Kapitel 3 - Die Lehren des ersten Tages
- empirewebnovel
- 24. Aug. 2024
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. Mai

Leyla konnte nicht schlafen.
—QUIETSCH—
Ob es an den Stimmen und dem dröhnenden Gelächter lag, das aus der Taverne unter ihr nach oben schwappte, oder an dem Bett, das bei jeder kleinen Bewegung protestierend aufschrie – sie hätte es nicht sagen können. Vielleicht an beidem. Vielleicht auch an keinem von beiden.
Mit jeder weiteren Minute wich ihre Müdigkeit den Gedanken. Und die Gedanken ließen sich nicht aufhalten.
Was sollte jetzt aus ihr werden?
Leylas Blick ruhte auf dem Gemälde an der Wand. Es zeigte eine Frau mit weißen Flügeln, ein Zepter in der Hand, die Kleidung vollständig weiß.
Vielleicht ein Engel.
Gab es hier überhaupt Engel?
Abgesehen von dem Bild und dem Bett war das Zimmer beinahe leer. Neben dem Bett stand lediglich ein kleiner Nachttisch, auf dem eine Öllampe flackerte und den Raum in warmes, aber unruhiges Licht tauchte. Sie hatte bereits gebrannt, als Leyla das Zimmer betreten hatte, und sie hatte nicht daran gedacht, sie zu löschen.
—QUIETSCH—
Von unten drang besonders lautes Gelächter herauf. Tief, rau und schwer von Bier.
„Vielleicht sollte ich auch wieder anfangen, Alkohol zu trinken?"
Der Gedanke kam plötzlich – und verschwand genauso schnell wieder.
Seit fast zwei Jahren hatte Leyla keinen Alkohol mehr angerührt. Der Auslöser war eine besonders schlimme Nacht mit Katja gewesen, bei der beide fast im Krankenhaus gelandet wären. Seitdem hatten weder sie noch ihre beste Freundin auch nur ernsthaft daran gedacht, wieder anzufangen.
Nein, gerade jetzt brauchte sie einen klaren Kopf und nicht die kurze Betäubung, die der Alkohol versprach.
Langsam griff sie in ihre Tasche und zog eine der Kupfermünzen hervor, die Roxy ihr gegeben hatte.
Die Münze war rund, von kleinen Zacken umgeben. Auf ihrer Oberfläche war das Gesicht eines alten Mannes eingeprägt, dessen Blick eine merkwürdige Schwere hatte, als würde er zurückschauen.
Nachdenklich drehte Leyla die Münze zwischen den Fingern.
Dann wanderte ihr Blick zurück zu dem Gemälde, zu den weißen Federn – und sofort dachte sie an Katja. Ob sie die neue Folge ohne sie geschaut hatte? Ob sie sich Sorgen machte? Ob sie jetzt gerade auf dem Sofa saß und wartete, dass ihr Handy klingelte?
Leyla vermisste sie.
Besonders in Momenten wie diesem, wenn der Stress sie zu Entscheidungen drängte, die sie später bereuen würde, war Katja immer ihr Ruhepol gewesen. Jemand, der sie mit einer einzigen Bemerkung erden konnte, bevor sie sich selbst verlor.
,,Das sollte ich mir versuchen anzueignen.’’
Ob sie Katja jemals wiedersehen würde?
Sie klammerte sich noch immer an die Hoffnung, bald nach Hause zurückzukehren. Vielleicht war dort kaum Zeit vergangen. Vielleicht konnte sie den Hund noch zum Tierarzt bringen und am Abend neben Katja auf dem Sofa sitzen, als wäre nichts gewesen. Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass es vermutlich nicht so einfach werden würde. Diese Furcht saß still und schwer in ihr, wie etwas, das sie noch nicht laut denken wollte.
—QUIETSCH—
Leyla zuckte zusammen.
Schweigend betrachtete sie die Münze in ihrer Hand. Das fremde Gesicht. Der eindringliche Blick.
,,Was soll ich nun tun?’’ fragte sich Leyla, während sie an das Gespräch mit Roxy zurückdachte, das erst einige Stunden zurücklag.
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„Ich muss also nach Malün?" fragte Leyla und leerte den Rest ihres Traubensafts in einem langen Schluck.
„Malün?" Roxy grinste kurz, nahm einen Schluck von ihrem Bier, und fuhr dann fort. „Du meinst wohl Malyl."
Leyla verzog leicht das Gesicht.
„Es ist auf jeden Fall eine von drei Möglichkeiten", fuhr Roxy fort, „zumindest dann, wenn du mehr lernen willst."
Sofort wurde Leyla aufmerksamer. Drei Möglichkeiten.
Allein der Gedanke ließ sie ruhiger werden. Sie hatte es nie gemocht, nur einen einzigen Weg vor sich zu haben – keinen Spielraum, keine Wahl, kein Ausweichen. Roxy schien ihr die aufkeimende Neugier direkt anzusehen, denn sie sprach ohne Pause weiter.
„Alternativ könntest du von Langfeld aus nach Osten reisen", erklärte sie. „Bis zum Dreispitzenpass. Der führt durch die Larifen direkt zur Kaiserstadt."
Die Kaiserstadt.
Allein der Name klang nach etwas Gewaltigem. Nach hohen Mauern und breiten Straßen und einer Größe, die man sich nur schwer vorstellen konnte, wenn man sie nie gesehen hatte.
„Regiert dort der Kaiser?" fragte Leyla.
Roxy nickte langsam. Dabei wurde ihr Gesichtsausdruck für einen kurzen Moment angespannt, kaum wahrnehmbar, doch Leyla bemerkte es. „Ja", antwortete sie ruhig. „Seit einem halben Jahr regiert Kaiser Verion III."
Irgendetwas schien Roxy zu stören. Vielleicht war es die Art, wie sie den Namen ausgesprochen hatte. Oder vielleicht war es der kurze Schatten, der für einen Herzschlag durch ihren Blick gezogen war.
Leyla bemerkte es. Entschied sich jedoch, nicht weiter nachzufragen.
„Und was wäre für mich in der Kaiserstadt?"
„Zum einen die Kaiserliche Akademie", erklärte Roxy. „Falls du dort angenommen wirst, erhältst du Zugang zur Reichsbibliothek – eine der bedeutendsten des gesamten Landes."
Die Kaiserliche Akademie. Leyla versuchte sich vorzustellen, wie ein Studium in dieser Welt wohl aussehen würde. Ob es Vorlesungen gab, Bücher, Prüfungen – oder etwas völlig anderes?
„Und was ist die dritte Option?" fragte sie schließlich.
Roxys Miene wurde ruhiger. Ernster. Die Leichtigkeit der letzten Sätze war verschwunden.
„Die dritte Möglichkeit", begann sie langsam, „wäre eine Reise nach Süden."
Ein leiser Anflug von Sorge schwang in ihrer Stimme mit – nicht laut, aber spürbar.
„Du müsstest durch den Grünwald reisen, bis hin zur Hafenstadt Inhantes. Dort gibt es ebenfalls eine große Bibliothek." Sie hielt kurz inne. „Allerdings ist dieser Weg der gefährlichste von allen dreien."
Das Wort Hafenstadt ließ sofort etwas in Leyla aufsteigen, warm und schmerzhaft zugleich.
Unweigerlich musste sie an Hamburg denken. An den Hafen im Herbst, wenn der Wind nach Salz und nassem Stein roch. An das Tuten der Schiffe in der Ferne, an das Kreischen der Möwen, an das vertraute Pulsieren einer Stadt, die nie wirklich zur Ruhe kam. An eine Welt, die sich gerade mit jedem Atemzug weiter von ihr zu entfernen schien.
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Leyla ließ die Münze langsam über ihre Finger wandern.
Drei Möglichkeiten.
Sollte sie in die Kaiserstadt?
Dort gab es vermutlich die besten Chancen, mehr über diese Welt herauszufinden. Vielleicht sogar einen Weg zurück nach Hause – irgendeinen Hinweis, irgendeinen Anfang.
,,Und vielleicht treffe ich ja einen heißen Prinzen oder eine süße Prinzessin.’’
Ein schwaches Schmunzeln huschte über ihr Gesicht, verschwand aber genauso schnell wieder.
Doch wirklich dorthin wollte sie nicht. Allein der Gedanke an die Kaiserstadt fühlte sich erdrückend an – riesig, fremd, voller Menschen und Regeln und unausgesprochener Erwartungen. Und den Gedanken, erneut Jahre in einem langen Studium zu verbringen, mochte sie kaum zu Ende denken.
Also doch Malyl?
Anfangs hatte Inhantes sie gereizt. Eine Hafenstadt hatte wenigstens etwas Vertrautes an sich, etwas, an das sie sich innerlich hatte klammern können. Doch Roxy hatte unmissverständlich klargemacht, wie gefährlich der Grünwald war. Und auch Inhantes selbst sollte kein besonders sicherer Ort sein.
Nachdenklich begann Leyla damit, sich mit den Fingernägeln über ihr rechtes Handgelenk zu kratzen.
Erst nach einigen Sekunden bemerkte sie es. Sofort zog sie die Hand zurück und strich stattdessen mit den Fingern über den gezackten Rand der Münze, ruhig und gleichmäßig.
„Ich muss aufpassen, dass ich mir das nicht wieder angewöhne."
Malyl schien letztlich die vernünftigste Wahl zu sein. Der Weg galt als sicher, führte durch zahlreiche Dörfer, und sie wäre somit zumindest nicht völlig auf sich alleine gestellt. Sie würde in Gaststätten schlafen können, bei Händlern Vorräte einkaufen können.
Es fühlte sich ohnehin so an, als hätte sie nie wirklich eine Wahl gehabt. Leyla seufzte leise. Sie hätte lieber die beste von drei guten Optionen ausgewählt, nicht die einzig gute.
—QUIETSCH—
Genervt verzog sie das Gesicht.
„Scheiß Bett", murmelte sie leise.
Sie drehte sich auf die Seite und ließ den Blick zum Nachttisch neben sich wandern. Die Öllampe flackerte noch immer, warf zitternde Schatten an die Wand. Darunter entdeckte sie eine kleine Klappe.
Ob wohl etwas darin lag?
Neugierig zog Leyla die Klappe auf.
Darin lag ein altes Buch. Der ehemals weiße Einband war vergilbt und wellig an den Rändern, die goldene Schrift darauf bereits leicht verblasst – als hätte das Buch schon viele Nächte in genau diesem Nachttisch verbracht und auf genau diese Frage gewartet.
Leise las Leyla den Titel.
,,Lehren des Kamerismus.’’
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„Und so schuf Kamera, die Geflügelte, die Menschen und gab ihnen das Recht, über alle anderen Völker zu herrschen."
Leylas Blick löste sich kurz von den vergilbten Seiten und wanderte zu dem Gemälde an der Wand. Zu der Frau mit den weißen Flügeln. Ob das Kamera darstellen sollte?
Nach kurzem Grübeln las sie weiter.
„Sie wies die Oger an, den Menschen mit ihrer Körperkraft zu dienen, befahl den Dracharen, ihr magisches Wissen mit den Menschen zu teilen, und gebot den Elfen, die Menschen mit ihrer Weisheit zu unterstützen."
Leyla verzog angewidert das Gesicht.
„Das klingt wie Sklaverei…"
Unsicher betrachtete sie die Seiten. Konnte sie dem überhaupt vertrauen? Vielleicht war das nur eine Sammlung von Geschichten, die die Menschen hier sich erzählten, um die Welt ein wenig ordentlicher erscheinen zu lassen, als sie war. Und trotzdem ließ der Gedanke sie nicht los.
Wenn das Buch recht hatte, dann existierten andere Völker wirklich.
Elfen. Oger. Dracharen.
Langsam stand Leyla auf und begann, unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen, die Dielen knarrten leise unter ihren Schritten.
„Was sind eigentlich Dracharen?" murmelte sie vor sich hin. „Sind das Drachen?"
Ihre Gedanken wanderten zurück zu dem Mann auf dem Marktplatz. Dem Bettler mit dem Wolfskopf, der dort am Straßenrand gesessen hatte, als wäre das die normalste Sache der Welt.
„War das dann ein Werwolf?"
Allein der Gedanke jagte ihr einen Schauer über den Rücken, der sich bis in die Fingerspitzen zog. Sie entschied noch etwas weiterzulesen und blätterte zu einer zufälligen Seite:
„Darum bete dreimal am tag. Bete am Morgen für den Tag, am Mittag für die Mahlzeit, am Abend für deinen Dank gegenüber Kamera."
Leyla verdrehte die Augen. „Das klingt doch einfach wie eine schlechte Kopie des Christentums."
Nach einigen weiteren Schritten ließ sie sich wieder auf das Bett fallen.
—QUIETSCH—
Genervt schloss sie kurz die Augen. Dann öffnete sie sie wieder und betrachtete einen weiteren Moment das Buch in ihrer Hand – die blassen Buchstaben, den abgenutzten Einband, die Gewissheit, mit der jemand diese Worte einmal zu Papier gebracht hatte. Dann legte sie es zurück auf den Nachttisch.
Und trotzdem kreisten ihre Gedanken weiter. Ob sie irgendwann einem Elfen begegnen würde? Für einen kurzen Moment breitete sich etwas Warmes in ihrer Brust aus.
Doch genauso schnell verschwand es wieder. Irgendetwas legte sich wie ein Schatten über Leylas Geist.
Irritiert runzelte sie die Stirn, dann fiel es ihr ein:
Katja hätte Elfen geliebt.
Schon allein dieser Gedanke ließ Leylas Brust schmerzhaft eng werden. Sie vermisste ihre beste Freundin mehr, als sie sich eingestehen wollte – die Art, wie Katja in solchen Momenten gelacht hätte, breit und ungezähmt, und wie sie sofort angefangen hätte, sich Namen für die Elfen auszudenken. Wenn Katja doch nur hier wäre…
Langsam zog Leyla die Beine an ihre Brust und rollte sich unter der dünnen Decke zusammen, als könnte sie sich so etwas kleiner machen.
Ihre letzten Gedanken galten Katja.
Dann schlief sie endlich ein.



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