Kapitel 204 - Wer tröstet die Lebenden?
- empirewebnovel
- 19. Juni 2025
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Das Schlachtfeld der Leichen, auf dem Jess sie zurückgelassen hatte, schien sich endlos auszubreiten. Eine Ebene aus Tod und Stille, so weit das Auge reichte. Kein Windhauch, kein Geräusch, nicht einmal das Echo von Erinnerungen.
Alexandra hatte sich entschieden, diesen Ort zu durchqueren – nicht aus Neugier, sondern um der Hilflosigkeit zu entkommen. Sie wusste, dass Jess ihren Körper nur einmal und nur für eine Stunde beanspruchen durfte. Danach würde sie zurückkehren. Und Alexandra wollte bereit sein – für alles, was danach kam.
„Ob sie Bläsk besiegt hat?“ flüsterte sie leise in den leeren Raum hinein, die keine Antwort gab.
Sie versuchte, die Gedanken an Leyla beiseitezuschieben. Die Bilder ihres toten Körpers, das Blut, das aus ihr geflossen war. Doch sie schaffte es nicht. Immer wieder holte sie der Schmerz ein, drängte sich in ihren Geist, schnürte ihr die Kehle zu. Immer wieder rannen Tränen über ihr Gesicht, immer wieder zerbrach sie innerlich von neuem.
Dann, plötzlich, durchbrach eine Stimme das Schweigen.
,,Ich habe meine Aufgabe erfüllt.’’
Die Stimme der Erzdämonin des Krieges. Jess.
Alexandra zuckte zusammen. Ihre Augen flackerten, blinzelten – und im nächsten Moment war der endlose Totenacker verschwunden.
Stattdessen war sie zurück. Fliegend. Hoch über dem Dschungel.
Doch der Dschungel war nicht mehr derselbe.
Der Sturm war verschwunden. Die bedrohliche Magie, die den Himmel zerrissen hatte, war verflogen. Doch der Boden unter ihr war verwüstet – wie von einer anderen Welt zerfressen. Flüsse aus Asche, aufgerissene Erde, verbrannte Bäume. Ganze Flächen waren schlicht nicht mehr da. Nur in der Ferne – am Horizont – sah sie grüne Flecken. Unberührter Wald, der wie eine Erinnerung wirkte.
„Was ist hier passiert?“ murmelte sie, obwohl sie die Antwort längst erahnte. Etwas war geschehen, das nicht rückgängig zu machen war. Etwas Endgültiges.
Bläsk war verschwunden. Vernichtet, verbannt – was auch immer geschehen war. Aber er war weg. Alexandra konnte es spüren.
Sie flog tiefer, ließ den Blick schweifen. Suchte. Nicht nach dem Dämon. Sondern nach den Überlebenden. Zensa. Vinessa. Leyla.
Und dann sah sie ihn.
Zensa saß am Rand eines gigantischen Kraters. Sein Körper war verdreckt, seine Kleidung zerrissen, sein Blick leer. Neben ihm schwebte Vinessa, kaum größer als seine Schulter, zusammengesunken. Alexandra landete vorsichtig, der Boden knirschte unter ihren Stiefeln.
„Alexandra…“ piepste eine brüchige, kaum hörbare Stimme. Vinessa hatte sie bemerkt. Ihr Gesicht war aufgedunsen vom Weinen, ihre Flügel zitterten. In ihren Augen lag dieselbe Verzweiflung, die Alexandra in sich selbst spürte.
Langsam trat sie näher. Dann sah sie es.
Leyla.
Ihr Körper lag still auf der zerborstenen Erde. Ein Schatten ihrer selbst. Die einst so mächtige Kämpferin war kaum wiederzuerkennen. Ihr linker Arm fehlte, das Bein war fortgerissen, ihr Gesicht entstellt, ihre Augen leer und kalt.
Alexandra fiel auf die Knie. Ihre Hände griffen nach Leyla, als könnte sie sie noch festhalten, als könnte sie sie mit Berührung zurückholen.
Aber da war nichts mehr.
Nur der kalte, tote Körper ihrer Geliebten.
„Warum… warum habe ich nicht bei dir gekämpft?“ stammelte sie, die Worte brüchig wie Glas. „Warum habe ich dich im Stich gelassen?“
Doch niemand antwortete. Nicht Jess. Nicht Vinessa. Nicht Zensa. Nicht einmal der Wind.
Und so blieb Alexandra zurück, auf den Knien neben der Frau, die sie hätte retten müssen – und es nicht getan hatte.
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Leyla kauerte in dem Raum der Kerzen. Eine Kammer außerhalb der Zeit, jenseits von Schmerz, aber nicht frei davon. Hier drin war alles anders – klarer, schärfer, unerträglicher. Die Dunkelheit war nicht feindlich, sie war ehrlich. Und sie spiegelte zurück, was sie sonst unterdrückte.
Sie wusste, wenn sie wollte, konnte sie zurückkehren. Zurück in die Welt, zurück zu Zensa, zu Alexandra, zu allem, was geschehen war. Doch der Gedanke daran fühlte sich leer an. Wozu? Für wen? Wofür sollte sie wieder aufstehen, wenn doch nur neue Verluste auf sie warteten?
Hier, im Kreis der vier Kerzen, war nichts verborgen. Kein Runenstein dämpfte ihre Emotionen, keine Macht der Erde verschloss ihr Herz. Alles war offen. Der Raum zwang sie, zu fühlen. Und das tat sie. Mehr als je zuvor.
Trauer, Schmerz, Reue. Sie brannten in ihr wie ein kaltes Feuer. Kein Hass, kein Zorn – nur ein dumpfer, unaufhörlicher Sog. Und dazwischen: ein neues Gefühl. Eines, das sie nicht sofort benennen konnte. Es schlich sich leise in ihren Geist. Eine Mischung aus Schuld und Angst.
Ihr Blick wanderte zu dem Tisch mit den vier Kerzen. Sie kannte dieses Ritual. Sie wusste, was es bedeutete. Die Farben hatten sich tief in ihr eingebrannt, jedes Licht ein Leben.
Die blassgrüne Kerze brannte. Zensa. Ihr Schüler. Der Junge, der sich ihr blind anvertraut hatte. Der Junge, der bereit gewesen war, für sie zu sterben – doch es war nicht er gewesen, der geopfert worden war.
Daneben: eine weiße Flamme. Nea. Ihre Kerze flackerte unruhig, unbeständig, als würde der Tod mit ihr ringen.
Ganz rechts stand die schwarze Kerze. Alexandra. Auch sie brannte. Auch sie hatte überlebt.
Aber…
Die blaue Kerze.
Eroica. Ihre Vertraute. Ihre Leibdienerin. Ihre ruhige, treue Filina, die sie immer unterstützt hatte, seit jener Nacht in der Bibliothek von Malyl. Die Frau, die nie Fragen stellte, nie forderte – die einfach nur da war.
Und deren Licht nun verloschen war.
Leyla konnte den Gedanken kaum ertragen. Ein kalter Schock durchfuhr sie, lähmte sie. Es war, als hätte man ihr einen Teil des Rückgrats herausgerissen. Sie stand auf, taumelte zu dem Tisch, wollte es nicht glauben.
Sie berührte die blauen Reste der Kerze, wollte die Flamme wieder herbeizwingen. Doch es ging nicht. Wie immer in diesem Raum war sie nur Beobachterin. Die Flammen waren jenseits ihrer Macht.
Tränen sammelten sich in ihren Augen, ein Zittern erfasste ihre Schultern. Sie fiel auf die Knie, ihre Hand umklammerte das kalte Holz des Tisches, als könnte sie sich daran festhalten. Doch auch dieser Halt war Illusion.
Wieder hatte die Macht in ihr entschieden, wer sterben musste. Zum vierten Mal.
Vier Leben, vier Opfer, vier Flammen. Und jedes Mal blieb sie zurück.
Warum? Warum war ausgerechnet sie dazu verdammt, zu überleben? Warum hatte sie diese Fähigkeit, diese abscheuliche Gnade, für die nicht sie, sondern andere bezahlten?
Jeder, der ihr nahekam, jeder, der ihr vertraute, schwebte in tödlicher Gefahr – durch sie.
Sie hörte Stimmen, fern und gedämpft. Zensas schluchzendes Murmeln, Vinessas zerbrechliches Wispern, Alexandras gebrochene Worte. Sie alle glaubten, Leyla sei tot.
Vielleicht sollten sie es auch weiter glauben.
Vielleicht wäre es besser so. Besser, als weiterzumachen und noch mehr Leben zu fordern. Noch mehr Kerzen verlöschen zu sehen.
Leyla sank zu Boden. Ihr Körper krümmte sich, ihre Schultern zuckten. Tränen liefen frei, hemmungslos.
Sie weinte. Bitterlich. Tiefer als je zuvor. Nicht nur um Eroica. Sondern um sich selbst. Um das, was sie geworden war. Um das, was sie nie hatte sein wollen. Ein Zentrum des Leidens. Ein Katalysator des Verlusts.
Und niemand war da, um sie zu trösten.
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Alexandra starrte mit leerem Blick in das flackernde Licht des Lagerfeuers. Die Flammen tanzten reglos in ihren Augen, ohne Wärme, ohne Trost. Der Wald um sie herum war still, zu still. Kein Laut, kein Wind, nicht einmal das Rauschen der Blätter – nur das Knacken des Feuers, das wie eine höhnische Erinnerung an Leben klang, wo keines mehr war.
Vier Tage waren vergangen. Vier lange, langsame, lähmende Tage, seit der Kampf mit Bläsk geendet hatte. Vier Tage seit Leyla... gegangen war. Getötet worden war.
Vor ihr, in weißen Leinen gewickelt, lag der Körper ihrer Geliebten. Ruhig. Friedlich. Viel zu still. Vinessa hatte ein besonderes Wachs aus den Feenlanden verwendet, eines, das die Verwesung aufhalten konnte – zumindest für eine Weile. Sie hatte darauf bestanden, dass Leyla nicht einfach irgendwo begraben werden durfte. Nicht hier, nicht auf diesem verseuchten, verwüsteten Boden. Nicht an einem Ort, an dem der Tod gesiegt hatte.
Alexandra hatte genickt. Sie hatte zu allem genickt. Zu allem geschwiegen. Es war leichter so.
Zensa war fort. Irgendwann hatte er seine Sachen gepackt, mit zitternder Stimme gesagt, er würde in Jidar auf sie warten. In der Stadt der Sectododen, die ihm fremd und doch sicherer erschien als dieses leere, verbrannte Stück Erde.
Alexandra hatte ihm nicht widersprochen. Nicht aus Zustimmung. Sondern weil sie keine Kraft mehr hatte, überhaupt noch etwas zu sagen.
Vinessa kauerte in ihrem Schoß, die kleine Fee wirkte zerbrechlicher als je zuvor. Ihre Augen waren geschlossen, der Körper zitterte in unregelmäßigen Abständen. Vielleicht fror sie. Vielleicht weinte sie. Vielleicht war sie längst in einer Welt versunken, in der sie Leyla wiedersehen durfte.
Alexandra wusste es nicht. Es war ihr auch egal.
Sie selbst fühlte nichts mehr. Kein Schmerz. Keine Wut. Keine Verzweiflung. Es war, als hätte etwas in ihr den Schalter umgelegt, als wäre sie aus der Welt herausgelöst worden. Ein Schatten unter den Lebenden, atmend ohne Zweck.
Warum nur? Warum hatte Leyla sterben müssen?
Die Frage brannte sich immer wieder in ihr Denken, wie ein Mantra, das keine Antwort kannte. Wie ein Messer, das stumpf geworden war vom vielen Schneiden – und doch immer wieder angesetzt wurde.
Leyla war ihr Anker gewesen. Nicht nur ihre Geliebte – sondern auch Richtung, Halt, Überzeugung. Mit ihr hatte alles begonnen. Und nun?
Jetzt war nur noch die Kälte geblieben. Und ein leiser Wind, der nicht einmal ihre Tränen trocknete. Denn es gab keine mehr.
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Leyla lag noch immer auf dem kalten Boden des Raums, in dem es keine Zeit gab, keinen Wind, kein Außen. Die Kerzen flackerten in ihrem stummen Tanz, jede einzelne von ihnen ein leiser Vorwurf, ein leuchtendes Mahnmal. Hier verspürte sie keinen Hunger, keinen Durst. Sie schlief nicht. Auch die Tränen waren versiegt, wie ein Fluss, der sich selbst verloren hatte.
Sie betrachtete ihre Finger. Die Finger, mit denen sie Eroicas weiches Fell berührt hatte – so oft, so gedankenverloren. Immer war es Eroica gewesen, die ihre Hand gehalten hatte, wenn die Welt zu laut wurde. Die still neben ihr gewacht hatte, wenn alle anderen schliefen. Und jetzt... war nichts mehr von ihr übrig als Erinnerung. Und eine erloschene Kerze.
Langsam setzte sich Leyla auf. Der Schmerz war nicht verschwunden. Er würde nie verschwinden. Doch über die Stunden – vielleicht waren es auch Tage gewesen, Zeit war hier bedeutungslos – hatte sich eine Wahrheit in sie eingebrannt. Nicht mit Worten. Sondern mit einer leisen, unumstößlichen Klarheit.
Eroica hätte nicht gewollt, dass sie sich aufgab.
Leyla atmete tief durch. Ihre Schultern hoben sich, als würden sie zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder Gewicht tragen. Dann senkten sie sich, fest, entschlossen. Sie würde zurückkehren. Zurück in die Welt der Lebenden, zurück zu Zensa, zu Alexandra, zu Vinessa. Sie würde ihnen vom Raum der Kerzen erzählen – von dem stillen Ort, an dem sich Leben und Tod küssten, ohne sich zu erkennen.
Der Kampf im Denja-Dschungel war nicht vorbei. Sie würde ihn zu Ende führen, wie es ihr Auftrag verlangte. Danach aber... danach würde sie allein weitergehen. Nicht aus Kälte. Sondern aus Verantwortung. Aus Schuld.
Sie wollte nicht noch mehr mit ihrer Fähigkeit töten.
Und sie wusste, dass es einen anderen Weg gab. Einen, der nicht mit Blut bezahlt wurde.
Es war schon einmal geschehen.
Liam.
Ihr erster Begleiter. Freund. Und für kurze Zeit... mehr. Ihre Wege hatten sich getrennt, sanft, ohne Zorn. Kein Verrat, kein Streit. Nur das stille Vergehen einer Verbindung. Und irgendwann – war seine Kerze verschwunden. Nicht erloschen. Sondern weg. Aufgelöst. Entschwunden.
Wenn sie also alle, die ihr wichtig waren, von sich stieß... Wenn sie sich selbst aus ihrem Leben herauszog, Schritt für Schritt, wie eine Narbe, die sich selbst zurückbildete...
Dann, vielleicht, wären sie sicher.
Der Gedanke schnitt tief. Tiefer als jede Wunde, die sie im Kampf erlitten hatte. Doch wenn es das war, was notwendig war, um sie zu schützen – dann war es ihr Weg.
Der Kampf mit Bläsk hatte es gezeigt. Sie war nicht unverwundbar. Drei Runensteine hin oder her – es gab Wesen, die stärker waren als sie. Die bereit waren, alles zu zerstören, was sie liebte. Und sie konnte nicht riskieren, dass noch eine weitere Kerze auf diesem Tisch erlosch.
Leyla stand auf, streckte sich. Ihre Bewegungen waren langsam, fast rituell. Dann trat sie an den Tisch. Die blaue Kerze – Eroicas Kerze – war und blieb erloschen. Eine Narbe aus Wachs. Eine Leerstelle im Leben.
Sie senkte den Blick ein letztes Mal.
Dann wandte sie sich ab und verließ den Raum.



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