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Kapitel 209 - Der vierte Stuhl

[???] ,,Herzlich willkommen, Edle Miss Franca. Sie werden bereits erwartet – wenn Sie mir bitte folgen wollen.'' 


Franca war zwar bereits vor einigen Stunden in der Kaiserstadt eingetroffen, zum Ausruhen hatte sie allerdings keine Gelegenheit gehabt. Ihre Haut war nur flüchtig gepudert, ihre langen blonden Haare zu einem strengen Zopf zusammengebunden. Sie trug ein schwarzes Kleid mit goldenen Akzenten – eine Farbkombination, wie sie die Aldobrandini niemals an sich duldeten und die sie heute, genau deshalb, mit einer gewissen Genugtuung gewählt hatte. Um den Hals lag eine goldene Kette, ihre Hände steckten in dünnen, aber edlen Lederhandschuhen. 


Franca beobachtete den Butler, der sie schweigend durch die marmornen Gänge des Kaiserpalastes führte. Eigentlich verspürte sie wenig Neigung, sich mit dem Kaiser oder Yang zu treffen, doch der Rabe vom Vortag hatte unmissverständlich klargestellt, dass sie unverzüglich im Palast zu erscheinen habe. 


Wie es ihr Stand verlangte, hatte sie ein dem Hochadel angemessenes Lächeln aufgelegt – innerlich aber regte sich nichts als Abscheu. Auch wenn der Kaiser nicht ihr Vater war, so war er doch Teil des Problems. Teil jenes Systems, das sie zu stürzen geschworen hatte. Bereits am Eingang hatte man ihr Gendihr abgenommen. Das war ungewöhnlich – normalerweise durften die Kaiserlichen Kopfgeldjäger ihre Waffen überall mitführen – selbst im Kaiserpalast. Ahnte man bereits, dass sie die Krone verraten hatte? 


,,Nun, es spielt keine Rolle’’, dachte Franca selbstbewusst. Vor dem Betreten der Kaiserstadt hatte sie ihren Verstand mit Gendihr verstärkt. Vorsichtshalber. Es hatte sich ausgezahlt. 


Sie hatte alle drei Aufladungen einsetzen müssen. 


Als Erstes hatte sie mit GEDANKENKÄFIG ihre Gedanken für jeden außer ihr selbst unleserlich gemacht – kein Magier, keine Aura, kein noch so feiner Sondierungszauber sollte mehr Zugriff auf das haben, was sich hinter ihrer Stirn verbarg. 


Dann hatte sie mit DRACHENHERZ ihr Selbst gegen magische Einflüsse abgeschirmt. Ihr war durchaus bewusst, dass sie Yangs Aura trotzdem würde ertragen müssen, doch immerhin sollte es ihr auf diese Weise gelingen, sich nichts davon anmerken zu lassen. Das hoffte sie zumindest. 


Zuletzt hatte sie mit LÖWENSTOLZ ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Sie war im Begriff, nicht nur Yang, sondern auch den Kaiser persönlich anzulügen, und dazu bedurfte es absoluten Vertrauens in die eigenen Worte – selbst dann, wenn diese Worte gelogen waren. 


,,Treten Sie bitte ein, Edle Miss Franca. Man wird umgehend zu Ihnen stoßen.'' Der Butler verbeugte sich tief und deutete mit ausgestreckter Hand auf einen schlichten Konferenzraum, in dem vier einfache Stühle um einen ebenso schlichten Tisch herum aufgestellt waren. 


Die kargen Marmorwände waren völlig leer, jedoch zeugten helle Abdrücke davon, dass hier bis vor kurzem noch Gemälde gehangen hatten. Auf dem Boden lag ein brauner Teppich, den Franca nicht einmal den Pferden in den Ställen der Brandiniburg geben würde.


Franca schnaubte leise, kaum hörbar. Nahm man sie etwa nicht ernst? Oder war es ein Test? 


Es musste Letzteres sein, anders konnte sie sich nicht erklären, wieso ausgerechnet ein so karger Raum für das Treffen von drei mächtigsten und einflussreichsten Persönlichkeiten des Reiches gewählt worden war. 


Francas Blick fiel erneut auf die vier Stühle. Vier. 


,,Wer wohl der Vierte sein mag?’’ fragte sie sich, während sie sich mit aufrechtem Rücken niederließ.



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Es dauerte nur einige Minuten, bis ihre Frage eine Antwort fand: 


 [???] ,,Einen wunderschönen Abend wünsche ich Euch, Edle Miss Franca.'' 


Franca erkannte die rote Militäruniform auf den ersten Blick. Goldene Orden, ein makelloser weißer Mantel und jene aufrechte, beherrschte Haltung, die sie selbst seit ihrer Kindheit pflegte. Sie erhob sich und verbeugte sich leicht. 


,,Eure Hoheit, Kronprinz Cornelius'', sprach sie mit emotionsloser, doch weicher Stimme, ,,was verschafft mir die Ehre, Euch ausgerechnet hier zu treffen?'' 


Langsam, beinahe gemächlich, schritt Cornelius auf einen der Stühle zu und ließ sich nieder. Statt ihr eine Antwort zu geben, zog er einen dunkelblauen Kamm aus der Innenseite seines Mantels und begann, sich beiläufig durch die Haare zu streichen. ,,Ob das wohl Drachenschuppe ist?’’ fragte sich Franca unwillkürlich. 


Während sie noch darauf wartete, dass der Kronprinz ihre Frage beantwortete, spürte Franca plötzlich den Druck, der wie eine unsichtbare Last auf ihren Schultern lag. 


Yang.


Franca hätte beinahe aufgelacht. Natürlich hatte sie gewusst, dass die Aura sie auch weiterhin betreffen würde. Dass der Unterschied, den ihr Zauber machte, jedoch so verschwindend gering war, dass es ihr abermals den Atem verschlug – damit hatte sie nicht gerechnet. Und das beunruhigte sie zutiefst. 


Yang sprach kein einziges Wort, sondern trat lautlos neben den mittleren Stuhl. Franca, die mit dem Rücken zur Tür saß, spürte ihren durchdringenden Blick förmlich auf ihrer Stirn. Hatte Yang gemerkt, dass sie ihren Geist verstärkt hatte? 


Da hörte sie bereits die Schritte des Kaisers. Seine Art zu gehen unterschied sich vollkommen von der seines Sohnes oder ihrer eigenen. Die Autorität, die ihm Yangs bloße Existenz zusicherte, war in jedem der schweren, gleichmäßig dröhnenden Klänge unmissverständlich zu hören. 


Sofort sprang Franca auf und verbeugte sich tief, beinahe zu tief.  


,,Eure Majestät, ich bin hier, um Euch von dem Auftrag zu berichten!'' 


Kaiser Verion III. ließ sich auf dem ihr gegenüberliegenden Stuhl nieder und bedeutete ihr mit einer knappen, fast achtlosen Handbewegung, ebenfalls Platz zu nehmen. 


Franca glitt auf ihren Stuhl zurück, ihre Augen fest und unverwandt auf den Kaiser gerichtet. 


Dann begann Yang zu sprechen. 


,,Du bist allein zurückgekehrt, Franca. Erkläre dich bitte.'' 


Die Worte waren zwar in einem Tonfall gesprochen, den man unter alten Freunden pflegte, doch in ihnen schwang eine Drohung mit, so deutlich, dass kein Missverständnis möglich war. 


Also erhob sich Franca abermals und begann mit fester Stimme zu sprechen:



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,,Ich beginne mit jenem Auftrag, den ich persönlich von der Edlen Miss Yang erhalten habe'', setzte Franca an. Ihr Blick wanderte in bewusst kalkuliertem Rhythmus zwischen den Dreien hin und her, als wolle sie jede noch so flüchtige Regung in ihren Mienen erkennen. ,,Luca Aldobrandini wurde erfolgreich liquidiert.'' 


Die Miene des Kaisers blieb unbewegt, beinahe steinern, als wäre der Name eines toten Adligen für ihn nicht mehr als eine Randnotiz. Yang hingegen hob ihre Stimme – nicht laut, doch scharf genug, dass jedes Wort den Raum durchschnitt wie ein gezogener Dolch. 


,,Warum hast du ihn vorher gewarnt?'' 


Die Frage traf Franca wie ein präziser Stich in den Magen. ,,Sie hat es erfahren. Natürlich hat sie es.’’ 


Auf dem Rückweg in die Kaiserstadt hatte sie jede denkbare Reaktion durchgespielt, jedes Argument geschärft und jeden Zweifel beiseitegedrängt – und genau dafür war diese Vorbereitung gewesen. 


,,Das Netzwerk meines Vaters reicht weit'', erwiderte sie ruhig und mit kontrollierter Stimme. ,,Sollte er erfahren, dass Mitglieder seiner Familie ohne ordentliches Verfahren hingerichtet werden, wird er reagieren. Unweigerlich.'' 


Bewusst wandte sie nun den Blick dem Kaiser zu, ließ ihn dort verweilen. 


,,Auch wenn Giolitti Aldobrandini der Krone untersteht, hätte ein solches Vorgehen Spannungen erzeugt. Spannungen, die sich, in meinen Augen, mit dieser Vorgehensweise vermeiden ließen.'' 


Der Kaiser nickte langsam, ohne ein einziges Wort zu verlieren — eine knappe, abwägende Geste, kaum mehr als eine Kopfbewegung. Auch Yang blieb stumm, doch ihr Schweigen wirkte nicht ablehnend. Sie hatte die Begründung akzeptiert. Vorläufig. 


Franca fuhr fort, diesmal mit einem kaum merklichen Nachdruck in der Stimme. 


,,Was den Auftrag in Randurin betrifft…'' 


Sie hielt einen Moment inne, korrigierte sich innerlich und schärfte ihre Worte, bevor sie sie aussprach. 


,,Die Edle Miss Cyntha ist im Einsatz gefallen. Zuvor jedoch hat sie Varon getötet.'' 


Yang legte den Kopf minimal schief, kaum mehr als einen Fingerbreit, ihre Augen ruhten fest auf Franca. 


,,Dann war es also Varon, der sie getötet hat?'' 


Der Unterton war schwer zu deuten. Nicht Zweifel, nicht ganz. Eher ein Test, sorgfältig gestellt. 


Franca schüttelte leicht den Kopf und zog tief Luft ein. ,,Nein. Es war jener Krieger, der vor kurzem auch Bunj getötet hat. Sein Name lautet Atorm.''  


Verion wandte sich für einem kurzen, fragenden Blick an Yang. Diese erwiderte ihn nur mit einem knappen, kaum sichtbaren Kopfschütteln – keine Erklärung, keine Bestätigung, nur ein Zeichen. 


,,Berichte mir von diesem Atorm'', sagte der Kaiser schließlich und richtete seine ungeteilte Aufmerksamkeit wieder auf Franca. 


Allein der Name reichte schon… 


Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, noch bevor sie auch nur den Mund öffnen konnte. Die Erinnerung war zu klar, zu präsent – und sie weigerte sich, in den Hintergrund zu treten. 


,,Wie Eure Majestät es wünschen'', begann sie und zwang ihre Stimme ruhig zu bleiben. ,,Es geschah kurz, nachdem Varon gefallen war. Cyntha und ich wollten unsere Kräfte sammeln und uns neu ordnen. Doch noch ehe wir ihn überhaupt sahen, habe ich ihn gespürt.'' 


Sie hielt einen Augenblick inne und suchte nach den richtigen Worten. 


,,Seine Präsenz. Seine Macht. Sie war… allumfassend. Seine Aura legte sich um uns wie ein Gefängnis, wie ein unsichtbarer Käfig aus reinem Druck. An Flucht war nicht zu denken.'' 


Yangs Haltung blieb unverändert. Kein Zucken, keine sichtbare Regung, kein Heben einer Augenbraue. Was sie wohl darüber dachte? 


,,Dann hat er Cyntha getötet'', fuhr Franca fort, ihre Stimme nun um eine Spur leiser. ,,Und mit ihr auch ihren Drachen, Zorda.'' 


Sie nahm einen kurzen Atemzug, bevor sie fortfuhr: ,,Mich hingegen scheint er nicht als Kaiserliche Kopfgeldjägerin erkannt zu haben. Es wirkte, als kenne er nur jene Namen der Kaiserlichen Kopfgeldjäger, die vor dem Eintritt der Edlen Miss Leyla im Amt waren.'' 


Yang ließ sich einen Moment Zeit, ehe sie sprach. Ihre Stimme war ruhig, doch ihre Aura begann sich spürbar zu verdichten, wie Luft vor einem Gewitter. 


,,Warum hast du überlebt?’’


Franca antwortete sofort, vielleicht einen Hauch zu schnell. Ihr Blick senkte sich unwillkürlich auf das makellose Kleid Yangs, als suche er dort Halt. 


,,Er wollte, dass ich eine Nachricht überbringe.'' 


Die Worte hallten noch immer in ihr nach, klar und unausweichlich, als hätte er sie ihr in die Knochen geritzt. 


,,Geh zurück in die Kaiserstadt und sag Yang, sie soll hierherkommen.’’


Franca schluckte, bevor sie weitersprach. 


,,Er hat die Edle Miss Yang zu einem Duell herausgefordert. Vor den Toren Randurins.'' 


Yang zeigte keine sichtbare Reaktion. 


Doch neben ihr verengte Kaiser Verion langsam die Augen.



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Franca war sich vollkommen bewusst, wie irrsinnig dieser Gedanke war. Niemand forderte Yang heraus. Niemand stellte sich ihr entgegen, niemand suchte den Kampf. Sie war das Absolut im Kaiserreich, der ungeschriebene Grundsatz, an dem sich alles andere brach. 


,,Wenn das wirklich wahr ist, dann muss dieser Atorm entweder wahnsinnig sein… oder von außergewöhnlicher Stärke. Er hat sowohl Bunj als auch Cyntha getötet. Wir sollten also wohl von Zweiteren ausgehen.'' 


Zum ersten Mal seit Beginn der Unterredung meldete sich der Kronprinz zu Wort. Sein Blick ruhte auf seinem Vater, prüfend, beinahe suchend. Kaiser Verion wirkte mit einem Mal gealtert. Etwas huschte über sein Gesicht, flüchtig und doch deutlich genug, dass Franca es erkannte. Melancholie. 


Cornelius wandte sich nun ihr zu. 


,,Was ist mit der fünften Armee geschehen?'' fragte er ruhig. 


Franca antwortete ohne Zögern, beinahe mechanisch. 


,,Sie wurde vollständig ausgelöscht. General Francesco di Lorenzo ist gefallen. Varon hat ihnen eine Armee der Toten entgegengestellt.'' Ein kurzer Atemzug. ,,Darunter befanden sich auch zwei… Abweichungen. Eine Schattenläuferin und…'' 


Sie hielt mitten im Satz inne. Sollte sie das wirklich aussprechen? Vor dem Kaiser? Vor dem Kronprinzen?


,,Sprich.’’


Das Wort war kaum mehr als ein Hauch, als es Yangs Lippen verließ. Leise, kontrolliert, nahezu sanft. 


Und doch traf es Franca mit voller Wucht. Es war, als hätte Yang sie nur mit der Stimme am Hals gepackt und hochgehoben.


Wie hatte sie nur glauben können, sich ihr jemals direkt zu stellen?


Franca fuhr fort. Ihre Stimme war nun leicht am zittern. 


,,Seine ehemalige Hoheit, Kronprinz Sebastian.'' Sie zwang sich, weiterzusprechen. ,,Sein Körper wirkte… fast lebendig. Nicht vollständig. Aber auch nicht tot. Und er war noch in der Lage, Zeitmagie zu wirken.'' 


Bewusst ließ sie aus, wie sie ihn besiegt hatte.


Stille senkte sich über den Raum, schwer und zäh wie Honig. 


Verion III. hob eine Hand und begann, sich langsam die Stirn zu reiben, als wolle er etwas wegwischen, das nicht abzuwischen war. Yangs Blick blieb unverändert, doch er ruhte nun nicht mehr auf Franca, sondern auf dem Kaiser. Cornelius sah weiterhin Franca an, doch in seinen Augen lag mit einem Mal ein anderer Blick. 


Schließlich war es der Kaiser, der das Schweigen brach. ,,Ich danke dir, Franca'', sagte er leise, mit einer Schwere, die zuvor nicht in seiner Stimme gelegen hatte. ,,Ich würde dich nun bitten, uns allein zu lassen.'' 


Franca erhob sich langsam, jede Bewegung kontrolliert. Sie verbeugte sich abermals tief. 


,,Wie Ihr wünscht, Eure Majestät.'' 


Als sie sich abwandte und den Raum verließ, hörte sie noch, wie der Kaiser auch den Kronprinzen hinausschickte. 


Einige Minuten später verließ Franca den Palast und betrat einen der Palastgärten. Es war kühl geworden, die Sonne war bereits hinter den Dächern verschwunden.


Erleichterung durchströmte sie. Abrupt, beinahe überwältigend. Ein tiefer Atemzug entwich ihr. Sie wollte nur noch ins Hauptquartier. Abstand gewinnen. Ordnung in ihre Gedanken bringen. 


,,Und morgen werde ich dann…’’ 


[???] ,,Edle Miss Franca. Ich nehme mir die Freiheit, Euch nach Hause zu begleiten.''

 
 
 

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