top of page

Kapitel 206 - Die Rückkehr einer Schuldigen

Sorgfältig löschte Alexandra das Lagerfeuer. Jeder Handgriff war kontrolliert, fast mechanisch. Sie hatte ein kleines Grab aus glühenden Steinen gegraben, um sicherzugehen, dass kein Funke überging – nicht in diesem verwundeten Dschungel, nicht nach allem, was passiert war.


Sie hatte nicht geschlafen. Nicht diese Nacht, nicht die davor. Ihre Lider waren schwer, aber Schlaf kam nicht. Seit Leylas Tod fühlte sie sich wie ein Wrack. Eine Hülle aus Gewohnheit und Pflicht. Nur noch das Ziel, nur noch der Weg nach Jidar hielt sie aufrecht. Der Weg – und der Körper, den sie bei sich trug.


Vinessa saß auf ihrer Schulter. Die Fee war ein Schatten ihrer selbst. Ihre Augen, sonst lebendig und wachsam, waren glasig, verweint, ohne Glanz. Die Flügel lagen schlaff an ihrem Rücken, halb durchsichtig, eingefallen wie zerknittertes Pergament. Ihr Körper wirkte ausgezehrt, ihre Haltung gebrochen. Alexandra hatte sie nicht gefragt, ob sie noch mitwollte. Vinessa hatte auch nicht gesprochen. Es gab nichts zu sagen.


Sieben Tage lang waren sie durch Asche und Schweigen gewandert. Immer tiefer in den Denja-Dschungel, vorbei an Kratern, verkohlten Bäumen, halb verrotteten Kadavern, bis sie schließlich wieder in den unverwundeten Teil des Waldes gelangt waren. Alles Erinnerungen an die Schlacht gegen Bläsk. An das, was sie verloren hatten.


Vorsichtig, beinahe ehrfürchtig, hob Alexandra nun den in weiße Leinen gewickelten Körper von Leyla auf. Die Leinen waren von Vinessa behandelt worden – mit einem Wachs, das die Zersetzung verlangsamte. Ein letzter Schutz für einen geliebten Körper.


Der Geruch von Tod war trotzdem da, kaum wahrnehmbar, aber hartnäckig. Und trotzdem konnte Alexandra sie noch riechen. Leylas Haar, Leylas Haut – ein Hauch von wildem Rauchkraut, von Magie, von Kampf.


Heute würden sie Jidar erreichen. Das hatte ihr ein Chimp vor drei Tagen versprochen. Jidar. Die Stadt der Sectododen. Und dort, so klammerte sich Alexandra an einen letzten Funken Hoffnung, gab es vielleicht jemanden, der helfen konnte.


Den Runenstein des Dracharen.


Sie hatte in jener Nacht mit eigenen Augen gesehen, was dieser Stein vermochte. Der Drachar hatte sie getötet. Und dann… hatte er sie zurückgebracht. Als Teil seines Plans. Die Macht war real gewesen.


Was, wenn diese Macht noch existierte?


Was, wenn man sie erneut entfachen konnte?


Was, wenn…?


Ein Zittern unterbrach ihren Gedanken. Ein kaum spürbares Zucken in ihren Armen.


Alexandra hielt augenblicklich inne. Ihr Körper spannte sich an. Ihre Augen fixierten den Leichnam. Dann – noch ein Zucken. Ein kurzes, ruckartiges Anheben der Schultern.


Instinktiv wich sie zurück. Ihre Hände verkrampften sich. Fast hätte sie den Leichnam fallen lassen.


Die Leinen begannen sich zu lösen. Nicht von außen. Von innen. Alexandra keuchte. Ungläubig, starr, verwurzelt.


Die Wickelungen lösten sich Schicht für Schicht. Als hätte ein unsichtbarer Wind sie abgetragen, als würden die Bänder nicht mehr gebraucht werden. Dann kam eine Hand zum Vorschein. Blass. Fein. Lebendig.


Leylas Hand.


Die Finger bewegten sich, als tasteten sie nach der Welt.


Alexandra stolperte ein paar Schritte zurück. Ihre Kehle war trocken, ihre Gedanken brachen auseinander.


Und dann fiel das letzte Tuch.


Leyla lag da – nicht zerschmettert, nicht verwest. Ihr Körper war unversehrt. Keine Wunden. Keine Spuren der Zerstörung, die sie eigentlich zerreißen sollte.


Ihre Haut war blass, aber nicht tot. Ihre Lippen leicht geöffnet. Ihre Brust hob und senkte sich.


„L-Leyla?“ stammelte Alexandra, die Stimme rau, kaum mehr als ein Hauch.


Leyla öffnete langsam die Augen. Und blickte sie an.



--------------------------------------------------------------------------



Leyla blickte Alexandra an – das Gesicht ihrer Alexandra.


Etwas in ihr zerbrach. Kein Schmerz, keine Wut, kein Zorn – sondern das letzte Überbleibsel der Trauer. Die Schwere, die Eroicas Tod in ihr hinterlassen hatte, wich. Der Runenstein der Erde dämpfte wie immer ihre Emotionen, doch diesmal war es nicht nur Magie. Es war Alexandras Anblick. Ihre Nähe.


Statt der Trauer war da jetzt etwas anderes.


Freude.


„Alexandra …“ flüsterte Leyla und hob die Hand. Ihre Finger strichen sacht über Alexandras Wange, als müsste sie sich vergewissern, dass es wirklich sie war. Dass dies nicht nur ein Traum war. Ein Echo.


Tränen sammelten sich in Alexandras Augen. Der Moment stand still – bis ein Schrei durch das Blattwerk schnitt.


,,LEYLA!!!’’


Vinessa kam mit einem sirrenden Flügelschlag herangeschossen und landete unsanft auf Leylas Brust. Ihre winzigen Fäuste schlugen auf sie ein, wild und hilflos.


„Wieso hast du uns so Angst gemacht?! Wenn du nicht tot warst … wenn du nur geschlafen hast … dann hättest du uns das sagen können!“


Leyla lächelte müde. Ihre Hand glitt über Vinessas flatternde Gestalt, beruhigte sie. „Tut mir leid“, murmelte sie, während sie sich die Müdigkeit aus den Augen rieb.


Alexandra beugte sich wieder zu ihr hinab. Ihre Tränen liefen nun frei, ohne Zurückhaltung. „Du … du lebst. Leyla, du lebst …“


Sie schluchzte, und Leyla hob sich an ihr empor, zog sie zu sich, küsste sie – zärtlich, warm, erschöpft.


Es war ein Kuss, der mehr sagte als jedes Wort: Ich bin zurück.


Nach einem Moment lösten sie sich voneinander. Alexandra fuhr Leyla vorsichtig über die Arme. „Kannst du gehen?“


Leyla nickte und Alexandra half ihr, vorsichtig auf die Beine zu kommen. Sie streckte sich, prüfte ihre Beweglichkeit – alles war in Ordnung. Kein Schmerz. Keine Spur des Todeskampfes.


Sie sah sich um. Dieser Teil des Dschungels war unversehrt, grün, lebendig – ein bizarrer Kontrast zu der verbrannten Einöde, in der sie gestorben war.


„Ich bin gleich wieder da“, sagte Leyla leise, ging zu einer Liane und legte ihre Hand an sie.


Ein Schimmer durchzog die Ranke, als ihr Mana hineinfloss. Sie zog sie sanft nach oben, durch das Blätterdach hindurch, bis sie in den Wipfeln stand. Der Wind strich durch ihr Haar, und ihr Blick schweifte über das Land. 


In der Ferne stieg Rauch auf – schwarz, bedrohlich, aus jener Zone, in der sie Bläsk bekämpft hatte.


Leyla hob die Arme.


Sie wollte dem, was zerstört worden war, etwas entgegensetzen. Ihr Mana flutete über die Wipfel, sickerte in die verbrannte Erde, über die verkohlten Ranken, die Krater. Pflanzen begannen zu keimen. Erst kaum sichtbar, dann zögerlich, dann entschlossen. Grüne Ranken durchbrachen Asche. Farne rollten sich auf. Leben kehrte zurück.


Nach einer Weile ließ Leyla die Arme sinken und kletterte wieder hinunter.


Alexandra sah sie an, erschöpft, leer – aber mit wachem Blick. Fragen lagen in ihren Augen, schwer wie die feuchte Luft.


Leyla antwortete mit einem stillen Lächeln.


„Lass uns aufbrechen“, sagte sie. Ihre Stimme war ruhig, fester als zuvor. „Wisst ihr, wo genau wir sind? Und wo ist Zensa?“


Vinessa – die inzwischen auf Alexandras Schulter saß – nickte langsam. „Wir sind fast in Jidar angekommen. Zensa sollte bereits dort sein.“


Leyla atmete tief durch. „Gut.“


Dann sah sie Alexandra an, mit einem Blick, der keine Ausflüchte mehr kannte.


„Und unterwegs“, fügte sie hinzu, „reden wir darüber, warum ich noch lebe.“



--------------------------------------------------------------------------



„Vor über zwei Jahren war ich mit einem Elf namens Liam unterwegs“, begann Leyla ruhig, während sie durch das dichte Grün des Dschungels schritten. Ihre Stimme war leise, fast tonlos. „Wir trafen auf einen Dracharen. Sein Name war Maegnar. Wir kämpften gegen ihn. Ich wurde gegen eine Wand geschleudert. Da bin ich das erste Mal gestorben.“


Alexandra war stehen geblieben. Neben ihr verharrte Vinessa in der Luft, reglos, den Blick auf Leyla gerichtet. Selbst die Vögel schienen verstummt zu sein, als hielte die Natur selbst den Atem an, um Leylas Geschichte zu hören.


„Das zweite Mal war kurz bevor ich in die Kaiserstadt kam“, fuhr Leyla fort. Ihre Stimme blieb ruhig, nüchtern. Als würde sie nicht von sich selbst sprechen, sondern aus einem alten Buch vorlesen. „Damals reiste ich mit einer anderen Gruppe. Bournadette Lacroix begegnete uns. Ohne Vorwarnung griff sie mich an, rammte mir ein Messer in den Hals. Ich habe es noch gespürt, wie das Blut mir die Kehle hinabrann. Das war mein zweiter Tod.“


Ein leises Rascheln ging durch das Laub. Niemand sagte etwas.


„Der dritte kam, als ich bereits bei den Kaiserlichen Kopfgeldjägern war. Ich war auf meinem ersten offiziellen Auftrag. Bläsk griff uns an – mich und Nea. Er hat mich ohne Zögern getötet. Einfach so. Ich war machtlos. Und beim letzten Kampf… hat er mich wieder getötet. Das war mein vierter Tod.“


Sie hielt inne. Keine Betonung lag auf ihren Worten, keine Bitterkeit, keine Tränen – nur eine kalte, sachliche Chronik des Unfassbaren. Alexandra presste die Lippen zusammen. Vinessa starrte Leyla mit weit geöffneten Augen an.


Dann, mit einem überraschend hellen Ton, sagte Vinessa: „Du bist also unsterblich? Wie von der Jüngerin zu erwarten.“ Ihre Stimme wirkte bemüht heiter, fast kindlich. Ein Versuch, die Schwere zu zerstreuen. Ihr Körper schwebte etwas höher, und man konnte erkennen, dass sie wieder zu Kräften kam – das Harz, den sie die letzten Stunden gegessen hatte, hatte geholfen.


Leyla schüttelte langsam den Kopf. „Ich bin nicht unsterblich. Nicht wirklich.“ Ihre Worte klangen jetzt schwerer. „Wenn ich sterbe, komme ich an einen Ort … einen Raum. Er ist leer. Dunkel. Still. Nur ein Tisch steht dort. Und auf diesem Tisch brennen Kerzen.“


Alexandra runzelte die Stirn. Ihre Intuition schien ihr bereits zu sagen, was jetzt kommen würde. Leyla sprach weiter, den Blick in die Ferne gerichtet.


„Jede Kerze steht für jemanden, den ich liebe. Jemanden, der mir nahe ist. Und jedes Mal, wenn ich diesen Raum betrete … erlischt eine von ihnen.“


Ein leiser Windstoß zog durch die Bäume. „Du willst doch nicht sagen …“ setzte Alexandra an, doch Leyla kam ihr zuvor. 


„Doch. An meiner Stelle stirbt jemand anderes.“ Ihr Blick war klar. Hart. „Ich werde nicht einfach wiederbelebt. Ich nehme einer anderen Person das Leben. Ihre Lebenskraft. Ihre Zeit.“


Alexandras Augen weiteten sich entsetzt. Vinessa sah sie nur an, dann – ohne jede Ironie – sagte sie: „Ich geb dir gern mein Leben. Ehrlich. Wenn’s hilft.“


Leyla lächelte traurig. Sagte aber nichts. Es war nicht der Moment, ihr zu sagen, dass Vinessa gar keine Kerze gehabt hatte. Dass ihre Selbstlosigkeit eine Illusion war.


„Und wer ist …“ setzte Alexandra an. Ihre Stimme war brüchig. „Wer ist im Kampf gegen Bläsk an deiner Stelle gestorben?“


Leyla senkte den Blick. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Eroica.“


Das Schweigen, das folgte, war anders als zuvor. Kein lauschendes, kein wartendes Schweigen. Es war schwer. Voller Verlust. Voller Schuld.


Schließlich fragte Alexandra, leiser als je zuvor: „Nutzt du diesen Raum bewusst? Kannst du wählen, wer …?“


„Nein“, flüsterte Leyla. „Ich wähle nicht. Ich weiß nicht, wer stirbt. Ich betrete den Raum – und eine Kerze erlischt. Der Raum wurde mir gegeben. Ich habe ihn mir nicht ausgesucht.“


Alexandra legte eine Hand auf Leylas Schulter. „Dann darfst du dich nicht dafür verantwortlich machen. Es ist nicht deine Schuld, dass es ihn gibt.“


Doch Leyla schüttelte kaum merklich den Kopf. „Aber ich entscheide mich, zu lieben. Ich lasse euch an mich heran. Ich erschaffe Kerzen. Ich bin es, die diese Verbindung zulässt.“


Alexandras Griff wurde fester. Ihre Stimme war entschlossen. „Und das ist keine Schuld. Das ist menschlich. Du darfst dich nicht dafür bestrafen, dass du nicht einsam sein willst. Lass uns lieber dafür sorgen, dass du nicht stirbst.“


Leyla sah sie an. Ein schwaches Lächeln erschien auf ihren Lippen, aber es war nicht mehr als ein Schatten dessen, was einmal war. In ihrem Innersten hatte sie sich längst entschieden – in jenem Raum der Dunkelheit, zwischen Kerzenflammen und Schuld.


Und diese Entscheidung würde sie nicht zurücknehmen.



--------------------------------------------------------------------------



Nach einigen Minuten, in denen sie schweigend durch das feuchte Dickicht des Dschungels liefen, wandte sich Leyla an die beiden anderen. Ihre Stimme war leise, fast zögerlich, doch deutlich genug, dass sie nicht überhört werden konnte.


„Was … was ist eigentlich nach meinem Tod passiert?“


Alexandra seufzte, als hätte sie genau auf diese Frage gewartet. Sie sah Leyla an, ernst, doch nicht anklagend. „Ich bin in dem Moment angekommen, in dem du gestorben bist. Ich wollte kämpfen – ich wollte dich retten. Aber Jess … sie hat meinen Körper übernommen.“


Leylas Herz schlug schneller. Ihre Augen weiteten sich. „Jess?“ wiederholte sie tonlos.


Vinessa erhob sich flatternd in die Luft. Ihre Stimme war aufgeregt, aber nicht fröhlich. Eher wie die eines Kindes, das gerade etwas Unglaubliches gesehen hatte und es nicht fassen konnte. „Das war total krass! Jess und Bläsk haben sich einen echten Megakampf geliefert! Er hat mit Blitzen geworfen und Feuer gespien, und sie … sie hat ihn verprügelt, als wär sie ein wildgewordener Panther.“


Leyla runzelte die Stirn, versuchte sich vorzustellen, was die Fee da beschrieb. Es war wie ein Bild aus einem Fiebertraum.


„Und dann“, fuhr Vinessa fort, „ist so ein Loch im Himmel erschienen! Richtig unheimlich! Und da kam eine riesige Hand raus – die war so groß wie der Mond – und hat Bläsk gepackt und einfach … mitgenommen! Weggezerrt!“


Leyla konnte sich das alles kaum vorstellen. Es klang wie ein Albtraum, der sich selbst verschlungen hatte. Aber inmitten der Verwirrung breitete sich etwas anderes in ihr aus. Eine langsame, zögerliche Erleichterung.


„Also … ist Bläsk tot?“ fragte sie vorsichtig.


Alexandra nickte. „Jess hat ihn getötet. Oder … fortgerissen. Was auch immer das war – er ist weg. Und sie war nicht unsere Feindin, Leyla. Im Gegenteil.“


Leyla ließ die Worte auf sich wirken. Der Sturm, der sie so lange gejagt hatte, war vorüber.


Ein leises Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. Sie sah zwischen Alexandra und Vinessa hin und her. Vielleicht … vielleicht war die Welt doch nicht so erbarmungslos, wie sie geglaubt hatte. Nicht jeder war ihr Feind.


Und nicht jeder, der Macht hatte, benutzte sie, um sie zu zerstören.

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page