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Kapitel 23 - Die Federn des Raben

9. Sept. 2024
12 Min. Lesezeit

„Roxy?! Was machst du denn hier?" Leylas Stimme überschlug sich beinahe vor Überraschung. Noch immer grinste sie breit, während sie sich langsam wieder aus der kurzen Umarmung löste. 


„Ich freue mich auch, dich zu sehen, Leyla." Roxys Stimme klang wie immer ruhig, fest und voller Energie. „Ich habe beschlossen, mich einer Abenteurergilde anzuschließen." Locker verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Und du?" Ihr Blick fiel kurz auf Leylas Tasche. „Konntest du schon in die Bibliothek?" 


Allein bei dem Wort „Abenteurergilde" machte Leylas Herz einen kleinen Sprung. 


„Noch nicht", gab sie zu. „Für die Bibliothek braucht man wohl irgendeine offizielle Erlaubnis." Ihre Augen begannen zu leuchten. „Genau deswegen wollen wir eine eigene Abenteurergilde gründen. Uns fehlt nur noch eine vierte Person." Sie trat einen halben Schritt näher. „Willst du nicht mitmachen?" 


Roxy hob leicht eine Augenbraue. „Wer genau gehört denn zu diesem ‚wir'?" 


„Meine Wenigkeit." 


Liam trat mit einem charmanten Lächeln neben Leyla und strich sich locker durch die Haare. „Ich bin Liam. Freut mich, dich kennenzulernen." Er streckte Roxy die Hand entgegen. „Du musst Roxy sein, oder? Leyla hat bereits von dir erzählt." 


„Und ich bin Fer Stahl." Fers tiefe Stimme klang angenehm ruhig. Er hob kurz eine Hand zum Gruß, ohne dabei seinen Frühstücksbecher, den er aus der Taverne mitgenommen hatte, aus der Hand zu legen. „Freut mich." 


Leyla spürte ein warmes Kribbeln im Bauch. Die Vorstellung, gemeinsam mit Roxy als Abenteurerinnen durch die Welt zu reisen, fühlte sich seltsam richtig an. Sicherer. Beruhigend. 


Roxy ließ den Blick langsam über die Gruppe wandern.


„Und was genau könnt ihr?" fragte sie schließlich. 


„Liam ist ein ziemlich guter Magier", begann Leyla. Dann sah sie zu Fer. 


„Ich habe eine Streitaxt." Fer nahm noch einen Schluck aus seinem Becher. „Und Köpfchen." Sein Blick ruhte einen Moment auf Roxy. „Du wirkst fähig. Von mir aus kannst du dich uns anschließen." 


Liam streckte sich demonstrativ. „Ich bin übrigens nicht nur ein talentierter Magier", erklärte er mit hörbarem Stolz. „Ich beherrsche auch jede Art von Waffe." Dann deutete er grinsend auf Leyla. „Sprich: Ich gleiche ihre Defizite aus." 


Roxy sah ihn einige Sekunden schweigend an. Dann runzelte sie leicht die Stirn. 


„Wow", sagte sie trocken. „Das ist ja sooo beeindruckend." 


Leyla verbiss sich ein Grinsen. Liam dagegen wirkte kurz beleidigt. „Das war kein Witz", murmelte er. 


„Und?" Leyla sah hoffnungsvoll zu Roxy auf. „Machst du mit?" 


Roxy seufzte gespielt schwer. „Na schön." Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Einverstanden." 


Noch bevor Liam etwas erwidern konnte, zog Roxy Leyla leicht zur Seite und senkte die Stimme. 


„Der Zwerg wirkt nett", murmelte sie. „Aber der Elf…" 


Leyla musste lachen. „Er ist manchmal etwas anstrengend", gab sie zu. „Versuch einfach, das zu ignorieren." 


Roxy warf Liam noch einen prüfenden Blick zu. „Wenn der dir gegenüber noch einmal so einen Spruch bringt…" 


Leyla schmunzelte nur. Dann sah sie zwischen den anderen hin und her. 


„Wie gründet man eigentlich eine Gilde?"



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„Bei der Abenteurergilde natürlich." Liam machte eine ausladende Handbewegung in Richtung der Straße vor ihnen. „Kommt einfach mit." 


„Dort müssen wir uns offiziell anmelden", ergänzte Fer mit einem knappen Nicken. 


Leyla runzelte die Stirn, während sie gemeinsam mit der Gruppe durch die belebten Straßen Malyls liefen. 


„Du, Fer…" begann sie langsam. „Ich finde das ehrlich gesagt ziemlich verwirrend." 


„Oh nein", murmelte Liam amüsiert. „Jetzt geht's los." 


Leyla ignorierte ihn. „Wir gehen also zur Abenteurergilde, um eine Abenteurergilde zu gründen?" Sie verzog das Gesicht. „Das klingt komplett doppelt gemoppelt." 


Fer warf ihr einen kurzen Blick zu und kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. „Es klingt komplizierter, als es eigentlich ist", erklärte er, während er locker an den vorbeiziehenden Marktständen entlangschlenderte. „Die Abenteurergilde ist eine der fünf großen Reichsgilden – daneben gibt es noch die Handelsgilde, die Söldnergilde, die Handwerksgilde und die Magiergilde. Dieses System wurde vor ungefähr hundert Jahren eingeführt, offiziell um Mitglieder besser zu vernetzen, Informationen auszutauschen und Aufträge zentraler zu verwalten."  


„Und damit das Reich mehr Kontrolle über Abenteurer bekommt", warf Roxy trocken ein. 


Fer zuckte mit den Schultern. „Das ebenfalls." 


Liam schnaubte leise.


„Jedenfalls", setzte Fer fort, „existierte die Abenteurergilde schon lange vor diesem System. Früher hieß sie einfach Abenteurerverbund." Er hob einen Finger, als würde er einen Vortrag halten. „Damals sammelte der Verbund Aufträge, organisierte Reisen und half kleineren Gruppen. Die eigentlichen Abenteurer gründeten aber trotzdem ihre eigenen kleinen Gilden." 


Leyla blinzelte. „Und dann hat man beschlossen, die große Organisation… auch einfach Abenteurergilde zu nennen?" 


„Exakt." 


Leyla schnaubte genervt. „Das ist doch bescheuert." 


Roxy lachte leise neben ihr. „Ich finde eher amüsant, wie sehr dich das aufregt." 


„Weil es unnötig kompliziert ist!" verteidigte sich Leyla. „Man hätte der großen Gilde doch einfach einen anderen Namen geben können." 


„Zum Beispiel?" fragte Liam grinsend. 


„…Keine Ahnung." 


Roxy lachte. Fer grinste leicht in seinen Bart hinein. Leyla verschränkte schmollend die Arme, konnte sich ein kleines Lächeln dabei jedoch nicht verkneifen. Trotz der Verwirrung spürte sie, wie ihre Aufregung immer größer wurde. Sie würden eine eigene Gilde gründen. Gemeinsam. Der Gedanke fühlte sich gleichzeitig unwirklich und unglaublich aufregend an. 


Während sie weiterliefen, brannte die Nachmittagssonne erbarmungslos auf Malyl herab. Über dem grauen Kopfsteinpflaster flimmerte die Hitze, und viele Passanten hasteten von Schatten zu Schatten, um der drückenden Wärme zu entkommen. Schweißgeruch, Gewürze und der Duft der Stadt lagen schwer in der Luft. 


Dann hob Leyla den Blick. 


Vor ihnen erhob sich ein großes Gebäude aus hellem Stein. Das alte Schloss.


Drei Banner hingen über dem Eingang – ein Buch, eine Kugel und ein Rabe. Leyla betrachtete die Symbole einen Moment, ehe sie gemeinsam mit den anderen durch die Türen trat. 


Angenehme Kühle schlug ihr entgegen.



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Der Sitz der mittelländischen Abenteurergilde befand sich in einem Seitengebäude eines alten Schlosses, das einst einer einflussreichen Adelsfamilie gehört hatte. Nachdem diese Familie vom Kaiser enteignet worden war, hatten die de Coteaus, die neuen Herrscher der Mittellande, große Teile der Anlage für öffentliche Einrichtungen freigegeben. 


Schon beim Betreten spürte Leyla die Geschichte dieses Ortes. Das Gebäude wirkte gleichzeitig prachtvoll und alt – jeder Flur, jede verzierte Säule und jede Tür schien Geschichten aus vergangenen Jahrhunderten in sich zu tragen. Der Geruch von altem Holz, Staub und kaltem Stein hing in der Luft und verlieh dem Schloss eine beinahe ehrfürchtige Atmosphäre.  


Leyla sah sich mit offenem Staunen um. 


Inmitten der Eingangshalle stand eine gewaltige Skulptur aus weißem Marmor. Die Beine der Figur waren kräftig und muskulös wie die eines Mannes, während der Oberkörper weibliche Rundungen besaß. Zwei große Flügel wuchsen aus dem Rücken der Statue, fein gearbeitet und fast schon lebendig wirkend. Doch das Gesicht war vollständig von einer schwarzen Maske bedeckt – die ein verzerrtes Grinsen zeigte. 


Etwas daran ließ Leyla unwillkürlich frösteln. 


In der Hand hielt die Statue eine schwarze Angelschnur, an deren Ende ein einzelner goldener Angelhaken hing. Leyla trat näher heran und überflog die kleine Metallplakette am Sockel. 


„Das Ebenbild eines perfekten Menschen." 


„Eines perfekten Menschen…?" Sie legte leicht den Kopf schief und musterte die Statue erneut. „Also ich weiß ja nicht." Einen Schritt zurücktretend, verschränkte sie nachdenklich die Arme. „Wobei… vielleicht wollte der Künstler damit irgendetwas ausdrücken. Das macht Kunst doch irgendwie aus, oder?" Ihr Blick wanderte zu den Flügeln. „Sieht jedenfalls eher wie ein Engel aus." 


Dann sah sie wieder zur Maske. Für einen kurzen Moment hatte sie das unangenehme Gefühl, die leeren Augenlöcher würden sie direkt anstarren. Sie wandte den Blick ab. 


Die Wände der Halle waren mit großen Gemälden geschmückt. Adlige in prunkvollen Gewändern blickten streng auf die Besucher herab, als würden sie noch immer über das Schloss wachen. Der Boden bestand aus schwarzen, spiegelnden Fliesen, auf denen sich das Licht der Kronleuchter brach und der gesamten Halle einen kühlen Glanz verlieh. Hohe Decken. Vergoldete Türrahmen. Fein gearbeitete Säulen. Selbst Fer wirkte, wie Leyla im Augenwinkel erkannte, kurz beeindruckt, obwohl er sich sichtlich bemühte, es nicht zu zeigen.  


Von der Haupthalle führten drei Wege tiefer in das Schloss.  


Der erste Gang führte zur Bibliothek. Dämmriges Licht fiel durch schmale, bunt verglaste Fenster und tauchte den Korridor in ruhige Farben. Am Ende standen massive Holztüren mit goldenen Beschlägen, davor zwei bewaffnete Wachen mit ernsten Gesichtern. 


Leyla blieb automatisch stehen. Allein der Anblick der Türen ließ ihre Neugier wieder aufflammen – hinter diesen Mauern befand sich vermutlich mehr Wissen, als sie jemals zuvor an einem Ort gesehen hatte. Fast schon unbewusst machte sie einige Schritte auf den Eingang zu. 


Doch noch bevor sie näher kam, verschränkte eine der Wachen die Arme. „Nur mit Genehmigung." Der Tonfall ließ keinen Raum für Diskussionen. 


Leyla blieb enttäuscht stehen. Die Wache schenkte ihr nicht einmal einen zweiten Blick. Widerwillig trat sie zurück. 


Ein weiterer Weg führte geradeaus tiefer in die Katakomben des Schlosses, wo die Magierakademie der Mittellande untergebracht war. Leyla hatte insgeheim gehofft, dort ihre magischen Fähigkeiten verbessern zu können – doch Roxy hatte ihr bereits erklärt, dass der Zugang teuer war oder eine Empfehlung erforderte. Beides besaß sie nicht. Trotzdem nahm sie sich innerlich vor, die Akademie nicht aus den Augen zu verlieren. Irgendwann würde sie dort hinuntergehen. 


Dann wandte sich die Gruppe dem rechten Gang zu – dem Bereich der Abenteurergilde. 


Schon von weitem fiel Leylas Blick auf das große Wappen an der Wand. Ein schwarzer Rabe. Sie blieb kurz stehen. Der Vogel faszinierte sie zunehmend. Immer wieder war sie diesem Symbol begegnet – auf dem Wappen der Gilde, auf dem Marktplatz, selbst auf der Rückseite des Mythologiebuchs aus Ramir.


„Roxy", begann Leyla nachdenklich, „hat der Rabe eigentlich irgendeine besondere Bedeutung?" 


Roxy blickte zu dem Wappen hinauf. „Wie meinst du das?" 


„Na ja… ich sehe dieses Symbol überall." Leyla deutete auf den Vogel. „Aber ich verstehe nicht wirklich, warum ausgerechnet ein Rabe." 


Roxy dachte kurz nach und zuckte schließlich mit den Schultern. „Nicht, dass ich wüsste." Sie runzelte leicht die Stirn. „Ich habe ehrlich gesagt nie wirklich darüber nachgedacht." Dann sah sie erneut zum Wappen. „Aber jetzt, wo du es sagst… stimmt schon. Man begegnet dem Raben ständig." 


Noch bevor Leyla weiterfragen konnte, wurden sie von einer älteren Frau hinter einem langen Tresen unterbrochen. Sie hatte schmale Augen, graues Haar und eine Miene, die wirkte, als hätte sie seit Jahren keinen besonders guten Tag mehr erlebt. 


„Wenn ihr einen Auftrag einreichen wollt, seid ihr hier falsch", sagte sie mit einer Stimme, die gleichzeitig gelangweilt und streng klang. „Dafür müsst ihr zur Post." 


Leyla blinzelte überrascht und öffnete bereits den Mund. 


Doch Liam kam ihr zuvor. Mit einem höflichen Lächeln trat er einen Schritt vor. „Nein", erklärte er ruhig. „Wir sind hier, um unsere eigene Gilde zu gründen."



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Leyla betrachtete das Formular in ihrer Hand und strich mit den Fingerspitzen langsam über das raue Papier. Der schwere Steintisch, an dem sie saßen, war schlicht gearbeitet, wirkte jedoch für seine Verhältnisse unzerstörbar – kleine Risse zogen sich über die Oberfläche, als hätten unzählige Abenteurer hier über Jahre hinweg ihre Namen, Verträge und Entscheidungen hinterlassen. 


Um sie herum erfüllte gedämpftes Stimmengewirr die große Halle. Schritte hallten über den Steinboden, irgendwo wurde gelacht, und aus einem entfernten Raum drang das dumpfe Klirren von Metall. Nachdem die Frau am Tresen erfahren hatte, dass sie eine neue Gilde gründen wollten, war ihre Haltung überraschend schnell freundlicher geworden. Nun saßen sie gemeinsam an einem Tisch und füllten die Unterlagen aus, die ihre kleine Gemeinschaft offiziell machen würden. 


Der Gedanke fühlte sich noch immer unwirklich an. 


Liam durchbrach schließlich die konzentrierte Stille. „Die Eintrittsgebühr hatte ich übrigens völlig vergessen", sagte er mit einem schiefen Grinsen und lehnte sich entspannt zurück. „Gut, dass wir sie später mit Aufträgen abbezahlen dürfen. Sonst hätten wir statt Leyla wahrscheinlich irgendeinen reichen Händler rekrutieren müssen." 


Leyla hob nicht einmal den Blick vom Formular. „Eher hättest du auf einem Bauernhof arbeiten müssen." 


Fer schnaubte belustigt. 


„Also", begann Leyla und hob den Kopf. „Wie nennen wir uns überhaupt?" 


„Entscheid du", brummte Fer. 


Leyla sah überrascht zu ihm. Dann wanderte ihr Blick zu Roxy, die ihr lediglich zustimmend zulächelte. 


Das Formular fühlte sich plötzlich deutlich schwerer an. Ein Name war mehr als nur ein Wort – er würde ihre Identität werden. Das Banner, unter dem sie reisen, kämpfen und vielleicht irgendwann bekannt werden würden.


Noch bevor sie weiter nachdenken konnte, meldete sich Liam grinsend zu Wort. „Wie wäre es mit ‚Drei Helden und Leyla'?" 


Einen Augenblick lang herrschte Stille. 


—KLATSCH—


Das Geräusch einer schnellen Ohrfeige hallte durch die Halle. 


„Aua!" Liam sah auf und griff sich an sein Kinn. „Was sollte das denn?!" 


„Hör auf, Leyla so zu behandeln", erwiderte Roxy trocken. „Sonst kassierst du gleich noch eine." Dann wandte sie sich mit einem leicht spielerischen Lächeln an Leyla. „Wollen wir ihn vielleicht doch noch austauschen?" 


Leyla konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Nee", sagte sie lachend. „Liam hat schon seine guten Seiten." Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. „Auch wenn er manchmal ein hoffnungsloser Fall ist." 


„Manchmal?" murmelte Fer, während er Liam einen leicht genervten Blick zuwarf. 


Roxy zwinkerte Leyla kurz zu und lehnte sich entspannt zurück. 


Leyla richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Formular. Was sollte eine Gilde heißen, die gerade erst entstand? Etwas Gewaltiges? Etwas Heldenhaftes? Oder etwas Einfaches? Sie ließ den Blick durch die Halle wandern. Der große Kronleuchter an der Decke half ihr nicht weiter. Ebenso wenig das riesige Gemälde eines streng dreinblickenden Adligen neben ihrem Tisch. 


Dann blieb ihr Blick erneut am Symbol der Abenteurergilde hängen. 


Dem Raben. 


Unwillkürlich dachte sie wieder daran, wie oft sie diesem Zeichen bereits begegnet war. Auf Bannern. In Büchern. Auf alten Schildern. Und obwohl sie seit längerem keinen lebendigen Raben gesehen hatte, fühlte sich der Vogel seltsam vertraut an. 


Leyla schluckte kurz. Dann hob sie langsam den Blick. 


„Wie wäre es mit… ‚Die grauen Federn'?" Ihre Stimme klang leiser als zuvor, fast vorsichtig. „Ich weiß nicht warum. Aber irgendwie fühlt sich der Name richtig an." 


Die anderen sahen sie einige Sekunden schweigend an. Fer nickte langsam. Roxy schien ernsthaft darüber nachzudenken. Selbst Liam runzelte zunächst die Stirn, ehe sich ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht abzeichnete. 


„Hat was", sagte Roxy schließlich. „Klingt irgendwie… bedeutungsvoll." 


„Nicht schlecht", brummte Fer zustimmend. 


Leyla spürte, wie sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete. Warum dieser Name sie so unmittelbar angesprochen hatte, wusste sie selbst nicht. Und trotzdem hatte sie das Gefühl, gerade die richtige Entscheidung getroffen zu haben.



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Nachdem sie das ausgefüllte Formular abgegeben hatten, verließen sie das Schloss und tauchten zurück in die geschäftigen Straßen Malyls ein. 


Die lebendige Wärme der Stadt schlug ihnen entgegen. Händler priesen lautstark ihre Waren an, Münzen klirrten über Holztresen, und aus dutzenden kleinen Garküchen stiegen würzige Düfte auf – gebratenes Fleisch, frisches Brot, Kräuter und der schwere Geruch von Malyler Eintopf, alles zu einer beinahe überwältigenden Wolke vermischt. 


Leyla lief mit leuchtenden Augen durch die engen Marktgassen. Überall gab es etwas zu entdecken: farbenfrohe Stoffe, Gläser mit seltsamen Gewürzen, Werkzeuge, Schmuckstücke und kleine geschnitzte Figuren. Schließlich blieb sie an einem kleinen Stand stehen und kaufte sich mehrere farbige Stifte sowie ein Stück fein verarbeitetes Holz zum Schnitzen. Allein der Gedanke daran ließ Vorfreude in ihr aufsteigen. Sie wollte ihre Reisen festhalten – jedes Abenteuer, jeden Ort. 


Mit jedem Schritt wurde das Kribbeln in ihrem Bauch stärker. 


Sie waren jetzt wirklich eine Gilde. 


Während sie durch die Straßen schlenderten, kehrten ihre Gedanken immer wieder zu dem Namen zurück. „Graue Federn." Der Klang fühlte sich seltsam vertraut an – fast wie eine Erinnerung, die irgendwo tief in ihrem Kopf verborgen lag. Doch immer, wenn sie versuchte, diesen Gedanken genauer zu greifen, entglitt er ihr wieder. Wie Nebel. 


„Wann bekommen wir wohl unseren ersten Auftrag?" fragte Leyla neugierig in die Runde. 


Fer stopfte sich gerade ein großes Stück Gebäck in den Mund, kaute kurz und antwortete dann: „Soweit ich weiß, gibt's dafür zwei Möglichkeiten." Er hob zwei Finger. „Entweder suchen wir uns selbst einen Auftrag aus – in der Gilde hängt dafür ein Brett mit freien Aufträgen. Oder passende Aufträge werden uns direkt zugeschickt, je nach Rang und Bekanntheit der Gilde." 


„Direkt zugeschickt?" fragte Leyla überrascht. 


„Jap." Fer nickte. „Meistens an die Unterkunft oder an den offiziellen Gildensitz." Er dachte kurz nach. „Ich würde morgen erstmal das Auftragsbrett ansehen und etwas wählen, das zu uns passt." 


„Klingt vernünftig", stimmte Roxy zu. Liam nickte ebenfalls, wirkte mit seinen Gedanken jedoch woanders. 


Leyla bemerkte, dass sein Blick an einem Waffenladen hängen geblieben war. Hinter dem Schaufenster glänzten Schwerter, Speere und kunstvoll verzierte Dolche im Licht. Einen Moment lang blieb Liam stehen – dann wandte er sich wieder ab. 


Leyla trat neugierig neben ihn. „Willst du dir eine neue Waffe kaufen?" 


Liam schüttelte leicht den Kopf. „Nein." Ein nachdenkliches Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ich musste nur daran denken, wie ich früher für beinahe jeden Auftrag eine neue Waffe gekauft habe." Dann grinste er plötzlich breit. „Aber wenn du unbedingt nett sein willst, kannst du mir natürlich trotzdem eine kaufen." 


Leyla verdrehte die Augen. „Du spinnst doch." Trotzdem musste sie schmunzeln. „Ich habe selbst kaum noch Geld." 


Dennoch blieb der Gedanke hängen. „Vielleicht irgendwann." Sobald sie genug verdiente, könnte sie Liam mit einer neuen Waffe überraschen. Auch wenn er sie danach vermutlich genauso nerven würde wie vorher.


„Seid ihr beide schon wieder am Kuscheln?" 


Fers Stimme ertönte hinter ihnen. „Vielleicht solltet ihr euch eure Liebe endlich gestehen." Er grinste breit. „Das würde vieles vereinfachen." 


Leylas Gesicht lief rot an. Sie stieß Liam ein Stück von sich weg. „Fer! Hör auf mit solchen Witzen. Liam und ich sind einfach nur Freunde, okay?" 


Ihre Stimme klang schärfer als beabsichtigt – was ihre Verlegenheit nur noch offensichtlicher machte. Fer grinste daraufhin nur noch breiter. „Schon gut." Er hob beschwichtigend die Hände. „Dann habe ich mich eben geirrt." 


Liam wirkte verdächtig zufrieden mit der Situation. 


Leyla bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Roxy sie kurz ansah und leicht lächelte. Zu ihrer Erleichterung sagte sie jedoch nichts dazu. 


Kurz darauf deutete Fer auf ein Gebäude am Straßenrand. „Ich geh kurz in die Apotheke und kaufe Verbände und Medizin." Er nickte in Richtung der anderen. „Ihr könnt schon mal weitergehen." 


Als langsam der Abend über Malyl hereinbrach und die Straßenlaternen entzündet wurden, beschlossen sie, zum Drachentreff zurückzukehren. Vor der Taverne verabschiedete sich Roxy von ihnen – sie zog Leyla noch einmal in eine herzliche Umarmung, bevor sie sich auf den Weg zu ihrem eigenen Gasthaus machte, das nur wenige Straßen entfernt lag. Leyla sah ihr einen Moment nach. 


Dann betrat sie gemeinsam mit Liam die Taverne. 


Wenig später ließ sie sich erschöpft auf ihr Bett fallen. Arme und Beine fühlten sich schwer an, doch ihr Kopf war voller Gedanken – an ihre neue Gilde, an kommende Aufträge, an Reisen, Kämpfe und unbekannte Orte. Langsam schloss sie die Augen und ließ den ereignisreichen Tag noch einmal vor ihrem inneren Auge vorbeiziehen. Mit einem zufriedenen Seufzen gab sie sich der Müdigkeit hin und glitt in einen tiefen Schlaf.

 
 
 

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