Kapitel 24 - Schwarz und Blau
- empirewebnovel
- 9. Sept. 2024
- 17 Min. Lesezeit

,,Wo bin ich?’’
Leyla begann zu zittern. Sie sah sich um. Schwärze. Sie bewegte sich nicht.
Das Läuten einer Kirchenglocke dröhnte durch die Stille – tief, schwer, endlos.
Der Vermummte.
Leyla biss sich die Lippen blutig.
Der Mann griff nach ihrer Hand. Sie wollte schreien. Weglaufen. Sie bewegte sich nicht.
Flammen loderten auf.
Liam.
Leyla wollte ihn umarmen. Sie spürte einen Faden um den Hals. Straff. Sie bewegte sich nicht.
Ein Windstoß fegte durch den Wald und riss die Flammen mit sich fort.
Schwärze legte sich erneut über die Bäume. Liam war verschwunden.
Leyla wollte ihn suchen. Sie spürte, wie der Faden ins Fleisch eindrang. Schneidend. Sie bewegte sich nicht.
Dunkelheit.
Angst.
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Leyla fuhr ruckartig hoch. Ihr Atem ging schwer, und ihr Herz schlug so heftig gegen ihre Brust, als wolle es aus ihr herausbrechen. Verwirrt sah sie sich um.
Sie war noch immer in ihrem Zimmer im dritten Stock des Drachentreffs. Langsam strich sie sich über den Hals.
„Ein Albtraum…" murmelte sie leise, die Finger noch zitternd, und fuhr sich durch das verschwitzte Haar. Ihre Stimme verklang in dem stillen Raum.
Durch das kleine Fenster fielen bereits die ersten Strahlen des Morgenlichts und tauchten das Zimmer in einen warmen, goldenen Schein. Der friedliche Anblick erinnerte sie daran, dass sie frei war. Dass die Tage in Ketten hinter ihr lagen. Trotzdem wollte das Herzrasen nicht verschwinden.
Leyla atmete tief durch, stand langsam auf und wusch sich ausgiebig in der Badewanne. Das warme Wasser half ihr, die letzten Reste des Albtraums abzuschütteln.
Gerade wollte sie sich anziehen, als ihr Blick an ihrer Kleidung hängen blieb. Noch immer trug sie die Sachen, die Liam ihr nach der Entführung besorgt hatte. Praktisch und schlicht – aber nichts daran fühlte sich wirklich nach ihr an.
„Wir wollten uns erst gegen Mittag treffen. Vielleicht sollte ich vorher noch ein paar neue Sachen kaufen."
Sie warf einen Blick aus dem Fenster. Der Gedanke, den Morgen einmal ganz für sich zu haben, gefiel ihr. Mit einem leichten Lächeln griff sie nach den drei verbliebenen Kupfermünzen, überprüfte kurz ihr Schwert und schnallte es sich um die Hüfte. Die restlichen Sachen ließ sie im Zimmer zurück.
Im Aufenthaltsraum der Taverne war es noch ruhig. Kein Gast saß an den Tischen, nur das leise Knistern der Glut im Kamin und das entfernte Zwitschern eines Vogels drangen an ihre Ohren. Ohne jemandem zu begegnen, trat Leyla hinaus auf die Straße.
Die frische Morgenluft empfing sie kühl und klar. Für einen kurzen Moment hatte sie das Gefühl, als würde dieser Tag ihr die Gelegenheit geben, neu anzufangen.
„Erst mal zum Stall."
Sie lief entspannt durch die Gassen. Die meisten Geschäfte waren noch geschlossen, doch vereinzelt begannen Händler bereits damit, ihre Stände aufzubauen. Beim Vorbeigehen fiel ihr Blick auf einen kleinen Kleiderladen.
„Vielleicht schaue ich später mal rein."
Schon bald verließ sie die Altstadt. Die äußeren Bezirke wirkten deutlich lebendiger als die stillen Straßen innerhalb der Mauern – Arbeiter schleppten Kisten durch die Gassen, Händler diskutierten lautstark miteinander, und irgendwo klapperten bereits Wagenräder über das Pflaster.
Als Leyla schließlich den Stall erreichte, ließ sie den Blick umherschweifen. Charmeur lief auf einer größeren Wiese hinter dem Gebäude umher, während Blazer direkt am Zaun stand und sie sofort bemerkte. Freudig hob das Pferd den Kopf.
Leyla trat lächelnd näher und strich ihm sanft über die Stirn. Blazer schmiegte den Kopf in ihre Hand.
„Gut siehst du aus, Blazer."
Noch einen Moment blieb sie bei ihm stehen. Dann wandte sie sich ab und machte sich langsam auf den Rückweg in Richtung Altstadt.
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Während Leyla durch die Gassen Malyls schlenderte, wurde ihr bewusst, wie wenig sie eigentlich über diese Stadt wusste.
An einigen Geschäften hingen kleine Kronen neben den Schildern, doch ihre Bedeutung erschloss sich ihr nicht. Manche waren aus Gold gefertigt, andere nur schlicht bemalt – offenbar mussten sie etwas Wichtiges darstellen, denn sie begegnete ihnen immer wieder.
Auch die schmalen Wasserkanäle entlang der Straßen faszinierten sie. Beinahe durch jede Gasse floss Wasser – kleine Ströme zogen sich zwischen den Häusern hindurch, verschwanden unter Brücken oder tauchten unvermittelt wieder auf, als wäre Malyl von einem unsichtbaren Netz aus Wasseradern durchzogen. Das leise Plätschern begleitete sie fast überall.
Am meisten beeindruckten Leyla die zahlreichen Brunnen an den Kreuzungen. Jeder einzelne wirkte wie ein eigenes Kunstwerk. Einige zeigten Adlige mit stolzer Haltung und strengem Blick, andere stellten Drachen, Wölfe oder fremdartige Kreaturen dar, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Überall floss Wasser über kunstvoll bearbeiteten Stein und glitzerte im warmen Licht der Morgensonne. Immer wieder blieb sie stehen, nur um die feinen Details zu betrachten. Manche Figuren wirkten im Licht der Morgensonne lebendig.
Schließlich erreichte sie den kleinen Laden.
—DING—
Das helle Läuten der Türglocke ließ Leyla leicht zusammenzucken. Einen kurzen Moment blieb sie unsicher stehen, atmete tief durch und trat dann langsam weiter in das Geschäft hinein.
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Der Raum wirkte gleichzeitig gemütlich und inspirierend. Der Duft frisch gewebter Stoffe hing in der Luft und vermischte sich mit einem feinen Aroma von Kräutern und Tee. Entlang der Wände standen sorgfältig präsentierte Kleidungsstücke wie kleine Kunstwerke, während dunkle Holzregale dem Laden eine warme und elegante Atmosphäre verliehen. Zwischen den Regalen standen kleine Vasen mit getrockneten Blumen, und in einer Ecke befand sich ein bequemer Sessel neben einem runden Tisch, auf dem eine Teekanne und mehrere aufgeschlagene Bücher lagen.
Eine Elfe trat aus dem hinteren Bereich des Ladens hervor. Ihr langes silbernes Haar schimmerte weich im Licht der Fenster, und jede ihrer Bewegungen wirkte so mühelos elegant, dass Leyla sich unwillkürlich fragte, wie jemand sich überhaupt auf diese Weise bewegen konnte.
Mit einem ruhigen Lächeln sah die Elfe sie an. „Guten Morgen. Wie kann ich Ihnen helfen? Sie sehen aus, als könnten Sie ein paar neue Sachen gebrauchen."
Leyla nickte leicht und versuchte selbstsicher zu wirken, obwohl die wenigen Münzen in ihrer Tasche sie ständig daran erinnerten, wie wenig sie sich leisten konnte. „Ja, das stimmt. Dürfte ich mich ein wenig umsehen?"
„Natürlich", antwortete die Elfe freundlich. „Schauen Sie sich in Ruhe um. Falls Sie Fragen haben, sagen Sie einfach Bescheid." Dann ging sie zu einem Sessel, nahm ein Buch zur Hand und begann zu lesen.
Leyla beobachtete sie noch einen kurzen Moment, ehe sie langsam durch den Laden schlenderte. Die Kleidung war so geschickt angeordnet, dass jedes einzelne Stück besonders wirkte – nichts hing wahllos herum. Farben, Stoffe und Formen schienen bewusst aufeinander abgestimmt zu sein. Fast hatte Leyla das Gefühl, versehentlich an einen Ort geraten zu sein, der eigentlich für eine reichere Version ihrer selbst bestimmt war.
Der Laden war in zwei Bereiche unterteilt. Im vorderen Teil hingen schlichtere Kleidungsstücke, die einzeln verkauft und frei kombiniert werden konnten – Roben, Hosen, Mäntel und einfache Westen in gedeckten Farben. Die Preise wirkten dort zumindest halbwegs bezahlbar.
Doch Leylas Aufmerksamkeit wanderte schnell weiter nach hinten.
Der hintere Bereich wirkte deutlich luxuriöser. Dort standen vollständige Outfits auf hölzernen Figuren, sorgfältig arrangiert wie Ausstellungsstücke in einer Galerie. Manche wirkten höfisch und elegant, andere eher praktisch für Reisen oder Kämpfe.
Dann blieb Leylas Blick an einer bestimmten Statue hängen.
Für einen Moment blendete sie sogar den Straßenlärm von draußen aus. Langsam ließ sie den Blick über jede einzelne Schicht des Outfits gleiten, beinahe so aufmerksam, als würde sie ein Gemälde betrachten. Das Schwarz des Stoffes wirkte nicht einfach dunkel, sondern bewusst abgestimmt – manche Bereiche matt und weich, andere mit einem dezenten Glanz. Besonders faszinierte sie die Kombination aus Kleid und der engen Hose darunter, die dem gesamten Outfit gleichzeitig etwas Elegantes und Praktisches verlieh. Das Oberteil war mit feinen Ornamenten versehen, die erst beim genaueren Hinsehen sichtbar wurden.
Leyla trat näher heran und versuchte zu erkennen, ob die eingearbeiteten Verstärkungen aus Leder, Metall oder vielleicht sogar aus magisch behandeltem Stoff bestanden. Nichts an diesem Outfit erinnerte sie an höfische Mode. Es wirkte vielmehr wie Kleidung für reisende Magier oder erfahrene Abenteurer – funktional und dennoch mit einem unverkennbaren Sinn für Ästhetik entworfen. Auch die schwarzen Handschuhe passten perfekt ins Gesamtbild. Keine Linie wirkte zufällig. Jede Naht, jede Schicht Stoff, jedes Detail schien bewusst gesetzt worden zu sein. Der dunkle Umhang fiel in schweren Bahnen über die Schultern der Figur, und der Edelstein am Verschluss fing das Licht ein wie ein gezielt gesetzter Farbakzent in einem Kunstwerk.
Am längsten blieb Leylas Blick jedoch an dem Hut hängen. Die geschwungene Form. Der breite schwarze Stoff. Und dann diese einzelne blaue Blume an der Seite – ein kleiner Farbbruch mitten im Dunkel des Bildes, als hätte jemand absichtlich gewollt, dass der Blick genau dort verweilte.
Langsam verschränkte Leyla die Arme. Je länger sie hinsah, desto weniger wirkte es wie einfache Kleidung. Es fühlte sich eher an wie etwas, das bewusst erschaffen worden war, um Eindruck zu hinterlassen.
„Wie schön…" murmelte sie leise.
Unwillkürlich zuckten ihre Finger, während sie sich vorstellte, wie sie selbst darin aussehen würde. Sie wusste, sie würde sich darin stärker und selbstbewusster fühlen.
Dann fiel ihr Blick auf das kleine Preisschild.
Vier Goldmünzen.
„So viel Geld habe ich nun wirklich nicht…" murmelte sie enttäuscht und schüttelte leicht den Kopf. Trotzdem konnte sie sich nur schwer von der Statue lösen. Der Gedanke, das Outfit irgendwann doch besitzen zu können, setzte sich hartnäckig in ihrem Kopf fest.
[???] ,,Ist meine Bestellung schon angekommen?’’
Die Stimme riss Leyla abrupt aus ihren Gedanken. Etwas widerwillig wandte sie sich wieder dem vorderen Bereich des Ladens zu. Während sie scheinbar beiläufig weitere Kleidung betrachtete, bemerkte sie einen neuen Kunden, der gerade mit der Elfe sprach.
„Nein, bisher leider noch nicht, Euer Gnaden", antwortete die Elfe höflich. Ihre Haltung wirkte respektvoll, aber keineswegs unterwürfig.
Leylas Herz schlug etwas schneller. „Euer Gnaden." Allein diese Anrede genügte, damit sich ein unangenehmes Gefühl in ihr ausbreitete. Der Mann war adlig.
„Nun, das ist bedauerlich", sagte er ruhig lächelnd. „Bitte informiert mich, sobald sie eingetroffen ist."
„Wie Ihr wünscht, Euer Gnaden."
Zu Leylas wachsendem Unbehagen wandte sich der Mann nun langsam in ihre Richtung. Kurz hoffte sie noch, dass er einfach an ihr vorbeigehen würde.
Doch stattdessen blieb er direkt vor ihr stehen. Sein Blick glitt aufmerksam über sie, ehe sich auf seinen Lippen ein glattes, offensichtlich falsches Lächeln zeigte.
„Guten Morgen", sagte er ruhig. „Mir ist dein schönes blaues Haar aufgefallen."
Leyla spürte, wie sich ihre Schultern anspannten. „Solch auffälliges Haar passt kaum zu so schlichter Kleidung", fügte er höflich hinzu.
Vielleicht waren seine Worte freundlich gemeint. Doch bei Leyla hinterließen sie nur Unbehagen. Die Schmeichelei wirkte leer und künstlich, und allein die Art, wie der Adlige sie musterte, ließ ihr ein unangenehmes Gefühl den Rücken hinaufkriechen. Sie mochte es nicht, auf ihr Aussehen reduziert zu werden. Und noch weniger mochte sie Menschen mit Macht.
„Ich entschuldige mich", sagte sie kühl, „aber ich wollte gerade gehen."
Doch der Mann machte keine Anstalten, ihr Platz zu machen. Er trat sogar leicht näher – nicht genug, um offen bedrohlich zu wirken, aber genug, damit Leyla sich bedrängt fühlte. Sie bemerkte, wie ihre Hände feucht wurden, und zwang sich ruhig zu bleiben.
„Gerne kaufe ich dir etwas Neues", sagte der Mann, das höfliche Lächeln unverändert. „Such dir einfach etwas aus."
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Roxy betrat Elevander, einen Kleiderladen, der offensichtlich auf Abenteurer spezialisiert war. In den letzten Tagen war sie bereits mehrmals an dem Geschäft vorbeigelaufen, hatte jedoch nie einen Grund gesehen, hineinzugehen.
Jetzt hatte sie einen.
Leyla.
Der Gedanke, ihrer Freundin neue Kleidung zu kaufen, hatte sich hartnäckig in ihrem Kopf festgesetzt. Nach allem, was Leyla erlebt hatte, wollte Roxy ihr einfach etwas Gutes tun. Bestimmt würde sie sich darüber freuen.
Die Tür des Ladens stand offen. Roxy trat ohne zu zögern ein, die Tür schloss sich hinter ihr.
Doch kaum hatte sie den Raum betreten, blieb sie stehen.
Leyla war bereits dort. Und ihr gegenüber stand ein Mann. Ein Adliger. Sein kurzes, pechschwarzes Haar war makellos frisiert, und selbst seine Haltung wirkte kontrolliert und geschniegelt. An seinem dunklen Mantel war ein Wappen angenäht.
Der Drache der de Coteaus.
Roxy erkannte das Symbol sofort.
„Ob das der junge Herzog ist?"
Einen Moment beobachtete sie die Situation schweigend. Leylas Haltung wirkte angespannt – die Schultern leicht versteift, und obwohl sie äußerlich ruhig blieb, erkannte Roxy dieses Gefühl, das sich in einem ausbreitete, wenn sie sich bedrängt fühlten.
„Nein danke, kein Bedarf", sagte Leyla kühl. „Lasst mich jetzt bitte vorbei."
Roxy überlegte kurz, ob sie eingreifen sollte. Dann bemerkte sie, wie sich Leylas Haltung minimal veränderte. Nicht ängstlich. Eher gereizt. Wurde sie wütend?
,,Guten Morgen, Leyla.’’
Roxy entschied sich, die Situation zumindest verbal zu unterbrechen. Leylas Blick wanderte zu ihr – und augenblicklich schien etwas von der Anspannung aus ihr herauszufallen.
Der Adlige sah kurz zu Roxy hinüber, ehe er sich wieder Leyla zuwandte. „Ich sehe, dass du in Begleitung bist", sagte er höflich. „Falls du doch etwas brauchst oder deine Meinung änderst, kannst du jederzeit zu meinem Schloss kommen."
Roxy bemerkte, wie sich langsam ein Grinsen auf Leylas Gesicht schob.
„Ihr meintet doch gerade, dass ich mir etwas aussuchen darf", erwiderte Leyla ruhig. „Oder steht Ihr nicht zu Eurem Wort?"
Kurz wirkte der Adlige irritiert. Dann nickte er langsam. „Natürlich."
Ohne zu zögern drehte Leyla sich um und ging in den hinteren Bereich des Ladens. Der Adlige folgte ihr.
Roxy blieb kurz stehen und musste leicht lächeln. Ein Anflug von Stolz breitete sich in ihr aus. Leyla hatte sich verändert. Sie war stärker geworden – und brauchte niemanden mehr, der für sie sprach.
Während Roxy den Laden verließ und auf die Straße trat, drang Leylas Stimme aus dem hinteren Bereich des Geschäfts zu ihr heraus.
„Dann nehme ich alles, was diese Puppe anhat."
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Liam ging entspannt durch die Straßen Malyls. Der Vormittag war angenehm kühl, deutlich milder als die drückende Hitze der letzten Tage. Zwischen den Häusern zog eine leichte Brise hindurch und brachte den Duft von Brot, Gewürzen und frischem Obst mit sich.
Während er lief, strich er sich nachdenklich durch die Haare.
Er hatte beschlossen, Leyla etwas zu kaufen. Seit ihrer Ankunft in Malyl hatte er zunehmend das Gefühl bekommen, dass sie sich mehr und mehr mit Roxy beschäftigte – während er selbst hauptsächlich mit seinen Witzen negativ auffiel. Und dann war da noch Fer. Der Zwerg hatte ihm fast schon unbemerkt die Rolle des Mentors innerhalb der Gruppe abgenommen. Sein Wissen war umfangreicher, präziser und oft deutlich hilfreicher.
Eigentlich störte Liam das nicht. Im Gegenteil – er mochte die neue Dynamik der Gruppe sogar. Trotzdem wollte er nicht den Eindruck erwecken, nichts beizutragen. Nicht einfach der Elf sein, der dumme Kommentare machte und gut kämpfen konnte.
Unwillkürlich musste er an seinen Stamm denken. Es fühlte sich seltsam ähnlich an.
Sein Blick fiel auf ein Schild über einem Laden.
Elevander.
Liam kannte den Namen – eine bekannte Ladenreihe mit Geschäften in mehreren Städten des Reiches, die einem Adligen aus Schneeburg gehörte, der mit Kleidung und Stoffen ein kleines Vermögen verdient hatte. Vielleicht würde er dort etwas für Leyla finden.
Gerade wollte er eintreten, als die Tür aufging.
Roxy trat heraus. Ihr Blick traf sofort auf seinen.
„Guten Morgen, Roxy", begrüßte Liam sie mit einem lockeren Lächeln.
Roxy erwiderte es nur kurz. Sie wirkte leicht abgelenkt. Als Liam bereits an ihr vorbeigehen wollte, hielt sie ihn mit einer kurzen Handbewegung zurück.
„Warte kurz mit mir hier", sagte sie ruhig. „Der Moment ist wichtig für Leyla."
Leyla? War sie im Laden? Liam fragte nicht weiter nach. Er nickte nur und stellte sich gemeinsam mit Roxy in den Schatten neben dem Eingang.
Wenige Augenblicke später öffnete sich die Tür erneut.
Leyla trat aus dem Laden, einen Beutel über der Schulter. Noch bevor Liam etwas sagen konnte, fiel sein Blick auf die Person hinter ihr.
Paul de Coteau.
Liam erkannte ihn sofort. Vor vier Jahren war Paul zum Herzog ernannt worden – Liam hatte damals zwei Aufträge für ihn erledigt und als Belohnung unter anderem Ruven erhalten. Die Erinnerung daran ließ ihm Galle den Hals hinaufsteigen.
„Wollen wir noch gemeinsam etwas essen gehen?" fragte Paul mit höflichem Lächeln. „Ich bin sicher, wir würden uns hervorragend verstehen."
Doch Leyla antwortete bereits. „Nö, eher nicht."
Paul blickte kurz zu Liam und Roxy hinüber. Für einen Moment wirkte es, als würde er Liam erkennen. Dann wandte er sich wieder Leyla zu. „Falls du irgendwann Hilfe brauchst, frag einfach nach Paul de Coteau."
Leyla würdigte ihn keines weiteren Blickes.
Sie ging direkt auf Liam zu und griff nach seiner Hand.
Liam blinzelte überrascht. Während sie sich gemeinsam vom Laden entfernten, drückte er ihre Hand leicht und grinste schief zu ihr hinüber.
„Du machst es dir wirklich nicht leicht, hm?" murmelte er leise.
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Erneut überflog Fer den Auftrag, den er für ihre frisch gegründete Gilde ausgesucht hatte.
In Rehengar, einem kleinen Dorf einige Tagesreisen nördlich von Malyl, griff ein unbekanntes Monster die Tiere der Bewohner an. Die Aufgabe bestand darin, die Kreatur aufzuspüren und unschädlich zu machen. Vermutlich handelte es sich um Wölfe. Oder vielleicht um einen Bären. Nichts Ungewöhnliches – aber genau deshalb war es ein guter Auftrag für den Anfang. Unter den verfügbaren Aufträgen war er eindeutig die vernünftigste Wahl gewesen.
Fer brummte zufrieden und biss von dem Brot ab, das er sich zum Frühstück bestellt hatte. Bald würden sie Geld verdienen. Und bald würde er endlich wieder genug haben, um seinen Bruder zu unterstützen.
Während er weiterkaute, öffnete sich die Tür des Drachentreffs.
Drei vertraute Gestalten betraten die Taverne. Leyla trug ein auffällig selbstzufriedenes Grinsen im Gesicht, und auch Liam sowie Roxy wirkten ungewöhnlich entspannt.
Fer musterte die Gruppe kurz. „Ist irgendwas passiert?"
„Ich habe einen arroganten Adligen dazu gebracht, meine Kleidung zu bezahlen", erklärte Leyla grinsend, „und bin danach direkt vor seinen Augen mit Liam an der Hand weggegangen." Sie ließ sich triumphierend auf ihren Stuhl sinken. „Und meine neue Kleidung ist wirklich schön. Die muss ich euch später unbedingt zeigen!"
Fer zog leicht eine Augenbraue hoch. Bereits am ersten Abend war ihm aufgefallen, dass zwischen Leyla und Liam etwas Besonderes existierte. Er sprach das Thema gelegentlich an – nicht, um die beiden in irgendeine Richtung zu drängen, sondern damit sie bemerkten, was ohnehin offensichtlich war. Dieses Mal sagte er jedoch nichts dazu.
Da griff Leyla nach dem Pergament auf dem Tisch. „Was ist das?"
„Unser erster Auftrag", antwortete Fer mit vollem Mund. „Willst du ihn lesen?"
Während Leyla das Pergament aufmerksam überflog, beobachtete Fer sie schweigend. Auch wenn sie es vermutlich selbst nicht bemerkte, war sie längst zur Anführerin ihrer kleinen Gruppe geworden. Menschen folgten ihr gerne – nicht, weil sie laut oder einschüchternd war, sondern weil sie aufrichtig wirkte. Weil sie sich um andere kümmerte und ihre Begeisterung ansteckend war. Es fiel leicht, sich nach ihren Entscheidungen zu richten.
Sie war eindeutig die beste Wahl.
„Was bedeutet das ‚D' hier unten in der Ecke?" fragte Leyla schließlich und deutete auf das kleine Symbol am Rand des Auftrags.
Liam beugte sich leicht vor. „Das ist der Schwierigkeitsgrad", erklärte er ruhig. „Da wir bisher noch keine Aufträge abgeschlossen haben, wurden wir als Anfänger eingestuft."
Leyla nickte langsam.
Danach aßen die vier eine Weile schweigend weiter und genossen die ruhige Stimmung des Morgens. Schließlich stand Leyla auf.
„Ich ziehe mich schnell um."
Mit einem kleinen Beutel verschwand sie die Treppe hinauf. Fer sah ihr kurz nach, bevor er erneut nach seinem Brot griff.
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Leyla stand vor dem Spiegel und betrachtete ihren Körper.
Sie war kräftiger geworden. Man sah es an ihren Armen, an ihren Beinen, an ihrem Rücken. Die Reisen, das Training und die Kämpfe hatten Spuren hinterlassen – keine unangenehmen Spuren, sondern Veränderungen, auf die sie stolz war.
Langsam breitete sich ein warmes Gefühl in ihr aus. Sie mochte, was sie sah.
Mit vorsichtigen Bewegungen griff sie in den Beutel und holte zuerst die neue Unterwäsche hervor. Von den verschiedenen Varianten hatte Paul ihr schließlich alles gekauft, und allein darüber freute Leyla sich mehr, als sie erwartet hätte. Die Sachen, die sie nach der Entführung getragen hatte, waren unbequem gewesen und hatten sich nie wirklich richtig angefühlt.
Nachdem sie die Unterwäsche angezogen hatte, griff sie nach der schwarzen Hose. Der Stoff schmiegte sich angenehm an ihre Beine – nicht einengend, sondern genau richtig. Fest genug, um sicher zu sitzen, und gleichzeitig bequem genug, um sich frei bewegen zu können.
Dann zog sie das Oberteil über. Sobald der Stoff ihre Haut berührte, hatte sie das Gefühl, sich wieder mehr wie sie selbst anzufühlen. Besonders die feinen Ornamente gefielen ihr – dezent genug, um nicht aufdringlich zu wirken, und dennoch auffällig genug, um dem Outfit Charakter zu verleihen.
Sie griff nach dem Kleid und zog es vorsichtig an. Erstaunt stellte sie fest, wie stabil das Material war. Trotz der zusätzlichen Stoffschichten fühlte es sich weder schwer noch störend an, und jede Bewegung funktionierte mühelos.
„Wer das entworfen hat, muss wirklich gewusst haben, was er tut…" murmelte sie leise.
Dann die Stiefel. Die Handschuhe.
Zum Schluss blieb nur noch der Hut.
Leylas Blick verweilte kurz an der blauen Blume. Eigentlich wirkte sie fehl am Platz – und gerade deshalb passte sie perfekt. Dieser kleine Farbakzent verlieh dem gesamten Outfit etwas Persönliches, etwas, das sich nicht erklären ließ, aber trotzdem stimmte. Irgendwie hatte Leyla das Gefühl, diese Blume zu verstehen.
Langsam setzte sie den Hut auf und betrachtete sich erneut im Spiegel.
Jetzt wirkte alles vollständig.
Das war sie. Oder zumindest die Person, die sie sein wollte.
Mit einem kleinen Lächeln griff sie nach dem dunklen Mantel, zog ihn über und sammelte ihre übrigen Sachen zusammen. Dann verließ sie ihr Zimmer.
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„Und, wie sehe ich aus?" fragte Leyla stolz, als sie vor den Tisch trat.
Fer hob kurz den Blick. „Gut", brummte er knapp und biss direkt wieder in sein Brot.
Leyla musste über seine gewohnt wortkarge Reaktion schmunzeln.
„Das steht dir wirklich unglaublich gut", sagte Roxy begeistert. „Das Schwarz passt perfekt zu deinen Haaren, und die Blume sieht einfach wunderschön aus." Dabei schenkte sie Leyla ein ehrliches, aufmunterndes Lächeln.
Leyla wandte sich Liam zu.
Sofort bemerkte sie die leichte Röte in seinem Gesicht. Ein schelmischer Funken entflammte in ihrem Herzen. Langsam ging sie auf ihn zu, beugte sich leicht vor und kam seinem Gesicht gefährlich nahe.
„Bist du nervös?" flüsterte sie grinsend. „Du kannst mir ruhig sagen, wie hübsch du mich findest."
Liam hielt ihrem Blick stand. Er öffnete den Mund, offenbar bereit zu antworten…
„Jetzt küsst euch endlich", unterbrach Fer trocken. „Man hält das ja kaum aus."
Leyla fuhr zurück. Ihre Wangen wurden heiß.
„Ähm… so ist das gar nicht", stammelte sie. „Ich wollte ihn nur ein bisschen ärgern."
„Jaja", kommentierte Fer. „Red dir das ruhig ein."
„Roxy, sag du doch auch mal etwas!" Leyla sah ihre Freundin beinahe flehend an.
Roxy zuckte nur grinsend mit den Schultern und stand langsam auf. „Wenn ihr beide mit dem Flirten fertig seid, könnten wir vielleicht aufbrechen."
„Nicht auch noch du…" jammerte Leyla leise.
Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht blieb. Irgendwie genoss sie dieses lockere Miteinander mehr, als sie zugeben wollte.
In diesem Moment berührte Liam leicht ihren Arm. „Ich muss vorher noch kurz etwas erledigen", sagte er ruhig. „Begleitest du mich?"
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Schweigend standen Leyla und Liam nebeneinander.
Fer und Roxy waren bereits zum Stadtrand aufgebrochen und hatten ihnen etwas Zeit allein gelassen. Vor ihnen erhob sich ein schlichter, schwarzer Grabstein aus hellem Stein, dessen Form an einen kleinen Busch erinnerte. Vorsichtig ließ Leyla den Blick über die eingravierten Buchstaben gleiten.
,,Emily Hoperks.’’
Langsam sah sie zu Liam hinüber. Er war ungewöhnlich still. Keine lockeren Sprüche. Kein Lächeln. Nichts.
Dann griff er langsam in seine Tasche und zog eine einzelne Blume hervor.
Eine Varelle.
Die blaue Blume war in einer dünnen Schicht Eis eingefroren und wirkte noch immer so frisch, als wäre sie erst vor wenigen Minuten gepflückt worden. Kleine Lichter glitzerten auf der Oberfläche des Eises.
Leyla erinnerte sich an ihr Gespräch während der Reise – damals hatte sie Liam gefragt, warum er Essen nicht einfach dauerhaft einfrieren konnte. Er hatte erklärt, dass er dazu durchaus in der Lage war, es jedoch jeden Tag Mana kostete, das Schmelzen zu verhindern.
Sie verstand, warum er diese Mühe für die Varelle auf sich genommen hatte.
Langsam kniete Liam sich hin und legte die Varelle vorsichtig vor den Grabstein. Dabei bemerkte Leyla, wie einzelne Tränen aus seinen Augen fielen und lautlos auf der Erde des Grabes landeten.
Ein schweres Gefühl legte sich auf ihre Brust. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.
Also griff sie langsam in ihre Tasche und holte den ovalen Stein hervor, den sie damals im Wald nahe Migar gefunden hatte. Ihren Glücksbringer. Den Stein, den sie während des Kampfes gegen Maegnar bei sich getragen hatte. Für einen Moment betrachtete sie ihn schweigend. Dann beugte sie sich hinunter und legte ihn vorsichtig neben die Varelle.
„Ich hoffe, du hast deinen Frieden gefunden", flüsterte sie leise.
Noch während sie sprach, stiegen ihr selbst Tränen in die Augen.
Als sie sich langsam wieder aufrichtete, spürte sie, wie Liam nach ihrer Hand griff. Sie sagte nichts dagegen. Gemeinsam standen sie schweigend vor dem Grab, und die Welt um sie herum wirkte plötzlich seltsam fern.
Irgendwann ließ Liam ihre Hand wieder los.
Leyla blickte zu ihm auf. Etwas an seinem Blick hatte sich verändert – die Art, wie er sie ansah, wirkte anders als sonst. Ruhiger. Offener. Fast verletzlich. Doch noch bevor sie etwas sagen konnte, wandte er den Blick ab.
„Lass uns zu den anderen gehen", sagte er leise.
Leyla nickte und folgte ihm. Bevor sie den Friedhof verließ, warf sie noch einmal einen letzten Blick zurück auf Emilys Grab.
Die Varelle begann langsam zu tauen und funkelte im Licht der Sonne.
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Als Leyla und Liam durch das Tor traten, blieb Leyla kurz stehen.
Sie atmete tief ein und ließ den Blick über die Landschaft schweifen. Vor ihnen erstreckten sich weite grüne Wiesen, die sich sanft über die Hügel zogen. Der Wind glitt durch das hohe Gras und ließ die Felder wie smaragdgrüne Wellen wirken, die sich träge unter dem klaren blauen Himmel bewegten.
Für einen Moment sagte niemand etwas. Die Luft außerhalb der Stadt fühlte sich anders an. Freier. Ruhiger.
Am Wegesrand warteten bereits Fer und Roxy auf sie.
Leylas Blick blieb kurz an Fer hängen – der Zwerg hatte einen gewaltigen Rucksack geschultert, der wirkte, als hätte er Proviant für mehrere Wochen eingepackt. „Wie viel hat er eigentlich mitgenommen?"
Roxy dagegen trug lediglich ihr Schwert und eine kleine Tasche. Als sie Leyla bemerkte, grinste sie ihr kurz entgegen.
Leyla sah zu Liam. Die bedrückte Stimmung von eben war verflogen – seine lockere Haltung war zurückgekehrt, und zum ersten Mal seit dem Friedhof wirkte er wieder leichter.
Sie wandte den Blick dem Horizont zu und machte einen Schritt nach vorne. Ein warmes Kribbeln breitete sich in ihr aus. Vor ihnen lag ihre erste gemeinsame Reise als Gilde. Ihr erstes echtes Abenteuer.
„Liam, Roxy, Fer!" rief Leyla mit einem breiten Lächeln. „Kommt ihr? Lasst uns aufbrechen!"



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