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Kapitel 208 - Jenseits der Kerzen

Das Licht des Mondes schien still über die Wipfel des Denja-Dschungels. Die Blätter glitzerten noch feucht vom Regen, der vor einigen Stunden über das endlose Grün hinweggezogen war, als wollte er das Blut des Tages fortspülen. Es war still. Kein Rascheln, kein Tierlaut – nur das gelegentliche Tropfen von Wasser, das aus den Baumkronen auf das Blätterwerk darunter fiel.


Leyla saß gemeinsam mit Zensa auf dem Dach des Waldes. Sie hatte mit ihrer Magie eine stabile Plattform aus Lianen und verdichteter Luft geschaffen, gehalten von den knorrigen Ästen eines uralten Dschungelriesen. Hoch oben, über allem. Dort, wo die Luft klarer und der Himmel weiter war. Die Sterne standen hell am Firmament, und der Wind spielte leise mit Leylas hellblauem Haar.


Sie hatten eine ganze Weile geschwiegen. Leyla wusste nicht, wo sie anfangen sollte. In Wahrheit wollte sie gar nicht reden. Aber sie wusste auch, dass sie es musste. Sie hatte Zensa im Dunkeln gelassen. Über Bläsk. Über das Risiko. Über das, was sie selbst wusste – und verschwiegen hatte.


Und obwohl sie nicht vorhatte, ihm alles zu sagen, empfand sie das Gewicht der Halbwahrheit schwerer als gewöhnlich. Vielleicht war es die Stille. Oder der Blick in diesen goldenen Augen, der sie nicht verurteilte – nur wartete.


„Zensa?“ begann sie leise.


Zensa drehte den Kopf. Seine Augen glänzten schwach im Mondlicht, sein blassgrünes Haar wirbelte im Wind, ungezähmt wie er selbst.


„Ich habe gewusst, dass Bläsk angreifen würde“, sagte sie ruhig. Kein Zögern, keine Ausflucht. „Alexandra und ich haben entschieden, dich aus dem Kampf herauszuhalten. Hätten wir dir alles gesagt… wärst du nicht so schwer verletzt worden.“


Zensa zog die Knie näher an seine Brust. Einen Moment sagte er nichts. Dann: „Nein. Es war meine Schuld. Ich habe nicht auf dich gehört. Ich hätte bei dir bleiben sollen. Ich hab’s verbockt.“


Leyla schwieg. Seine Selbstanklage war ehrlich – und falsch zugleich. Nach einer Weile meinte sie nur: „Du hast’s alleine versucht. Das war dumm. Mutig, aber dumm. Und trotzdem… es hätte anders ausgesehen, wenn du gewusst hättest, wer im Sturm auf dich gewartet hat.“


Zensa schüttelte den Kopf. Hartnäckig, trotzig. „Wenn ich’s gewusst hätte, hätte ich ihn erst recht angegriffen. So bin ich halt. Also trifft dich keine Schuld.“


Leyla konnte nicht anders als zu schmunzeln. Ja, das war er. Zensa – stur, impulsiv, loyal bis zur Selbstaufgabe. Wahrscheinlich hätte kein Wort der Welt ihn zurückgehalten.


Eine Pause entstand. Der Wind nahm zu. Ein Vogel schrie in der Ferne.


„Morgen brechen wir zurück zur Kaiserstadt auf“, sagte Leyla schließlich. „Ich werde Yang berichten, dass der Drachar nicht aufzufinden war. Und dann werde ich sie bitten, dich an die Akademie Oststadt zu schicken. Du musst lernen, was außerhalb des Kampfes wichtig ist. Disziplin, Kontrolle, Verantwortung. Und wie du überlebst, ohne zu sterben.“


Zensa sah sie an, die Stirn gerunzelt. „Macht das nicht Eroica?“


Leyla schluckte. Für einen Moment flackerte Schmerz in ihren Augen auf. „Eroica ist tot“, sagte sie. Leise. Fest. „Ich kann dir nicht sagen, woher ich das weiß. Aber es ist wahr.“


Zensas Augen wurden groß. Er öffnete den Mund, wollte etwas sagen, doch es kam kein Laut. Stattdessen stieg eine einzelne Träne in seinen Augenwinkel und rann ihm die Wange hinab. Dann noch eine. Und noch eine.


Leyla bewegte sich langsam, zog ihn an sich heran. Er ließ es zu. Kein Widerstand. Er lehnte sich gegen sie, vergrub sein Gesicht an ihrer Schulter. Und sie streichelte ihm durchs Haar. Immer wieder. Wortlos. Wie man es mit einem Kind tat, das zu viel gesehen hatte.


Der Wind trug leise Geräusche herüber. Blätterrauschen. Ein fernes Brüllen – vielleicht ein Tier. Die Nacht zog sich hin. Irgendwann schlief Zensa ein, erschöpft, aber ruhig. Leyla blieb wach, hielt ihn, schaute in den Himmel.


So saßen sie noch lange da, zwei Schatten auf einer Plattform über dem Dschungel. Erst als der erste Sonnenstrahl durch das Blätterdach brach, löste sich Leyla langsam von ihm und stand auf.


Ein neuer Tag hatte begonnen.



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,,Vinessa, können wir reden?’’


Leylas Stimme war ruhig, aber fest. Sie stand vor dem kleinen Häuschen, das wie eine grüne Frucht an einem der gewaltigen Äste von Jidar hing – halb verborgen vom Blattwerk, halb getragen vom ersten Licht der aufgehenden Sonne. Vinessa hatte dort übernachtet.


„Ja klar, was gibt es, Leyla?“ Die Fee trat heraus, streckte sich kurz und flog dann zu ihr, um sich auf Leylas ausgestreckter Hand niederzulassen. Ihre goldenen Haare lagen weich auf ihren zarten Flügeln, ihre Augen blickten wachsam und neugierig zu ihr auf.


„Lass uns ein Stück gehen“, sagte Leyla schließlich.


Sie ließ sich mit Vinessa von den Lianen tragen – hinfort vom Dorf, hinein ins dichte Geäst des umliegenden Dschungels. Hier war der Wald lebendig. Insekten zirpten, Vögel riefen, irgendwo kreischte ein Affe. All das wirkte fast beruhigend, als würde der Dschungel sie willkommen heißen – oder Zeuge ihres Gesprächs werden wollen.


Leyla sah Vinessa an. „Sobald wir in der Kaiserstadt ankommen, werde ich wieder aufbrechen. Ich werde Yang um einen Auftrag im Westen bitten – offiziell. In Wahrheit werde ich die Suche nach den Runensteinen fortsetzen. Mein erstes Ziel wird Eratula sein.“


Vinessa nickte langsam. „Das ist eine gute Idee.“


Leyla zögerte, dann atmete sie tief ein. „Ich will nicht, dass noch mehr Leute meinetwegen sterben. Ich werde allein reisen – ohne Alexandra. Ohne Zensa. Ich will aber, dass du mich begleitest.“


Vinessa schwieg. Sie wirkte nicht überrascht – aber auch nicht einverstanden. Schließlich blickte sie Leyla fest an. „Findest du nicht, dass Alexandra das selbst entscheiden sollte?“


Leyla schüttelte den Kopf. „Nein. Ich weiß, wie das klingt. Es ist egoistisch. Vielleicht sogar feige. Aber ich will einfach nicht noch jemanden verlieren. Ich kann das nicht mehr. Ich liebe Alexandra – mehr als alles andere. Und genau deshalb… macht es mir Angst. Eroica ist tot. Und ich… fühle nichts. Ich weiß, dass ich trauern müsste. Aber der Runenstein der Erde unterdrückt alles. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, irgendwann auch Alexandra zu verlieren – und dann einfach weiterzuleben, als hätte es sie nie gegeben.“


Vinessa senkte den Blick, dachte nach. Ihr Gesicht verriet nichts – kein Urteil, keine Zustimmung. Nur ein stilles Verstehen. Schließlich hob sie den Kopf und nickte. „Ich verstehe Alexandras Sicht. Aber ich verstehe auch deine. Am Ende zählt, dass du die Runensteine findest. Dass du weitermachst. Ich bin deine Begleiterin, Leyla – dein Licht. Wenn du diesen Weg gehen willst, dann gehe ich mit dir. Nicht, weil ich es muss. Sondern weil ich will.“


„Das bist du“, sagte Leyla leise. „Und deshalb brauche ich dich. Du erinnerst mich daran, warum ich kämpfe. Was es noch gibt, was nicht verhandelt werden kann. Du hilfst mir, das vor Augen zu halten, was ich beschützen will.“


Sie streckte die Hand aus, ließ das Licht der Sonne hindurchfallen. Die Strahlen malten goldene Muster auf ihre Finger.


„Mein Weg wird mich in einen Krieg mit Yang führen. Mit dem Kaiserreich. Ich werde nicht aufhören, bis ich wirkliche Freiheit erreicht habe – für mich, für die, die ich liebe, für alle, die unter dieser Ordnung leiden.“


Ein Ruck ging durch ihren Körper. Etwas regte sich tief in ihr, wie eine Welle, die aus mehreren Richtungen gleichzeitig kam.


Der Runenstein des Meeres jubelte in ihr – seine Kraft grollte warm, beinahe verspielt, als gefiele ihm ihr Entschluss. Auch der Runenstein der Heilung schien zu vibrieren, zustimmend, ruhig und wissend. Doch es war der Runenstein der Erde, der sie völlig überrollte. Ein Gefühl wie eine Steinlawine, die gleichzeitig zärtlich und überwältigend war. Kraft durchflutete ihren Körper, ließ sie erbeben, ließ sie alles andere vergessen. Es war, als würde die Erde selbst ihren Entschluss ehren.


Und noch ehe Leyla ganz begriff, was geschah, veränderte sich die Welt um sie.


Sie stand – nein, sie saß. Inmitten des Gartens des Friedens. Jenes Ortes, den sie vom Runenstein der Heilung erhalten hatte. Alles war still. Alles war grün. Und zum ersten Mal seit Ewigkeiten hatte sie das Gefühl, dass selbst die Runensteine in ihr für einen Moment innehielten.



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Leyla blickte sich um. Der Garten war derselbe wie damals im Feendorf – friedlich, lebendig, vollkommen unberührt. Tiere unterschiedlichster Art bewegten sich wie in einem harmonischen Traum nebeneinander. Ein Wolf lag eingerollt neben einem Hasen, ein Reh ließ sich von einer Schlange umkreisen, ohne zu fliehen. Keine Spur von Angst, keine Jagd. Nur Dasein. Nur Frieden.


„Was ist das für ein Ort?“ fragte Vinessa mit leuchtenden Augen. Sie schwebte staunend neben Leyla, als wäre sie ein Kind vor einem Wunder.


Leyla zuckte kurz zusammen. Sie hatte nicht erwartet, dass Vinessa mitgekommen war. Doch da war sie – klar, deutlich, lebendig. Ihre Gegenwart in diesem Garten überraschte sie. Eigentlich hatte sie geglaubt, dies sei ein Ort, den nur sie betreten konnte.


„Das ist die werdende Domäne der Jüngerin“, erklang plötzlich eine Stimme. Die Worte waren sanft, doch voller Autorität – die Stimme eines Kindes.


Leyla drehte sich langsam um. Dort, zwischen zwei blühenden Bäumen, stand ein kleines Wesen. Weißes Haar fiel ihm bis zu den Schultern, die blaugrünen Augen wirkten tiefer, als es für ein Kind möglich schien. Es trug ein schlichtes weißes Unterhemd und eine ebenso schlichte Hose – und doch ging eine fast heilige Präsenz von ihm aus. Leyla wusste sofort, wer das war: das Abbild ihrer Fantasie für den Runenstein der Heilung.


Vinessa, voller Enthusiasmus, flatterte auf das Kind zu – doch das hob ruhig seine Hände. Zwischen seinen Fingern leuchtete ein mattweißes Licht auf. Im selben Moment sackte Vinessa bewusstlos zu Boden. Eine schwarze Katze – schlank, mit tiefvioletten Augen – tauchte aus dem Nichts auf, fing sie auf und trug sie ohne Eile einige Meter von Leyla weg.


„Das ist kein Gespräch für sie?“ fragte Leyla leise, beinahe ehrfürchtig.


„Nein. Dies ist nur für dich bestimmt.“


Hinter einem dickstämmigen Baum trat ein alter Mann hervor. Sein langes graues Haar hing bis zur Brust, sein Blick war schwer wie Stein. Der Runenstein der Erde. Und da – da war auch sie: die blauhaarige Frau, barfuß im Bach stehend, das Wasser kühl um ihre Knöchel. Ihr Blick ruhte auf Leyla – klar, forschend, wie schon beim ersten Treffen ein wenig spöttisch.


„Ihr seid alle hier“, stellte Leyla fest. Ihre Stimme klang härter als sie es beabsichtigt hatte. „Was wollt ihr mir mitteilen?“


Das Kind trat näher. „Du stehst an einer Schwelle“, sagte es mit ruhiger, fast feierlicher Stimme. „Eine, die du längst übertreten hast. Aber noch nicht in dir akzeptierst. Wir sind hier, um dich zu begleiten – und um dich daran zu erinnern, wer du bist.“


Der alte Mann seufzte. „So in etwa. Ich habe lange zugesehen, wie du dir ein Netz aus Beziehungen aufgebaut hast. Freunde, Geliebte, Schüler. Ich habe dich gewähren lassen. Doch du hast selbst gespürt, was es mit dir macht. Zu viele Kerzen im Raum – und du brichst auseinander. Irgendwann kommst du nicht mehr zurück. Und das kann ich nicht zulassen.“ Seine Stimme war wie sein Blick: tonlos, unnachgiebig, von kalter Klarheit.


Die blauhaarige Frau trat näher ans Ufer. „Wenn du am Ende deines Weges Verbindungen eingehen willst – echte, tiefe Verbindungen – dann ist das deine Entscheidung. Aber solange du auf dem Weg bist, behindern sie dich. Du hättest Bläsk mit unserer vereinten Kraft bezwingen müssen. Doch du hast es nicht geschafft. Weil du dich zurückhältst. Weil du nicht frei bist. Solange die Dämonin an deiner Seite ist, wirst du es nie ganz sein.“


Leyla funkelte sie an. „Sie hat einen Namen. Alexandra.“


Das Kind lächelte sanft. „Du willst doch auch, dass sie überlebt. Dass sie nicht Teil des Preises wird, den dein Weg fordert.“


Leyla nickte. Kurz. Hart. Dann stellte sie die eine Frage, die sie schon lange mit sich herumtrug, ohne sie auszusprechen – die Frage, die sie seit ihrer Rückkehr aus dem Raum der Kerzen nicht mehr losließ.


„Warum hat Vinessa keine Kerze?“


Der alte Mann verengte die Augen. „Weil sie deine Begleiterin ist. Und anscheinend will Er, dass sie bei dir bleibt.“


Er?“ wiederholte Leyla langsam. „Meinst du damit… den Raben?“


Doch der Mann antwortete nicht. Sein Blick blieb leer, unbeweglich, wie gemeißelt.


Es war die blauhaarige Frau, die schließlich sprach. „Darüber können wir mit dir nicht sprechen. Noch nicht. Aber eines kann ich dir versichern: Die Fee wird niemals eine Kerze erhalten.“


Eine Welle der Erleichterung durchströmte Leyla. Tief, warm, unerwartet. Sie hatte befürchtet, dass sie Vinessa nicht nah genug stand. Dass sie sie nicht genug liebte. Doch das war nicht der Grund. Es war… etwas anderes. Etwas, das größer war als sie. Sie lächelte.


Das Kind trat zu ihr, nahm sanft ihre Hand. Das Licht seiner Haut schien fast durch sie hindurch. „Jetzt“, sagte es leise, „lass uns über den Runenstein sprechen, der in Eratula liegt.“



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Leyla blickte die drei Verkörperungen der Runensteine erwartungsvoll an. Ihre Augen huschten von der blauhaarigen Frau zur kindlichen Gestalt und schließlich zu dem alten Mann mit dem unbewegten Gesicht. Sie wusste, dass jede Antwort, jede Warnung aus ihren Mündern mehr Gewicht trug als jede Prophezeiung eines Sterblichen.


Es war die Frau, die zuerst sprach. „Der Weg wird schwer, aber damit wirst du fertig. Nimm dir die Zeit, die Ruinen zu erkunden. Du wirst viele wunderbare Dinge entdecken – alte Magie, Wissen, das vergessen geglaubt war, und Schatten, die nie Licht gesehen haben.“


Der Mann trat einen Schritt näher, seine Stimme wie aus Granit geschlagen. „Doch die wahre Gefahr liegt nicht in den Gängen oder der Verlassenheit. Sie liegt im Kern der Stadt. Dort hat Bläsk etwas versiegelt. Die Seele eines bestimmten Erzengels. Gabriel.“


Leyla sog die Luft ein. Der Name schnitt durch sie wie ein Messer. Ein Erzengel. In Eratula.


Das Kind, in dessen Händen eine weiße Blume erschien, begann, ihre Blütenblätter einzeln herauszuziehen. Es sprach beiläufig, als ginge es um ein Spiel. „Der Runenstein von Licht und Schatten liegt in seiner Domäne. Doch sobald du sie betrittst, wirst du unsere Kräfte verlieren.“


Leyla spürte, wie ihre Brust sich verengte. Sie würde schwächer sein. Nicht ohnmächtig, nicht hilflos – aber verwundbar. Und sie wusste, dass sie ohne die Macht der Steine keine Chance gegen ein Wesen wie Gabriel hatte. Auch wenn seine Seele gefesselt war.


Die Frau trat an sie heran, legte einen warmen Arm um ihre Schulter. „Keine Angst“, sagte sie leise, beinahe mütterlich. „Du wirst nicht kämpfen müssen. Vielmehr wirst du ihm etwas Triviales beweisen müssen.“


„Trivial?“ hakte Leyla nach, das Wort schmeckte ihr nicht. Der Mann schnaubte abfällig.


„Du drückst dich wie immer unklar aus“, sagte er zur Frau, dann wandte er sich an Leyla. „Gabriel ist der Erzengel der Perfektion. Und auch wenn er selbst am weitesten von diesem Ideal entfernt ist, so wird er dich prüfen. Ob du es bist. Ob du ihn überzeugst.“


Leyla runzelte die Stirn. „Ist Perfektion als Maßstab für ein Wesen nicht ein Widerspruch in sich? Jeder hat Schwächen – in Charakter, Körper, Geist. Selbst Erzengel.“


Das Kind ließ sich wortlos auf Leylas Schoß nieder, schmiegte sich an sie. Seine kleine Stimme war ruhig, fast verträumt. „Das stimmt. Aber es geht nicht um wahre Perfektion. Nur darum, ihm zu genügen. Seine Regeln zu erfüllen.“


Leyla verstand nicht ganz, aber sie streichelte über den Rücken der kindlichen Gestalt, beruhigte sich an seiner Wärme.


„Ich verstehe“, flüsterte sie leise.


„Nein, das tust du nicht“, fuhr der Runenstein der Erde schneidend dazwischen. „Aber du wirst es. Wenn du ihm gegenüberstehst.“


Die Worte brannten sich in ihr fest. Ihr Blick blieb einen Moment lang an seinem Gesicht hängen, suchte nach einem Hauch von Nachsicht. Doch da war keiner. Nur kalte, unbestechliche Erwartung.


Dann begann der Raum um sie herum zu flimmern. Die Formen verloren ihre Schärfe, der Garten zerfaserte vor ihren Augen.


„Wann sehe ich euch wieder?“ fragte sie. Die Frage kam aus dem Bauch, war ihr entglitten, bevor sie sie richtig durchdacht hatte. Sie hatte nicht erwartet, dass sie die Verkörperungen jemals in dieser Form erneut treffen würde.


Das Kind sprang auf, lächelte sie an, seine Augen funkelten. „Wann immer du unseren Rat in deiner Domäne aufsuchst! Du musst nur wollen.“


Noch während es sprach, wurde Leyla von einer Welle aus Licht erfasst.


Sie blinzelte – und saß wieder auf dem Ast über dem Dschungel, dort wo Vinessa und sie gerade gesprochen hatten. Der Wald unter ihr summte, die Sonne stand höher. Die Fee in ihrer Hand streckte sich und gähnte.


Leyla schmunzelte, streichelte ihr sanft über das Haar.


Da erklang eine Stimme hinter ihr – fest, vertraut.


„Ah, hier seid ihr beide. Wollen wir uns auf den Rückweg machen?“



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Alexandra stand unten am Waldboden, inmitten der knorrigen Wurzeln und dem schimmernden Laub, das das Licht des späten Morgens in tanzende Muster auf ihren Umhang warf. Neben ihr stand Zensa, der sich mit ruhigem Blick umsah, als suche er die nächste Herausforderung.


„Ja, wir kommen gleich herunter!“ rief Leyla zu ihnen hinab. Dann wandte sie sich noch einmal an Vinessa, die auf ihrer Schulter Platz genommen hatte und deren Flügel wie Blätter in der Luft vibrierten. „Kein Wort an die beiden, klar?“


Vinessa kicherte, die kleinen Zähne blitzten frech auf. „Nein, natürlich nicht! Das ist unser ganz eigenes Geheimnis.“ Ihre Stimme klang fast ehrfürchtig dabei.


Leyla musste schmunzeln. Dann holte sie tief Luft und sprang vom Ast. Ihre Beine federten den Aufprall mühelos ab, die Erde unter ihr war weich und lebendig vom Dschungelregen der Nacht.


Alexandra blickte sie an, sagte nichts – doch ihr Blick sprach Bände. Er war ruhig, warm, ein wenig besorgt, aber auch gefüllt mit etwas, das Leyla nicht ganz einordnen konnte.


Ohne ein Wort griff Alexandra nach Leylas Hand, schloss ihre schlanken Finger fest um ihre. Die Geste war einfach, aber sie bedeutete alles. Leyla erwiderte den Griff, führte Alexandras Hand an ihre Lippen und küsste sie sanft. Ein stilles Versprechen, das niemand hören, aber jeder fühlen konnte.


„Zurück in die Kaiserstadt?“ fragte Leyla schließlich, ihre Stimme sanft, fast zärtlich.


Alexandra nickte nur. Kein Zögern. Keine Angst. Nur Einverständnis.


Zensa hatte sich inzwischen ein wenig entfernt und begann, seine Magie zu formen. Die Luft um ihn flirrte leicht, winzige Partikel wirbelten, als würde er still mit den Elementen sprechen. Seine Konzentration war bewundernswert – und notwendig.


Vinessa flog neben Leyla her, summte eine kleine Melodie, die sie selbst erfunden zu haben schien. Ihr goldglänzendes Haar flatterte im Wind, und in ihren Augen funkelte die Unbeschwertheit einer Welt, die sie noch nicht gebrochen hatte.


Leyla atmete tief ein, nahm alles in sich auf – den Duft des Dschungels, die Stimmen ihrer Gefährten, die Wärme der Hand in ihrer. Für einen Moment schien alles stillzustehen.


Und sie genoss ihn. Diesen Moment. Diesen kostbaren, flüchtigen Augenblick im Kreis derer, die sie liebte.

 
 
 

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