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Kapitel 210 - Die Hilfe des Verrückten

Wasserstoffblondes Haar, zerzaust, als wäre er gerade erst aus seinem Bett aufgestanden. Dazu ein schwarzer Zylinder, leicht schief getragen, und ein goldenes Jackett, dessen Stoff im fahlen Licht der Gänge fast unnatürlich schimmerte. 


Franca erkannte ihn auf den ersten Blick. 


,,Eure Hoheit, Kronprinz Hypos'', sagte sie und verbeugte sich langsam, mit präziser Eleganz. Eigentlich hatte sie sowieso vorgehabt, mit ihm zu sprechen. Aber nicht heute. Nicht nach diesem Tag. 


Sie war ihm bereits mehrfach begegnet – auf Bällen, bei Familienempfängen und zuletzt bei ihrer eigenen Vereidigung zur Kaiserlichen Kopfgeldjägerin. Und jedes einzelne Mal hatte sich der Raum um ihn herum auf seltsame Weise verschoben. Gespräche verstummten, Blicke folgten ihm, als würde seine bloße Anwesenheit die Wirklichkeit leicht aus dem Lot bringen. 


Franca mochte ihn nicht. Niemand, der bei klarem Verstand war, mochte ihn. Und doch… 


,,Begleitet mich gerne ein Stück'', sagte sie schließlich. ,,Ich wollte ohnehin mit Euch sprechen, Hoheit.'' 


Hypos grinste breit und setzte sich neben ihr in Bewegung, mit einer lässigen Selbstverständlichkeit, als gehöre ihm jede einzelne Bodenplatte dieses Palastgartens ganz persönlich. Im Vorbeigehen griff er nach einem Apfel, der in einer steinernen Schale auf einem Sims lag, und begann, ihn von einer Hand in die andere zu werfen. 


Franca ignorierte es bewusst. Eines seiner Spielchen. Eines von vielen. 


Franca ließ den Blick schweifen.


Der Winter hatte sich zögernd zurückgezogen und hinterließ einen Palastgarten im Übergang. Die ersten Knospen hatten sich geöffnet, zart und fragil, als würden sie prüfen, ob die Luft ihnen wohlgesonnen war. 


Zwischen den Wegen aus hellem Stein erstreckten sich Beete in strenger Ordnung, doch die Natur hatte längst begonnen, diese Ordnung leise zu unterwandern. Ranken krochen über die Kanten, Grashalme schoben sich beharrlich zwischen die Fugen. 


Auch die Vögel hatten begonnen, sich wieder zu zeigen. Ihre Nester lagen verborgen in den höheren Ästen, doch ihr Zwitschern war allgegenwärtig – ein leises, lebendiges Hintergrundrauschen, das in scharfem Kontrast zur erdrückenden Schwere des Palastes stand. 


Franca musste lächeln. 


Die Gerüchte, die sich um diesen Garten rankten, waren zahlreich. Manche sagten, unter den Beeten verliefe ein Netz aus uralten Runen, die das Wachstum lenkten. Andere behaupteten, bestimmte Pflanzen würden ausschließlich hier gedeihen, weil der Boden mit Resten alter Magie durchzogen sei. Und dann gab es jene Geschichten, denen zufolge einige der Bäume älter seien als die Kaiserstadt selbst – dass sie bereits standen, als hier noch eine andere Stadt stand. 


Ihr Blick blieb an einer einzelnen Blume hängen. 


Die Garnische Narzisse. 


Tiefrote Blütenblätter, beinahe wie getrocknetes Blut, mit einer dunkleren, fast schwarzen Mitte. Eine Pflanze, die ursprünglich nur in den feuchten Böden des östlichen Garnime wuchs. Ihre Anwesenheit hier, mitten in der Kaiserstadt, war ein stilles politisches Statement. Ein Zeichen von Einfluss. Oder sogar von Kontrolle. 


Franca beugte sich leicht vor, pflückte eine der Blüten und steckte sie sich ins Haar. 


Hypos beobachtete sie dabei, ohne ein Wort zu verlieren. Der Apfel flog weiter von einer Hand in die andere. 


Sie erreichten das Tor des Kaiserpalastes, Franca nahm Gendihr von einer der Wachen entgegen und trat hinaus auf die Hauptstraße. 


Normalerweise pulsierte dieser Bereich vor Leben. Händler, Boten, Wachen, Adlige, Diener – ein unaufhörliches Kommen und Gehen. Doch jetzt lag die Straße nahezu verlassen vor ihnen. Nur vereinzelte Gestalten bewegten sich irgendwo in der Ferne, klein und unbedeutend im weiten Raum. 


,,Du wolltest mich also sprechen? Wie hoch erfreulich'', sagte Hypos schließlich. Seine Stimme klang aufrichtig begeistert. ,,Normalerweise machen die Leute eher einen weiten Bogen um mich.''


Franca nickte leicht.  


,,Ich habe einige Rechnungen zu begleichen'', sagte sie direkt. ,,Und ich frage mich, ob Ihr mir dabei von Nutzen sein könntet.'' 


Keine Umschweife. Keine höfischen Masken. Hypos wollte nicht umgarnt werden. Er wollte überrascht werden. 


Er lachte kurz auf ein scharfes, klares Geräusch, das in der leeren Straße seltsam lange nachhallte. 


Der Apfel in seiner Hand begann sich zu verändern. Seine Oberfläche straffte sich, wurde glatt, metallisch. Binnen eines einzigen Atemzugs war er kein Apfel mehr, sondern ein fein gearbeiteter Löwenkopf aus Silber, detailreich bis in die kleinsten Linien. 


Dann zerfiel er zu Staub und wurde vom Wind davongetragen. ,,Und um welche Rechnung geht es da, Francalein?'' 


Franca verengte leicht die Augen. „Er weiß es bereits", schoss es ihr durch den Kopf.


,,Ich will meinen Vater töten'', sagte sie ruhig. ,,Und die Aldobrandini vernichten.''  



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Franca war die Geschichte der Aldobrandini gut im Gedächtnis geblieben – wie es sich für eine Aldobrandini gehörte.


Die Aldobrandini gehörten zu den ältesten Familien des gesamten Kaiserreichs. Ihr Name war kein bloßer Eintrag in irgendwelchen Chroniken, sondern ein fester, unverrückbarer Bestandteil der Geschichte selbst. 


Gegründet worden war das Haus einst von Leonardo Aldobrandini während der dunkelsten Tage des Großen Krieges. In jener Zeit fand er seinen Aufstieg nicht auf dem Schlachtfeld allein, sondern in dem, was nach den Kämpfen übrig blieb. 


Eldenburg. 


Die Vampirstadt, die dem Reich der Menschen am Nächsten war. Man erzählte sich von Hallen voller Reichtümer, von verfluchten Schätzen und von Gold, das älter war als die meisten Völker des Kontinents. Was genau Leonardo dort gefunden hatte, wusste niemand mit Sicherheit. Doch was es auch gewesen sein mochte – es reichte aus, um weit mehr als nur ein bloßes Vermögen zu begründen. 


Es war der Ursprung der Macht der Aldobrandini. 


Mit den erbeuteten Schätzen ließ er die Brandiniburg errichten, hoch oben auf den Wipfeln der Larifen gelegen. Kein bloßer Adelssitz, sondern eine Festung aus Stein und Gold zugleich. Händlerkarawanen suchten ihre Nähe, Schutzverträge wurden geschlossen, und langsam entstand um sie herum ein dichtes Netz aus Abhängigkeiten. 


Aus diesem Netz entwickelte sich schließlich die Aldobrandini-Gesellschaft. 


Mit den Jahrhunderten wuchs ihr Reichtum. Und mit dem Reichtum wuchs ihr Einfluss. 


Heute zählt sie zu den vier großen Handelsgesellschaften des Kaiserreichs. Ihre Schiffe befahren das Südkaisermeer, ihre Karawanen ziehen über die Reichsstraßen in alle Himmelsrichtungen, ihr Siegel öffnet Türen, die anderen für immer verschlossen bleiben. Auf den Märkten des Kaiserreichs gilt ihr Wort mehr als manches Gesetz. Und in den Ministerien wird ihr Name mit derselben Vorsicht ausgesprochen wie der eines Generals. 


Als das Prinzenspiel begann, standen nur drei andere Familien auf einer vergleichbaren Höhe. Vier Häuser, die im Schatten der Kaiserfamilie glänzten. Doch während andere auf militärische Stärke oder uralte Titel setzten, war es bei den Aldobrandini stets etwas anderes gewesen. 


Der silberne Löwe ihres Wappens war kein Symbol roher Gewalt. 


Er stand für Beständigkeit. Für Kontrolle. 


Für ein Erbe, das nicht zerbrach. Reichtum und Einfluss. 


Das waren die sichtbaren Säulen der Familie. Doch ihre eigentliche Stärke lag tiefer. Im Blut. 


Zusammenhalt war kein bloßes Ideal, sondern eine Pflicht. Ein Aldobrandini verriet die Familie nicht. Nicht aus Angst vor Strafe, sondern weil der Gedanke daran selbst als unmöglich galt. 


Selbst im Angesicht des Todes. 


Giolitti Aldobrandini hatte ihr das immer wieder eingeschärft. Mit Worten, mit Blicken, mit jener stillen Erwartung, die schwerer auf den Schultern wog als jede ausgesprochene Drohung es könnte. 


Familie ist alles. Alles andere ist ersetzbar. 


Und doch…


Franca hatte entschieden. Gegen das Blut.



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Kaum hatte Franca die Worte ausgesprochen, veränderte sich der Ausdruck in Hypos' Gesicht. Mit einem Schlag wirkte er ernst. Seine Lippen verzogen sich zu einer scharfen Linie. 


,,Ich habe schon einige Male daran gedacht, wie ich eure Familie vernichten und das gesamte Vermögen der Krone vermachen könnte. Von solchen Reichtümern ließe sich ein zweiter Palast errichten, gleich neben dem des Kaisers – ganz aus Gold und Silber.'' 


Franca musste unweigerlich schlucken. Er sprach es so offen aus, als unterhielten sie sich über das Wetter. 


,,Ich habe dabei jedoch nur zwei kleine Probleme. Idaka und Alarya'', erklärte Hypos und kratzte sich theatralisch am Kinn. 


Idaka. Die Urdrachin Idaka. Sie war die Beschützerin der Brandiniburg. Sie war nicht nur mächtig, weitaus mächtiger als ganze Armeen, nein – sie war auch, selbst für einen Drachen, außerordentlich schlau. Ein Mensch würde sie niemals überlisten können. Auch ein Mensch wie Hypos nicht, dem war sich Franca sicher. 


Alarya. Franca musste unwillkürlich an die Frau ihres Bruders Giovanni denken. Alarya Aldobrandini. Die kleine Schwester von Hypos. Franca konnte sie nicht leiden. Nicht, weil sie einander so unähnlich gewesen wären, im Gegenteil. Alarya war wunderschön und klug. Sie wusste, wie man das Spiel des Adels zu spielen hatte, ebenso wie Franca. 


Hypos unterbrach ihre Gedanken. 


,,Ich würde niemals jemanden aus der eigenen Familie töten. Und auch wenn sie jetzt vom Namen eine Aldobrandini ist, so bleibt Alarya doch immer meine kleine Schwester.'' 


Hypos nahm seinen Zylinder vom Kopf und warf ihn mit einer beiläufigen Bewegung in das offene Fenster eines vorbeifahrenden Wagens. Sein Haar wurde durch den Wind nur noch ein wenig stärker zerzaust. 


,,Also, was hältst du von folgendem Vorschlag – du räumst für mich Idaka aus dem Weg und entführst Alarya. Ich wiederum kümmere mich um den Rest deiner Familie. Ich werde sie einen nach dem anderen töten. Deinen Vater werde ich aufschlitzen, bis er so ausblutet, wie das Reich an seiner Gier bluten muss. Deine Mutter werde ich vom höchsten Turm der Brandiniburg stürzen, auf dass ihr Hochmut auch ihr Fall werde. Ich werde mir für jeden Einzelnen ein passendes Ende ausdenken.'' 


Franca wurde in diesem Moment etwas bewusst. Die Effekte von DRACHENHERZ, GEDANKENKÄFIG und LÖWENSTOLZ hatten nachgelassen. Sie konnte die Aura spüren, die sich nun um sie legte. 


Sie war leise, unscheinbar. Ganz anders als jene von Yang. Oder die von Atorm. 


Nein, diese Aura war nicht feindselig. Sie war verführerisch. 


„Ich darf mit Hypos nicht zusammenarbeiten. Es wäre mein Ruin." Der Gedanke stand nun ganz klar in ihr. 


,,Ich danke Eurer Hoheit für dieses überaus aufschlussreiche Gespräch, jedoch würde ich mich für heute gerne verabschieden.'' 


Die Worte wählte Franca mit Bedacht, ganz anders als zuvor. Sie wollte Hypos unmissverständlich signalisieren, dass sie es sich anders überlegt hatte. Sie wollte nicht mit diesem Wahnsinnigen gemeinsame Sache machen.  


Hypos lächelte. ,,Wie Ihr wünscht, Edle Miss Franca. Ich habe ohnehin gerade keine Zeit für solcherlei Freizeitaktivitäten.'' 


Seine Worte klangen geradezu vergnügt. Hatte er sie etwa nur getestet? 


Franca verbeugte sich noch ein letztes Mal an diesem Tag. ,,Einen schönen Abend wünsche ich, Kronprinz Hypos.'' 


Dann drehte sie sich um.


Die Seitenstraße, in die sie einbog, war schmaler, enger, die hohen Gebäude rückten so dicht zusammen, dass sie das letzte Tageslicht beinahe verschluckten. Die Geräusche der Stadt kehrten zurück – gedämpft, aber präsent. Schritte auf Stein, ferne Stimmen, das Klirren von Metall. 


Hier bewegten sich Boten, niedere Beamte, vereinzelte Mitglieder der Stadtwache. Menschen, die arbeiteten. Die einfach funktionierten. 


Am Ende der Straße zeichnete sich bereits das Gebäude des Hauptquartiers der Kaiserlichen Kopfgeldjäger ab. Kein prunkvoller Bau, sondern massiv, zweckmäßig, fast schon abweisend. Dunkler Stein, schmale Fenster, klare Linien. 


Franca atmete aus.



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[???] ,,Fran~ca!’’


Der Ruf durchschnitt die gedämpften Geräusche der Seitenstraße mit einer beinahe unangemessenen Leichtigkeit. Franca zuckte unwillkürlich zusammen und wandte den Kopf in jene Richtung, aus der die Stimme gekommen war. 


Dort stand Velverde, der neunte Kaiserliche Kopfgeldjäger.


Seine bloße Präsenz wirkte falsch, nicht etwa, weil sie schwach gewesen wäre, sondern weil sie sich jeder klaren Einordnung von vornherein entzog. 


Franca mochte ihn nicht, und dieser Umstand hatte nichts mit persönlichen Differenzen zu tun, sondern mit etwas weitaus Grundsätzlicherem. Velverde war ein Widerspruch in sich. Sein gesamtes Erscheinungsbild erinnerte an das eines Narren, doch es war kein einfacher Spott, keine harmlose Exzentrik, sondern etwas zutiefst Inszeniertes, beinahe Zwanghaftes. 


Seine weißen Haare hingen ihm zerzaust herab, jedoch nicht in jener wilden, kontrollierten Unordnung, wie man sie bei Hypos sehen konnte, sondern ungepflegt, als hätte er sich ganz bewusst gegen jede Form von Struktur entschieden. Zwei kleine Holzrädchen steckten in seinem Haar, eines blau, eines rot, farblich exakt gespiegelt zu seinen Augen, deren Iriden in eben jenen unnatürlichen Farben leuchteten. Es war kein Zufall. Bei ihm war nichts je Zufall. 


Sein schwarzes Jackett mit dem roten Ziegelmuster wirkte wie ein bewusst gesetzter Bruch zur üblichen Ästhetik der Kopfgeldjäger, und die Vielzahl an Armreifen, die bei jeder seiner Bewegungen leise aneinanderklangen, verstärkten diesen Eindruck nur noch. Einige von ihnen waren zweifellos von hoher Qualität, vielleicht sogar magisch aufgeladen, doch an ihm verloren sie jede Würde. Alles an Velverde schien darauf ausgelegt, wahrgenommen zu werden, ohne dabei jemals vollständig verstanden zu werden. 


Franca entschied sich, ihn zu ignorieren. Ohne ihre Geschwindigkeit auch nur im Geringsten zu verändern, wandte sie sich ab und trat durch das Tor in den Garten des Hauptquartiers.


Während der Kaiserliche Garten weite und kontrollierte Schönheit ausstrahlte, war dieser Ort funktional, dicht, beinahe abgeschottet. Die Wege waren schmal, die Pflanzen weniger dekorativ, zweckgebunden. Einige dienten der Heilung, andere der Alchemie, wieder andere besaßen Eigenschaften, die selbst unter den Kopfgeldjägern nicht offen besprochen wurden. Es war ein Ort, an dem sogar die Natur eine Aufgabe zu erfüllen hatte. 


Kaum hatte sie einige Schritte gemacht, legte sich ein Arm um ihre Schulter. 


,,Ach Fran~caaaa. Jetzt sei doch ni~cht so~oo. Ich ha~be dein Gespräch mit Hy~pos …'' 


Weiter kam er nicht. Franca reagierte reflexartig. Der Knauf von Gendihr traf sein Kinn mit einem dumpfen, kontrollierten Schlag, gerade hart genug, um ihn zum Verstummen zu bringen, aber nicht hart genug, um bleibenden Schaden zu verursachen. Im selben Moment drehte sie sich aus seinem Griff, löste sich aus seiner Nähe. 


,,Du hast gar nichts gehört. Lass mich in Ruhe.'' Ihre Stimme war kalt, klar, ohne die geringste Öffnung für eine Diskussion. Sie hatte weder die Geduld, noch das Interesse, sich mit Velverde auseinanderzusetzen, und noch weniger wollte sie, dass er sich in Angelegenheiten einmischte, die ohnehin schon kompliziert genug waren. Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, setzte sie ihren Weg fort, die Schritte fest und zielstrebig 


Velverde blieb einen Moment lang zurück, rieb sich das Kinn, bevor er mit wenigen, raschen Schritten wieder zu ihr aufschloss. Seine Bewegungen waren fließend, beinahe tänzerisch, als würde er sich auf einer Bühne bewegen. 


,,Lass mich dir he~lfen, Fran~ca'', sagte er, und in seiner Stimme lag jene verworrene Mischung aus Verspieltheit und Ernst, die nur schwer voneinander zu trennen war. 


Franca schüttelte den Kopf, ohne dabei langsamer zu werden. ,,Ich will deine Hilfe nicht.''


Vor ihr erhob sich die massive schwarze Holztür des Hauptquartiers, schwer und schlicht, ein bewusster Kontrast zu den verzierten Toren des Kaiserpalastes. Dieses Gebäude erhob keinerlei Anspruch auf Schönheit. Es war ein Werkzeug. 


,,Und wenn ich dir sa~ge, dass du die Haupt~dar~stellerin auf meiner Büh~ne bist?''  


Franca blieb stehen. 


Langsam drehte sie sich zu ihm um, einen Hauch von Abscheu in ihrer Bewegung. ,,Ich habe dir doch gerade erst gesagt, dass ich deine Hilfe nicht …'' 


Die Worte brachen ab, noch ehe sie vollständig ausgesprochen waren.


Ihr Blick hatte sich verschoben, war nicht länger auf sein Gesicht gerichtet, sondern auf seine Hand. Oder genauer gesagt auf das, was in seiner Hand lag.



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In Velverdes Hand lag ein Siegel der Kaiserlichen Kopfgeldjäger, und auf den ersten Blick war daran nichts Ungewöhnliches. Jeder von ihnen trug ein solches Zeichen bei sich, ein Symbol ihrer Stellung, ihrer Autorität und ihres direkten Dienstes unter der Krone. 


Es war weit mehr als bloße Legitimation. Es war ein Schlüssel, ein Befehl, ein Versprechen von Gewalt, das im Namen des Kaisers ausgesprochen wurde. Doch noch ehe Franca diesen Gedanken vollständig zu Ende denken konnte, erkannte sie den entscheidenden Unterschied. 


Dieses Siegel gehörte nicht ihm. 


Es war weiß, von einer Reinheit, die beinahe unnatürlich wirkte, durchzogen von feinen goldenen Akzenten, die im gedämpften Licht des Gartens leise schimmerten. Kein gewöhnliches Abzeichen, sondern eines, das selbst unter den Kopfgeldjägern unverkennbar herausstach. Es trug Gewicht. Geschichte. Autorität. 


Es war das Siegel von Yang. 


Franca spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog, und sie musste unwillkürlich schlucken, bevor sie überhaupt sprechen konnte. 


,,Woher hast du das?'' fragte sie schließlich, und obwohl sie sich nach Kräften bemühte, ihre Stimme stabil zu halten, war das feine Zittern nicht zu überhören. 


Allein der Gedanke an den Diebstahl dieses Siegels war absurd. Nein, mehr als das – er war ein Todesurteil. Es gab dabei keine Grauzone, keine Auslegung, keinen Ausweg. Wer so etwas wagte, stellte sich nicht nur gegen eine einzelne Person, sondern gegen das Absolut des Reiches. 


Velverde hingegen schien die Tragweite des Diebstahls nicht im Geringsten zu berühren. Er hob die Schultern leicht, fuhr sich mit einer übertrieben nachlässigen Bewegung durch das ohnehin ungepflegte Haar und ließ sich einen Moment Zeit, als wolle er erst die richtige Betonung für seine Antwort wählen. 


,,Das …'' begann er gedehnt, seine Stimme spielerisch verzogen, ,,… ist natürlich ein Gehei~mnis.'' Ein schiefes Grinsen legte sich auf seine Lippen. ,,Ein Requi~sit. Eines, das ich spä~ter noch nutzen wer~de.'' 


Franca wich einen Schritt zurück, nicht aus Angst im klassischen Sinne, sondern aus einem instinktiven Bedürfnis nach Distanz. 


„Er ist verrückt." 


Der Gedanke kam klar, beinahe erleichternd in seiner Eindeutigkeit. Kein rational denkender Mensch würde so etwas bei sich tragen, geschweige denn es offen zur Schau stellen. Und doch blieb da noch etwas anderes, ein zweiter Gedanke, leiser, gefährlicher. 


„Ich brauche einen Verbündeten." 


Die Erkenntnis setzte sich fest, während sie ihn weiter musterte. Velverde war unberechenbar, zweifellos. Aber gerade darin lag eben auch ein Wert. Jemand wie er bewegte sich außerhalb der üblichen Strukturen, außerhalb jedes vertrauten Erwartungshorizonts. Und wenn es eine Sache gab, die Franca inzwischen begriffen hatte, dann jene, dass sie sich selbst mittlerweile ebenfalls außerhalb dieser Strukturen bewegte. 


„Und ich bin stärker als er." 


Diese Überzeugung gab ihrem Blick die gewohnte Sicherheit zurück. Sie betrachtete ihn einen Moment lang schweigend, prüfend, während sie nicht nur den Mann vor sich einschätzte, sondern auch jene Möglichkeiten, die er verkörperte. 


,,Was ist dein Ziel?'' fragte sie schließlich. 


Velverdes Grinsen wurde breiter, fast kindlich in seiner Offenheit, während er das Siegel mit einer beiläufigen Bewegung in seiner Hosentasche verschwinden ließ, als wäre es nichts weiter als ein belangloser Gegenstand. 


,,Nicht me~hr und nicht weni~ger'', sagte er, jede Silbe leicht gedehnt, als koste er sie regelrecht aus, ,,als das En~de des Kaiser~reichs.''

 
 
 

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