Kapitel 26 - Das Monster von Rehengar
Aktualisiert: 23. Jan. 2025

Die Mittellande breiteten sich in all ihrer Pracht vor ihnen aus. Die warmen Sonnenstrahlen schienen mit den leuchtenden Farben der blühenden Felder zu verschmelzen, während der Duft von frisch gemähtem Gras und wilden Blumen den leichten Wind begleitete. Überall zwitscherten Vögel, und das sanfte Rauschen der Blätter in den Bäumen schuf eine beruhigende Melodie.
Es war eine Landschaft, die den Geist zur Ruhe kommen ließ und das Herz mit stiller Freude erfüllte. Doch unter dieser Idylle schwang ein leises Knistern mit – eine Vorahnung von Abenteuern, die noch vor ihnen lagen.
[???] ,,In ein bis zwei Stunden sollten wir in Rehengar ankommen!’’
Fer drehte sich grinsend zu Leyla um, während er seine Hände lässig in die Hüften stemmte.
,,Hat ja auch lange genug gedauert’’, antwortete Leyla und verzog leicht das Gesicht. ,,Fast eine Woche sind wir schon unterwegs.’’
Ihre Reise war geprägt von kleinen Abenteuern am Wegesrand. An einem Tag hatten sie einem Bauern auf dem Acker geholfen, an einem anderen einer alten Dame, die schwere Möbel transportieren musste. Auch wenn die Verzögerungen ärgerlich waren, hatte niemand in der Gruppe ernsthaft protestiert.
[???] ,,Ich bereue es trotzdem nicht, dass wir einige Verzögerungen in Kauf genommen haben. Wir konnten einige gute Taten vollbringen, das wirkt sich auch auf unseren Anfängerstatus aus!’’
Roxy, Leylas beste Freundin und eine furchtlose Kriegerin, war immer die Erste, die ihre Hilfe anbot. Ihre Energie und Entschlossenheit zogen die Gruppe mit, und Leyla bewunderte sie insgeheim dafür.
[???] ,,Ich freue mich schon darauf, dich wieder vor einem Monster zu retten. Du bedankst dich dann immer so süß!’’
Liams schelmisches Grinsen ließ Leyla die Augen verdrehen.
,,Träum weiter’’, entgegnete sie trocken, obwohl ein Hauch von Rot ihre Wangen färbte. Liam, der sie von Anfang an begleitet hatte, hatte sie in brenzligen Situationen schon oft gerettet. Seine charmante, manchmal freche Art ließ sie gleichermaßen genervt und amüsiert zurück. In letzter Zeit hatte sie jedoch bemerkt, dass sie sich in seiner Nähe sicherer fühlte.
,,Ich habe wirklich Glück, solche Freunde gefunden zu haben.’’ Leylas Gedanken schwebten kurz ab, während sie ihre Begleiter ansah.
Ihre Erinnerungen an ihr früheres Leben verblassten immer mehr. Sie wusste nicht, warum oder wie das geschah, doch sie hatte beschlossen, es zu akzeptieren – zumindest bis sie die Möglichkeit hatte, Antworten zu finden. Der Schlüssel dazu lag in der großen Bibliothek von Malyl, doch der Zugang war mit Bedingungen verknüpft.
Um die Bibliothek betreten zu dürfen, musste ihre Abenteurergilde, ,,Die grauen Federn’’, den vierten Rang erreichen. Momentan waren sie Anfänger, der unterste Rang der fünfstufigen Skala. Adept, Fortgeschritten, Experte und schließlich Heldenrang folgten darauf. Jeder Rang brachte mehr Privilegien, schwerere Aufträge und höhere Belohnungen mit sich.
Die Abenteurergilde war eine vielseitige Institution. Die meisten Anfragen betrafen das Bekämpfen von Monstern, doch auch Eskorten, das Erkunden gefährlicher Orte und gelegentlich sogar diplomatische Missionen gehörten zu ihren Aufgaben.
,,Hey, träumst du? Wir sind bald da!’’ Roxy stubste Leyla an, die aus ihren Gedanken aufschreckte. Die warme Sonne, die sanften Hügel der Mittellande und die vertrauten Stimmen ihrer Freunde machten ihr bewusst, dass sie genau da war, wo sie sein wollte.
--------------------------------------------------------------------------
Rehengar wirkte wie ein verschlafenes Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben war. Die wenigen Häuser um den kleinen Marktplatz hatten verblasste Fassaden, die von vergangenen Stürmen erzählten. Einige Bauern boten ihre überschüssigen Ernten an, während der Duft von frisch gepflücktem Gemüse sich mit dem erdigen Geruch der umliegenden Felder vermischte. Eine einsame Windfahne drehte sich leise quietschend im Wind, als ob auch sie sich an das langsame Leben hier angepasst hätte.
Liam trat als Erster auf einen der Dorfbewohner zu. ,,Guten Tag, wir sind wegen des Auftrags hier. Können Sie uns sagen, wo wir den Dorfvorsteher finden, der die Anzeige aufgegeben hat?’’
Ein alter, gebeugter Mann mit faltigem Gesicht und tiefliegenden, misstrauischen Augen musterte die Gruppe kurz, bevor er mit einem grummelnden Ton antwortete: ,,Ihr seht tatsächlich fähig aus. Ich bin der Dorfvorsteher. Kommt mit.’’
Ohne auf eine Reaktion zu warten, drehte er sich um und schlurfte in Richtung eines Hauses. Seine langsamen, knarrenden Schritte schienen sich perfekt an die Stille des Dorfes anzupassen.
Leyla warf einen fragenden Blick zu Fer, der nur mit den Schultern zuckte. Gemeinsam folgten sie dem alten Mann ins Haus.
Das Innere des Hauses war düster und wirkte, als sei es seit Jahrzehnten unverändert geblieben. Die wenigen Möbelstücke schienen fast wie Relikte einer vergangenen Zeit. Ein Kessel mit grüner Suppe blubberte leise vor sich hin, als wäre er das einzige Zeichen von Leben in der kargen Behausung. Der Geruch von Kräutern und feuchter Erde hing schwer in der Luft, während das Knarren der Dielen unter ihren Schritten die Stille betonte.
,,Wir haben seit einigen Wochen ein Problem mit einem Monster’’, begann der alte Mann mit überraschend sanfter Stimme. ,,Es schleicht sich nachts in unsere Gehege, reißt die Schweine und verschwindet. In der Nähe gibt es einen kleinen Wald, ich nehme an, es lebt dort. Bitte, kümmert euch darum.’’
Leyla bemerkte den Hauch von Sorge in seinen Augen und versuchte, ihre eigene Aufregung zu verbergen. Ihr Herz schlug schneller, während sie fragte: ,,Habt Ihr das Monster schon gesehen? Könnt Ihr uns etwas mehr darüber erzählen?’’
,,Nein’’, erwiderte der Dorfvorsteher, während er seinen Blick auf die Suppe richtete. ,,Wir haben es nie direkt gesehen. Aber wir finden morgens die Überreste der Schweine. Es sind keine sauberen Schnitte oder Bisse, sondern... ein Chaos. Auch die Zäune wurden niedergetrampelt.’’
,,Niedergetrampelt?’’ Fer runzelte die Stirn, während er sich einen weiteren Keks in den Mund schob. ,,Meint Ihr zerstört? Zerbrochen?’’
,,Nein, ich meine niedergetrampelt’’, wiederholte der Alte. ,,Flachgedrückt, als hätte etwas Schweres sie einfach überrollt.’’
,,Das klingt nach einem großen Monster. Vielleicht ein Riese?’’ Leyla sprach leise, eher zu sich selbst, denn sie war sich nicht sicher, ob es in dieser Welt tatsächlich Riesen gab.
,,Wir werden es uns ansehen und dieses Problem lösen’’, sagte Roxy mit entschlossener Stimme. Sie stand auf, warf den anderen einen kurzen Blick zu und ging zur Tür. ,,Es wird Zeit, dass wir herausfinden, womit wir es zu tun haben.’’
Die Gruppe folgte ihr, und Leyla spürte, wie sich eine Mischung aus Aufregung und Nervosität in ihr ausbreitete. Es war ihr erster richtiger Auftrag, und sie war fest entschlossen, ihren Teil dazu beizutragen.
--------------------------------------------------------------------------
Der Zaun, der die Wiese vom Wald abgrenzte, war tatsächlich an mehreren Stellen plattgetreten. Die tiefen Abdrücke im Boden waren so groß, dass ein Kurzschwert der Länge nach hineinpassen würde. Holzstücke steckten schräg im Boden, während der Großteil in zersplitterten, unregelmäßigen Stücken über die gesamte Fläche verstreut lag.
,,Was könnte das für ein Monster gewesen sein?’’ flüsterte Leyla, ihre Stimme zitterte leicht, während sie unbewusst näher an Liam heranrückte. Liam spürte ihre Anspannung und legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter.
Fer, der mit prüfendem Blick die Spuren untersucht hatte, richtete sich auf und wandte sich an die Gruppe. ,,Das könnte gut ein Troll gewesen sein. Die sind stark und nicht gerade subtil. Sollten aber keine große Herausforderung sein. Problematisch wird’s nur, wenn wir es hier mit etwas Seltenem zu tun haben... oder schlimmer, einem Drachen.’’
,,Ein Drache?’’ Leylas Augen weiteten sich, doch Liam schüttelte den Kopf. ,,Ein Drache würde wohl aus der Luft angreifen, außerdem sehe ich keine Spuren von Feuer oder Verbrennungen.’’ Er rieb sich nachdenklich das Kinn.
,,Vorsicht ist trotzdem angebracht’’, sagte Fer entschlossen. ,,Ich gehe vor. Ihr drei deckt meinen Rücken.’’ Ohne auf eine Antwort zu warten, setzte er sich in Bewegung, seine schwere Axt kampfbereit in den Händen.
Die Gruppe hatte bereits auf der Reise ihre Kampfformation besprochen. Fer, mit seiner massiven Rüstung und seiner Fähigkeit, die meisten Angriffe auszuhalten, würde vorausgehen. Liam und Roxy hielten jeweils die Flanken, wachsam für jede mögliche Gefahr. Leyla, mit ihrer mangelnden Kampferfahrung, war in der Mitte positioniert – ein Arrangement, das Liam unmissverständlich durchgesetzt hatte.
Fer führte sie mit sicheren, bedächtigen Schritten in den Wald. Sein Blick wanderte aufmerksam über die Umgebung, und die Gruppe folgte ihm in angespannter Stille. Die dichten Bäume des Waldes schufen ein düsteres Halbdunkel, selbst bei Tageslicht. Verknäuelte Äste bildeten bizarre Muster, während der modrige Geruch von feuchtem Laub und Verfall allgegenwärtig war. Jeder Schritt auf dem unebenen Boden löste ein leises Rascheln oder Knacken aus, das sich wie ein unwillkommener Eindringling in die bedrückende Stille des Waldes einfügte.
Leyla konnte die Kälte und Dunkelheit spüren, die den Ort durchdrang, und unwillkürlich drängten sich alte Erinnerungen in ihren Kopf. Sie dachte an die Arachne, der sie einst in einem ähnlichen Wald begegnet war, und an die kalte Zelle, in der sie nach ihrer Entführung festgehalten worden war. Die Erinnerungen zogen sich wie ein enger Knoten in ihrer Brust zusammen.
,,Was, wenn ich wieder allein gelassen werde? Was, wenn es wieder passiert?’’ Der Gedanke nagte an ihr, bis sie sich zwang, ihn beiseitezuschieben. Sie schüttelte leicht den Kopf und blickte nach vorne. Liam, Roxy und Fer würden sie nicht im Stich lassen. Das wusste sie.
Sie war so in Gedanken versunken, dass sie fast in Fers Rücken lief, als dieser abrupt stehen blieb.
,,Was ist los?’’ flüsterte sie und umklammerte instinktiv den Griff ihres Schwertes.
,,Dort vorne...’’ Fers Stimme war gedämpft, aber ernst. ,,Eine Höhle. Und auf der Lichtung davor sind unmengen an Fußspuren.’’
Die Lichtung vor der Höhle schien wie ein Kontrast zum dichten Wald, der sie umgab. Hier war der Boden plattgetrampelt und aufgewühlt, als hätte ein gigantisches Wesen in wütender Raserei gewütet. Die Spuren schienen fast das gesamte Areal zu bedecken. Es war, als hätte die Natur an diesem Ort innegehalten.
Keine Vögel sangen, und selbst der Wind schien seinen Atem anzuhalten. Die Luft war still und schwer, durchzogen von einem schwachen, unheilvollen Geruch, der aus der dunklen Höhle drang. Sie öffnete sich vor ihnen wie das Maul eines schlafenden Ungeheuers.
,,Was denkt ihr, was da drin ist?’’ flüsterte Leyla, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch.
,,Etwas Großes’’, murmelte Liam, seine Augen scharf auf die Höhle gerichtet. Roxy löste ihre Waffe aus der Halterung, ihre Haltung angespannt und bereit.
,,Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden’’, sagte Fer schließlich. Er hob seine Axt und setzte vorsichtig einen Fuß auf die Lichtung, seine Bewegungen wachsam und schwer wie der drohende Klang eines nahenden Sturms.
--------------------------------------------------------------------------
Vorsichtig bewegten sie sich weiter in Richtung der Höhle, das leise Knirschen ihrer Schritte auf dem erdigen Boden das einzige Geräusch in der erdrückenden Stille. Die Dunkelheit vor ihnen war so dicht, dass Leyla das Gefühl hatte, sie könnte sie mit den Händen greifen.
,,Ich werde eine Lichtkugel nutzen, sobald wir drin sind. Bleibt wachsam. Wenn es gefährlich wird, ziehen wir uns sofort zurück’’, sagte Liam, seine Stimme ruhig und bestimmt, als wäre er an solche Situationen gewöhnt.
Leyla nickte, doch ihre Hände zitterten leicht. Ihr Herz pochte laut in ihrer Brust, und sie musste sich zwingen, den Griff ihres Schwertes nicht zu fest zu halten. Ihre Gedanken waren ein chaotisches Durcheinander von Möglichkeiten, jede beängstigender als die andere.
,,Was, wenn wir warten, bis es dunkel wird und es von selbst rauskommt?’’ schlug sie vor, ihre Stimme ein wenig zu hoch, um ihre Nervosität zu verbergen.
Roxy schüttelte entschieden den Kopf. ,,Das wäre ein Fehler. Manche Monster sind nachts viel gefährlicher. Wir sollten das Risiko nicht eingehen.’’
Liam legte eine beruhigende Hand auf Leylas Schulter und lächelte sie an. ,,Wir schaffen das. Bleib einfach in meiner Nähe.’’
Mit einem Nicken gab Fer das Zeichen, und Liam ließ eine Lichtkugel über ihm erscheinen. Das schwache, warme Leuchten tauchte die Höhle in ein gedämpftes Licht, das gerade genug zeigte, um die Umgebung zu erkennen, aber nicht genug, um die allgegenwärtige Dunkelheit zu vertreiben.
Die Gruppe folgte Fer in die Höhle, ihre Schritte vorsichtig und leise. Von der Decke tropfte Wasser und die kühle, feuchte Luft wurde von einem fauligen Geruch erfüllt, der Leyla den Magen umdrehte. Die Wände der Höhle waren rau und grau, und das schwache Licht ließ Schatten tanzen, die Leylas Augen immer wieder täuschten.
,,Eine Weggabelung’’, sagte Fer und blieb abrupt stehen. Er sah in die beiden Gänge, die vor ihnen lagen, seine Augen schmal vor Anspannung. ,,Wie wollen wir vorgehen?’’
,,Wir könnten uns trennen’’, schlug Liam vor, ohne Zögern. ,,Leyla und ich nehmen den rechten Gang, und Roxy und Fer gehen nach links. Es wird bald Abend, und wir haben nicht die Zeit, beide Wege gemeinsam zu erkunden.’’
Leyla spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Der Gedanke, sich zu trennen, machte sie nervös. ,,Das ist wie in einem schlechten Horrorfilm…’’, dachte sie, während sie sich Liam zuwandte.
,,Wenn wir uns trennen, gehe ich mit Leyla’’, sagte Roxy entschieden, ihre Augen funkelten entschlossen. Es war offensichtlich, dass sie Leyla nicht alleine lassen wollte.
Liam hielt Roxys Blick, sein Gesicht entspannt, doch seine Augen verrieten einen Hauch von Anspannung. ,,Ich bin stärker und habe mehr Erfahrung. Wenn Leyla bei mir ist, ist sie sicherer.’’
Leyla tat es leid für Roxy, doch sie wusste, dass Liam recht hatte und stellte sich neben ihn.
Leyla zögerte. Sie wollte Roxy nicht enttäuschen, aber sie wusste, dass Liam recht hatte. Schließlich trat sie neben ihn und nickte. ,,Ich gehe mit Liam. Wenn etwas passiert, können wir uns rufen.’’
Roxy verzog das Gesicht, doch schließlich nickte sie widerwillig. ,,Pass gut auf dich auf. Nicht nur wegen des Monsters, sondern auch wegen Liam.’’
,,Schon gut, ich passe auf sie auf’’, antwortete Liam, mit einem Hauch von Ärger in der Stimme. ,,Mach dir keine Sorgen, sie kommt heil zurück.’’
Fer betrachtete die beiden Gänge noch einmal mit prüfendem Blick. ,,Geht kein Risiko ein. Wenn es zu gefährlich wird, zieht euch zurück.’’
Leyla spürte eine Mischung aus Anspannung und Schuld, als sie Roxy einen kurzen Blick zuwarf. Dann wandten sie sich den Gängen zu. Leyla und Liam nahmen den rechten, während Roxy und Fer nach links gingen. Die Stille der Höhle verschluckte das Geräusch ihrer Schritte, und bald waren sie allein in der Dunkelheit.



Kommentare