Kapitel 216 - Gefangen in der Dunkelheit
- empirewebnovel
- 3. Mai
- 12 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 4. Mai

Tag 1:
Liams ganzer Körper schmerzte. Es war kein klar lokalisierbarer Schmerz, sondern ein dumpfes, allgegenwärtiges Ziehen, das sich durch jede einzelne Faser zog und ihn daran hinderte, auch nur für einen Moment in einen Zustand wirklicher Ruhe zu gelangen. Verwirrt hob er den Kopf, so weit es seine Situation überhaupt zuließ, und versuchte, seine Umgebung zu erfassen.
Er hing mit ausgestreckten Armen von der Decke, die Handgelenke fixiert, sodass sein gesamtes Gewicht unerbittlich daran zog. Neben ihm befand sich kahler Stein, zu glatt, um Halt zu bieten, selbst wenn er ihn erreichen könnte. Es waren Wände, bestehend aus grauem, unbehandeltem Gestein, roh und massiv, als wären sie direkt aus dem lebendigen Fels geschlagen worden, ohne Rücksicht auf das, was darin eingeschlossen werden sollte.
Ein kleines Loch in einer der Wände ließ Licht herein. Es war kein grelles Licht, sondern ein blasses, gedämpftes Leuchten, das gerade ausreichte, um grobe Konturen sichtbar zu machen, und mehr versprach, als es hielt. Dunkelheit lag schwer im Raum und verschluckte jedes Detail, das über die unmittelbare Umgebung hinausging. Es war vollkommen unmöglich zu erkennen, ob sich noch etwas, oder jemand, mit ihm in dieser Zelle befand.
„Wo bin ich?"
Die Frage blieb nicht lange unbeantwortet. Stück für Stück setzte sich das Geschehene in seinem Kopf wieder zusammen. Die Bilder waren zunächst unscharf, bruchstückhaft, doch sie gewannen schnell an Klarheit und Schärfe.
Nidhoggs Leiche.
Das plötzliche Auftauchen von Kronprinz Sebastian.
Der Tod Claurians.
Und schließlich Hypos.
Hypos.
Der Name allein reichte aus, um seine Gedanken zu bündeln und zu fokussieren. Liam erinnerte sich daran, wie er ihn mitgenommen hatte. Ohne Erklärung. Und im Gegenzug hatte er den Rebellen seinen Bruder überlassen.
„Warum?"
Die Entscheidung ergab keinen Sinn. Nicht strategisch, nicht persönlich. Sie widersprach jeder Logik, die Liam kannte, jeder Berechnung, die er anzustellen vermochte.
—DONG—
Der Klang durchschnitt die Stille der Zelle, tief und getragen, mit einer Resonanz, die sich durch den Stein grub und in seinem Körper spürbar nachhallte.
„Eine Glocke?"
Der Ton war klar genug, um ihn einzuordnen.
„Vielleicht eine Kathedrale."
Sein Mund war von einem fein gewebten Leinentuch bedeckt. Es lag eng an, ließ kaum Raum zum Atmen und machte jedes Wort unmöglich. Selbst wenn jemand gekommen wäre, hätte er sich nicht verständlich machen können, hätte keinen Laut produzieren können, der mehr als ein dumpfes Rauschen ergeben hätte.
Während seine Gedanken weiterarbeiteten, glitten sie unwillkürlich zu jemand anderem.
Jakira.
Wie es ihr wohl ging?
Er zwang sich, ihr Bild vor Augen zu halten, fest und ohne Abweichung.
Ralf.
Ralf würde sich kümmern, würde sie beschützen, so gut es ihm möglich war.
Daran hielt er fest.
Schweiß rann ihm die Stirn hinab, sammelte sich an seinem Kinn und tropfte schließlich zu Boden. Die Hitze seines Körpers speiste sich aus Schmerz, Anspannung und tiefer Erschöpfung gleichermaßen.
Sein Magen knurrte.
Ein trockenes, unangenehmes Geräusch, das in der fast allgegenwärtigen Stille überdeutlich wirkte, beinahe obszön in seiner Banalität.
Doch niemand kam.
Der Tag, oder vielmehr den Zeitraum den Liam als Tag wahrnahm, verging, ohne dass Schritte zu hören gewesen wären, ohne dass ihm Nahrung oder Wasser gebracht wurde. Die Zeit verlor ihre Struktur, zerfiel in einzelne, formlose Abläufe, die sich nur noch durch das gleichmäßige Hämmern des Schmerzes und seiner Hoffnung voneinander unterschieden, die sich mit jedem Gedanken mehr in Leere verwandelte.
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Tag 2:
Liams ganzer Körper schmerzte, und im Gegensatz zum Vortag war es kein Zustand mehr, an den er sich erst gewöhnen musste, sondern eine konstante, drückende Realität, die jede seiner Empfindungen überlagerte und keinen freien Gedanken zuließ. Schlaf hatte er kaum gefunden. Wenn er für kurze Momente das Bewusstsein verloren hatte, war es kein erholsamer Schlaf gewesen, sondern ein unruhiges Abdriften, aus dem ihn die anhaltende Belastung seiner Arme oder ein neuer Schmerzimpuls sofort wieder zurückriss.
In der Nacht war die Kälte unerträglich gewesen. Sie hatte sich nicht nur über die Welt gelegt, sondern war tief in den Stein, in die Luft und schließlich in seinen Körper eingedrungen, Schicht für Schicht. Seine Muskeln hatten sich zusammengezogen, seine Knochen waren steifer geworden, und selbst sein Atem hatte sich flacher angefühlt, als würde der Raum die Luft rationieren. Nun jedoch, da das Licht des Tages endlich wieder durch die kleine Öffnung in der Wand fiel, veränderte sich die Temperatur allmählich. Es wurde wärmer, langsam, träge, doch spürbar genug, um den Kontrast zur Nacht deutlich spürbar zu machen.
Plötzlich wurde die Dunkelheit von einem blendenden Licht durchbrochen. Eine Tür hatte sich geöffnet, und für einen Moment wurde der Raum von einer Helligkeit erfüllt, die in den Augen brannte. Liam kniff sie zusammen, bis sich seine Sicht langsam anpasste, und richtete dann den Blick auf die Gestalt, die eingetreten war.
Kronprinz Hypos stand in der Tür.
Seine Kleidung war Gold, nicht nur in der Farbe, sondern in der Art und Weise, wie sie das Licht reflektierte und die gesamte Umgebung zu dominieren schien. Auf seinem Kopf saß eine schwarze Seemannsmütze, ein Detail, das in Kombination mit seiner sonstigen Erscheinung seltsam wirkte, aber dennoch nicht zufällig erschien, sondern eher wie eine bewusste Entscheidung.
,,Hallo, Elfenfreund. Ich hoffe, dir hat dein erster Abend in dieser Gaststätte gefallen.''
Das Wort ,,Gaststätte’’ wirkte fehl am Platz, offensichtlich absichtlich gewählt, um die Situation zu verzerren und jeder ernsthaften Einordnung den Boden zu entziehen. Liam reagierte nicht mit Worten, konnte es ohnehin nicht, doch ein leises, gedämpftes Schnauben entwich ihm durch das Tuch, das seinen Mund bedeckte.
,,Du fragst dich sicher, warum ich dich hier gefangen halte.''
Natürlich tat er das. Jeder Gedanke, den er noch klar zu fassen vermochte, drehte sich um genau diese Frage. Es gab keinen logischen Grund, keinen erkennbaren Nutzen, der dieses Vorgehen irgendwie erklärte.
,,Nun, das weiß ich selber nicht. Aber ich finde es bestimmt noch raus.''
Liam sah ihn an, diesmal ohne wegzusehen.
Irritation war das einzige Gefühl, das sich noch eindeutig einordnen ließ.
—DONG—
Der Klang hallte erneut durch den Raum, tief und getragen, als würde er aus großer Entfernung stammen und dennoch jede einzelne Oberfläche berühren.
,,Wieder die Kathedrale?’’
Der Gedanke kam automatisch, ohne dass Liam ihm weiter folgte.
Hypos bewegte sich nun näher auf ihn zu, ohne jede Eile, und griff schließlich nach Liams Fuß. Sein Griff war fest, kontrolliert, und im nächsten Moment gab er ihm einen gleichmäßigen Stoß. Die Bewegung setzte Liams Körper in Schwingung, ein gleichmäßiges Hin und Her, das seine ohnehin schwer belasteten Arme zusätzlich beanspruchte und einen neuen Strom aus Schmerz durch seine Schultern schickte.
,,Weißt du, Liam? Mir ist heute Morgen eine Erleuchtung gekommen. Du bist ein Elf.''
Liam schloss die Augen. Es war keine bewusste Entscheidung, sondern ein reiner Reflex, um sich von dem Gesagten zu distanzieren, um dem, was Hypos aussprach, keinerlei weitere Bedeutung einräumen zu müssen.
,,Das heißt, du brauchst Nahrung und Wasser. Sollst du haben.''
Die Aussage klang sachlich, fast fürsorglich, und genau darin lag etwas zutiefst Verwirrendes, das schwerer wog als jede offene Grausamkeit.
Ohne eine weitere Erklärung drehte sich Hypos um und verließ den Raum. Die Tür schloss sich hinter ihm, und mit ihr verschwand auch das zusätzliche Licht. Die Zelle fiel zurück in ihre gedämpfte, ungleichmäßige Beleuchtung, als wäre der kurze Moment der Helligkeit bloß Einbildung gewesen.
Liam spürte, wie sich das Tuch vor seinem Mund auflöste. Die Fasern gaben nach, zerfielen und verschwanden, bis nichts mehr übrig war, das ihn am Sprechen oder Atmen hinderte.
—TROPF—
Ein einzelnes Geräusch durchbrach die Stille.
Liam hob den Kopf so weit es ihm möglich war, seine Nackenmuskulatur reagierte verzögert und angespannt von der dauerhaften Belastung.
Über ihm bildete sich Wasser.
—TROPF—
Ein Tropfen fiel, traf genau den Punkt, an dem er den Mund öffnete, und verschwand darin. Die Nässe war unmittelbar spürbar, ein kurzer, klarer Kontrast zu dem trockenen, ausgedörrten Gefühl, das sich in seinem Körper ausgebreitet hatte.
—TROPF—
Ein weiterer Tropfen folgte, in gleichmäßigem Abstand, als wäre der Rhythmus mit Bedacht gewählt worden.
Während Liam sich darauf konzentrierte, die Tropfen aufzufangen, fiel sein Blick auf etwas anderes. Etwa fünfzehn Zentimeter vor ihm hing ein Laib Brot von der Decke. Er war nicht direkt vor seinem Gesicht platziert, sondern leicht versetzt, sodass er ihn nicht erreichen konnte, ohne sich aktiv in Bewegung zu setzen. Der Laib bewegte sich minimal, kaum sichtbar, doch genug, um zu zeigen, dass er nicht starr fixiert war.
—TROPF—
„Ich muss mich schwingen, um das Essen zu erreichen…"
Die Erkenntnis setzte sich langsam fest, nicht als plötzlicher Einfall, sondern als unausweichliche Schlussfolgerung aus seiner Situation, die sich mit jedem Tropfen ein wenig deutlicher abzeichnete.
—TROPF—
Er spürte seine Arme kaum noch im herkömmlichen Sinne. Das Gefühl war nicht verschwunden, sondern überlagert von einem konstanten, pulsierenden Schmerz, der jede Handlung begleitete und sich mit jeder Bewegung weiter verstärkte.
—TROPF—
Der Rhythmus blieb unverändert.
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Tag 3:
Liams ganzer Körper schmerzte, und mittlerweile hatte der Schmerz eine Intensität erreicht, die sich kaum noch in Worte fassen ließ. Er war allumfassend geworden, lag wie ein konstanter, unerbittlicher Druck auf seinem gesamten Körper und ließ keine einzige Stelle unberührt. Schlaf hatte er wieder nicht gefunden. Selbst die kurzen, unfreiwilligen Pausen, in denen sein Bewusstsein am Vortag kurz ausgesetzt hatte, blieben diesmal vollständig aus. Er war durchgehend wach gewesen, gefangen in einem Zustand, der weder Ruhe noch Erschöpfung kannte, sondern nur ein fortwährendes, zermürbendes Anhalten.
Sein Zeitgefühl war vollständig verschwunden. Es gab keine klaren Anhaltspunkte mehr, keine Struktur, an der er sich auch nur annähernd hätte orientieren können. Das Licht, das durch die Öffnung in der Wand fiel, war heller als zuvor, doch ob das bedeutete, dass es bereits Mittag war, konnte er nicht mit Sicherheit sagen. Selbst ob es Tageslicht war, wusste Liam nicht.
—TROPF—
Das Geräusch war unverändert geblieben. Gleichmäßig, präzise, beinahe mechanisch, als würde es von etwas gesteuert werden, das keinen Zufall kannte und keinen brauchte.
Die Temperatur hingegen hatte sich drastisch verändert. Die Kälte der Nacht war verschwunden und hatte einer Hitze Platz gemacht, die sich im gesamten Raum festgesetzt hatte, ohne Lücke, ohne Ausweg. Sie war nicht bloß unangenehm, sondern drückend, schwer, als würde die Luft selbst dichter werden und weniger Raum für das lassen, was sie tragen sollte. Jeder Atemzug fühlte sich anstrengender als der vorherige an, als müsse er gegen einen unsichtbaren Widerstand ankämpfen, den er nicht bezwingen konnte.
,,Bin ich in der Wüste?’’
Der Gedanke entstand langsam, beinahe zögerlich, doch er ergab Sinn. Die extremen Unterschiede zwischen Tag und Nacht, die plötzliche Hitze, die vorherige, beißende Kälte – es fügte sich zu einem Bild zusammen, das zumindest eine Erklärung anbot, wo keine andere zu finden war.
—TROPF—
Liam richtete seinen Blick auf seine Arme.
Was er sah, ließ keinen Raum für Zweifel. Die Haut hatte sich verfärbt, war durchzogen von dunklen, ungesunden Tönen, die sich nicht mehr wie lebendiges Gewebe anfühlten. Lila, Schwarz, stellenweise beinahe grau. Die Struktur wirkte fremd, abgestorben, als gehöre sie nicht mehr zu ihm, als hätte sein Körper begonnen, sich von ihm zu verabschieden.
Das Fleisch starb.
Langsam.
Unaufhaltsam.
Er brauchte keine weitere Bestätigung, um zu wissen, wohin das führen würde.
—TROPF—
Dann öffnete sich die Tür.
Das einfallende Licht schnitt erneut scharf in den Raum und verdrängte für einen kurzen Moment die dumpfe Gleichförmigkeit der Zelle. Hypos trat ein, in derselben ruhigen, vollkommen kontrollierten Art wie zuvor, als hätte sich für ihn nicht das Geringste verändert.
Im selben Moment verstummte das Tropfen.
Die plötzliche Stille wirkte beinahe lauter als das Geräusch zuvor.
,,Liam! Wie geht es dir heute?’’
Die Frage wurde mit einer Leichtigkeit gestellt, die in direktem Widerspruch zu allem stand, was sie umgab.
Liam reagierte ohne zu zögern. Er sammelte, so gut es ihm möglich war, Speichel und spuckte in die Richtung des Kronprinzen. Die Bewegung war schwach, ungenau, kaum mehr als eine Geste, doch sie trug alles an Ablehnung in sich, was ihm in diesem Moment noch blieb.
Hypos wich lediglich einen knappen Schritt zur Seite. Die Bewegung war minimal, beinahe beiläufig, als hätte er nichts anderes erwartet und auch nichts anderes verdient.
,,Warum folterst du mich? Was willst du von mir?''
Seine Stimme war rau, brüchig, doch die Wut darin war deutlich. Sie hatte sich gehalten, trotz allem, was ihm widerfahren war, trotz der Kälte, der Hitze, des Dröhnens, der Stille, des Schmerzes.
Hypos hob eine Hand und kratzte sich nachdenklich am Kopf, als würde er über eine einfache, vollkommen belanglose Frage nachdenken.
,,Ich hab dir Essen, Trinken und ein Dach über dem Kopf gegeben. Sei glücklich. Timothy hat weniger als du.''
Der Name sagte Liam nichts.
,,Timothy?’’
Ein flüchtiger Gedanke, der sofort wieder verblasste.
Es spielte keine Rolle.
—DONG—
Der Klang der Glocke erfüllte erneut den Raum, tief und tragend, als würde er von einer Struktur ausgehen, die weit größer war als alles, was Liam bisher auch nur erahnt hatte.
„Ist das wirklich eine Kathedrale?"
Die Frage blieb unbeantwortet.
Hypos reagierte nicht darauf. Stattdessen richtete er seine Aufmerksamkeit vollständig auf Liam und begann, einen Zauber zu wirken. Die Veränderung setzte unmittelbar ein und war so deutlich, dass sie sich nicht ignorieren ließ.
Zuerst reagierten die Muskeln. Die Spannung kehrte zurück, die geschwächten Fasern richteten sich neu aus und gewannen ihre ursprüngliche Struktur und Kraft zurück. Danach folgte das Gewebe. Das abgestorbene Fleisch regenerierte sich, verdrängte die dunklen Verfärbungen und wurde durch neue, intakte Substanz ersetzt, als hätte der Körper beschlossen, die letzten Tage einfach auszulöschen. Selbst die Wunden an seinen Handgelenken schlossen sich, die Haut zog sich zusammen, als wäre sie nie aufgerissen gewesen.
Der Prozess war vollständig. Und viel zu schnell.
,,Wir wollen ja nicht, dass du mir wegstirbst, bevor ich weiß, was ich mit dir mache.''
Die Worte klangen ruhig, sachlich, als würde er eine einfache Notwendigkeit aussprechen, die ihn selbst kaum interessierte.
Dann wandte sich Hypos ab und verließ den Raum, ohne einen weiteren Blick zurückzuwerfen. Die Tür schloss sich hinter ihm, und das Licht wurde wieder auf das gedämpfte Niveau reduziert, das zuvor geherrscht hatte, gleichmütig und unveränderlich.
Liam blieb zurück.
Sein Körper war wiederhergestellt, doch der Zustand, in dem er sich befand, hatte sich nicht im Geringsten verändert. Die Wände waren dieselben. Die Ketten waren dieselben. Der Raum war derselbe.
Er sagte nichts. Er konnte nichts sagen.
—Tropf—
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Die Tage verschwammen ineinander, ohne klare Trennung, ohne Anfang und Ende. Was einst als einzelne, grob wahrnehmbare Abschnitte existiert hatte, verlor jegliche Form und wurde zu einem gleichförmigen Strom aus Momenten, die sich nicht mehr voneinander unterscheiden ließen. Mal erschien Hypos, trat durch die Tür, sprach, veränderte etwas – und mal blieb er aus, ließ Liam allein zurück mit der Stille, dem Schmerz und der eigenen, zunehmend unzuverlässigen Wahrnehmung. Es gab kein Muster, keine Regelmäßigkeit, an der man sich hätte orientieren können, und genau darin lag eine eigene, kaum greifbare und doch wirksame Struktur.
In einer dieser Wochen brachte Hypos ihm einen Hund.
Das Tier wirkte fehl am Platz in der Zelle, ein lebendiges Wesen in einem Raum, der sonst nur aus Stein, Kälte und Kontrolle bestand. Für einen kurzen Moment veränderte sich die Atmosphäre spürbar. Die bloße Präsenz des Hundes durchbrach die Monotonie, brachte etwas in den Raum, das nicht direkt mit Schmerz oder Zwang verbunden war. Der Kronprinz hatte ihn Aragi II. genannt, in demselben Tonfall, in dem er alles benannte, als wäre es selbstverständlich, dass Dinge ihren Platz durch seine Worte erst erhielten.
Dieser Zustand hielt nicht lange an.
Hypos nahm den Hund wieder mit, ebenso plötzlich, wie er ihn gebracht hatte. Es gab keine Erklärung, keine Rechtfertigung, nur eine beiläufige Aussage, die beinahe wie ein nachträglicher Gedanke wirkte, der ihm erst auf dem Weg zur Tür eingefallen war.
,,Aragi II. wird anderweitig gebraucht. Tut mir leid, Lima.''
Die Tage setzten sich fort, jeder auf seine eigene, unvorhersehbare Weise. An einem Tag erhielt Liam statt des trockenen Brotes einen Braten, warm und reichhaltig, etwas, das in diesem Kontext beinahe grotesk wirkte, weil es so vollständig nicht zu dem passte, was er sonst bekam. An einem anderen Tag veränderte Hypos seine Position und ließ ihn von den Füßen hängen, verlagerte die Belastung seines Körpers und damit auch den Schmerz auf andere Stellen, ohne dass sich dadurch irgendetwas verbesserte. Es gab keine erkennbare Absicht hinter diesen Entscheidungen, zumindest keine, die Liam hätte erfassen können.
Kein Tag glich dem anderen.
Und dennoch existierten Konstanten.
—DONG—
Der Klang durchzog alles. Tief, regelmäßig, unverrückbar. Er kam aus der Ferne und war doch stets präsent, als würde er nicht nur durch den Raum, sondern durch die gesamte unsichtbare Struktur dieses Ortes getragen werden. In Liams Vorstellung hatte er längst eine feste Form angenommen. Eine Kameristische Kathedrale, gewaltig und fern, ein Ort, der diesem Geräusch einen Ursprung gab, der verständlich genug war, um daran festzuhalten, wenn alles andere sich auflöste.
—TROPF—
Das zweite Geräusch war näher, unmittelbarer, und strukturierte seine Wahrnehmung auf eine ganz andere Weise. Jeder einzelne Tropfen war ein klar abgegrenzter Moment, ein Punkt in der Zeit, der sich wiederholte, ohne sich jemals zu verändern. Es war ein Rhythmus, der nichts erklärte, der keine Antworten gab, aber dennoch alles bestimmte, alles ordnete, weil es nichts anderes gab, das diese Aufgabe übernehmen konnte.
Zu Beginn hatte Liam noch gedacht. Er hatte sich bewusst an Dinge erinnert, hatte Namen wiederholt, hatte versucht, Verbindungen aufrechtzuerhalten, die ihn mit der Welt außerhalb dieser Zelle verbanden. Leyla. Jakira. Ralf. Theol, der Schwarze Stern. Randurin. Es waren Anker gewesen, fragil, aber notwendig, unerlässliche Strukturen, um sich selbst nicht vollständig zu verlieren.
Doch diese Gedanken hielten nicht.
Nicht, weil er sie aufgegeben hatte, sondern weil sie mit der Zeit an Klarheit verloren. Sie wurden undeutlicher, schwerer zu greifen, bis sie schließlich verschwanden. Es geschah nicht plötzlich, sondern schleichend, kaum wahrnehmbar, bis der Moment erreicht war, in dem sie einfach nicht mehr da waren – und er nicht einmal genau sagen konnte, wann das gewesen war.
Liam dachte nicht mehr.
An ihre Stelle trat ein anderer Zustand.
Eine Trance, die sich weder wie Schlaf anfühlte noch wie echtes Wachsein, sondern wie ein Dazwischen, in dem Wahrnehmung und Bedeutung auseinanderfielen und sich weigerten, wieder zusammenzufinden. In diesem Zustand begann er, mit sich selbst zu sprechen. Die Worte folgten keinem Ziel, waren nicht klar strukturiert, sie entstanden und verschwanden, ohne dass er sie bewusst steuerte oder auch nur bemerkte, dass er sprach.
Er begann, den Raum zu benennen.
Die Wände erhielten Namen, nicht aus Logik heraus, sondern aus einem tiefen, inneren Drang, der wachsenden Leere etwas entgegenzusetzen. Ralf. Theol. Aragi III. König Wand. Jeder Name stand für etwas, das einmal Bedeutung gehabt hatte, und wurde nun auf etwas übertragen, das diese Bedeutung unmöglich tragen konnte – und doch tat es das, weil es nichts anderes mehr gab.
Und dennoch war da noch ein Rest.
Der klare Liam verschwand nicht vollständig. Er trat in unregelmäßigen Abständen hervor, durchbrach die Trance für kurze, kostbare Momente und erkannte, was geschah. In diesen Augenblicken versuchte er, sich festzuhalten, gegen das anzukämpfen, was sich langsam und unaufhaltsam in ihm ausbreitete.
Gegen den Wahnsinn.
Nicht als plötzlicher Bruch, sondern als schleichender, sorgfältig aufgebauter Prozess, nicht durch direkte Gewalt herbeigeführt, sondern durch das systematische Entfernen von Struktur, von Verlässlichkeit, von allem, was Bedeutung getragen hatte.
Doch dieser Widerstand hielt nicht stand.
Mit jedem weiteren Tag in den Ketten, mit jedem Moment in dieser kontrollierten Unordnung, mit jedem —TROPF— und jedem —DONG— verlor der klare Liam an Raum.
Und etwas anderes begann, diesen Raum auszufüllen. Etwas, das durch den Wahnsinnigen Prinzen gesät worden war.



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