zuckten durch das Dickicht, Bäume knickten um wie Halme, und die Luft war elektrisch aufgeladen, als würde die Welt unter Schock stehen.


Doch dann geschah es. Die Kuppel begann zu bröckeln.


Stein für Stein fiel sie in sich zusammen – nicht wie etwas, das abgeschlossen war, sondern wie ein Bauwerk, das von innen heraus zerbrach. Etwas stimmte nicht.


Alexandras Herz schlug schneller. Hatte Leyla gesiegt? Hatte sie Bläsk, den Erzdämon des Donners, tatsächlich bezwungen?


Sie wollte es glauben. Sie musste es glauben.


Doch dann blieb sie stehen. Starr. Sprachlos.


Das Stück Urwald, das von der Kuppel eingeschlossen gewesen war, war nicht einfach nur beschädigt – es war vernichtet. Die Erde war zerfetzt, Bäume lagen entwurzelt kreuz und quer, als hätte ein Gott mit einem gewaltigen Hammer auf die Landschaft eingeschlagen.


Und inmitten dieses Grauens… stand er.


Bläsk.


Der Erzdämon des Donners. Sein Körper schien aus brodelnden Gewitterschwaden geformt, seine Haut war rissig wie erkaltete Lava, aus der Blitze zuckten. Und er grinste. Ein kaltes, genussvolles Grinsen.


Zu seinen Füßen lag Leyla.


Zerfetzt. Blutüberströmt. Reglos.


Der Schmerz durchfuhr Alexandra wie eine Lanze. Ihre Beine gaben nach, doch sie zwang sich aufrecht zu bleiben.


Sie war zu spät. Leyla war tot.


Tränen stiegen in ihre Augen, brannten sich durch die aufsteigende Verzweiflung. Doch sie blieben nicht lange.


Denn etwas anderes trat an ihre Stelle. Etwas Reineres. Klareres. Gefährlicheres.


Zorn.


Reiner, ungebändigter, kompromissloser Zorn.


Mit einem Aufschrei warf sie Vinessa zur Seite. „Bleib zurück! Das ist kein Kampf für dich!“


Die Fee wollte protestieren, doch Alexandra hörte es nicht mehr.


Ihr Schwert zuckte aus der Scheide, ihre dämonische Magie explodierte in ihren Adern. Schwarze Flammen schlugen aus ihren Händen, ihre Augen glühten schwarz. Die Klinge veränderte sich – wuchs, fraß sich mit Magie voll. Die Luft um sie herum wurde schwer.


Zehn Meter trennten sie noch von Bläsk.


Sie riss das Schwert hoch und ließ es auf ihn niedersausen – ein Hieb, geschärft mit jeder Emotion, die sie noch in sich trug. Die Klinge streckte sich, die Schneide rauchte schwarz.


Doch Bläsk fing ihn mühelos ab. Mit zwei Fingern.


„Und wer bist du?“ fragte er, während sein Blick sie abschätzte. Nicht feindlich. Neugierig. Belustigt. „Gehörst du zu der Jüngerin?“


Alexandra wollte antworten, wollte ihn anschreien, ihm das Herz herausreißen.


Doch sie konnte nicht.


In ihr… legte sich ein Schalter um.



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Und dann, mit einem einzigen Wimpernschlag, war Alexandra nicht mehr im Dschungel.


Bläsk war verschwunden. Der Sturm verstummt. Die zerstörte Erde unter ihren Füßen existierte nicht mehr.


Stattdessen erstreckte sich vor ihr ein Schlachtfeld – endlos, grau, leblos. Bis zum Horizont nichts als Leichen, verdrehte Gliedmaßen, zerborstene Rüstungen, gebrochene Waffen. Der Himmel darüber war schwarz wie verbrannte Seide, kein Stern war zu sehen, keine Sonne, kein Mond. Nur Dunkelheit – alt, kalt und schwer.


Eine unheimliche Stille lag über der Szenerie. Nicht einmal der Wind rührte sich. Es war der Ort, an dem selbst die Zeit den Atem anhielt.


Alexandras Herz setzte einen Schlag aus.


Sie kannte diesen Ort. Es war der Ort, an dem sie Jess begegnet war. Der Ort, an dem neu geboren worden war. Wo sie ihr Elfentum verloren und ihre dämonische Seite erhalten hatte.


Verwirrt blickte sie an sich herab. Ihre dämonische Form war instabil. Nicht wirklich vorhanden.


Ihre Klauen flimmerten, ihre Flügel verblassten. Auch die Hörner zogen sich nach und nach zurück.


Warum war sie jetzt wieder hier? Dann verstand sie es. Jess hatte mit ihr den Platz getauscht.


Sie spürte, wie ihre Knie nachgaben. Alexandra fiel auf den Boden des Schlachtfeldes, der sich kalt und trocken anfühlte, als wäre er aus altem Aschestaub gemacht. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen.


„Leyla…’’ flüsterte sie.


Sie wollte zu ihr. Ihren Körper halten. Ihr versprechen, dass sie es wiedergutmachen würde. Dass sie für sie kämpfen würde, so wie sie es immer gewollt hatte. Dass sie ihren Tod rächen würde.


Doch dann hallte eine Stimme durch die Leere. Sie klang nicht hart, nicht fremd – sondern vertraut.


Die Stimme von Jess.


„Ich übernehme hier. Mit Bläsk habe ich noch eine offene Rechnung.“


Alexandra hob den Kopf, der Blick leer, aber ihr Herz schlug schneller. Was meinte sie damit?


Doch in ihrem Inneren formte sich eine Wahrheit. Eine Erkenntnis, die ihr wie Nebel aus den Gedanken wich und dann mit Klarheit zurückkehrte:


Jess war nicht ihre Feindin.


Sie war es nie gewesen.



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Zensa schlug die Augen auf. Ein schwerer Druck lastete auf seinem Brustkorb, als hätte sein eigener Körper ihn im Stich gelassen. Schmerzen zogen durch seine Glieder, dumpf, unterdrückt nur durch das lähmende Gefühl der Ohnmacht. 


Doch dann kamen die Erinnerungen. 


Bläsk. 


Der Kampf. 


Der Weltenblitz. 


Hatte er ihn geblockt? Seine Umgebung bestand aus geschwungenem Holz, das sich wie eine Kugel um ihn gelegt hatte. Leylas Magie. Natürlich. Sie hatte ihn geschützt. 


Vorsichtig, mit bebenden Fingern, löste er die Stränge der Barriere. Splitter knackten, als das Holz sich öffnete, und ein Schwall modrig-feuchter Dschungelluft drang in seine Lunge. Doch der Dschungel war nicht mehr das, was er zuvor gewesen war. Der Boden war aufgewühlt, Pflanzen zerschmettert, Bäume wie abgerissene Gliedmaßen auf dem Schlachtfeld verteilt. Und dann sah er sie.


Leyla. Seine Lehrerin.


Sie lag dort, am Rand eines Kraters aus aufgebrochener Erde. Der Boden um sie war rot durchtränkt. Ihre Arme – weg. Ihr linkes Bein – fortgerissen. Ihre Augen – leer, ausgestoßen wie tote Sterne. Blut rann aus ihrem Mund, bildete eine rote Linie über ihre Wange bis in den Matsch.


„Nein…“ Zensas Stimme war nur ein Wispern, erstickt von dem Schock, der ihn erfasste wie eine Faust um die Kehle. Er taumelte, fiel neben sie. Der Aufprall störte ihn nicht. Tränen liefen über seine Wangen, flossen unaufhaltsam wie ein Fluss, der ein Tal überflutet. Wenn er nur stärker gewesen wäre. Wenn er Bläsk nur aufgehalten hätte. Wenn er…


,,Zensa? Wie geht es dir?’’


Die Stimme war leise, zitternd. Vinessa. Die kleine Fee saß ebenfalls neben Leyla, ihre Hände in den Schoß gelegt, das Gesicht von verzweifeltem Schluchzen gezeichnet. Ihre Flügel hingen erschöpft, ihr Blick suchte nach einem Hoffnungsschimmer, den es nicht mehr gab.


Zensa antwortete nicht. Konnte nicht. Er wollte die Realität nicht akzeptieren. Nicht jetzt. Nicht so. Er schloss die Augen, atmete tief, versuchte sich zu sammeln – und öffnete sie wieder.


„Wo ist Bläsk?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Keuchen, doch in ihr lag Wut. Kalte, glühende Wut.


Vinessa hob ihren Arm und deutete stumm nach oben.


Zensa folgte dem Fingerzeig.


Am Himmel tobte ein Sturm. Inmitten der peitschenden Gewitterwolken, durchzuckt vom Licht der Blitze, kämpften zwei Wesen gegeneinander. Bläsk – unverkennbar, mächtig, elektrisierend. Und eine andere Gestalt, ebenso unheilvoll wie wild. Eine Frau mit pechschwarzem Haar, von lodernder Aura umgeben, ihre Bewegungen präzise und grausam zugleich.


„Wer ist das?“ fragte Zensa, mit fassungslosem Blick auf die tobende Himmelsarena.


Vinessa nahm seine Hand. Ihre Stimme bebte, doch sie war klar.


„Das ist Jess, die Erzdämonin des Krieges.“



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Bläsk starrte fassungslos auf die Frau vor ihm. Jess. Seine Schwester. Die Erzdämonin des Krieges, mit der er einst Seite an Seite in den Erzkrieg gezogen war. Ihre Präsenz war unverkennbar – die Gewalt in Person, gehüllt in schwarze Flammen und umgeben von einer Aura, die selbst seinen Donner übertönte.


Wie war das möglich? Sie war versiegelt worden. Genau wie ihre übrigen Geschwister. Sie war gebannt, gebrochen, gebunden an ihre eigene Domäne. Und doch stand sie nun vor ihm. Ihre Schwingen schlugen langsam, ruhig – als würde der Sturm um sie nicht existieren. Sein Sturm. Und sie? Sie blickte ihn an, als sei er ein schlechter Witz.


Egal. Sie hatte lange nicht gekämpft. Und er hatte nicht nur seine eigenen Kräfte, sondern auch die von Zil zur Verfügung. Und notfalls auch noch die seiner anderen Geschwister.


„Jess“, knurrte Bläsk, seine Stimme vibrierte mit der Kraft des grollenden Himmels. „Du überraschst mich. Was willst du hier?“


Jess' Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Kein freundliches. Kein hasserfülltes. Es war das Lächeln derer, die lange gewartet hatten. Auf Gerechtigkeit. Auf Vergeltung.


„Wirklich, Bläsk? Du musst mich das fragen?“ Ihre Stimme war leise, doch sie durchschnitt die Luft wie eine Klinge. „Ich bin hier, um zu beenden, was du begonnen hast. Um mich an dir zu rächen. Für das, was du uns angetan hast.“


Bläsk biss die Zähne zusammen. Die Worte trafen ihn nicht überraschend, aber sie schmeckten bitter. Es lief alles aus dem Ruder. Zuerst dieser Junge, der auf unerklärliche Weise fast seine Stärke erreicht hatte. Dann die Jüngerin – Leyla – die ihn mit einem listigen Trick in eine Falle gezwungen hatte. Ihn. Den Erzdämon des Donners. Und nun war Jess da.


Er hob die Hand. Blitze tanzten in seinen Fingern, sammelten sich, verdichteten sich zu einer Fusion aus Licht und Vernichtung.


Seine Stimme donnerte durch den Himmel.


,,Weltenblitz!’’ 


Mit einem Knall, der den Dschungel unter ihnen zerschmetterte, schleuderte er seine größte Waffe auf sie. Seinen Erzzauber– reines Donnergrollen, gespeist von seiner Essenz.



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Die zwanzig Erzwesen – zehn Erzengel und zehn Erzdämonen – verfügen jeweils über einen Erzzauber. Diese Erzzauber sind keine gewöhnlichen Magien. Sie sind Manifestationen ihrer Essenz, das Symbol ihrer absoluten Dominanz über das Gefüge der Welt. Jeder Erzzauber ist einzigartig und von solcher Macht durchdrungen, dass er selbst die Gesetze der Natur beugen kann.


In ihrer Natur lassen sich diese Erzzauber in drei Kategorien einteilen.


Die erste ist die stoßhafte Gruppe. Diese Zauber sind vergleichsweise effizient in ihrer Anwendung, verbrauchen weniger Energie und können mehrfach hintereinander gewirkt werden. Sie sind auf Tempo, Druck und konstante Bedrohung ausgelegt. Ein typisches Beispiel ist Bläsks „Weltenblitz“ – ein reiner Angriff aus konzentriertem Donner, der den Himmel zerreißt und dennoch schnell wieder aufgeladen werden kann. Trotz ihrer geringeren Stärke im Vergleich zu den anderen Gruppen können solche Zauber auf Dauer ein Schlachtfeld dominieren.


Die zweite Kategorie ist die selektive Gruppe. Ihre Erzzauber sind erheblich mächtiger, massiver in der Wirkung und meist mit einem hohen Preis verbunden. Ihre Anwendung ist limitiert – einmal ausgesprochen, braucht der Erzdämon oder Erzengel Tage, manchmal gar Wochen, bis der Zauber erneut genutzt werden kann. Dafür sind ihre Auswirkungen verheerend. So ist etwa „Sinnflut“, der Erzzauber von Banyu, dem Erzdämon des Meeres, in der Lage, ganze Landstriche unter einem magischen Tsunami zu begraben. Wer einen solchen Zauber entfesselt, entscheidet über das Schicksal von Armeen. 


Die dritte Gruppe ist die Sondergruppe. Es existieren nur vier Zauber in dieser Klasse – und jeder von ihnen ist so mächtig, dass selbst Erzwesen nach dem Wirken für Jahre in tiefen Schlaf fallen. Diese Zauber formen die Realität selbst um, verändern Ursache und Wirkung. Ein berühmtes Beispiel ist „Welt in Perfektion“, der Erzzauber des Erzengels Gabriel. Wird ein solcher Zauber gesprochen, verändert sich die Welt – im wörtlichen Sinne. Zeit, Raum und Leben beugen sich dem Willen des Anwenders.


Unabhängig von der Kategorie gilt: Jeder Erzzauber der sein Ziel trifft bedeutet für Sterbliche den sicheren Tod. Es gibt kein Entkommen, kein Schutz, kein Gegenmittel. Wer einem solchen Zauber gegenübersteht, sieht nicht nur seine letzte Stunde – er sieht auch, warum die Erzwesen als Götter unter den Wesen gelten.



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Der Weltenblitz schoss mit einem gleißenden Aufleuchten auf Jess zu, begleitet vom hämmernden Donner, der die Luft in Scherben riss. Doch sie stand ungerührt, hob lediglich ihre rechte Hand, und ein dunkler Schild aus verdichteter Schattenmagie manifestierte sich vor ihr. Die geballte Energie des Erzzaubers krachte gegen die Barriere, ließ den Boden unter ihr erbeben und entwurzelte selbst massive Bäume – doch Jess selbst rührte sich nicht. Der Blitz verpuffte. Kein Kratzer zierte ihre Haut. Keine Falte lag auf ihrer Stirn.


Mit einer gleichgültigen Geste ließ sie den Schild zerfallen. In ihrer anderen Hand erschien eine Lanze aus purer Verdammnis – ein Kunstwerk aus Kriegsmagie und Schattenstahl. Ohne Zögern stürzte sie sich auf Bläsk.


Bläsk, noch von der Nachwirkung seines eigenen Erzzaubers gelähmt, konnte nur zusehen, wie sich die Lanze durch seine Leibesmitte bohrte. Goldenes Blut trat aus, dampfend, zischend.


Die Starre wich. Sein Blick wurde klar. Seine Stimme war ein Flüstern, das die Dunkelheit selbst herbeirief.


,,Mitternacht.’’


Um sie herum fiel die Welt in völlige Stille. Der Sturm verstummte. Kein Licht mehr. Keine Farbe. Nur tiefste Schwärze. Es war der Erzzauber seines Bruders Zil, des Erzdämons der Dunkelheit.


Jess blinzelte. Für einen Moment wirkte selbst sie orientierungslos.


Dann jagte ein Blitz aus Fluchkraft auf sie zu, schlug ihr in die Brust und schleuderte sie durch die Dunkelheit. Ein kurzes Aufkeuchen war alles, was sie von sich gab. Doch die Dunkelheit löste sich.


Bläsk gönnte ihr keine Verschnaufpause. Er wusste, gegen Jess durfte er nicht zögern.


,,Fesseln des Kaen… leiht mir eure Macht.’’


Um ihn loderten Flammen empor, so heiß, dass die Luft knisterte und sich der Raum selbst verzog.


,,Sonnenflammenkugel.’’


Ein Feuerball, so groß wie eine kleine Stadt, schoss auf Jess zu. Die pure Verkörperung des Zorns Kaens, der Erzzauber des Erzdämonen des Feuers. Jess machte einen Satz zur Seite, der Feuerball verfehlte sie nur knapp, doch die Hitze war verheerend. Hinter ihr entzündete sich der Dschungel. Das grüne Herz des Kaiserreichs brannte.


,,Fesseln der…’’


Bläsk hob erneut die Hand, um weiterzumachen – doch er kam nicht mehr dazu.


Ein Pfeil traf ihn in der Brust. Jess. Sie war schon wieder bei ihm.


Bläsk wollte den Schlag parieren, doch ihre Klinge war schneller. Sie schnitt ihm den Arm ab.


Dann verwandelte sich das Schwert in eine Axt, massiv, finster, durchtränkt mit purer Kriegsmagie.


Hieb um Hieb schlug sie auf ihn ein. Jede Berührung brannte sich tief in seine Essenz. Er schrie, doch seine Stimme wurde vom Knacken der schwarzen Flammen verschluckt.


Als er sich endlich losreißen konnte, packte sie sein Bein, riss ihn mit nach unten. 


Er taumelte, flog, blutete. Goldenes Blut regnete unter ihnen herab.


Er war unterlegen. Er wusste es.


Und es blieb ihm nur noch eine einzige Möglichkeit. Sein Körper war zerfetzt, seine Kräfte erschöpft, doch seine Stimme klang klar und grausam wie nie zuvor:


,,Ketten des ██████… leiht mir eure Macht.’’



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Alles begann mit Bolt. Einem Menschen. Nicht besonders alt, nicht besonders mächtig, nicht von besonderem Blut – doch mit einem Funken, der ausreichte, um die Grundfesten einer Ära zu entzünden.


Er war Schüler von Bläsk gewesen, dem Erzdämon des Donners, dem Sturmbeherrscher, dem Zorn aus Licht. Bolt hatte ihn bewundert, hatte jeden seiner Schritte mit Ehrfurcht verfolgt. Er hatte seine Worte aufgesogen wie heiliges Wissen, sich geformt nach seinem Bild, ihm gehorcht wie einem Vater – oder einem Gott. Und dann, ausgerechnet dann, hatte er sich gegen ihn erhoben. 


Denn Bolt hatte versucht, das Unvorstellbare zu vollbringen: Er wollte Bläsks Kräfte rauben, sie in sich aufnehmen, seine sterbliche Hülle mit der Essenz des Donners erfüllen. Es war ein Zauber, geboren aus Wahnsinn oder Größenwahn – keiner wusste es genau. Sicher war nur eines: Dieser Zauber war nie für einen Sterblichen gedacht gewesen.


Er schlug fehl.


Bläsk tötete ihn. Ohne zu zögern. Ohne ein letztes Wort. Ein einziger Schlag, ein einziger Blitz, und Bolts Körper war Asche.


Doch was nicht mit ihm starb, war der Gedanke. Der Gedanke, dass ein Mensch ihn beinahe besiegt hatte. Dass die Sterblichen – klein, zerbrechlich, begrenzt – trotzdem eine Bedrohung sein konnten.


In Bläsk keimte etwas, das man bei einem Erzdämon nicht vermutet hätte. Kein Mitgefühl, keine Reue. Sondern etwas viel Gefährlicheres: Angst. Und Angst war für Wesen wie ihn kein natürlicher Zustand. Also tat er, was solche Wesen tun. Er schmiedete einen Plan.


Er wusste, dass das Gleichgewicht zwischen den zwanzig Erzwesen – zehn Erzdämonen, zehn Erzengel – eine Schwäche war. Eine offene Flanke. Und er kannte jemanden, der jenseits dieses Gleichgewichts stand.


Ein Wesen älter als sie alle. Die Elster. Niemand wusste, was sie wirklich war. Bläsk suchte sie auf, irgendwo jenseits von Zeit und Raum, und als er ihr seine Bitte vortrug, nickte sie nur. Dann gab sie ihm ein Artefakt. Ein Ding ohne Namen, ohne Ursprung – aber mit unvorstellbarer Macht.


Zurück in der Welt der Erzwesen berief Bläsk ein geheimes Konzil ein. Die zehn Erzdämonen versammelten sich im Tal der Risse. Keine Worte, keine Warnung. In dem Moment, als sie sich vereint hatten, aktivierte Bläsk das Artefakt. 


Ketten aus Zeit, Raum und Magie stürzten herab. Neun Erzdämonen – seine Geschwister – wurden in ihren Domänen versiegelt, einer nach dem anderen. Gefangen in Fesseln, die selbst ihren Zorn und ihre Verzweiflung unterwarfen.


Und Bläsk, nun allein mit ihrer gebündelten Macht, richtete seine Aufmerksamkeit auf die Erzengel. Kein Rat. Kein Abkommen. Keine Gnade. Er jagte sie – einen nach dem anderen – bis nur noch Blut und Schweigen übrig waren. Manche wehrten sich, andere versuchten zu fliehen. Keiner entkam.


Als das letzte Erzwesen gefallen war, stand Bläsk allein an der Spitze einer toten Hierarchie.


Nun war er frei. Frei, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Er begann, die Spuren zu tilgen. Jede Erwähnung der Erzwesen in den Chroniken der Völker ließ er löschen. Tempel brannten. Götter wurden vergessen. Glauben starb. Geschichten verstummten.


Denn wenn die Sterblichen nichts mehr wussten – so glaubte er – konnten sie ihm auch nichts anhaben.


Er fühlte nichts dabei. Keine Bitterkeit, keinen Stolz. Nur Notwendigkeit.


Denn Bläsk hatte erkannt: Zweifel ist ein Luxus, den sich nur jene leisten können, die keine Feinde haben.


So vergingen fast eintausend Jahre. Bläsk lebte im Schatten, im Verborgenen, beobachtete, wie Generationen kamen und gingen, während er die Erinnerung an seine Existenz aus dem Fleisch der Welt schnitt wie ein Chirurg eine Krankheit.


Bis er von ihr hörte.


Von einer jungen Frau, die urplötzlich auf der Bühne der Welt erschien. Einer Frau mit Augen, die Dinge sahen, die kein Mensch sehen durfte. Einer Frau mit dem Namen Leyla.


Die Elster hatte ihn einst gewarnt. „Wenn du überleben willst“, hatte sie gesagt, „musst du verhindern, dass die Jüngerin der Runensteine erwacht.“


Bläsk hatte die Warnung damals nicht verstanden. Doch nun, da er Leyla beobachtete, ihre Taten, ihre Kräfte, ihr wachsendes Vermächtnis – wurde ihm klar, was gemeint war.


Die Jüngerin war nicht nur eine Bedrohung.


Sie war das Versprechen seines Untergangs.



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Die Macht des vergessenen Erzdämons, des einstigen Anführers der Zehn, dessen Name längst aus aller Erinnerung getilgt war, durchströmte Bläsk wie eine gewaltsame Offenbarung. Seine Wunden schlossen sich augenblicklich – Haut, Fleisch, Knochen wurden neu gewebt, als hätte ihn nie eine Klinge berührt. Energie pulsierte in jeder Faser seines Seins.


Jess war von ihm zurückgewichen. Ihre dunklen Schwingen zitterten leicht, ihre Miene jedoch blieb gefasst. In ihren Augen lag kein Hass. Kein Triumph. Nur etwas Unerwartetes: Bedauern. Schmerz.


Bläsk grinste. Kaltherzig, überlegen, voller falscher Sicherheit. Er verstand nicht, wie Jess es geschafft hatte, sich aus dem Kerker ihrer eigenen Domäne zu befreien – jenem Ort, in dem sie, wie alle anderen, gebunden gewesen war. Doch es spielte keine Rolle. Es nützte ihr nichts. Diesmal würde er sie vernichten, endgültig, ohne Fehler, ohne Zögern.


,,Schwarzes Loch.’’


Kaum hatte er den Erzzauber ausgesprochen, jenen von seinem versiegelten Bruder – dem Erzdämon der Schöpfung und Zerstörung – begann die Welt zu brechen. Der Raum um sie herum bog sich wie Glas unter Hitze. Der Himmel selbst – nicht der sichtbare, sondern das, was hinter allem lag – zerriss mit einem geräuschlosen Schrei.


Es war kein Gewitter. Kein Sturm. Es war, als reiße man das Gewebe der Realität selbst auseinander.


Ein Loch erschien, rund, formlos und bodenlos. Kein Licht. Kein Ton. Eine perfekte Leere – das Herz aller Vernichtung.


Und es begann zu ziehen.


Die Schwerkraft verlor ihren Sinn. Bäume wurden aus der Erde gerissen, ganze Landmassen flogen in den Riss. Der Boden brach auf, Staub, Feuer, Wurzeln, Gestein – alles wurde verschlungen. Ein Mahlstrom des Endes.


Bläsk blieb unbewegt in der Luft, das Chaos um ihn ignorierend. Aus dem Augenwinkel sah er noch den Jungen mit den grünen Haaren, wie er mit dem zerstörten Körper der Jüngerin und der kleinen Fee floh. Lächerlich. Unbedeutend. Sie konnten nicht fliehen. Nicht weit genug weg, von dem was er entfesselt hatte.


Jetzt galt all seine Aufmerksamkeit Jess.


Er flog auf sie zu, langsam, wie ein Jäger, der sich seiner Beute sicher ist. Er wollte in ihre Augen blicken. Ihre Angst sehen. Den Moment genießen, in dem sie begriff, dass sie sterben würde. Doch was er sah, war nicht Panik.


Jess lächelte.


Ein ehrliches, beinahe warmes Lächeln. Kein Trotz, keine Maske. Zufriedenheit.


,,Du bist wahrlich der Dümmste von uns Zehn.’’


Bläsk runzelte die Stirn. Die Worte klangen hohl, bedeutungslos. Doch dann sah er es. Und noch bevor er verstand, was geschah, spürte er es.


Eine Hand – riesig, schwarz, ledrig – schob sich aus der Singularität. Sie war nicht Teil des Zaubers. Sie war fremd, anders als alles, was er kannte. Eine fremde Wahrheit, die sich in seine Wirklichkeit drängte.


Die Hand streckte sich nach ihm aus – und umschloss ihn.


Mit einem einzigen Griff war er gelähmt. Nicht nur körperlich. Etwas griff nach seiner Seele. Seinem Ursprung. Seiner Struktur.


„W-Was…“ stammelte er, doch seine Stimme war nur noch ein Krächzen im Wind. Panik kroch ihm in den Nacken. Keine seiner Kräfte reagierte. Keine seiner Erinnerungen half ihm.


Jess schwebte neben der Hand, ihre Augen weich, fast traurig. Sie streichelte die monströse Hand voller Liebe.


„Willst du wissen, was dein Fehler war?“ fragte sie.


Bläsk nickte. Er musste es wissen. Irgendetwas, irgendetwas, das ihm Bedeutung gab. Wenn er schon fallen musste, dann wenigstens mit Erkenntnis.


Aber Jess schüttelte nur den Kopf und lächelte noch einmal.


„Meine Zeit ist vorbei. Auf nimmer Wiedersehen, Bruder. Genieß die Endlosigkeit in der Singularität.“


Er wollte schreien. Doch kein Laut kam. Die Hand zog ihn hinein. Und während sein Körper sich dehnte, zerriss, verflüssigte – während sein Geist versuchte, die Unmöglichkeit zu begreifen – wurde ihm klar: Es gab keinen Weg zurück. Kein Entkommen mehr. Keine Macht, die ihn retten konnte.


Und dann löste sich Bläsk auf.


Er, der letzte Erzdämon, der Sturm selbst – wurde zu Staub im Nichts.

 
 
 

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