Kapitel 212 - Zweige der Trennung
- empirewebnovel
- 29. Apr.
- 11 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Mai

Leyla betrachtete die kleine, leuchtende Taube, die sich auf ihrer Hand niedergelassen hatte, und ließ ihren Blick einen Moment auf dem feinen Schimmer ihrer Form ruhen. Das Licht war nicht grell, sondern konzentriert, beinahe ruhig, als wäre es nicht dazu gedacht, zu blenden, sondern zu erleuchten.
Sie konnte die Magie deutlich spüren, dicht und sauber strukturiert, ein präzise gewobener Zauber, der keinerlei Makel enthielt. Es war eine Botentaube aus Lichtmagie, gebunden an eine klare Funktion: Sobald sie mit Mana gespeist wurde, würde sie ihre Botschaft freigeben und sich dabei vollständig auflösen. Ein einmaliger Impuls, ohne Wiederholung, ohne jede Möglichkeit zur Korrektur.
Sie musste nicht lange überlegen, von wem sie stammte. Die Signatur war unverkennbar. Die Magie trug etwas Drückendes in sich, nicht aggressiv, nicht überwältigend, doch von einer absoluten Klarheit, die jede andere Präsenz automatisch in den Hintergrund verbannte. Es war Yangs Werk. Kein Zweifel. Und allein diese Tatsache reichte aus, um die Bedeutung der Nachricht sofort höher zu gewichten, noch ehe sie überhaupt gehört hatte, worum es eigentlich ging.
Kurz hob Leyla den Blick und sah zu Zensa hinüber, der wenige Schritte entfernt ruhig schlief. Sein Atem war gleichmäßig, tief, ein deutliches Zeichen seiner vollkommener Erschöpfung. Er hatte den gesamten Tag trainiert, bis sein Körper keinerlei Reserven mehr besessen hatte, und war schließlich ohne jeden Widerstand eingeschlafen. In der kleinen Tasche an ihrer Brust, lag Vinessa zusammengerollt, ebenfalls schlafend, ihre winzige Gestalt kaum mehr als ein leichter Druck gegen den Stoff.
Alexandra hingegen war nicht anwesend. Sie hatte angekündigt, noch ein Stück gehen zu wollen, Bewegung zu brauchen, bevor auch sie sich zur Ruhe legen konnte. Leyla ließ ihren Blick für einen Moment in die Dunkelheit des umliegenden Waldes gleiten, als könnte sie sie dort bereits ausmachen, entschied sich dann jedoch bewusst, zu warten. Wenn diese Botschaft tatsächlich von Yang kam, bestand durchaus die Möglichkeit, dass sie nicht nur für sie bestimmt war.
Unwillkürlich drifteten ihre Gedanken zu einem anderen Thema ab. Das Drachenei. Eroicas Geschenk. Sie hatte es seit einiger Zeit nicht mehr zu Gesicht bekommen, und die Frage, ob es vielleicht bereits geschlüpft war, ließ sich nicht einfach beiseiteschieben. Ein leiser Seufzer entwich ihr, getragen von der Erinnerung an ihre verstorbene Leibdienerin, doch sie ließ den Gedanken nicht weiter wachsen. Jetzt war nicht der Moment dafür.
Stattdessen konzentrierte sie sich wieder auf ihre Umgebung.
Ihre Magie hatte sie längst in den Boden und die umliegenden Bäume sickern lassen, fein verteilt, beinahe unsichtbar, wie ein Netz, das sich durch die natürliche Struktur des Dschungels spannte. Jede Bewegung wurde darin zu einer leichten Verschiebung, zu einem Impuls, den sie unmittelbar wahrnehmen konnte. Ein Insekt, das über einen Ast kroch. Eine minimale Veränderung in der Festigkeit des Bodens. Oder Schritte, die sich näherten.
Deshalb spürte sie Alexandra, noch ehe sie zu sehen war.
,,Alexandra'', flüsterte Leyla leise, darauf bedacht, Zensa nicht zu wecken, während sie gleichzeitig Vinessa vorsichtig aus ihrer Tasche zog. Sie erhob sich langsam, trat einige Schritte nach vorn und empfing Alexandra, noch bevor diese vollständig aus den Schatten getreten war. Ohne Zögern schloss sie sie in die Arme und gab ihr einen kurzen Kuss, eine längst vertraute Geste.
,,Was hast du denn da Schönes?'' fragte Alexandra neugierig, ihr Blick sofort auf die leuchtende Taube gerichtet.
,,Oh, lass mich sehen, lass mich sehen!'' rief Vinessa, noch halb im Schlaf, während sie sich die Augen rieb und sich an Leylas Hand abstützte, um einen besseren Blick zu erhaschen.
Das hohe, lebhafte Kreischen der Fee hatte den zu erwartenden Effekt. Zensa regte sich, murmelte etwas Unverständliches und richtete sich schließlich auf, sichtbar widerwillig, während er sich mit einer Hand durch die Haare fuhr und langsam zur Gruppe hinüberschlurfte.
Leyla seufzte leise. Jetzt waren alle wach.
Sie wandte sich an Alexandra und hob die Hand mit der Taube leicht an.
,,Das ist eine magische Botentaube'', erklärte sie ruhig. ,,Ein Zauber der Lichtmagie. Eine Botschaft von Yang.''
Alexandra lehnte sich gegen einen der Baumstämme, die den kleinen Lagerplatz umgaben, und betrachtete die Taube mit einem konzentrierten, leicht nachdenklichen Blick, als würde sie versuchen, die Struktur dieser Magie zu erfassen.
Zensa trat schließlich neben sie, warf der Taube einen kurzen, wenig beeindruckten Blick zu und ließ sich dann mit einem genervten Ausatmen auf den Boden sinken.
,,Und die hätte Yang dir nicht auch morgen schicken können?'' murmelte er, die Müdigkeit noch deutlich in seiner Stimme.
Leyla musste unwillkürlich schmunzeln, auch wenn die Situation selbst keinerlei Anlass zur Leichtigkeit bot. Sie wartete noch einen kurzen Moment, vergewisserte sich, dass alle aufmerksam waren, und ließ dann einen kleinen Teil ihres Manas in die Taube fließen.
Sofort reagierte der Zauber.
Das Licht begann sich aufzulösen, nicht abrupt, sondern in feinen, kontrollierten Partikeln, die sich von der Form der Taube lösten und in der Luft vergingen. Gleichzeitig formte sich daraus eine Stimme, klar, präzise, frei von jeder Unschärfe.
Yangs Stimme.
Unmissverständlich. Befehlend.
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,,Kaiserliche Kopfgeldjägerin Leyla. Dies ist ein Befehl seiner Majestät Kaiser Verion, dritter seines Namens. Reise unverzüglich auf dem dir schnellsten Weg nach Randurin. Unterstütze mich dort im Kampf und bei der Rückeroberung der Stadt.''
Die Stimme war vollkommen klar, frei von jeder Verzerrung oder Interpretation, als würde Yang selbst leibhaftig zwischen ihnen stehen und sprechen. Keine Betonung war überflüssig gesetzt, kein Wort zu viel. Der Befehl war präzise, in sich abgeschlossen, ohne den geringsten Raum für Rückfragen. Während die letzten Silben noch in der Luft nachhallten, spürte Leyla bereits, wie sich ihr ganzer Körper anspannte. Keine bewusste Entscheidung – nur die instinktive Reaktion auf die Autorität Yangs.
Sie schluckte. Ein neuer Auftrag. Sofort. Ohne Übergang, ohne Vorbereitung.
Doch die Botschaft war noch nicht beendet.
,,Reise allein. Die Kaiserliche Kopfgeldjägerin Alexandra wird sich in die Kaiserstadt begeben und dort auf Abruf bleiben. Dies ist ein Akutbefehl. Eine Weigerung wird als Verrat gewertet und mit dem Tod bestraft.''
Mit dem letzten Wort zerfiel das verbliebene Licht der Taube vollständig. Die letzten Partikel lösten sich in der Dunkelheit des Waldes auf, als hätte es den Zauber niemals gegeben. Zurück blieb nur die Stille, schwerer als zuvor, gefüllt mit den Konsequenzen dessen, was hier soeben verkündet worden war.
Leyla ließ die Hand langsam sinken. Die Struktur des Befehls war unmissverständlich. Keine Interpretation erlaubt. Keinerlei Schlupflöcher. Eine Trennung, bewusst gesetzt, taktisch begründet – und absolut.
Erst jetzt hob sie den Blick wieder.
Alexandra stand noch immer vor ihr, doch ihr Ausdruck hatte sich gewandelt. Die ursprüngliche Neugier war verflogen, ersetzt durch etwas, das tiefer ging. Kein offener Widerstand, kein unmittelbarer Protest, sondern ein stilles, erschüttertes Begreifen dessen, was dieser Befehl bedeutete. Für Leyla. Und für sie selbst.
Einen Moment lang sagte niemand ein Wort.
Auch Vinessa war still geworden, ihre sonst so lebhafte Präsenz gedämpft, als hätte sie gespürt, dass dies kein Augenblick für Einwürfe war. Zensa hatte sich ebenfalls nicht bewegt, doch seine Müdigkeit war wie weggeblasen. Sein Blick war wach, fokussiert, als würde er die Folgen bereits durchdenken, auch wenn er noch keine Worte für das fand, was er sah.
,,Was jetzt, Leyla?'' flüsterte Alexandra schließlich.
Ihre Stimme war leise, beinahe brüchig, und dennoch frei von Schwäche. Eher die nüchterne Erkenntnis, dass es hier keine einfache Antwort geben konnte, und dass jede Entscheidung, die nun folgen würde, Konsequenzen nach sich zog, die sich später nicht mehr verhindern ließen.
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Leyla betrachtete ihre leere Handfläche, auf der eben noch die Taube gesessen hatte, und ließ den Blick einen Moment länger darauf ruhen, als könnte sie die letzten Spuren der Magie noch erkennen. Doch da war nichts mehr. Kein Licht, kein Nachhall, nur die schlichte Realität jenes Befehls, der nun unausweichlich zwischen ihnen stand. Sie war noch lange nicht an einem Punkt angelangt, an dem sie sich Yang widersetzen konnte.
Yang war nicht bloß eine Autorität, sie war Absolut, eine Grenze dessen, was im Kaiserreich galt. Selbst ein Wesen wie Bläsk hätte nicht standhalten können. Und dann war, zumindest momentan, jeder Gedanke an offenen Widerstand nicht nur töricht, sondern schlicht fatal
Damit blieb nur eine vernünftige Entscheidung.
Sie würde den Befehl befolgen.
Und diese Erkenntnis zog sofort eine zweite nach sich, die schwerer auf ihr lastete als jede strategische Überlegung – die Trennung von Alexandra. Allein der Gedanke daran ließ einen kurzen, scharfen Stich durch ihre Brust ziehen, unerwartet intensiv.
Sie hatte sich innerlich längst darauf eingestellt, dass dieser Moment irgendwann kommen würde. Dass sich ihre Wege erneut trennen mussten, war ihr in den letzten Tagen klar geworden. Doch sie hatte mit mehr Zeit gerechnet. Mit einigen Wochen. Mit einem langsamen, geordneten Übergang, nicht mit diesem abrupten, kalten Schnitt.
Und dann war da noch Randurin.
Die Erinnerung an das Gespräch mit General van Lautern drängte sich auf, klar und ungebeten. Seine Worte hatten Gewicht gehabt, damals. Er hatte behauptet, Liam sei dort. Eine Information, die kaum Stunden später von Aragi wieder dementiert worden war. Zwei Aussagen, die einen anderen Ausgang und doch beide Spuren in ihr hinterlassen hatten.
Liam.
Der Name löste keine unmittelbaren Emotionen mehr in ihr aus, keine alte Bindung, keinen Schmerz im klassischen Sinne. Und doch war da ein Rest geblieben, etwas Ruhiges, Unaufgeregtes. Kein Bedürfnis nach Nähe, aber auch kein Wunsch nach völliger Distanz. Eher ein stilles Wohlwollen, das sich nicht vollständig erklären ließ.
Leyla streckte sich langsam, ließ die Spannung aus ihren Schultern weichen, auch wenn sie genau wusste, dass dies nur eine kurzfristige Erleichterung sein würde. Sie hatte sich auf den Sommer gefreut, auf Wärme, auf einen Rhythmus, der nicht ausschließlich von Aufträgen bestimmt war. Und nun führte ihr Weg ausgerechnet in eine Region, in der Kälte ein permanenter Zustand war.
Schließlich hob sie den Blick und sah Alexandra an.
,,Wir haben keine andere Wahl, als den Befehl zu befolgen'', sagte sie ruhig, ohne Härte, aber auch ohne den geringsten Anflug von Unsicherheit. ,,Reise du gemeinsam mit Zensa in die Kaiserstadt. Bring ihn bitte zur Akademie Oststadt.''
Man konnte Alexandra deutlich ansehen, dass sie protestieren wollte. Die Bewegung war da, kaum sichtbar, ein Ansetzen, das sofort wieder unterdrückt wurde. Ihre Lippen pressten sich kurz zusammen, ehe sie schließlich nickte. Keine Zustimmung im eigentlichen Sinne, sondern ein bewusstes Akzeptieren dessen, was sich nicht verändern ließ.
Zensa hingegen reagierte offener. Sein Blick traf Leyla direkt, und die Enttäuschung darin war unverkennbar. Kein Trotz, kein Widerspruch, sondern eine stille Erwartung, die sich nun nicht erfüllen würde.
Leyla bemerkte es sofort. Sie trat einen Schritt näher und fuhr ihm mit einer beiläufigen, beinahe vertrauten Geste durch die Haare.
,,Ich weiß, du wärst gerne länger mit mir unterwegs gewesen'', sagte sie leise. ,,Aber deine Ausbildung geht vor.''
Er sah sie weiterhin an, sagte nichts, widersprach nicht. Die Akzeptanz kam bei ihm langsamer, doch sie kam.
Vinessa, die bislang ungewohnt still gewesen war, erhob sich schließlich aus Leylas Hand und flatterte zu Zensa hinüber. Ihre Bewegung war leicht, fast verspielt, doch ihre Stimme war fest.
,,Wir sehen uns bald wieder, versprochen.''
Leyla konnte sich ein schwaches Lächeln nicht verkneifen. Es war ein ungewohnter Anblick, Vinessa in dieser Rolle zu sehen. Weniger als impulsive Begleiterin, mehr als eine Art ruhiger Gegenpol für Zensa, fast wie eine kleine, eigenwillige Mentorin.
,,Und was ist mit Vinessa?'' fragte Alexandra schließlich, ihr Blick zwischen den beiden hin und her wechselnd, in ihrer Stimme ein Anflug von Sorge, der sich nicht vollständig verbergen ließ.
,,Vinessa nehme ich mit'', antwortete Leyla ohne Zögern.
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Vinessas Gesicht hellte sich augenblicklich auf, ein breites Grinsen zog sich über ihre Züge, während sie mit einer schnellen Bewegung zurück zu Leyla flatterte und sich auf ihrer Schulter niederließ. Sie beugte sich leicht vor, nah an ihr Ohr, ihre Stimme nun deutlich leiser, vertraut.
,,Willst du Alexandra eigentlich nicht sagen, dass du danach gar nicht in die Kaiserstadt zurückkehrst?''
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„Natürlich wollte ich das."
Der Gedanke formte sich klar in Leylas Bewusstsein, ruhig, als hätte sie ihn bereits seit Stunden mit sich herumgetragen. Sie hatte nicht vorgehabt, Alexandra im Unklaren zu lassen, weder aus Feigheit noch aus Berechnung. Es fehlten ihr lediglich die richtigen Worte, und vielleicht auch der richtige Moment, um sie auszusprechen, ohne dabei sofort alles ins Wanken zu bringen.
Doch dieser Moment war nun zwangsläufig gekommen, ob sie wollte oder nicht.
,,Alexandra?'' begann Leyla schließlich und richtete den Blick fest auf sie. Ihre Hand griff nach Alexandras, drückte sie sanft, als wolle sie diese Verbindung noch einen Moment länger halten, ehe sie diese durchtrennte. ,,Ich werde nach dem Auftrag in Randurin nicht mehr in die Kaiserstadt zurückkehren. Stattdessen werde ich das suchen, weswegen wir überhaupt hierhergekommen sind.''
Sie ließ den entscheidenden Begriff bewusst aus. Der Runenstein musste nicht ausgesprochen werden, schon gar nicht in Gegenwart von Zensa.
Alexandras Blick huschte unruhig zwischen ihr und Vinessa hin und her, als suchte sie nach einem Anker, nach irgendeinem Hinweis darauf, dass dies nicht endgültig gemeint war. ,,Wohin gehst du dann?''
Leyla seufzte leise. Es war kein Ausdruck von Zweifel, sondern allein der Schwere dieses Augenblicks geschuldet.
,,Zu jenem Ort, den Morty uns genannt hat. Aber ich will nicht, dass du mir folgst.'' Sie hielt kurz inne, ließ den nächsten Satz bewusst klar und unverrückbar klingen.
,Kümmere dich um Zensa. Bitte.''
Alexandra reagierte sofort. ,,Leyla, ich kann dich doch nicht allein lassen. Ich will das nicht…'' Ihre Stimme verlor an Stabilität, wurde brüchig, während sich ihre Emotionen nicht länger bändigen ließen. Tränen stiegen ihr in die Augen, zunächst einzelne, dann immer mehr. Die Veränderung setzte ein, wie sie es stets tat, wenn ihre Gefühle die Kontrolle übernahmen. Hörner brachen durch ihre Stirn, dunkel und markant, während sich aus ihrem Rücken Flügel entfalteten, kraftvoll und unruhig zugleich. Sie riss sich aus Leylas Griff los, trat einen Schritt zurück und breitete die Arme aus.
,,Ich werde dich nicht gehen lassen!’’
Leyla schloss für einen kurzen Moment die Augen. Ihr Herz zog sich zusammen, schwer, belastet von einer Erwartung, die sich nun erfüllte. Sie hatte gewusst, dass es genau so kommen würde.
,,Bitte, Alexandra'', sagte sie leise, ohne jede Schärfe, aber mit Nachdruck. ,,Lass uns jetzt nicht streiten.''
Alexandras Blick traf sie mit voller Wucht, verzweifelt und wütend zugleich. ,,Wieso denn nicht?! Gerade jetzt müssen wir streiten!'' Ihre Stimme überschlug sich, verlor jede Kontrolle. ,,Schrei mich an, wenn du willst, dass ich meine Gefühle leugne! Zeig mir deine! Zeig mir endlich, was du denkst, was du fühlst, was du willst!''
Die Worte trafen, doch Leyla blieb still.
Der Runenstein der Erde reagierte, wie er es stets tat. Er legte sich über ihre Emotionen, dämpfte sie, glättete die Spitzen, ließ allein das Notwendige durch. Wo Chaos hätte sein können, blieb Struktur. Wo Schmerz hätte explodieren können, blieb nur ein kontrollierter Druck.
Sie machte einen kleinen Schritt zurück, bereit zu antworten, irgendetwas zu sagen, das diese Situation zumindest teilweise auffangen konnte.
Doch Alexandra kam ihr zuvor.
,,Bist du wirklich kein Mensch mehr? Warum sagst du nichts?''
Das war's.
Leyla spürte, wie sich eine einzelne Träne in ihrem Auge sammelte, schwer genug, um wahrnehmbar zu sein, doch allein. Mehr ließ der Runenstein nicht zu. Mehr würde er niemals zulassen.
Ohne ein Wort griff sie nach Vinessa und steckte sie in ihre Tasche.
„Fessle Alexandra."
Der Befehl ging nicht über ihre Lippen, sondern direkt in jenes Netz aus Magie, das noch immer den Wald durchzog. Sofort reagierte die Umgebung. Ranken lösten sich aus dem Boden, aus den Bäumen, aus jeder Struktur, die sie zuvor durchdrungen hatte, und schossen auf Alexandra zu. Sie wanden sich um ihre Arme, ihre Beine, ihren Oberkörper, zogen sich unerbittlich fest, ohne ihr auch nur den geringsten Raum für Bewegung zu lassen.
Alexandra kämpfte dagegen an, riss, spannte ihre Muskeln, doch es waren zu viele. Die Natur hatte sich gegen sie gestellt, präzise gelenkt, unnachgiebig.
Zensa saß regungslos am Boden, die Augen weit aufgerissen, unfähig, das Geschehen einzuordnen oder auch nur darauf zu reagieren.
Leyla wischte sich die einzelne Träne aus dem Gesicht, als wäre sie nicht mehr als ein störendes Detail. ,,Wenn du wirklich an meiner Seite stehen willst'', sagte sie schließlich, ihre Stimme ruhig, beinahe kalt, ,,dann darfst du nicht so schwach sein.''
Dann griff sie nach einer der Lianen, die sich noch immer in ihrer Reichweite bewegten, und gab ihr den nächsten Befehl.
Die Pflanze reagierte sofort, spannte sich und schleuderte sie mit enormer Kraft nach oben, weit über das Blätterdach hinaus. Für einen kurzen Moment flog sie durch die Luft, bevor sie auf den Wipfeln landete und die unnatürliche Federung der Baumkronen nutzte, um sich weiterzubewegen. Ein Sprung folgte dem nächsten, schnell, effizient, ohne den geringsten Anflug von Zögern.
Innerhalb weniger Sekunden waren Alexandra und Zensa aus ihrem Netz verschwunden.
Der Wind zog kühl und konstant an ihr vorbei, während sie sich in großen, kontrollierten Sprüngen nach Norden bewegte. Unter ihr verschwamm der Wald zu einer fließenden Struktur aus Grün und Schatten.
In ihrer Tasche spürte sie Vinessa. Ein rhythmisches Trommeln gegen ihre Brust, ungeduldig, fordernd. Doch solange Leyla sich bewegte, konnte sie nicht heraus, gefangen im Stoff.
War es Wut? Enttäuschung?
Leyla wusste es nicht genau. Aber sie wusste, dass sie sich später erklären müsse.
Ihr Blick richtete sich nach vorn, Richtung Horizont, an dem die letzten Strahlen der Sonne langsam verglühten und den Himmel in ein gedämpftes, kaltes Licht tauchten.
„Ich muss mich unbedingt bei dir entschuldigen, wenn wir uns wiedersehen, Alexandra."
Der Gedanke war klar, festgehalten für später. Dann ließ sie ihn los.
Alexandra. Zensa.
Leyla schob sie aus ihrem Bewusstsein, nicht weil sie bedeutungslos geworden waren, sondern weil sie es in diesem Moment werden mussten.
Ihr Fokus richtete sich nach vorn.
Auf Randurin.
Auf Yang.



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