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Kapitel 214 - Unter den Sternen

Aktualisiert: 3. Mai

Fünf Minuten, bis sie und Atorm aufeinandertreffen würden. 


Unter Yang zogen die Wipfel des Tiefenwaldes in langen, dunklen Bahnen dahin, ein endloses Meer aus Grün und Schatten. Ihre Augen waren unbeirrbar nach Norden gerichtet, fest und ohne den geringsten Anflug von Zögern. Sie war unzufrieden mit der Situation, nicht aus Sorge, sondern aus rein rationaler Abwägung heraus. Sich Sorgen zu machen, hatte sie nicht nötig. Sie war sich vollkommen sicher, dass sie Atorm schlagen würde. Und Barbarossa gleich dazu. 


Leyla.


Yang hatte beschlossen, sie ebenfalls zu vernichten. Eine klare Entscheidung, getroffen ohne jeden Zweifel. Doch die gegenwärtige Lage verkomplizierte die Umsetzung, zwang sie dazu, den Zeitpunkt neu zu bewerten. 


Ob sie mit der Hinrichtung Leylas vielleicht doch noch warten sollte?


Vier Minuten, bis sie und Atorm aufeinandertreffen würden. 


Da war sie, jene Aura, wie Franca sie beschrieben hatte. Schwach in der Ferne und doch unverkennbar, ein fernes Pulsieren, das sich gegen jede Wahrnehmung stemmte. Yang aber konnte sie präzise erfassen. Eine Aura, die den Tod versprach. Eine Aura, die wie ein Gefängnis wirkte, eng, drückend und unerbittlich. 


Yang löste die inneren Fesseln ihrer eigenen Aura. Mit einem einzigen, vollkommen kontrollierten Impuls entfaltete sich ihre Kraft. Die Bäume unter ihr wurden von der plötzlichen Wucht zerschmettert, Stämme brachen, Kronen rissen auseinander, als würde die Welt selbst für einen kurzen Moment nachgegeben. 


Drei Minuten, bis sie und Atorm aufeinandertreffen würden. 


Yang begann, die Aura des Feindes systematisch zu analysieren. Die darin liegende Magie entsprach nichts, was sie zuvor jemals gespürt hatte. Sie war fremd in ihrer Struktur, ungewöhnlich in ihrer Wirkung, ein abstraktes Phänomen selbst für jemanden wie sie. Es war lange her, dass Yang etwas wirklich Neues gelernt hatte. 


Atorms Aura schien aus drei Schichten aufgebaut zu sein. 


Die äußerste war, was Franca als Käfig beschrieben hatte. Ein massiver Zauber, der jede Form des Entkommens unterband, ein geschlossenes System aus Druck und Begrenzung. Nicht Vollkommen, aber ausreichend, um jeden festzuhalten, der unter Atorm stand. Yang tat das nicht. Diese Erkenntnis war klar und endgültig – sie war mächtiger als er. 


Die mittlere Schicht entsprach dem Grundsatz jeder Aura. Eine vollständige Entfesselung des eigenen Manas, roh und unverfälscht. Theoretisch war jeder, der überhaupt über Mana verfügte, dazu in der Lage, eine Aura zu manifestieren. In der Praxis jedoch erschöpften die meisten ihr Mana längst, bevor ihre Aura auch nur einen nennenswerten Nutzen entfaltet hatte. 


Die innere Schicht war die mit Abstand ungewöhnlichste. Eine Aura, die aktiv Lebenskraft entzog, die jeden innerhalb ihres Wirkungsbereichs langsam aushöhlte. Sie speiste Atorm mit immer neuer Stärke, während sie seine Gegner kontinuierlich schwächte, ein Kreislauf aus Entzug und Verstärkung. 


Es war die mächtigste Aura, auf die Yang seit vielen Jahrhunderten getroffen war. Und doch verspürte sie nicht den geringsten Anflug von Beunruhigung, keinerlei Unsicherheit. 


Schließlich besaß ihre eigene Aura elf Schichten.



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Zwei Minuten, bis sie und Atorm aufeinandertreffen würden. 


Das grüne Dach des Tiefenwaldes wich mit einem Mal einer weiten Fläche aus Schnee. Weiß erstreckte sich bis zum Horizont, ungebrochen und still, während ein schneidender Wind um Yang herumpeitschte und die Luft in unaufhörlicher Bewegung hielt. Es war eisig, eine Kälte, die Haut aufreißen und den Atem zum Gefrieren bringen konnte. Doch Yang spürte sie nicht. Genauer gesagt, sie hatte seit der Geburt ihrer Existenz keinerlei Kälte mehr empfunden. 


Sie korrigierte sich.


Einmal hatte sie Kälte gespürt. Ein einziges Mal war sie wirklich in Bedrängnis geraten. 


Eine Minute, bis sie und Atorm aufeinandertreffen würden. 


Atorm hatte begonnen, sich zu bewegen. Er kam ihr entgegen, zielgerichtet und ohne den geringsten Anflug von Zögern. Ob es sein eigener Wille war oder ein Befehl des Schwarzen Sterns, spielte für Yang keinerlei Rolle. Das Ergebnis blieb dasselbe. 


In diesem Moment nahm sie drei schwache Lebensenergien wahr. Ihre Augen glitten kurz zur Seite und fanden einen Mann mit roten und weißen Haaren. Ein Rebell. Die Signatur war unruhig, nicht gefestigt. 


Dann richtete sich ihr Blick auf die beiden anderen, nur wenige Schritte von ihm entfernt. Eine Schattenläuferin, verborgen , doch für sie klar erkennbar. Und Sebastian. Der untote Prinz. Yang registrierte es ohne jede weitere Reaktion. Sie würde sich um ihn kümmern, sobald Atorm und Barbarossa gefallen waren. 


—BAMM—


Mit einem einzigen, ohrenbetäubenden Knall trafen die Hüllen ihrer Auren aufeinander. Die Wolken über ihnen wurden auseinandergerissen, als hätte eine unsichtbare Hand sie schlicht fortgewischt. Die Luft wich zurück, verdrängt von der schieren Gewalt dieses Aufeinandertreffens, während der Schnee unter ihnen zu schmelzen begann und in dampfenden Schwaden verging. 


Dann sah sie ihn. 


Atorm. 


Er hatte langes, schwarzes Haar, das ihm lose in sein Gesicht fiel. Sein Körper war in zerschlissene Stoffe gehüllt, die mehr verhüllten als kleideten. Seine Haut war aschgrau, leblos, sein Gesicht ohne jede Regung. Was Yang jedoch sofort erfasste, waren seine Augen. Fast vollständig schwarz, durchzogen von einem einzelnen blauen Punkt, aus dem feine Risse hervorgingen, die sich wie Sprünge durch eine Glasoberfläche zogen. 


Er schwebte ihr gegenüber am Himmel, vollkommen reglos, wie ein lauerndes Raubtier. 


Yang erhob die Stimme.


,,Du, der sich Atorm nennt, wirst hiermit zum Tode verurteilt.'' 


Sie sah, wie sich sein Mund öffnete, wie sich ein Wort formte, das den Raum zwischen ihnen füllen sollte. 


Dann traf ihn bereits Yangs erster Angriff. 


Die Kraft entlud sich augenblicklich, ohne jedes Vorzeichen, und riss ihn aus seiner Position. Sein Körper wurde nach unten geschleudert, durch die Luft gepresst und schließlich mit brutaler Wucht in den Schnee gedrückt.



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Für den ersten Angriff hatte Yang Windmagie eingesetzt. 


Nun folgte Feuermagie. Sie hob die Hand, präzise, vollkommen kontrolliert, und ließ Hunderte von Geschossen auf Atorm niedergehen. Die Hitze fraß sich durch die Oberfläche, ließ den Schnee augenblicklich schmelzen. Das Eis darunter gab nach, wurde zu Wasser, dann zu Dampf. Selbst der Stein begann sich unter der anhaltenden Energie zu verformen. 


Atorms Kraft schien dabei nicht abzunehmen. Keine wahrnehmbare Schwächung, kein einziges Anzeichen von Erschöpfung. Ob er etwa gegen Feuer immun war?


Yang musste sich eingestehen, dass sie ihn leicht unterschätzt hatte. Sie war davon ausgegangen, ihn ohne den Einsatz von Äthermagie vernichten zu können. Diese Annahme erwies sich nun als unzureichend. 


Ohne ihm auch nur einen Moment der Erholung zu gewähren, setzte Yang nach. Sie sammelte die sechs Elemente in ihrem Inneren, führte sie ineinander, zwang sie in ein gemeinsames, untrennbares Gefüge. 


Licht.


Schatten.


Feuer.


Wasser.


Wind.


Erde.


Dann entfesselte sich der Äther. 


Die Umgebung wurde in gleißendes Licht getaucht, als wäre die Nacht einem plötzlichen Tag gewichen. Die Ebene erstrahlte im schillernden Spektrum der vereinten Magie. Yang ließ erneut Geschosse auf Atorm niedergehen, dichter, präziser, getragen von der vereinigten Kraft aller Elemente. 


Dann hielt sie inne. Ohne Hast, ohne äußeren Zwang stoppte sie ihren Angriff und wartete, bis sich der aufsteigende Dampf endgültig gelegt hatte und die Sicht wieder frei wurde. 


Atorm stand unter ihr. 


Er befand sich genau im Zentrum eines Kraters aus glühendem Gestein, die Oberfläche ringsum war verformt und aufgerissen wie eine offene Wunde im Land. Doch Atorm war vollkommen unverletzt. Lediglich seine Kleidung war verbrannt, bis nichts mehr von ihr übrig geblieben war. 


Sein Körper wies keinerlei Merkmale auf, wie sie bei einem Menschen oder einer Wacal zu erwarten gewesen wären. Keine Geschlechtsmerkmale, keinerlei individuelle Strukturen. Nur glatte, graue Haut, gleichmäßig und ununterbrochen. Als wäre er als Hülle erschaffen worden. 


In seiner Hand begann sich eine schwarze Kugel zu formen. Die Energie verdichtete sich, zog sich zusammen, wurde kompakter, schwerer. 


Dann griff er Yang an. 



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Die schwarze Kugel schoss auf Yang zu. Sie wich zur Seite aus, sauber und ohne jede überflüssige Bewegung, doch die Kugel änderte ihre Richtung und verfolgte sie, als wäre sie magisch an sie gebunden worden. 


Was wohl geschehen würde, wenn die Kugel sie tatsächlich träfe?


Yang schleuderte einen Ätherblitz auf die Kugel, präzise gesetzt, in der festen Erwartung, sie damit auf der Stelle aufzulösen. Das Ergebnis wich jedoch von jeder logischen Entwicklung ab. Der Äther wurde weder abgewehrt noch umgeleitet, sondern schlicht und einfach absorbiert. 


Die Kugel verschlang Yangs Magie wie ein Raubtier, lautlos und restlos. In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass sie Atorm auf diesem Weg nicht würde besiegen können. Magie war hier kein Vorteil mehr, sondern ein konkretes Risiko. 


Plötzlich registrierte sie einen Einschlag von hinten. Eine zweite Kugel traf sie, ohne jede Vorwarnung, und schleuderte sie mehrere Meter durch die Luft. Ihr Körper wurde versetzt, verlor für einen kurzen Moment die gewohnte Ausrichtung. Schmerz empfand sie keinen, und doch war Yang überrascht. 


Wann hatte Atorm diese zweite Kugel überhaupt erschaffen? Sie hatte ihn seit Beginn des Aufeinandertreffens ununterbrochen beobachtet. 


Die erste Kugel raste weiterhin auf sie zu, unverändert in ihrer Geschwindigkeit. Yang stabilisierte sich in der Luft, drehte sich kontrolliert in die Bewegung hinein und holte aus. Mit einem einzigen, präzise gesetzten Schlag zerschmetterte sie die Kugel. 


Sie hatte nicht vorgehabt, sich treffen zu lassen. Doch nachdem die zweite Kugel sie erfasst hatte, wusste sie, dass von ihnen keine unmittelbare Gefahr ausging. Ihre Wirkung war begrenzt, ihre Kraft nicht ausreichend. 


Yang richtete sich neu aus und ließ den Blick zu Atorm wandern. 


Sie würde ihn im Nahkampf besiegen müssen, ganz ohne den Einsatz von Magie. Eine direkte Auseinandersetzung, reduziert auf Geschwindigkeit und rohe körperliche Kraft. 


„Wie lästig."



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Yang schoss auf Atorm zu, da bemerkte sie sein Grinsen. 


Innerhalb einer einzigen Sekunde formten sich drei Gewissheiten in ihrem Bewusstsein. 


Atorm fraß Magie. Er wirkte stärker als zuvor, und sie erkannte deutlich die Spuren ihrer eigenen Magie in seiner Aura, feine Rückstände, die sich in seine Struktur eingearbeitet hatten. Er wurde mit jedem Rest an Mana, der ihn berührte, ein wenig stärker, vollkommen gleichgültig, wie gering dieser Rest auch sein mochte. 


Yang ließ ihre eigene Aura erlöschen. 


Atorms Magie hatte ihr kaum Schaden zugefügt, weil das schlicht nicht ihr eigentlicher Zweck gewesen war. Vielmehr war sie markiert worden. An ihrem Handgelenk und in ihrem Nacken lagen feine Magiesignaturen, kaum sichtbar und doch eindeutig, die bereits damit begonnen hatten, ihr Mana auszusaugen. Ein stetiger, kontrollierter Entzug. 


Sie würde sich beeilen müssen.


Atorm war siegesgewiss. Er strahlte ein Selbstbewusstsein aus, das für Außenstehende absolut gewirkt hätte, unerschütterlich und ruhig, als wäre der Ausgang dieses Kampfes längst entschieden. 


Es gab etwas, das Yang übersehen hatte. 


Dann schlug sie zu. Ihre Hand wurde von Atorm abgefangen, präzise und ohne sichtbare Anstrengung. Zeitgleich trat sie nach ihm, doch auch dieser Angriff wurde gestoppt, als hätte er den gesamten Bewegungsablauf bereits im Vorfeld gekannt. 


Sie war schneller als er. Und dennoch traf keiner ihrer Angriffe sein Ziel. Er reagierte nicht im eigentlichen Sinne, wich nicht aus, blockte nicht erst im letzten Moment. Es wirkte vielmehr, als würde er ihre Bewegungen erahnen, noch ehe sie vollständig ausgeführt waren. 


Konnte er das Mana wahrnehmen, das durch ihren Körper floss? 


Yang ließ das gesamte Mana in ihrem Inneren verstummen. Jeder innere Schutz brach weg, jede Verstärkung wurde für den Moment aufgegeben, selbst die Kraft des Völkerjuwels der Wacal, die sie vor Jahrtausenden erhalten hatte. Alles wurde unterdrückt, restlos und ohne Ausnahme. 


Sie war nun vollständig auf ihre physische Kraft angewiesen. 


Atorm grinste.


,,Hast du endlich realisiert, dass du gegen mich gar nicht gewinnen kannst.'' 


Yang antwortete nicht. Ihre Reaktion war unmittelbar, direkt und ohne jede Verzögerung. Sie traf ihn mit voller Wucht mitten in den Bauch. 


Atorm wurde mehrere hundert Meter nach hinten geschleudert, sein Körper verlor jede Stabilität und wurde regelrecht durch die Luft gerissen. Yang setzte ihm augenblicklich nach. Sie brauchte keinerlei Magie gegen ihn. 


Sie war bei ihm, noch ehe er den Boden überhaupt erreicht hatte. Bereits im Flug griff sie nach seinem Bein und riss ihn nach unten, schleuderte ihn mit brutaler Wucht zu Boden. Der Aufprall riss die Oberfläche der Ebene auf. Ohne auch nur eine Sekunde Pause folgte der nächste Angriff. Sie packte seinen Hals, drückte zu und schlug wieder und wieder zu, jede einzelne Bewegung präzise gesetzt. 


Atorm versuchte, sich aus ihrem Zugriff zu befreien, doch seine Reaktionen waren zu langsam, schlicht nicht ausreichend, um sich ihrem Griff zu entwinden. Schließlich löste Yang den Griff, schleuderte ihn hoch in den Nachthimmel und setzte ihm sofort nach. 


Hoch über dem Boden drehte sie sich in der Luft und trat zu. Die Bewegung war sauber, getragen von reiner roher Kraft. Atorm wurde nach unten geschleudert, wie ein Meteorit, der unaufhaltsam auf die Erde zurast. 


—BUMM—


Der Aufprall war gewaltig, ließ den Boden bis tief unter ihnen erzittern und schleuderte Schnee und Gestein in alle Richtungen. Yang folgte unmittelbar, ohne Abstand, ohne Zögern. Ihre Faust traf seine Brust mit voller Wucht. 


—KRACK— 


Die Rippen, oder was auch immer Atorm in seinem Inneren trug, zerbrachen unter der Belastung. Die Struktur gab nach, nicht in der Lage dieser Kraft zu widerstehen. 


Yang trat einen Schritt zurück und blickte auf den Körper ihres Gegners hinab.



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Der Körper von Atorm war nicht mehr als Körper zu identifizieren. 


Er lag in einer Lache aus schwarzem Blut, die sich langsam in den gefrorenen Boden fraß, während einzelne Tropfen noch aus den Rissen sickerten, als würde selbst das Blut einem eigenen, fremden Rhythmus folgen. Seine Gliedmaßen waren teilweise abgerissen, teilweise vollständig zerfetzt, ohne erkennbare Struktur, als hätte etwas ihn jenseits jeder biologischen oder magischen Grenze auseinandergerissen. 


Sein Gesicht war völlig unkenntlich. Knochen, Gewebe und Schatten waren ineinander übergegangen, ohne klare Trennung. Selbst das Leuchten in seinen Augen war erloschen, als wäre dort niemals etwas gewesen, das Leben getragen hatte. 


Seine Aura war schwächer als zuvor. Yang trat einige Schritte zurück und wollte gerade ihre Magie erneut aktivieren, als sie eine Veränderung in der Luft wahrnahm. 


Die Atmosphäre wurde schwer, drückend, selbst für sie. Nicht durch Kälte oder physischen Druck, sondern durch eine Verschiebung in der Struktur der Welt selbst, als würde sich etwas im Fundament der Realität neu ordnen. Ihr Blick wanderte instinktiv zum Himmel. Die Sterne leuchteten grell, ein schneidender Kontrast zur endlosen Dunkelheit des Nachthimmels, zu scharf, zu präsent, als wären sie näher gerückt. 


Und Atorm begann sich zu regenerieren. 


Zuerst war es kein sichtbarer Vorgang, dann eine Bewegung im Zustand der Materie selbst. Das zerfetzte Fleisch zuckte nicht, es begann wieder zusammenzuwachsen. Schwarzes Blut hob sich in feinen Strängen vom Boden, zog sich zurück, als würde es gerufen werden, und formte sich erneut in die zerstörten Bereiche hinein. Knochenstücke richteten sich nicht einfach auf, sie fanden ihre ursprüngliche Position wieder, als hätten sie ein unsichtbares Gedächtnis, das jede Abweichung unerbittlich korrigierte. 


Dann wurden die Veränderung größer. Risse im Körper schlossen sich nicht langsam, sondern sprangen zusammen. Gewebe wuchs nicht, es kehrte zurück, Schicht für Schicht, bis die Form wieder vollständig war. Es war kein organischer Vorgang, sondern wirkte eher, als würde etwas die ursprüngliche Version des Körpers aus einem höheren Zustand heraus rekonstruieren. 


Innerhalb weniger Sekunden stand Atorm wieder. Kein Hinweis auf die vorherige Zerstörung blieb zurück. Keine Spur von Blut, kein Bruch, keine Unregelmäßigkeit. Sein Körper wirkte, als hätte er den Angriff niemals erlitten. Auch seine Aura kehrte zurück, nicht nur stabil, sondern erdrückend wie zuvor, schwer und präsent, als hätte sie den Zwischenzustand nur kurz verlassen. 


,,Du hast meinen Respekt. Ich dachte, du wärst nicht viel stärker als Bunj, wenn deine Magie einmal nutzlos ist. Dass du selbst ohne sie so viel stärker bist als ich, das überrascht mich wirklich sehr.'' 


Yangs Blick wanderte von Atorm zum Nachthimmel und wieder zurück zu ihm. Die Sterne standen unverändert über ihnen, doch etwas an ihrer Präsenz wirkte falsch, als hätten sie Anteil an dem, was hier gerade geschehen war. Vielleicht war es nicht die Himmelsstruktur selbst, vielleicht war es etwas anderes, das sich ihrer Analyse entzog, etwas jenseits dessen, was sie sicher erfassen konnte. 


Wenn sie eine Kuppel erschuf, die den Himmel verdeckte, würde er sich womöglich nicht erneut regenerieren. Es war eine Hypothese, nicht mehr, aber ausreichend, um sie umzusetzen. 


Atorm war ihr weit unterlegen. Er hatte ihre stärksten Waffen neutralisiert und sie in einen Kampf ohne Magie gezwungen. Gegen jeden anderen Gegner wäre das ein entscheidender Vorteil gewesen. Gegen Yang war es lediglich eine Einschränkung, keine Lösung. Ihr Körper war selbst für eine Wacal außergewöhnlich widerstandsfähig. 


Und doch musste sie einen Weg finden, ihn endgültig zu besiegen. 


Also sprang sie vor, schmetterte Atorm zu Boden und stieß sich unmittelbar in die Luft. In wenigen Sekunden gewann sie mehrere hundert Meter an Höhe. 


Dann hob sie die Hand, aktivierte das Mana in ihrem Inneren und schoss einen einzigen Strahl aus Äthermagie hoch in den Himmel. Augenblicklich löschte sie ihr Mana wieder und ließ sich fallen. 


Während sie auf Atorm zuraste, formte sich hinter ihr im Himmel eine Kuppel aus Äthermagie, die sich rasch ausbreitete und den gesamten Nachthimmel über ihnen versiegelte. 


Und zum ersten Mal erkannte Yang Unsicherheit in Atorms Haltung.

 
 
 

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