Kapitel 211 - Die Last der Krone
- empirewebnovel
- 29. Apr.
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Aktualisiert: 30. Apr.

Kaiser Verion III. wartete, bis sein Sohn, Kronprinz Cornelius, den Raum verlassen hatte, und ließ die Stille einen Moment länger im Raum stehen, als es eigentlich notwendig gewesen wäre. Erst als der leise Klang der Schritte seines Sohnes verklungen war, erhob er sich langsam von seinem Platz. Eine knappe Handbewegung genügte, um Yang zu signalisieren, ihm zu folgen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, setzte er sich in Bewegung, hinaus aus dem Saal, hinein in die langen Korridore des Palastes, die sich wie ein endloses Geflecht aus Stein, Gold und Geschichte vor ihm ausbreiteten.
Die Gänge waren prunkvoll wie eh und je, erfüllt von kunstvollen Verzierungen, schweren Teppichen und hohen Fenstern, durch die das gedämpfte Licht des Tages fiel. Doch Verion nahm all das kaum noch wahr. Für ihn war es längst zur Kulisse geworden, zu bloßem Hintergrundrauschen eines Reiches, das sich von Tag zu Tag mehr wie eine Last anfühlte als ein Erbe. Seine Schritte waren gleichmäßig, beinahe mechanisch, während sich seine Gedanken unaufhaltsam verdichteten.
Die letzten Monate hatten Spuren hinterlassen. Nicht nur politisch, nicht nur militärisch, sondern persönlich, bis tief in ihn hinein. Er spürte es in der Schwere seiner Bewegungen, in der Art, wie sich seine Schultern unter einer Last spannten, die kein Titel und keine Krone für andere sichtbar machte.
Das Reich blutete, es hatte oft geblutet, aber diesmal war es kein kontrollierbares Bluten. Randurin war verloren, in den Händen von Rebellen, ein Riss in jener Ordnung, die er aufrechtzuerhalten geschworen hatte. Die fünfte Armee, einhunderttausend Mann stark, war ausgelöscht worden – nicht geschlagen, nicht zurückgedrängt, sondern vollständig vernichtet. Eine Zahl, die sich jeder menschlichen Vorstellung entzog, und doch wusste er nur zu genau, was sie bedeutete.
Varons Verrat war ein Stich gewesen, tief und unerwartet. Doch auch das war nicht, was ihn am schwersten belastete.
Es war Sebastian.
Sein Sohn. Oder das, was aus ihm geworden war.
Verion wusste, dass er selbst seinen Anteil daran trug. Er hatte ihn gedrängt, hatte ihn in das Prinzenspiel gezwungen, hatte ihn in eine Welt geschickt, in der allein die Starken überlebten und die Schwachen schlicht verschlungen wurden. Und als es schließlich darauf angekommen war, hatte er ihn nicht geschützt. Nicht aufgefangen. Nicht zurückgeholt. Er hatte ihn allein gelassen.
Der Gedanke war klar, nüchtern, frei von jeder Beschönigung.
Ähnlich war es schon bei Eugenius gewesen. Auch er war einst vielversprechend gewesen, ein Name, der Zukunft bedeutet hatte und nun nur noch als Erinnerung existierte. Ein weiterer Verlust, der sich nahtlos in die Reihe der anderen einfügte.
Unwillkürlich glitten Verions Gedanken zu den Kaiserlichen Kopfgeldjägern. Einst waren sie ein Instrument absoluter Kontrolle, präzise und unerschütterlich. Auch sie waren geschwächt worden. Bunj, Bournadette, Colart – Namen, die früher Gewicht getragen hatten und heute nur noch Einträge auf einer Liste der Gefallenen waren. Bournadette hatte ihn verraten, hatte sich gegen das Reich gestellt, das sie zu schützen geschworen hatte. Und doch machte das für ihn längst keinen Unterschied mehr. Verrat oder Loyalität verloren ihre Bedeutung, wenn das Ergebnis am Ende identisch war.
Tod.
Er hatte sie ersetzt. Schnell, entschlossen, so wie es die Situation verlangte. Franca Aldobrandini, eine Wahl, die sowohl politisch als auch strategisch Gewicht trug. Velverde, unberechenbar, aber nützlich. Und Alexandra Lemyllion, die Dämonin, deren bloße Existenz bereits ein Risiko darstellte, das er bewusst eingegangen war.
Doch selbst diese Entscheidungen hatten das Gleichgewicht nicht wiederhergestellt.
Cyntha war gefallen, getötet von Atorm, ebenso wie zuvor schon Bunj. Nea war von einem namenlosen Menschen ausgelöscht worden, eine Variable, die ebenso plötzlich aufgetaucht war, wie sie wieder verschwunden war. Zumindest in diesem einen Punkt konnte Verion sich eine gewisse Gewissheit gestatten – dieser Mann stellte keine Bedrohung mehr dar.
Atorm hingegen war etwas vollkommen anderes.
Ein Faktor, der sich nicht einordnen ließ. Nicht kalkulierbar, nicht kontrollierbar. Eine Frage stellte sich ihm unausweichlich: Sollte er Yang schicken?
Wenn er es täte, würde er sich selbst exponieren. Yang war nicht nur seine stärkste Waffe, sie war auch sein Schutz, eine Konstante, die selbst im größten Chaos bestand. Ohne sie wäre er verwundbar. Und doch zeigte die Vergangenheit, dass ihre Abwesenheit nicht zwangsläufig zu unmittelbaren Konsequenzen führte. Als sie Nea gerächt hatte, war nichts geschehen. Kein Attentat, kein Aufstand im Herzen des Reiches.
Dennoch blieb das Risiko.
Verion erreichte schließlich seine Privatgemächer. Ein Diener öffnete die Tür mit routinierter Präzision und zog sich sofort wieder zurück, kaum dass der Kaiser den Raum betreten hatte. Im Inneren herrschte gedämpftes Licht, schwere, zur hälfte zugezogene Vorhänge, hielten die Außenwelt auf Distanz, während einzelne Öllampen ein warmes, kontrolliertes Leuchten verbreiteten.
Ohne zu zögern, ging Verion zu seinem Sessel, einem massiven Stück aus dunklem Holz und gepolstertem Leder, das mehr funktional als repräsentativ war. Er ließ sich hineinsinken, langsamer als gewöhnlich, und richtete seinen Blick auf die vom Abendrot eingefärbte Kaiserstadt, die sich jenseits der Fenster erstreckte.
Von hier oben wirkte sie ruhig. Geordnet. Beinahe unberührt von all den Rissen, die sich quer durch das Reich zogen.
Doch Verion wusste es besser.
Während sein Blick über die Dächer, Türme und Straßen der Hauptstadt wanderte, drängte sich ein Gespräch in sein Bewusstsein, eines, das er bewusst, knapp zwei Jahre, zur Seite geschoben hatte, das sich jedoch nicht länger ignorieren ließ.
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[???] ,,Majestät, was verschafft mir die Ehre?''
Kaiser Verion betrachtete den Drachar, der vor ihm kniete, ohne sofort eine Antwort zu geben. Rhovar Trellis war kein gewöhnlicher Gelehrter. Er war der Kaiserliche Hofchronist. Seine Gestalt war von jener würdevollen Fremdartigkeit geprägt, die den Dracharen seit jeher eigen war: vollständig beschuppt, die Linien seines Gesichts zugleich scharf und ausdrucksstark, die Augen ruhig, doch stets wachsam.
Die Jahre hatten ihn nicht gebrochen, sondern gebildet. Bereits unter Verions Großvater hatte er als Hofchronist gedient, hatte Generationen von Entscheidungen dokumentiert, Siege und Verluste gleichermaßen festgehalten, ohne je selbst Teil davon zu werden. Und gerade diese Distanz war es, die ihn so wertvoll machte.
Der Ort war mit Bedacht gewählt. Ein kleines Anwesen, einige Kilometer nördlich von Inhantes gelegen, abgeschieden genug, um unbeobachtet zu bleiben; unscheinbar genug, um keinerlei Aufmerksamkeit zu erregen. Keine Wachen in prunkvollen Rüstungen, keine Banner, keine sichtbaren Zeichen kaiserlicher Präsenz. Nur ein stilles Gebäude, umgeben von karger Landschaft, durch die der Wind ungehindert über das Land strich. Selbst hier war das Reich gegenwärtig, aber in einer anderen Form – nicht als Macht, sondern als Raum, der verwaltet werden musste.
,,Rhovar'', begann Verion schließlich, seine Stimme ruhig, ,,wer könnte das Kaiserreich bedrohen? Ernsthaft bedrohen?''
Die Frage hing schwer im Raum, und während Rhovar den Kopf gesenkt hielt, glitten Verions Gedanken unwillkürlich zurück zu einem anderen Gespräch, das noch nicht allzu lange zurücklag. Wochen vielleicht. Doch es hatte sich tiefer in ihn eingebrannt als vieles andere.
,,Du musst sicherstellen, dass unser Reich in den nächsten Jahren stabil bleibt. Er wird kommen…’’
Die Worte seines Vaters hatten keinen Kontext gehabt, keine Erklärung, keinen Namen. Kaiser Tavil IV. hatte sie ausgesprochen wie eine Gewissheit, nicht nur eine bloße Vermutung. Und genau dieses Fehlen jeglicher Details war es, das sie so schwer greifbar machte.
Rhovar runzelte leicht die Stirn, während er nachdachte, den Blick weiterhin zu Boden gerichtet, als suchte er die Antwort genau dort, wo keinerlei Ablenkung existierte.
,,Solange die Edle Miss Yang Euch und das Reich schützt'', sagte er schließlich bedächtig, ,,sollte die Stabilität des Kaiserreichs gewährleistet sein.''
Verion schüttelte langsam den Kopf. Die Antwort war erwartbar gewesen. Zu erwartbar.
,,Ich habe eine Warnung erhalten'', entgegnete er knapp. ,,Eine, die ich nicht ignorieren kann.''
Für einen Moment war nur das leise Heulen des Windes zu hören, der gegen die Fenster des Anwesens drückte. Rhovar schluckte, kaum merklich, doch nicht unbemerkt, ehe er erneut ansetzte.
,,Wenn selbst der Schutz der Edlen Miss Yang nicht ausreichen sollte'', begann er vorsichtig, und diesmal lag ein zusätzliches Gewicht in seiner Stimme, ,,dann bleiben tatsächlich nur sehr wenige Möglichkeiten. Mir fallen drei ein.''
Er hielt kurz inne, als müsse er jedes Wort sorgsam abwägen, bevor er es aussprach. ,,Der Erzdämon des Donners, Bläsk, hätte theoretisch die Macht, ihr ernsthaft gefährlich zu werden. Allerdings…'' – er zögerte – ,,… gibt es seit sehr langer Zeit keine Berichte mehr über seine Aktivität.''
Verion hob leicht eine Augenbraue. „Bläsk lebt?" Der Gedanke war weniger Furcht als pure Irritation. Für ihn waren die Erzwesen stets Relikte gewesen, Fragmente einer Zeit, die keine direkte Relevanz mehr besaßen. Und doch sprach Rhovar von ihm nicht wie von einer Legende, sondern wie von einer realen Gefahr.
,,Die zweite'', fuhr Rhovar fort, nun einen Hauch sicherer, ,,wäre selbstverständlich Paan. Zu ihrem derzeitigen Aufenthaltsort kann ich jedoch nichts Genaueres sagen.''
Verion ließ sich nichts anmerken, doch innerlich verfestigte sich ein anderer Gedanke. „Natürlich kannst du das nicht." Paan war kein offenes Wissen, kein Bestandteil jener Schriften, in die er, selbst als Kaiserlicher Hofchronist, Einsicht erhielt. Tief unter der Kaiserstadt lag sie versiegelt, gebunden in Ketten, die einzig ein Mitglied der Familie Algavia zu lösen vermochte. Eine letzte Option. Eine, die er nicht zu nutzen bereit war.
Unkontrollierbar.
,,Und die letzte?'' fragte Verion, spürbar ungeduldig.
Rhovar zögerte diesmal länger. Seine Stirn legte sich in noch tiefere Falten, als würde er eine Grenze überschreiten, die für ihn unangenehm war.
,,Die letzte Möglichkeit…'' begann er langsam, ,,ist keine bestätigte Existenz. Es gibt keine Beweise. Nur Berichte. Alte Texte. Widersprüchliche Aufzeichnungen.'' Ein kurzer Atemzug. ,,Ein Konzept, das sich durch verschiedene Epochen zieht.''
Er hob den Kopf nicht, doch seine Stimme wurde leiser.
,,Der Tod selbst.''
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Lange Zeit hatte Verion das Gespräch mit Rhovar Trellis als das eingeordnet, was es auf den ersten Blick gewesen war – eine Ansammlung alter Theorien, getragen von Fragmenten vergangener Zeitalter, mehr Mythos als Wirklichkeit.
Der Tod selbst – es hatte sich wie eine Metapher angehört, wie ein Versuch, das Unfassbare in greifbare Worte zu kleiden. Doch nun, mit den Berichten über Atorm, mit den Lücken, die er hinterließ, begann sich diese Einschätzung zu verschieben. Nicht abrupt, nicht panisch, sondern langsam, unausweichlich. Was, wenn es kein bloßes Bild war. Was, wenn es ein Titel gewesen war. Wenn Atorm nicht einfach nur ein außergewöhnlich starker Krieger war, sondern etwas, das sich der üblichen Einordnung entzog. Und wenn das zutraf, dann war er vielleicht genau jener, vor dem sein Vater ihn gewarnt hatte.
Diese Möglichkeit ließ sich nicht länger beiseiteschieben, und mit ihr verengten sich die Optionen mit jeder Überlegung weiter. Wenn die Bedrohung tatsächlich eine solche Macht besaß, blieb letztlich nur eine einzige Antwort. Yang.
,,Yang'', begann Verion schließlich und wandte sich leicht zu ihr, ,,was ist deine Einschätzung zu der Situation?''
Die Antwort kam ohne sichtbare Reflexion, als wäre sie bereits formuliert gewesen, lange bevor er die Frage überhaupt ausgesprochen hatte.
,,Atorm ist eine Gefahr, die vernichtet werden muss. Eine, der nur ich gewachsen bin.''
Keine Zweifel. Keine Relativierung. Nüchterne Feststellung.
Verions Blick glitt für einen Moment über sie, blieb an der makellosen Oberfläche ihrer Haut hängen. Glatt, vollkommen, frei von jeder Spur eines Kampfes oder ihres Alters. Es war ein Anblick, der in scharfem Kontrast zu dem stand, was sie verkörperte. Macht in ihrer reinsten Form, gebunden in etwas, das keinerlei Makel zeigte.
,,Und doch kann ich dich nicht nach Randurin schicken'', erwiderte er schließlich, langsamer und mit bedachter gewählten Worten. ,,Die Gefahr für mich wäre zu groß.''
Die Worte schmeckten bitter, kaum dass sie ausgesprochen waren. Doch sie waren notwendig. Yang war nicht nur eine Waffe, sie war zugleich auch ein Schild. Und ohne dieses Schild wurde er verletzlich auf eine Weise, die er sich in der aktuellen Lage einfach nicht leisten konnte. Er selbst beherrschte die Zeitmagie nur in begrenztem Maße, weit entfernt von der Stufe, die nötig gewesen wäre, um sich gegen ernsthafte Bedrohungen zu behaupten. Und die Zahl derer, auf die er sich wirklich verlassen konnte, war in den vergangenen Monaten erschreckend klein geworden.
Dann durchbrach ein Klopfen die Stille. Kurz. Präzise. Nicht zögerlich, aber auch nicht aufdringlich.
Ein Diener trat ein, den Blick gesenkt, die Haltung perfekt eingeübt. In seiner Hand hielt er einen weißen Brief, dessen Oberfläche sich deutlich von gewöhnlicher Korrespondenz abhob. Das Siegel darauf war schlicht, ein einzelnes M, doch gerade diese Schlichtheit wirkte bewusst gesetzt. Verion bemerkte Yangs Blick, der einen kurzen Moment das M musterte.
,,Eure Majestät'', sagte der Diener mit ruhiger Stimme, ,,ich habe diesen Brief von einem… ungewöhnlichen Boten erhalten. Es erschien mir angebracht, dass Ihr ihn persönlich lest.''
Yang bewegte sich lautlos, trat an den Diener heran und nahm ihm den Brief ab. Ihre Bewegungen waren präzise, kontrolliert, ohne jede unnötige Geste.
Verion erhob sich währenddessen aus seinem Sessel, seine Aufmerksamkeit nun vollständig auf das Schreiben gerichtet.
,,Du kannst gehen.''
Der Diener verneigte sich knapp und zog sich sofort zurück, schloss die Tür leise hinter sich, sodass der Raum erneut von kontrollierter Stille erfüllt wurde.
Yang reichte Verion den Brief.
Er nahm ihn entgegen, spürte für einen kurzen Moment das Gewicht des Papiers in seinen Händen, als würde es mehr tragen als bloße Worte. Dann brach er das Siegel, langsam und ohne jede Hast, und entfaltete das Schreiben.
Er begann zu lesen.
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Verions Blick glitt über die ersten Zeilen, und schon beim ersten Satz veränderte sich die Art, wie er den Brief in den Händen hielt. Es war keine formelle Einleitung, kein höfischer Aufbau, keinerlei Respekt vor jener Hierarchie, die selbst in privaten Schreiben ihm gegenüber üblich war.
,,Einen schönen Abend, Majestät Verion!''
Verion begann sich die Stirn zu reiben. Die Schrift war in einem Gold gehalten, das nicht nur ungewöhnlich, sondern aktiv störend war. Es wirkte weniger wie Tinte und mehr wie eine bewusste Provokation, als hätte jemand größten Wert darauf gelegt, dass schon das bloße Lesen eine Zumutung darstellte.
,,Ich schreibe gar nicht groß über Belanglosigkeiten wie den Tod von Bläsk und komme gleich zur Sache.''
Verion hielt inne. Seine Augen blieben auf dieser einen Zeile hängen, während sich sein Atem für einen Moment verschob. Er musste tatsächlich kurz husten, überrascht durch die schiere Beiläufigkeit der Aussage. Neben ihm blieb Yang regungslos, doch ihr Blick lag auf ihm, als würde sie jede noch so minimale Reaktion in seinem Gesicht registrieren.
Bläsk war tot.
Der Gedanke setzte sich nicht sofort fest. Er hatte in den letzten Minuten bereits in eine ganz andere Richtung gedacht, in Möglichkeiten, an hypothetische Bedrohungen, und nun wurde ihm unmittelbar, fast nebenbei bestätigt, dass eines jener Erzwesen offenbar wirklich existiert hatte – und nun nicht mehr existierte. Die Frage, die sich sofort daran anschloss, war nicht allein das Wie, sondern vor allem: Wer wusste davon und warum wurde es ihm ausgerechnet auf diesem Wege mitgeteilt.
Er nahm einen Schluck Wein, bewusst langsam, um die Kontrolle über seine eigene Reaktion zurückzugewinnen. Doch der Brief fuhr fort, ohne jede Rücksicht auf seine Gedanken.
,,Im Sand eurer Wüste habe ich etwas gesehen, das wirklich unschön ist. Ein Mädchen.''
Verion kniff die Augen leicht zusammen. Der Satzbau war chaotisch, bewusst störend, und doch lag darin eine klare Absicht: keine Distanz, keine Verschleierung, sondern eine direkte, ungeschönte Konfrontation. Es war eindeutig ein Schreiben an ihn persönlich, und dennoch widersprach jede einzelne Zeile jeden Konventionen, die selbst Feinde normalerweise einhielten.
,,Dieses Mädchen ist die neue Gestalt von Barbarossa, der einst zwei meiner Brüder getötet hat.''
Der Name blieb im Raum hängen.
Barbarossa.
Verion kannte die Überlieferungen. Kein Mythos im klassischen Sinne, sondern eine historische Figur, die sich durch Berichte zog wie eine lückenhafte Gleichung. Ein Krieger, der die Kraft seiner Opfer in sich aufgenommen hatte. Der Erzengel der Perfektion, Gabriel. Der Erzengel der Jugend, Ismael. Beide im Kampf gegen Barbarossa gefallen. Und dann war er ebenfalls gestorben, so die Geschichten.
Verion runzelte die Stirn nun noch tiefer.
Wenn diese Information der Wahrheit entsprach, dann war der Verfasser dieses Briefes nicht irgendein beliebiger Bote. Dann sprach hier jemand, der Zugriff auf eine Ebene der Geschichte hatte, die selbst für Kaiserliche Archive bestenfalls in Bruchstücken greifbar war.
Mikael.
Der Name formte sich logisch, fast zwangsläufig. Das M, die Art der Formulierung, die Selbstverständlichkeit, mit der hier über Dinge gesprochen wurde, die für andere realitätsverzerrend wären. Der Anführer der Erzengel, sofern die alten Strukturen überhaupt noch existierten.
Doch selbst diese Schlussfolgerung fühlte sich unsicher an.
„Oder es ist jemand, der genau ihn imitieren will."
Der Brief ging weiter.
,,Barbarossa ist auf dem Weg nach Randurin, um sich mit eurem Problem-Feind zu messen.''
Verions Auge zuckte.
Randurin.
Atorm.
Die Lage verschob sich in eben diesem Moment erneut, nicht zufällig, sondern wie ein System, das zusätzliche Variablen aufnehmen musste. Zuvor war es eine rein militärische und politische Krise gewesen. Nun wurde sie zu etwas anderem. Zu etwas, das sich jenseits der bekannten Kategorien bewegte.
Sein Herzschlag beschleunigte sich leicht, nicht aus Angst, sondern aus der nüchternen Erkenntnis heraus, dass sich die Zahl der unbekannten Faktoren in einem absurden Tempo erhöhte.
Zu viele Probleme gleichzeitig. War Barbarossa derjenige, vor dem ihn sein Vater gewarnt hatte?
Er las den Abschnitt noch ein zweites Mal, bevor er den letzten Satz musterte.
,,So, jetzt wisst ihr Bescheid. Einen schönen Abend noch. ~Mikael''
Verion hielt den Brief noch einen Moment in der Hand, als wolle er prüfen, ob sich der Inhalt vielleicht doch noch nachträglich verändern würde, wenn er ihn nur lange genug betrachtete. Schließlich senkte er die Hand langsam und reichte das Schreiben ohne ein einziges Wort an Yang weiter.
Sein Gesicht blieb kontrolliert, doch die Situation war vollständig außer Kontrolle geraten.
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Verions Gedanken rasten in einem unkoordinierten Chaos aus Möglichkeiten, Konsequenzen und Risiken, die sich nicht mehr sauber voneinander trennen ließen. Für einen Moment blieb er einfach stehen, als hätte sein Körper die Entscheidung bereits getroffen, bevor sein Verstand folgen konnte. Dann trat er an das Fenster heran. Die Kampfarena lag in seinem Blickfeld. Ein kolossales Bauwerk aus Stein, von Bunj gebaut für Gewalt, die kontrolliert werden sollte. Heute wirkte sie leerer als gewöhnlich, als würde selbst dieser Ort die Spannung der Lage spüren, die sich über das Reich gelegt hatte.
Ihm wurde schlecht.
Nicht im klassischen Sinn, sondern als Reaktion auf die schiere Dichte der Informationen, die sich in seinem Kopf überlagerten: Randurin, Atorm, Barbarossa, Bläsk, die Wüste, das Mädchen, die Erzengel. Alles schien gleichzeitig zu existieren, ohne sich zu einem kohärenten Bild zu fügen. Es war nicht länger eine Kette von Ereignissen, sondern ein Geflecht, das sich jeder linearen Ordnung entzog.
,,Yang'', sagte er schließlich, ohne sich umzudrehen, während sein Blick weiter auf der Arena ruhte. ,,Ich wünsche, dass du nach Randurin reist. Töte Atorm. Und töte Barbarossa.''
Die Worte waren nicht laut gesprochen, doch sie waren endgültig. Keine Bitte, keine Diskussion. Eine notwendige Konsequenz, geboren aus der nüchternen Einschätzung, dass es schlicht keine weitere Option mehr gab. Wenn Barbarossa wirklich wieder lebte und wenn er immer noch in der Lage war, fremde Kräfte in sich aufzunehmen, wie es in den Legenden hieß, dann war die Möglichkeit einer Eskalation nicht länger nur theoretisch. Sie war konsequent.
Hinter ihm blieb es einen Moment lang still.
Yang war in ihrer Funktion sonst nie schwer zu lesen gewesen. Sie war präzise, stabil, unerschütterlich wie Stein. Doch diesmal lag etwas in ihrer Präsenz, das sich nicht sofort einordnen ließ. Keine Unsicherheit im klassischen Sinn, eher eine minimale Verschiebung in jener gewohnten Konstanz. Als hätte selbst sie einen Punkt erreicht, an dem die schiere Dimension der Variablen für einen Moment die vertraute Ordnung überstieg.
,,Du hast Recht, Verion'', sagte sie schließlich.
Mehr nicht.
Verion atmete flach aus und drehte sich langsam vom Fenster weg. Sein Blick glitt über sie, während er bereits weiterdachte, weiterstrukturierte. Wenn Yang in den Norden ging, durfte der andere Konflikt, der in Randurin selbst, nicht unbeachtet bleiben. Ein gleichzeitiger Druck auf mehrere Achsen war riskant, aber notwendig geworden. Die Stadt musste stabilisiert werden. Der Schwarze Stern durfte keinen Raum zur Expansion erhalten.
,,Nimm Zuphoor mit'', sagte er nach einem kurzen Moment, seine Gedanken bereits in operative Strukturen überführend. ,,Und Leyla. Ich werde Cornelius mit der zweiten und dritten Armee ebenfalls nach Norden schicken.''
Yang nickte.
Keine Rückfrage. Keine Verzögerung. Dann setzte sie sich in Bewegung.
Sie trat an das Fenster, und ohne sichtbare Vorbereitung hob sie ab. Ihr Körper löste sich nicht im herkömmlichen Sinne vom Boden, sondern schien sich gemeinsam mit dem Raum zu verändern, als wäre die Schwerkraft für sie nur eine optionale Konstante. Ihr weißes Kleid reagierte erst verzögert auf die Bewegung, flatterte dann im Luftstrom, der ihren Aufstieg begleitete. Innerhalb weniger Sekunden wurde sie kleiner, bis sie nur noch ein einzelner Punkt am Himmel war.
Zwei helle, beinahe unnatürlich klare Lichtpunkte wurden sichtbar, als sie eine bestimmte Höhe erreichte. Einen schoss sie in Richtung des Hauptquartiers, den anderen nach Osten. Zwei präzise voneinander getrennte Bewegungen, wie zwei gleichzeitig gestartete Operationen. Dann beschleunigte sie und verschwand in Richtung Norden.
Verion blieb am Fenster stehen.
Er spürte das Hämmern in seinem Schädel nun deutlicher als zuvor, nicht als Schmerz, sondern als konstantes Signal der Überlastung. Das System, das seine Familie über Jahrhunderte hinweg stabil gehalten hatte, begann sich nicht zu zerbrechen, sondern zu verschieben. Auf mehreren Achsen gleichzeitig.
Schließlich wandte er sich ab.
Sein Gang war kontrolliert, doch langsamer als gewöhnlich, als würde jeder einzelne Schritt mehr Gewicht tragen als der vorhergehende. Im Schlafzimmer angekommen, begann er sich ohne Hast zu entkleiden, jede Bewegung reduziert auf das absolut Notwendigste, bis die Symbole seiner Position abgelegt waren.
Dann legte er sich ins Bett.
Die Decke über ihm war schwer, das Licht gedrückt, die Welt jenseits dieses Raumes auf ein Minimum reduziert. Und während er in den Schlaf sank, blieb ein einziger Gedanke zurück, klarer und schärfer als alle anderen zuvor.
Zum ersten Mal fühlte er sich der Krone nicht mehr gewachsen.



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