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Kapitel 29 - Karminrotes Haar

Aktualisiert: 25. Jan. 2025

Die Blätter der Bäume tanzten im stürmischen Herbstwind, ihre Farben hatten bereits begonnen, sich zu verändern. Bald würden sie von den Ästen fallen und den Boden mit einem bunten Teppich bedecken. Doch noch hielten die letzten warmen Tage des Sommers die Mittellande in einem angenehmen, goldenen Licht gefangen.


Leylas Haare wurden von den Böen durcheinandergewirbelt, während sie die Schönheit der Landschaft um sich herum bewunderte. Sie saß auf Himmels Rücken, der sich in einem schnellen, gleichmäßigen Rhythmus über die weite Graslandschaft bewegte. Es fühlte sich an, als würde er fliegen, so leichtfüßig und kraftvoll trugen seine Hufe sie über den Boden.


Sie waren auf dem Rückweg nach Malyl. Während Liam und Fer in Himmel geblieben waren, um auf Liams Genesung zu warten, ritten Roxy und Leyla voraus, um rechtzeitig die Belohnung für ihren Auftrag zu sichern.


,,Ich wollte Liam eigentlich nicht zurücklassen…’’


Leylas Stimme war leise, fast ein Flüstern, doch ihre Worte waren von einem Hauch von Bedauern durchzogen. Jeder Schritt, den Himmel machte, verstärkte den Stich in ihrem Herzen. Sie hatte nicht gewollt, dass Liam zurückblieb, aber sie wusste, dass es keine andere Wahl gegeben hatte. Die Frist für ihre Belohnung würde in zwei Tagen enden, und sie konnten es sich nicht leisten, sie zu verpassen.


,,Was meinst du, Himmel? Sollen wir dir einen neuen Sattel kaufen, der besser sitzt?’’


Himmel wieherte, als würde er zustimmend antworten, und Leyla musste lächeln. Jedes Mal, wenn er wieherte, fühlte sie, wie sich ihr Herz mit Stolz und Zuneigung füllte. Er war mehr als nur ein Begleiter – er war ein Teil von ihr, ein treuer Gefährte, der sie durch jede Gefahr tragen würde.


Am Horizont erschienen die ersten Umrisse von Malyl, ein vertrauter Anblick, der ihnen zeigte, dass ihre Reise bald ein Ende finden würde. Nur drei Tage hatten sie gebraucht, um von Himmel nach Malyl zu gelangen – eine beeindruckende Zeit, besonders im Vergleich zu den zwei Wochen, die sie auf dem Hinweg benötigt hatten.


Roxy ritt an Leylas Seite und grinste, bevor sie ihr spielerisch auf den Arm schlug. „Mach dir keine Sorgen, wir kriegen das auch ohne den Idioten hin.“


Leyla lachte leise und erwiderte Roxys Lächeln. Es tat gut, sie an ihrer Seite zu haben, vor allem in diesen Momenten, in denen die Zweifel sie übermannten.


,,Du Roxy, glaubst du, wir steigen einen Rang durch den Auftrag auf?’’


Roxy überlegte kurz, bevor sie antwortete. „Ich denke schon. Der Stahlbär ist eigentlich kein Monster für eine Gilde des Anfänger-Rangs. Das war definitiv eine Aufgabe für Fortgeschrittene. Und dazu kommt noch, dass wir unterwegs so vielen Leuten geholfen haben!“


„Selbst wenn wir dadurch keinen Rang aufsteigen würden, hätte ich den Menschen geholfen“, sagte Leyla leise. „Das Lächeln und der Dank der Leute war schon Belohnung genug.“


Während sie sprach, dachte sie an einen Jungen, dessen Katze in einen Baum geklettert und dort steckengeblieben war. Liam hatte sie gerettet und dem Jungen zurückgegeben. Das strahlende Lächeln des Kindes war für Leyla mehr wert gewesen als jede Goldmünze. Es war ein Moment, den sie nie vergessen würde.


„Das Lächeln der Menschen macht es immer wert, zu helfen“, fügte sie hinzu und blickte in den Sonnenuntergang. „Egal, ob wir dafür eine Belohnung bekommen oder nicht.“


Roxy nickte, ein warmes, verständnisvolles Lächeln auf den Lippen, während sie zusammen weiter ritten. Die Abendsonne tauchte die Welt in ein goldenes Licht, und Leyla spürte, wie ein Hauch von Frieden in ihr aufstieg.



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Leyla strich sanft über Himmels Kopf, ihre Finger fuhren durch sein weiches, glänzendes Fell. Ihre Augen suchten seine, und sie sprach leise, fast liebevoll: „Wir können dich nicht mit in die Stadt nehmen. Warte hier, bei den Ställen, auf mich. Ich komme schon bald wieder und hol dich ab.“


Sie drückte ihre Stirn sanft gegen Himmels Nase, als wollte sie ihm auf diese Weise versichern, dass sie es ernst meinte. Sein warmes, gleichmäßiges Atmen beruhigte sie, doch ein leiser Schmerz lag in ihrem Herzen. Selbst ein kurzer Abschied von ihm fiel ihr schwer. Doch Regeln waren Regeln, und sie mussten sich daran halten.


Schweren Herzens wandte sie sich ab und ging zu Roxy, die bereits am äußeren Stadttor auf sie wartete.


„Lass uns zur Abenteurergilde gehen. Ich will das Ganze so schnell wie möglich hinter mich bringen“, sagte Leyla, ihre Stimme klang entschlossen. Sie konnte es kaum erwarten, die Belohnung entgegenzunehmen.


„Geht mir genauso“, antwortete Roxy mit einem leichten Grinsen, „und danach schauen wir uns einen der freien Aufträge an.“


Die freien Aufträge waren für alle Ränge zugänglich, und sie hatten beschlossen, sich etwas mit einem höheren Anforderungsgrad zu suchen. Es war die schnellste Möglichkeit, auf den vierten Rang aufzusteigen.


Die Straßen von Malyl waren genauso lebhaft wie bei ihrem letzten Besuch. Händler riefen lautstark ihre Waren an, während Kinder lachend durch die Gassen rannten. Der Duft von frisch gebackenem Brot vermischte sich mit dem metallischen Geruch der Schmieden. Doch etwas störte die sonst so lebendige und friedliche Atmosphäre: die starren Blicke der Soldaten.


„Ist das die kaiserliche Armee?“, fragte Leyla, während ihr Blick die grauen Rüstungen der Soldaten fixierte.


„Ja. Von denen solltest du dich fernhalten, die bringen nur Ärger“, antwortete Roxy mit ernster Miene.


Leyla beobachtete die Soldaten aus den Augenwinkeln. Warum waren die Truppen des Kaiserreichs in Malyl so stark präsent? Die Stadt lag zentral, in der friedlichsten Region der Mittellande, wie Liam immer betont hatte. Doch sie wusste, dass die kaiserliche Armee bekannt dafür war, ihre Präsenz auszuweiten, um das Volk zu kontrollieren. Dennoch konnte sie sich keinen Grund vorstellen, warum sie ausgerechnet Malyl gewählt hatten.


Als sie die innere Stadtmauer erreichten, sah Leyla eine Gruppe von Soldaten, die in einem angeregten Gespräch vertieft waren. Neugierig ging sie etwas näher heran, um zu hören, worüber sie redeten.


[???] ,,Maaan, ich will wieder zurück nach Hause. Wenn wir wenigstens Kämpfen würden…’’


[???] ,,Du hast recht, es ist einfach super langweilig.’’


[???] ,,Ihr solltet aufpassen, dass der General euch nicht hört, sonst wird er euch zu Strafschichten verdonnern.’’


[???] ,,Der soll sich nicht so anstellen. Der lässt es sich im Schloss gut gehen, während wir in einfach Tavernen untergebracht wurden.’’


[???] ,,Du solltest wirklich aufpassen. Du weißt doch, dass er Verbindungen zum Kaiserpalast hat. Wenn du Pech hast, verbaust du dir nicht nur deine Zukunft, wenn du es dir mit ihm verscherzt.’’


Leyla hörte auf, den Gesprächen zu lauschen, und ging weiter. Es hätte ihr zu viel Aufmerksamkeit eingebracht, stehenzubleiben, und sie wollte keinen Ärger riskieren.


Während sie sich entfernte, kreisten ihre Gedanken um diesen General. Was für ein Mann mochte er wohl sein? In ihrem Kopf malte sie sich einen alten, grimmigen und skrupellosen Anführer aus. Leyla biss die Zähne zusammen, als sie an die Geschichten dachte, die Liam ihr erzählt hatte. Von Dörfern, die geplündert und von Menschen, die eingeschüchtert worden waren. Geschichten über Tyrannei und Angst, die sie mit einer tiefen Abneigung gegen die Armee erfüllten. Alles, wofür sie stand, widersprach Leylas Werten, und allein der Gedanke daran machte sie wütend.


Plötzlich wurde sie von einer Stimme aus ihren Gedanken gerissen:


[???] ,,Bitte verzeiht meinem Sohn, er wollte bestimmt nichts Böses, er ist nur ein dummer Junge.’’



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Ein Mann kauerte auf dem Boden, seine Arme schützend um einen kleinen Jungen gelegt. Beide wirkten verängstigt, als ob sie sich vor einem wilden Tier verstecken wollten. Vor ihnen stand ein junger Mann, kaum älter als zwanzig, in einer auffälligen gold-roten Rüstung.


Er trug ein schwarzes Stirnband, an dem ein rotes Horn befestigt war. Sein karminrotes Haar passte perfekt zu dem roten Umhang, den er trug. Der Umhang bewegte sich leicht im Wind, und seine kalten, glühenden Augen fixierten die beiden vor ihm mit unbarmherziger Härte.


„Er mag ein Kind sein, und doch kann man erwarten, dass er weiß, wie man sich zu benehmen hat. Sein Leben war in dem Moment verwirkt, als er es wagte, mich mit einem Stein zu bewerfen“, sagte er mit einer Stimme, die zugleich leise und messerscharf war.


Der Mann auf dem Boden zuckte zusammen und begann noch verzweifelter zu flehen. „Bitte, General, verschont meinen Sohn! Es wird nie wieder vorkommen, das verspreche ich.“


Leyla konnte nicht glauben, was sie hörte. Würde dieser Mann wirklich einem Kind das Leben nehmen? Ihr Körper bewegte sich, noch bevor sie nachdenken konnte. Mit schnellen Schritten stellte sie sich zwischen den General und die beiden auf dem Boden. Ihr Herz schlug wie ein Trommelwirbel, doch der Blick des Jungen, voller Angst und Unschuld, gab ihr die Kraft, sich aufzurichten.


„Lass die beiden gehen. Der Junge hat sich doch schon entschuldigt“, sagte sie, ihre Stimme fest, auch wenn sie innerlich bebte.


Die Augen des Generals wanderten langsam zu ihr. Ihr Blick begegnete seinen, und ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. Diese Augen glühten vor Wut, und doch schien kein Hauch von Mitgefühl darin zu liegen – nur kalte, gnadenlose Entschlossenheit.


„Sich einem General in den Weg zu stellen, ist Hochverrat“, sagte er ruhig. „Darauf steht im Kaiserreich die Todesstrafe. Im Namen Kaiser Verions, Dritter seines Namens, vollstrecke ich, General van Trey, nun das Urteil.“


Mit einem knisternden Geräusch erschien in seiner Hand eine Klinge aus loderndem Feuer, die er ohne Zögern hob.


Leyla fühlte, wie ihr Herz aussetzte. Würde er sie wirklich auf offener Straße töten? Ihr Atem wurde flach, doch sie zwang sich, stehen zu bleiben. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Roxy sich in Bewegung setzen wollte, um ihr zu helfen, doch mehrere Soldaten stellten sich ihr in den Weg. Ihre Hände ruhten drohend auf den Griffen ihrer Schwerter, ein lautloser, aber unmissverständlicher Hinweis, dass sie sich nicht einmischen sollte.


Leyla richtete ihren Blick wieder auf den General. „Wie kannst du dich selbst einen General nennen? Deine Handlung ist reine Willkür! Wenn du mich töten willst, dann tu es. Aber ich kann dir versprechen, dass jemand kommen wird, der dich für deine Grausamkeit zur Rechenschaft zieht.“


Die Worte kamen heißer aus ihrem Mund, als sie es beabsichtigt hatte, aber sie konnte ihre Wut nicht zurückhalten. Für einen Moment schien etwas in den Augen des Generals aufzublitzen – Zorn.


„Wie kannst du es wagen, meine Autorität infrage zu stellen? Du bist wohl zu dumm, deinen Platz zu kennen“, zischte er. „Aber keine Sorge, ich werde dir schon zeigen, wo du hingehörst.“


Er holte aus und trat ihr mit voller Wucht in den Bauch. Der Aufprall war wie eine Explosion, die durch ihren Körper raste. Leyla fiel zu Boden, der Schmerz brannte wie ein Feuer, das jede Bewegung lähmte. Sie spürte den metallischen Geschmack von Blut in ihrem Mund und wusste, dass sie schwer getroffen war. Doch sie hatte schon Schlimmeres überstanden. Dieser General konnte sie schlagen, aber brechen würde er sie nicht.


Die Straßen von Malyl, sonst erfüllt von Leben und Stimmen, lagen nun in gespenstischer Stille. Die Menschen, die eben noch geschäftig durch die Gassen gegangen waren, schlichen sich mit gesenkten Köpfen davon. Das Knistern der Feuerklinge und das Klirren der Rüstungen drückten schwer auf die Luft.


„LEYLA!“ Roxys Schrei zerriss die bedrückende Stille, doch sie konnte nichts tun. Die Soldaten um sie herum hielten sie in Schach.


Leyla stützte sich mühsam auf die Arme und versuchte aufzustehen. Der Schmerz pochte in ihrem Körper, doch sie zwang sich, den Blick des Generals zu erwidern. Sie wollte ihm nicht die Genugtuung geben, auf sie herabzublicken.


Der General hob die lodernde Klinge und war bereit, den Schlag auszuführen, als eine klare, durchdringende Stimme die Spannung durchbrach.


[???] ,,Thibedeau, lass sie in Ruhe.’’



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Die Menge teilte sich, als ein Mann durch die Gasse schritt, und Leylas Herz sank, als sie sein Gesicht erkannte. Paul de Coteau. Sie hatte gehofft, ihn nie wiedersehen zu müssen.


„Euer Gnaden!“ Der General, Thibedeau van Trey, verneigte sich respektvoll, auch wenn sein Gesichtsausdruck verriet, wie ungern er es tat. „Diese Frau hat die kaiserlichen Gesetze gebrochen und meine Autorität untergraben.“


Paul musterte den General mit einem kühlen Blick, bevor er zu Leyla hinübersah. „Hat sie das?“ Seine Stimme war ruhig, aber scharf wie ein Messer. „Nun, sie steht unter meinem Schutz. Genauso wie alle anderen Bewohner dieser Stadt. Du hast kein Recht, ihnen etwas anzutun. Wenn du ein Problem hast, kannst du gerne eine Beschwerde bei mir einreichen.“


Thibedeau knirschte hörbar mit den Zähnen, sein Zorn war deutlich zu spüren. Dennoch verneigte er sich knapp und warf Leyla einen letzten, wütenden Blick zu, bevor er sich umdrehte und durch das Tor in Richtung der Außenbezirke verschwand. Sein Rückzug ließ die bedrückende Spannung in der Luft langsam nachlassen.


Leyla atmete tief durch und wandte sich an den Mann und seinen Sohn, die noch immer am Boden kauernd verharrten. „Geht es euch gut?“


„J-ja, dank dir.“ Der Mann stotterte vor Erleichterung, seine Stimme war brüchig. „Ich kann diese Schuld niemals zurückzahlen.“ Er hob den Jungen in seine Arme, warf Leyla einen dankbaren Blick zu und eilte mit schnellen Schritten davon.


Kaum war die Straße wieder frei, warf sich Roxy an Leyla und schloss sie fest in die Arme. „Was machst du nur für Dummheiten? Ich hatte solche Angst, als ich sah, wie er dich bedrohte! Du kannst doch nicht immer dein Leben riskieren!“ Ihre Stimme klang vorwurfsvoll, doch Leyla konnte die Erleichterung darin hören.


—ÄHEM—


Paul räusperte sich und blickte Leyla mit einem leicht amüsierten Ausdruck an, die Arme locker vor der Brust verschränkt.


„Wollt Ihr Euch nicht wenigstens bedanken, junge Schönheit?“ Sein Ton war freundlich, aber ein Hauch von Arroganz schwang in seinen Worten mit.


„Danke, dass Ihr mich gerettet habt“, sagte Leyla knapp, ihre Stimme ruhig, aber distanziert.


Paul lächelte, als hätte er nicht mehr erwartet. „Ich denke, Ihr wollt trotzdem noch nicht mit mir essen gehen. Schade, aber ich bin geduldig. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass Ihr noch früh genug zu mir kommen werdet.“


Mit diesen Worten drehte er sich um und ging gemächlich in Richtung des Schlosses seiner Familie. Leyla beobachtete ihn, ihre Gedanken kreisten. Paul de Coteau… Was wollte er wirklich? Sie konnte und wollte ihm nicht vertrauen. Der Gedanke, sich jemals an ihn zu wenden, war ihr unerträglich.


Roxy unterbrach ihre Grübeleien mit einem besorgten Blick. „Wie geht es dir? Hat er dich verletzt?“


„Mir geht es gut“, antwortete Leyla, während sie eine Hand auf ihren Bauch legte. Der Schmerz war noch da, aber es war auszuhalten. „Ich hasse solche Menschen. Sie glauben, sie könnten alles tun, nur weil sie einen hohen Rang haben.“


Roxy nickte, und die beiden gingen langsam weiter. Leyla war immer noch tief in Gedanken versunken, als sie schließlich das Schloss erreichten, in dem sich die Abenteurergilde befand. Der imposante Eingang lag vor ihnen, und mit jedem Schritt versuchte Leyla, die Begegnung mit Paul und dem General aus ihrem Kopf zu verdrängen. Aber sie wusste, dass sie diesen Tag so schnell nicht vergessen würde.

 
 
 

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