top of page

Kapitel 27 - Todeskampf mit dem Monster

Aktualisiert: 23. Jan. 2025

Vorsichtig setzte Leyla einen Schritt vor den anderen. Sie versucht leise zu sein, so leise, dass niemand sie hören konnte. 


Sie spürte den stechenden Schmerz in ihrem rechten Oberschenkel. Seit sie in die Tiefe gestürzt war und auf einer Reihe spitzer Steine gelandet war, blutete sie stark.


,,Ich muss unbedingt zurück zu Liam und Roxy… Wenn ich nur wüsste, wie ich hier unten rauskommen kann. Scheiße…’’


Jeder Schritt war eine Qual, die Schmerzen zogen sich wie Nadeln durch ihren Körper, jeder Atemzug fühlte sich an wie ein Krampf. Gedanken an Liam und Roxy versanken in einem Nebel aus Verzweiflung.


Schmerz und Trauer fluteten ihren Verstand und ließen ihren Magen verkrampfen. 


,,Fer… Was ist mit dir passiert…’’


Da fiel ihr ein Glühen am Ende des Ganges auf. Ein braun-orangenes Licht schien aus einem Loch in der Wand und je näher sie dem Glühen kam, desto stärker wurde der pochende Schmerz in ihrer Schläfe, den sie, seitdem sie und die Anderen diesen Ort betreten hatten, spürte.


Das Licht warf unruhige Schatten an die Wand, und ein modriger Geruch stieg in ihre Nase. Der schmale Gang schien endlos und die Dunkelheit wie eine erdrückende Wand um sie herum.


,,Was ist nur los mit mir…’’ 


Sie hatte dieses Pochen nicht mehr gespürt, seit sie damals aus Migar aufgebrochen war.


Ihre Schritte wurden schneller, angetrieben von einem unbestimmten Drang, obwohl der pochende Schmerz in ihrem Kopf mit jedem Meter stärker wurde. Es war, als ob das Licht sie rief, lockte, trotz der Gefahr, die es versprach.


Sie erreichte das Loch in der Wand und blickte hindurch. Ihr Kopf fühlte sich so an, als würde er jeden Moment platzen. 


,,Was ist das?’’ 


Leyla hatte vergessen, dass sie leise sein wollte. Stattdessen starrte sie gebannt durch das Loch in der Wand…



--------------------------------------------------------------------------



Einige Monate zuvor hätte Leyla niemals geahnt, dass ein einziger Tag ihr bisheriges Leben in dieser Welt für immer verändern würde.


Sie schlich dicht hinter Liam her, während sie tiefer in die feuchte Dunkelheit der Höhle vordrangen. Plötzlich bemerkte sie, wie es weiter vorne heller wurde – vielleicht ein weiterer Ausgang?


Liam hob die Hand und hielt inne, bevor er sich langsam zu ihr umdrehte. „Da vorne ist ein Loch in der Decke. Wahrscheinlich lebt das Monster dort. Wir müssen vorsichtig sein“, flüsterte er mit ernster Stimme.


Leyla nickte stumm. Ihr Herz klopfte schneller, während sie ihre Bewegungen verlangsamte. Lautlos glitten sie durch die Dunkelheit, wie Jäger, die jeden Schritt abwägen, immer auf der Hut vor ihrer Beute. Die drückende Stille der Höhle schien nur darauf zu lauern, von einem falschen Geräusch zerrissen zu werden.


—BUMM—


Ein plötzliches Geräusch durchschnitt die Stille, gefolgt von einem dumpfen Aufprall. Leyla lag auf dem kalten Höhlenboden, ihr Atem beschleunigt. Vor Schreck hatte sie laut aufgeschrien. Ihre Finger tasteten über den Grund, und als sie sah, worüber sie gestolpert war, zog sich ihr Magen zusammen.


Ein verwitterter, knochiger Schädel lag vor ihr, die leeren Augenhöhlen schienen sie anzustarren, als wollten sie von unaussprechlichem Leid berichten. Sie unterdrückte den aufsteigenden Würgereiz und schluckte schwer.


,,Scheiße’’, murmelte sie heiser, während ihre Hände zitterten. Doch bevor sie ihre Gedanken ordnen konnte, erfüllte ein donnerndes Brüllen die Höhle. 


—ROOOAAAR—


Das Geräusch ließ sie zusammenzucken, und ihr Atem stockte. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie an Liam vorbei. Da war es – das Monster. Ein riesiger Bär, bedeckt von eiserner Panzerung, dessen rot glühende Augen vor Wut flammten. Es knurrte tief und fixierte Leyla für einen Moment, bevor sein Blick auf Liam überging.


Leyla spürte, wie ihre Kehle trocken wurde. Ihre Augen suchten hektisch Liams Gesicht, verzweifelt nach einem Hauch von Sicherheit. Doch sein Blick blieb starr auf das Monster gerichtet, jede Muskelspannung in seinem Körper verriet, dass er kampfbereit war. Trotz der überwältigenden Angst beruhigte es sie ein wenig, dass er bei ihr war.


„Bleib hinter mir“, flüsterte Liam schließlich, seine Stimme fest, aber leise, als wollte er das Biest nicht noch mehr provozieren.



--------------------------------------------------------------------------



Das Monster stürmte mit einem tiefen Brüllen auf Liam zu, seine gewaltigen Zähne bereit, sich in das Fleisch des Elfen zu graben.


Liam reagierte blitzschnell. Mit einer geschmeidigen Bewegung wirbelte er zur Seite, immer den massigen Gegner im Blick. Seine Hand fuhr zu den Dolchen an seinem Gürtel, und in einer fließenden, geübten Bewegung schleuderte er die Waffen auf eine Stelle unterhalb der Panzerung, die wie eine Schwachstelle wirkte. Doch die Klingen prallten nutzlos vom dichten Fell des Bären ab und klirrten auf den Boden.


Fluchend zog Liam sein Schwert. Er wich einem weiteren Angriff der messerscharfen Krallen aus, sprang mutig auf das Maul des Monsters zu und zielte auf den Hals. Doch bevor er treffen konnte, schmetterte ihn die mächtige Pranke des Bären mit voller Wucht gegen die Höhlenwand.


Leylas Herz raste. Das Adrenalin schoss durch ihren Körper, und sie spürte jeden einzelnen Herzschlag wie einen Donnerschlag in ihren Ohren. Sie wusste, dieser Moment würde entscheiden, ob sie überlebten – oder hier starben.


Sie brach aus ihrer Starre aus, sprang auf die Füße und zog mit zitternden Händen ihr Kurzschwert. Ihre Augen suchten Liam, der sich mühsam aufrappelte und unter Schmerzen stöhnte. Trotz der Angst in ihrem Inneren wusste sie, dass sie jetzt handeln musste.


Während die beiden abwechselnd angriffen, war der Bär nicht zu stoppen. Jeder Schlag der Klingen prallte von seiner Panzerung ab, und er wehrte jeden ernstzunehmenden Angriff ab, als wäre es ein Kinderspiel.


Liams Blick verfinsterte sich. Er hob die Hand und begann, leise einen Zauber zu murmeln. Plötzlich formte sich ein Ball aus flackernden Flammen vor ihm, der mit jeder Sekunde größer wurde. „Zurück!“ rief er und schleuderte den Feuerball mit einem donnernden Knall in Richtung des Bären.


Die Hitze brannte durch die stickige Luft, und als die Flammen auf den gepanzerten Körper trafen, schrie das Ungeheuer vor Schmerz auf. Seine Panzerung begann zu glühen, und der Gestank von verbranntem Fleisch erfüllte die Höhle.


„Das ist meine Chance!“ dachte Leyla, während sie auf das Monster zustürmte. Mit aller Kraft stieß sie ihre Klinge in das linke Auge des Bären. Blut spritzte in einem feinen Nebel in die Luft, und ein ohrenbetäubendes Brüllen erfüllte die Höhle. Der Bär schlug blindlings nach ihr und warf sie zu Boden, doch Leyla rollte sich ab und brachte sich in Sicherheit.


Liam hatte sich inzwischen wieder gefangen. Er packte sein Schwert fester und stürmte auf das nun einäugige Monster zu. Doch gerade als er ausholte, um den Kopf des Biests abzutrennen, richtete sich der Bär mit einem wütenden Schnauben auf und schlug erneut nach ihm. Liam musste zurückweichen, seine Zähne fest zusammengebissen.


Die Höhle erzitterte bei jedem Schritt des Ungeheuers. Das grollende Brüllen, das Klirren von Metall auf Stein und die Hitze der Flammen, die den Raum erhellten, verschmolzen zu einem chaotischen Sturm, der Leyla den Atem raubte. Der beißende Geruch von verbranntem Fleisch brannte in ihrer Nase, und ihre Muskeln schmerzten vor Anspannung.


Schnaufend kam Liam neben ihr zum Stehen. Sein Atem ging schwer, und er spuckte Blut auf den Boden. Er stützte sich auf sein Schwert, bevor er mit entschlossener Stimme sprach.


„Das Vieh ist zäh… Ich glaube nicht, dass wir es so einfach kleinkriegen.“ Er sah Leyla an, ein schwaches, aber aufmunterndes Lächeln auf den Lippen. „Aber wir schaffen das. Bleib vorsichtig und gib nicht auf!“


Leyla nickte fest, die Angst in ihren Augen einer kalten Entschlossenheit gewichen. Sie hob ihr Schwert und ging erneut in Kampfhaltung, bereit, alles zu geben.



--------------------------------------------------------------------------



Liam strich mit einer entschlossenen Bewegung über die Klinge seines Schwertes, das augenblicklich in Flammen aufging. Ohne zu zögern stürzte er sich erneut auf das Monster, während Leyla im selben Moment von der anderen Seite angriff.


Der Stahlbär, wie Liam ihn genannt hatte, fixierte sofort das brennende Schwert und schlug mit einer gewaltigen Tatze danach. Genau das hatte Liam beabsichtigt. Mit einem gezielten Sprung ließ er das Schwert los, rutschte geschickt unter den Bauch des Ungeheuers hindurch und riss dabei seinen Dolch nach oben. Die Klinge schnitt durch die verwundbare Haut des Bauches und hinterließ eine klaffende Wunde.


Gleichzeitig stieß Leyla von hinten zu. Ihre Hände umklammerten ihr Schwert, als sie versuchte, die dicke Haut des Bären am Rücken aufzureißen. Der Bär brüllte vor Schmerz, wirbelte herum und schlug Leyla die Waffe aus der Hand. Sie stolperte rückwärts, und als das Monster sich auf sie stürzen wollte, sprang Liam dazwischen und riss sie zur Seite.


Leyla landete unsanft auf dem harten Boden, die Luft wich aus ihren Lungen. Doch bevor sie sich aufrappeln konnte, packte der Bär Liam mit seinen mächtigen Zähnen. Ein Schrei zerriss die Höhle, und Leyla erstarrte vor Entsetzen, als sie sah, wie die Zähne des Bären tief in Liams Rücken bohrten. Warmes Blut strömte in dicken Tropfen aus seinen Wunden und lief an ihm herab, während der Bär ihn herumwirbelte wie eine Puppe.


,,Liam!!!’’


Leylas Schrei hallte von den Höhlenwänden wider. Das Adrenalin erfasste sie erneut, und sie warf sich mit bloßen Händen auf das Monster. Verzweifelt versuchte sie, die gewaltigen Kiefer des Bären auseinanderzuzwingen. Ihre Finger krallten sich in die Panzerung, während Tränen über ihr Gesicht liefen.


Endlich lockerte der Bär seinen Biss, und Liam fiel wie ein Stein zu Boden. Leyla stürzte mit ihm, doch der Bär war noch nicht fertig. Das Ungeheuer bäumte sich auf, und sein gieriges Maul öffnete sich bedrohlich. Übel riechender Sabber tropfte auf Leylas Gesicht, während der Gestank nach Verwesung und Blut sie fast ersticken ließ.


Panisch tastete sie nach ihrem Schwert, das nur wenige Zentimeter entfernt lag. Ihre zittrigen Finger fanden den Griff, und sie packte es mit aller Kraft. In einem letzten, verzweifelten Aufbäumen schwang sie die Klinge nach oben. Die Klinge durchbohrte die Kehle des Bären, glitt durch Fell, Fleisch und Knochen. Das Monster stieß ein gurgelndes Geräusch aus, das die Höhle erfüllte, bevor es schwer zur Seite kippte und reglos liegen blieb.


Leyla atmete schwer, der metallische Geschmack von Blut lag auf ihren Lippen. Sie erinnerte sich an den Kampf mit der Arachne – ein Fehler hatte sie beinahe das Leben gekostet. Nicht diesmal. Mit wackligen Beinen rappelte sie sich hoch, stolperte zu dem Kopf des Bären und schlug mit zitternden Armen immer wieder darauf ein, bis er vollständig abgetrennt war.


Dann drehte sie sich zu Liam um. Er lag blutüberströmt auf dem Boden, seine Atmung war flach und unregelmäßig. Die Dunkelheit in der Höhle schien sich plötzlich dichter um sie zu legen, als ob sie jeden Funken Hoffnung ersticken wollte. Sie kniete neben ihm, das Blut des Bären tropfte von ihren Händen und bildete kleine Pfützen auf dem kalten Stein.


„Liam, hörst du mich? Du musst wach bleiben, alles wird gut“, flüsterte sie mit bebender Stimme. Ihre Hände drückten auf seine Wunden.


Liam öffnete schwach die Augen und sah sie mit einem müden, aber warmen Blick an. „Das… hast du gut gemacht, Leyla. Ich bin… stolz auf dich“, brachte er keuchend hervor. Blut lief aus seinem Mundwinkel, und sein Griff um ihre Hand war kaum noch spürbar.


Tränen füllten Leylas Augen und liefen ungehemmt über ihre Wangen. „Du darfst mich nicht allein lassen… Bitte, Liam, nicht jetzt“, flüsterte sie verzweifelt, ihre Stimme brach. Ihr Blick war verschwommen, ihre Gedanken ein wirrer Strudel aus Angst und Schmerz.


Liam versuchte zu lächeln, doch sein Atem wurde schwächer. Seine Hand glitt langsam aus ihrem Griff, und Leyla spürte, wie ihre eigene Kraft schwand. Das Adrenalin verließ ihren Körper, und die Realität des Augenblicks wurde zu viel.


Mit einem letzten, erstickten Schluchzen sackte sie zusammen und verlor das Bewusstsein, während die Höhle in eine bedrückende Stille verfiel.

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page