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Kapitel 215 - Das Kind des Todes

Aktualisiert: 3. Mai

Atorm rappelte sich auf und blickte in den Himmel, oder besser gesagt auf das, was ihn nun zu verdecken drohte. In seinem Inneren rasten die Gedanken in ihrer gewohnten Geschwindigkeit, präzise, geordnet ohne emotionale Verzerrung. 


„Äthermagie. Kann sie die Sterne als Konstante entfernen? Oder ist es nur visuell? Muss ich reagieren? Ich kann sie absorbieren." 


Er formte zwei schwarze Sphären. Die Energie verdichtete sich sofort, völlig stabil. Eine schoss er auf Yang, die zweite in Richtung des Äthermantels. 


Dann richtete er seinen Blick auf einen Punkt in der Luft unmittelbar hinter Yang. Dort erschuf er eine dritte Sphäre, verborgen ihrem toten Winkel, hinter ihrem Rücken, vollständig außerhalb ihres direkten Sichtfeldes. 


Er grinste.


„Eine wird treffen. Sie wird die hinter sich ohne Aura nicht wahrnehmen. Sie wird schwächer werden. Ich nicht. Ich werde immer wieder aufstehen. Ich gewinne." 


Yang schien unbeeindruckt. Doch Atorm registrierte die minimale Bewegung ihrer Augen, das blitzschnelle Erfassen der Flugbahnen. Die erste Sphäre raste auf sie zu und traf sie direkt in der Brust. Der Einschlag war kräftig genug, um sie rückwärts durch die Luft zu schleudern. 


Es war der zweite klare Treffer, den Atorm in diesem Kampf gelandet hatte. Für einen kurzen Moment wirkte es wie die Bestätigung seiner gesamten Berechnung. 


Er beobachtete, wie Yang rückwärts durch die Luft geschleudert wurde, exakt auf die dritte Sphäre zu. 


Doch dann veränderte sich ihr Bewegungsfluss. 


Yang drehte sich in der Luft, eine absolut kontrollierte Rotation ohne erkennbare Verzögerung, und griff nach der Sphäre. Atorms Manafluss geriet für den Bruchteil eines Moments ins Stocken. Entsetzt musste er zusehen, wie sie die Sphäre, die er für außerhalb jeder möglichen Wahrnehmung gehalten hatte, mit einer einzigen Bewegung erfasste und direkt auf die zweite Sphäre schleuderte, die noch immer auf den Äthermantel zuraste. 


—BUMM—


Die Kollision erzeugte eine massive Druckwelle, die sich radial ausbreitete und die Luft über dem gesamten Schlachtfeld für einen Moment verzerrte. 


„Wie hat sie das gemacht? Das sollte nicht möglich sein. Ich muss erneut handeln." 


Atorm sammelte sein Mana und stabilisierte den nächsten Angriff, doch in genau diesem Moment traf ihn bereits Yangs Faust im Magen. Der Schlag war nicht nur von erschreckender Schnelligkeit, sondern auch geschickt platziert, mit maximaler Übertragung der gesamten Kraft auf einen einzigen Punkt. 


Er wurde zurückgeschleudert, doch bevor er den nötigen Abstand vollständig herstellen konnte, packte Yang sein Bein und riss ihn zurück unter sich. 


Während sie erneut begann, auf ihn einzuschlagen, registrierte Atorm, wie sich der Äthermantel über ihnen endgültig und vollständig schloss.



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Lange bevor die ersten Sterblichen das Licht der Welt erblickten, existierten Kräfte fernab jeder Vorstellung. Konzepte wie das Leben waren damals eigenständige Entitäten, nicht bloß ein Zustand, sondern Wesen aus sich selbst heraus, bewusst und handelnd. Es war ein Zeitalter lange vor den Erzwesen, vor Kamera, vor den Wacal. 


Eine Zeit, in der ein Wesen regierte, das man heutzutage, wenn überhaupt, nur noch als „Der Rabe" kennt. 


Der Rabe hatte viele Feinde. Den Hunger, der die Welt verschlingen wollte. Das Gleichgewicht, das ihn aufgrund seiner Macht zu vernichten suchte. Die Mutter der Magie, die ihn als unwürdig betrachtete. 


Doch sein mächtigster Feind war der Tod. 


Auch zu jener Zeit existierte der Tod als das gesetzte Ende allen Lebens. Er verabscheute es, dass so viele Wesen unaufhörlich weiterlebten. Und so trat er an den Raben heran. 


,,Gib mir die Seelen jener, die sterben. Sie gehören mir.’’


Der Rabe stimmte zu, und so schien es, als wäre der Konflikt damit gelöst. Ein stiller Gedanke formte sich in den Tiefen seines Bewusstseins, als er die Ordnung der Dinge betrachtete und sie dennoch akzeptierte. 


Es verging Zeit, bis der Tod erneut an den Raben herantrat. 


,,Zu wenig Seelen gelangen zu mir. Sorge dafür, dass ich mehr erhalte.'' 


Was er forderte, war etwas, das der Rabe ihm nicht geben wollte. Und so entbrannte ein Kampf, unvorstellbar für die Sterblichen der heutigen Zeit. Die Realität selbst riss, als sich zwei Prinzipien der Existenz gegeneinander wandten. Zeit wurde unförmig, Raum verlor seine Bedeutung, und selbst die Idee von Ursache und Wirkung begann zu zerfallen. 


Der Rabe triumphierte. Er versiegelte den Tod. 


Dann bemerkte er etwas. Der Tod war durch den Kampf so schwer verletzt worden, dass ein Teil sich vor der Versieglung abgespalten hatte. Ein neuer Tod war entstanden, keine bloße Kopie, sondern eine eigenständige, noch vollkommen ungeschriebene Idee seines ursprünglichen Prinzips. 


Der Rabe überlegte und band den neuen Tod an den Himmel. Sein Versprechen bezüglich der Seelen der Verstorbenen wollte er nicht brechen. Zum Schutz schuf er fünf Wesen und platzierte sie am Firmament. 


Arkibe. Manifest. Brahatross. Skullaer. Lunar. 


Die Fünf Monde.


Und so entstand das Endlose Schwarz, das Ende aller Lebewesen. Jede Seele kehrt zu ihm zurück und speist es mit Kraft. Und als Dank werden besondere Seelen zu Sternen, die den Nachthimmel für alle Zeit erleuchten.



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Atorm spürte, wie er schwächer wurde. Seine Regeneration versagte nicht abrupt, sondern zerfiel in unvollständige, stockende Impulse. Seine Aura flackerte, als würde sie unter einer unsichtbaren Last versuchen, sich freizukämpfen, und immer wieder in sich zusammenfallen. 


„Warum verliere ich. Ich sollte nicht verlieren. Ich habe mich vorbereitet. Wie konnte sie mich überwinden? Sie kannte meine Fähigkeiten nicht. Ich muss sie besiegen." 


Immer wieder versuchte Atorm, sein Mana zu sammeln, es zu stabilisieren, zu verdichten – Sphären zu formen, präzise genug, um einen Riss im Äthermantel zu erzwingen. Doch jede Magie zerfiel, noch bevor sie Gestalt annehmen konnte. 


Yang gab ihm nicht die Zeit dazu. 


„Ich schaffe es nicht. Sie ist zu stark. Zu schnell." 


Seine Gedanken wurden träger, als würde selbst sein Bewusstsein in zähem Nebel versinken. Atorm, der es stets als selbstverständlich betrachtet hatte, zu überleben, zu dominieren, zu bestehen – erstmals erkannte er die Möglichkeit seines eigenen Endes nicht als bloße Theorie, sondern als unmittelbaren, greifbaren Zustand. 


„Ich muss sie vernichten. Alles oder nichts. Jetzt." 


Atorm ließ das gesamte Mana seines Selbst auf einmal entweichen. 


—BUMM—


Die Explosion war nicht bloß ein Ausbruch, sondern ein Zerreißen seiner eigenen Struktur. Druckwellen aus roher Energie schleuderten Yang mehrere Meter zurück. Der Boden vibrierte, als würde der Raum selbst zittern. 


Schwarzes Blut trat aus Atorms Mund. Langsam richtete er sich auf. Seine Haut begann sich zu lösen, feine Schichten seiner Existenz bröckelten wie verbrannte Kohle. Jede Bewegung war ein einziger, stechender Schmerz. Schmerz. Wieder etwas, das Atorm niemals als Bestandteil seiner Realität akzeptiert hatte. 


„Ich habe gewonnen. Nichts ist absolut." 


Ein Riss formte sich im Äthermantel. Atorm breitete die Arme aus, um den Sieg willkommen zu heißen. 


—KRACK—


Der Äthermantel zerbrach. 


Für einen Augenblick glaubte er, das Ende der Barriere gesehen zu haben. 


Doch…


…hinter dem ersten lag ein weiterer Äthermantel. 


Dicht. Unversehrt. Unnachgiebig. 


Er erstarrte. Kein Mana blieb ihm. Kein Rückgriff. Keine Struktur mehr, die er hätte formen können. 


„Ich muss den Nachthimmel sehen. Dann gewinne ich." 


Atorm setzte sich in Bewegung. Zunächst ein Stolpern, dann ein verzweifeltes Vorwärtsfallen, das sich langsam in Laufen verwandelte. Jeder Schritt hinterließ einen Bruch in seinem eigenen Körper, doch er zwang sich weiter – direkt auf den Äthermantel zu, als wäre bloßer Wille allein noch ein Gesetz, das die Realität zu biegen vermochte.



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Während sich die Welt unter dem Endlosen Schwarz veränderte, während die Mächtigen der Urzeit in den Hintergrund rückten, während die Erzwesen die Welt betraten und sich mit den Goblins das erste sterbliche Volk formte: 


Währenddessen sammelte es Kraft. 


Jede Seele nährte es.


Die Seele einer Mücke. Die Seele eines Menschen. Die Seele eines Titanen. 


Das allein war kein Grund zur Sorge. Die Monde hielten es fest am Firmament, unverrückbar, wie ein Urteil, das niemals infrage stand. 


Es wäre ewig so weitergegangen, wenn nicht eben jene Wächter einen Fehler gemacht hätten. 


Vier von ihnen, die lilane Lunar, der gelbe Brahatross, die blaue Manifest und der schwarze Arkibe – sie alle trugen denselben Makel in sich: den Wunsch nach etwas Neuem, nach etwas, das ihre Ewigkeit zu durchbrechen vermochte. 


Und dieser Wunsch wurde zum Riss. Am Ende blieb allein der weiße Skullaer zurück. 


Skullaers Kraft reichte aus, um das Endlose Schwarz zu binden. Unnachgiebig. Doch die Ordnung war nicht mehr geschlossen – sie war beschädigt. Und aus dieser kleinsten Unstimmigkeit heraus begann etwas, das kein Maßstab mehr war, sondern ein Prozess. 


Ein Tropfen. 


Unaufhörlich. 


Ein Teil der Essenz der Seelen löste sich aus der Bindung und fiel hinab in die Welt darunter. Nicht als Flut, nicht als Strahl, sondern als stetiges, kaum wahrnehmbares Entweichen, das kein Ende kannte. 


Und dort unten, wo nichts für dergleichen vorgesehen war, begann es zu wirken. 


Es formte keinen Körper im klassischen Sinne. Keine Geburt. Keinen Ursprung, den man hätte greifen können. Es formte einen Willen, der sich selbst nicht verstand. Einen Verstand, der nicht wusste, dass er einer war. 


Es formte Atorm.



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Plötzlich wurde Atorm von den Füßen gerissen. Sein Körper schlug hart auf den Boden auf, die Erschütterung durchfuhr ihn, als hätte die Welt selbst entschieden, ihn zu brechen. Für einen Moment blieb er einfach liegen, ohne Orientierung, ohne Richtung, ohne jeden Halt. 


Er hob den Blick, verwirrt. Sein Bewusstsein tastete nach Gedanken – doch dort war nichts mehr, das sich hätte greifen lassen. Kein klarer Satz, kein geordneter Impuls. Nur Fragmente, die sich auflösten, noch bevor sie irgendetwas von Bedeutung annehmen konnten. 


Yang stand dort, absolut unversehrt. Ihr weißes Kleid war in makellosem Zustand, als hätte kein Kampf stattgefunden. Ihr schwarzer Afro saß vollkommen, unberührt von Staub, Energie oder Zeit, als wäre selbst die Realität um sie herum gezwungen gewesen, Rücksicht zu nehmen. 


Die Wacal trat langsam auf Atorm zu. Ihr Blick blieb ruhig, beinahe distanziert, als würde sie kein Wesen betrachten, sondern einen Zustand, der sich seinem Ende näherte. Sie hielt inne, musterte ihn für einen kurzen, gleichgültigen Moment – und wandte sich dann ab, ohne ein einziges Wort. 


Atorms Sicht begann zu zerfallen. Die Konturen der Welt lösten sich in unregelmäßige Flächen aus Licht und Dunkelheit auf, die sich nicht mehr zu einem kohärenten Bild fügen wollten. Weiße Blitze zuckten durch sein inneres Wahrnehmungsfeld, nicht außen, sondern tief in dem, was einmal Bewusstsein gewesen war. 


„Ich…" 


Der Gedanke brach ab, noch bevor er sich vollständig hatte formen können. 


Und dann löste er sich auf.



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Ralf blickte sprachlos auf das, was er soeben mit eigenen Augen gesehen hatte, während er sich in den Schnee gepresst hielt, instinktiv klein gemacht, als könne ihn bloßes Verstecken vor dem Absoluten schützen. 


Er war nicht in der Lage gewesen, den Kampf zwischen Yang und Atorm zu begreifen. Zu schnell, zu fremd, zu weit außerhalb jeder Logik, die er kannte. Doch eine einzige Erkenntnis hatte sich ihm eingebrannt, klarer als jeder Gedanke zuvor: Atorm war tot. 


Es war das Ende von Randurin. Daran zweifelte er nicht. 


Langsam rappelte er sich auf. Jeder Muskel seines Körpers protestierte, als hätte selbst der Schnee ihn bestraft, Zeuge gewesen zu sein. Sein ganzer Körper tat weh. 


Atorm hatte sich aufgelöst. Kein Rest, kein Echo, kein Blut. Nichts war zurückgeblieben, als hätte er niemals existiert. 


Yang war erneut in den Himmel gestiegen. Die grelle Halbkugel, die zuvor das gesamte Schlachtfeld verschlossen hatte, löste sich ebenfalls auf – als wäre sie nur ein vorübergehender Gedanke gewesen, der nun nicht länger gebraucht wurde. 


Nur das Heulen des Windes blieb zurück.


„Es war von Anfang an aussichtslos, sich gegen das Kaiserreich zu stellen…" 


Der Gedanke formte sich schwer in seinem Kopf. Nicht wie ein Entschluss, sondern wie eine Erkenntnis, die sich gegen seinen Willen durchsetzte. Er schmeckte bitter, und doch war er nicht mehr zu verdrängen. 


Dann fiel sein Blick auf etwas. 


Zwei Gestalten, kaum mehr als Schatten in den Schneeverwehungen einer Düne. 


Jakira und Jester.

 
 
 

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