top of page

Kapitel 205 - Sie war Franca

Während Alexandra in stummer Trauer verweilte und Leyla jenseits aller Worte eine Entscheidung traf, saß an einem anderen Ort, weit entfernt vom Chaos des Dschungels, eine junge Frau hoch oben in den Ästen eines uralten Baumes. 


Die Luft im Tiefenwald war feucht, schwer von Blütenduft und Verwesung, und zwischen den moosbewachsenen Zweigen kauerte Franca Aldobrandini, die Tochter Giolittis, unbewegt und wachsam. Unter ihr lag ein prächtiges Anwesen, dessen Mauern sich aus dem Wurzelgeflecht alter Bäume erhoben wie eine Festung der Vergangenheit. In seinen Mauern lebte – noch – Luca Aldobrandini. Ihr Cousin. Ihr Ziel. 


Es war einer der Rückzugsorte der Familie – abgelegen, verborgen, gesichert. Vor drei Wochen hatte sie ihm empfohlen, genau hierher zu fliehen. Unter einem Vorwand, unter dem Siegel der Sorge. In Wahrheit war sie geschickt worden, um ihn zu töten. Von Yang selbst. Doch sie hatte ihn nicht töten wollen. Nicht damals.


Heute aber war sie zurückgekehrt, um ihre Entscheidung zu überdenken – und vielleicht rückgängig zu machen.


Seit jener Begegnung mit Atorm war etwas in ihr zerbrochen. Oder vielleicht hatte es sich zum ersten Mal überhaupt geordnet.


Anfangs war es nur ein Flackern gewesen, ein leises Infragestellen dessen, was sie zu sein glaubte. Eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Eine Tochter des Hauses Aldobrandini. Eine Waffe in den Händen ihres Vaters. Doch dann war aus diesem Flackern ein Feuer geworden. Ein Feuer, das sie nicht mehr löschen konnte.


Franca hatte begonnen, ihre Loyalität zu hinterfragen. Erst gegenüber ihrem Vater. Dann gegenüber Yang. Schließlich gegenüber dem gesamten Konstrukt, das sie umgab.


Sie hatte ihren Vater immer zufriedenstellen wollen. Sich bemüht, seine kalte Anerkennung zu erringen – durch Disziplin, Erfolg, und tadellose Erscheinung. Doch nun erkannte sie, dass es niemals genug gewesen war. Niemals genug sein würde. Sie war nur ein Werkzeug gewesen. Ein Name. Ein Mittel zur Macht.


Und so hatte sie begonnen, ihn zu verfluchen. Nicht laut. Nicht impulsiv. Sondern leise, systematisch, tief aus der Enttäuschung geboren. Aus der Klarheit, dass es nicht um sie ging – nie um sie gegangen war.


Sie war gegen ihn in den Krieg gezogen. Nicht mit Worten. Nicht mit einem offenen Bekenntnis. Sondern mit jeder Handlung, mit jedem Schritt, den sie seitdem getan hatte. Und dieser Schritt, heute Nacht, mochte der entscheidendste bisher sein.


Giolitti war nicht nur Vater. Er war Architekt des Schmerzes. Verkörperung des dekadenten Adels. Ein Fossil aus einer Zeit, in der Macht durch Blut bestimmt wurde, nicht durch Fähigkeit. Und Franca war es leid, Teil davon zu sein.


Doch sie hatte erkannt, dass die Familie nur Symptom war. Nicht Ursache. Die Ursache war Yang. Die Ursache war die Ordnung selbst.


Die Ordnung der Algavia. Die kalte, alles verschlingende Maschinerie einer Herrschaft, die das Reich in Fesseln gelegt hatte, unsichtbar und allgegenwärtig.


Franca wollte das beenden. Nicht für das Volk. Nicht aus Mitleid. Sie hatte kein Herz für das gemeine Volk entwickelt – sie verachtete die stumpfe Masse noch immer, wie es ihr anerzogen worden war. Doch sie verachtete gleichermaßen die Illusion, die über allem lag. Die Lüge vom Erbe. Vom Anspruch. Von der göttlichen Ordnung.


Was sie zerstören wollte, war die Kette, die auch sie gefangen hielt.


Sie strich sich aus Gewohnheit über das Haar. Jeder Strang musste perfekt sitzen. Kein Makel durfte ihr Bild trüben – nicht einmal jetzt. Nicht einmal in dieser Nacht, in der sie bereit war, endgültig zu entscheiden.


Ihr Blick ruhte auf dem oberen Stockwerk. Genauer: auf dem Fenster des Schlafgemachs. Das Licht war noch an. Er schlief nicht. Noch nicht. Vielleicht schrieb er. Vielleicht las er. Vielleicht dachte er nach – an sie?


Sie wartete. Geduldig. Reglos wie ein Raubtier. In ihren Augen lag kein Zorn. Kein Mitgefühl. Nur ein Vorbote einer Entscheidung.


Dann, endlich, bewegte sich der Vorhang. Eine Silhouette trat ans Fenster. Luca. Er wirkte müde, fast gealtert. Er trat näher und zog langsam die Vorhänge zu.


Franca blinzelte nicht. Sie veränderte nicht einmal ihre Haltung.


Denn sie wusste: Heute Nacht würde etwas enden.



--------------------------------------------------------------------------



„BLÜTENTUNNEL!“ rief Franca, während sie Gendihr von ihrem Rücken riss. Der Runenhammer vibrierte in ihrer Hand, als die Zeichen darauf zu glimmen begannen. Die Luft um sie zitterte, wurde dünn wie Seide – und im nächsten Moment wurde sie aus dem Raum der Welt gerissen.


Dann stand sie in Lucas Schlafgemach.


Der Raum war warm, der Boden aus hellem Holz, die Wände mit alten Gemälden geschmückt. Auf dem Bett saß ihr Cousin, nur in ein Hemd gekleidet, das Gesicht im Halbschatten. Neben ihm richtete sich seine Frau auf – Eda Aldobrandini, ihre Freundin aus Kindertagen. Ihre Miene schwankte zwischen Überraschung und Misstrauen.


„F-Franca?“ flüsterte Luca, als glaubte er, sie sei ein Trugbild. „Was machst du hier?“


Franca trat einen Schritt vor. „Ich bin hier, um einen Fehler zu korrigieren.“ Ihre Stimme war ruhig. Klar. Wie Wasser über kaltem Stein. „Sagt mir – wie steht ihr zu Vater? Wie steht ihr zum Hause Aldobrandini?“


Einen Moment lang herrschte Stille. Dann antwortete Eda, ganz die gehorsame Adelige, die sie erzogen worden war zu sein: „Unsere Familie… steht natürlich über allem.“


Das war die falsche Antwort.


Franca hob Gendihr und ließ ihn ohne Zögern auf Eda herabsausen. Der Aufprall zerschmetterte Knochen und Fleisch, ein hässliches, dumpfes Knacken erfüllte das Zimmer. Blut spritzte auf das Kopfkissen. Luca keuchte, als hätte er selbst den Schlag gespürt.


„Was zur Hölle tust du da?!“ brüllte er, als er sich über Eda beugte. Ihre Augen waren glasig, ihre Brust bewegte sich nicht mehr.


Franca drückte ihm den Hammer gegen die Brust. „Also, Luca. Wo liegt deine Loyalität?“


Sein Blick war starr auf sie gerichtet. Er blinzelte nicht. Dann, ganz leise, knirschte er: „Du verrätst also die Familie? Für Yang? Oder für Aragi?“


Franca neigte den Kopf, als überlege sie ernsthaft. Dann nahm sie Gendihr zurück und trat einen Schritt zurück. „Nein.“


Ein Moment des Atems, ein Flackern der Hoffnung in Lucas Augen. „Also hast du uns nicht verraten?“ fragte er vorsichtig.


Franca lächelte. Ein kaltes, klares, leeres Lächeln. „Ihr wart es, die mich verraten haben. Ihr habt mich benutzt, gelenkt, verkauft. Und ich tue das hier nicht für Yang. Nicht für den Minister. Ich tue das nur für mich.“


Dann holte sie aus. Der Hammer zerschlug Lucas Brustkorb mit einem einzelnen Hieb. Blut explodierte über die weißen Laken, klebte an ihren Stiefeln. An der Wand bildete sich ein roter Halbmond.


Franca trat ans Fenster. Der Regen hatte eingesetzt, tropfte sacht auf das Laub des Waldes.


Sie warf einen letzten Blick zurück. Auf Luca, der ihr Cousin gewesen war. Auf Eda, die sie wie eine Schwester genannt hatte.


Dann sprang sie hinaus in die Nacht.



--------------------------------------------------------------------------



Die Kühle der Nacht empfing Franca wie ein stummer Schwur. Der feuchte Wind strich ihr übers Gesicht, trug den metallischen Geruch des Blutes aus dem Haus hinter ihr in die Welt hinaus. Ein einzelner, durchdringender Schrei durchbrach die Stille des Anwesens – Lucas Sohn, vermutlich. Oder ein Bediensteter. Es war ihr egal.


Sie hatte keine Familie mehr.


Mit gemessenen Schritten setzte sie sich in Bewegung, in Richtung Süden, fort vom Ort des Mordes, fort von einer Vergangenheit, die sie endgültig abgestreift hatte. Ihre Stiefel berührten kaum den Boden, als schwebte sie über dem nassen Laub, mühelos den Pfützen ausweichend. Kein Matsch durfte ihre Erscheinung trüben. Nicht heute. Nicht nach dieser Entscheidung.


Zwischen den Wurzeln und Moosen des Tiefenwaldes drängten sich die ersten Frühlingsblumen hervor – zarte Farben im Schatten des alten Adels. Der Regen verstärkte sich, prasselte auf das dichte Blätterdach über ihr, während Mücken und Nachtinsekten im Takt der Tropfen zu tanzen begannen. Es war, als hätte die Natur nicht mitbekommen, was geschehen war.


Franca blieb kurz stehen. Ihre Hand glitt durch das feuchte Haar. Ihr Blick ging ins Leere. Der Mord an Luca und Eda war kein Ende – es war ein Anfang. Doch jede Revolution brauchte Verbündete. Mächtige Verbündete. Und sie wusste bereits, zwischen welchen dreien sie wählen musste.


Der erste war der Mann, der im Schatten herrschte: Selfmun Aragi. Der Kaiserliche Minister, gefährlich wie ein verschlossener Dolch. Ein Emporkömmling, den das einfache Volk bewunderte, weil es ihn nicht verstand. Franca fürchtete ihn nicht – aber sie wusste, dass er sie zerquetschen würde, wenn sie einen Fehler machte. Und doch… niemand kannte das politische Spiel so wie er. Er würde ihr helfen, ihre Familie zu vernichten. Doch was würde es sie kosten?


Dann war da Leyla, die Siegerin von Tripolis, die Naturgewalt, die in jeder Liste der kaiserlichen Feinde ganz oben stand – und doch ein Werkzeug des Reiches geblieben war. Franca war ihr mehrfach begegnet, flüchtig, beobachtend. Es hieß, sie habe einen ehemaligen Prinzen getötet, einen aus der Blutlinie der Algavia. Es hieß, sie kämpfe nicht für einen Thron, sondern für eine Idee. Vielleicht, dachte Franca, ließen sich ihre Wege kreuzen. Und vielleicht ließe sich etwas aus dieser Kreuzung gewinnen.


Der dritte war gefährlicher als die ersten beiden, weil er nicht zu durchschauen war: Hypos, der fünfte Kronprinz. Der Wahnsinnige. Der Spieler. Der Mann, der das Prinzenspiel nicht nur anführte, sondern beherrschte wie ein Meister seine Schachfiguren. Er hatte keine Ideale, keine Verbündeten – nur eine Richtung: nach oben. Aber genau das war sein Vorteil. Wer ihn für sich gewann, hatte Chaos auf seiner Seite.


Drei Wege, drei Monster, drei Möglichkeiten. Ein leises Donnern rollte über den Himmel. Der Regen verwandelte sich in ein stürzendes Meer.


Franca hob Gendihr erneut. „WÜSTENSCHIRM!“ rief sie, und der Runenhammer entfaltete gehorchend eine schwebende Kuppel aus gläserner Energie über ihrem Kopf. Das Wasser perlte daran ab wie an einem unsichtbaren Schild. Der Lärm des Regens wurde gedämpft, die Welt schien für einen Moment kleiner, geschützter. Intimer.


Sie steckte Gendihr zurück an ihren Rücken, dann griff sie unter ihr Kleid. Ihre Finger berührten das Metall – das Siegel der Aldobrandini. Der silberne Löwe. Der Stolz eines Hauses, das sich selbst längst zur Beute gemacht hatte.


Mit ruhiger Bewegung löste sie das Siegel, hielt es einen Moment lang in der Hand.


Dann warf sie es in den Matsch. Der Löwe versank in der Nässe, unbeachtet.


Sie war keine Aldobrandini mehr.


Sie war Franca.

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page