Kapitel 30 - Baltimors Artefakte
- empirewebnovel
- 18. Sept. 2024
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 25. Jan. 2025

„Sie haben gute Arbeit geleistet. Wenn man die Hilfe für die Anwohner der Mittellande mit einberechnet, reicht das auf jeden Fall für einen Aufstieg in den zweiten Rang.“
Leyla spürte, wie sich ein Triumph in ihrer Brust ausbreitete, als die Worte „zweiter Rang“ fielen. Es war nicht nur die Belohnung, die für sie zählte. Es war das Gefühl, ihrem Ziel ein Stück näher zu kommen – mehr über ihre Vergangenheit und ihre Bestimmung zu erfahren.
Die alte Frau hinter dem Tresen räusperte sich und fügte hinzu: „Zusätzlich erhalten Sie ein Honorar von achtzehn Goldmünzen.“ Mit einem ruhigen Griff schob sie einen kleinen, aber prall gefüllten Beutel zu Roxy.
„Achtzehn Goldmünzen? So viel?“ Leyla musste sich zusammenreißen, um nicht überrascht zu blinzeln. In der Kaiserstadt hätte diese Summe gereicht, um eine ganze Familie für Jahre zu ernähren. Der Gedanke, wie viel Wert in diesem unscheinbaren Beutel steckte, ließ sie kurz innehalten.
„Danke für die Münzen“, sagte Roxy höflich, verbeugte sich leicht und wandte sich dann an Leyla. „Komm, lass uns das Brett mit den freien Aufträgen anschauen. Vielleicht finden wir ja etwas, das zu uns passt.“
Leyla nickte und folgte ihr zu einem schwarzen Holzbrett, an dem verschiedene Zettel hingen. Die freien Aufträge waren bei Abenteurern beliebt, da sie mehr Freiheit boten als die regulären Gildenaufträge. Statt strenger Regeln musste man jedoch die Belohnung komplett selbst aushandeln, was oft zu riskanten oder schlecht bezahlten Aufgaben führte.
Mit aufgeregtem Blick ließ Leyla ihre Augen über die Zettel gleiten. Jeder Auftrag versprach ein neues Abenteuer – und brachte zugleich ein neues Risiko. Manche Aufträge wirkten fast banal, andere dagegen äußerst gefährlich.
,,Schaf entlaufen: Suche mutige Gilde die Peter wieder einfängt.’’ Leyla verdrehte leicht die Augen.
,,Räuber haben unser Dorf überfallen. Große Belohnung für die, die uns den Kopf des Anführers bringen.’’ Sie schüttelte unwillkürlich den Kopf.
,,Im Auftrag des kaiserlichen Militärs: Suche und Ergreifen von Ginny Finver. Sofort an General Thibedeau van Trey auszuliefern!’’ Ihre Miene verdüsterte sich bei diesem Eintrag.
,,Erkunden eines neu entdeckten Minotauren-Labyrinth: Alle gefundenen Schätze dürfen behalten werden.’’
,,Eindämmen der Kanaparen Population: Pro getötetem Kanapar gibt es eine Kupfermünze Belohnung.’’
Leyla runzelte die Stirn, während sie die Zettel betrachtete. „Ein Schaf zu suchen klingt nicht gerade spannend, und Mordaufträge nehme ich sicher nicht an. Sag, was du willst, Roxy, aber ich werde niemals für das Militär arbeiten.“
Roxy lächelte leicht. „Ich sehe das genauso. Und ehrlich gesagt, ein Minotauren-Labyrinth wäre für uns momentan wohl zu schwer.“
Leyla runzelte die Stirn und dachte laut nach: „Minotauren-Labyrinth… Es gibt mehrere Minotauren? Ich dachte immer, es gibt nur den einen Minotaurus.“
„Nein“, erklärte Roxy geduldig. „Es gibt ganze Minotaurenstämme, die in den alten Labyrinthen leben. Viele von ihnen sind friedlich, aber wegen ihres schlechten Rufs werden sie oft gemieden oder verfolgt.“
„Und was ist mit dem Töten der Kanaparen?“, schlug Roxy sie nach einigen Momenten des Überlegens vor.
Leyla schüttelte unwillkürlich den Kopf. „Was sind denn Kanaparen überhaupt?“
„Das sind kleine Nagetiere mit weißem Fell“, erklärte Roxy. „Im Herbst fressen sie oft die Felder leer, deshalb müssen sie eingedämmt werden.“
Leyla schauderte bei dem Gedanken. „Kanaparen… wie könnte ich diese Tiere töten, nur weil sie tun, was sie tun müssen, um zu überleben? Nein, das ist nichts für mich.“
Während sie sprach, fiel ihr Blick auf einen Zettel, der ihr zuvor entgangen war. Der Auftrag schien etwas Besonderes zu sein, etwas, das ihre Neugier weckte. Sie griff nach dem Papier, das sanft im Wind schwankte, und las die Worte, die darauf standen.
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,,Magischer Schmied sucht ein bis zwei fähige Personen zum Testen einer neuen Waffensammlung. Belohnung: Eine der Waffen.’’
Leyla las den Zettel laut vor, ihre Neugier geweckt. Sie wandte sich an Roxy. „Hey Roxy, was genau ist ein magischer Schmied? Schmiedet der mit einem magischen Schmiedehammer?“
Roxy hielt kurz inne, bevor sie laut losprustete. „Ein magischer Hammer? Nein, wo hast du das denn her?“ Sie lachte noch ein wenig, bevor sie erklärte: „Ein magischer Schmied stellt Waffen und Rüstungen her, die besondere Fähigkeiten haben. Zum Beispiel ein Schwert, das die Lebenskraft getöteter Gegner absorbiert, oder eine Rüstung, die dich immun gegen Feuer macht.“
Leylas Augen leuchteten vor Begeisterung. „Das klingt unglaublich spannend. Warum nehmen wir nicht diesen Auftrag an?“
Roxy nickte zustimmend. „Klar, warum nicht. Vielleicht finden wir eine besondere Waffe für dich.“
Leyla dachte kurz an ihr aktuelles Schwert. Sie mochte es, es war zuverlässig und vertraut. Doch die Vorstellung, eine magische Waffe zu besitzen – vielleicht ein flammendes Schwert – ließ ihre Fantasie mit ihr durchgehen. Sie stellte sich vor, wie die Flammen die Luft durchschnitten, während sie mühelos ihre Gegner besiegte.
Roxy nahm den Zettel vom Brett und brachte ihn zur Angestellten der Gilde. „Wir würden diesen Auftrag gerne annehmen“, sagte sie entschlossen.
Die Frau hinter dem Tresen prüfte den Auftrag kurz, stempelte ihn ab und reichte ihn Roxy zurück. „Ihr habt drei Tage Zeit. Meldet euch bei der Adresse, die auf der Rückseite steht.“
Mit einem zufriedenen Lächeln verließen Leyla und Roxy die Gilde. Die Nacht senkte sich sanft über die Stadt, und der Mond warf sein silbriges Licht auf den gepflasterten Weg vor ihnen. Der kühle Abendwind trug die letzten warmen Strahlen des Tages fort, während sie schweigend nebeneinander hergingen. Bald fanden sie eine Taverne mit dem Namen „Elfenlied“.
Leyla blieb kurz stehen, als sie den Namen las. Irgendetwas an diesem Ort fühlte sich vertraut an, als wäre er ein Teil einer längst vergessenen Erinnerung. Doch sie konnte nicht sagen, warum.
Die Taverne war gemütlich und in warmes, goldenes Licht getaucht. Kerzen auf den Holztischen und an den Wänden warfen flackernde Schatten, während der Duft von gebratenem Fleisch und süßem Met die Luft erfüllte. Stimmen und Lachen der Gäste verschmolzen zu einem angenehmen Summen, das eine Atmosphäre der Geborgenheit schuf. Es war, als hätten sie einen sicheren Hafen im Sturm gefunden.
Nachdem sie sich ein Zimmer gemietet und das Abendessen genossen hatten, kehrten sie zurück in ihre Unterkunft. Leyla legte sich auf das Bett, und die Müdigkeit des Tages fiel schwer auf sie. Ihre Gedanken drehten sich um den Auftrag und die geheimnisvollen Waffen, die sie bald testen würden. Langsam schloss sie die Augen, und ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, bevor sie in einen tiefen, erholsamen Schlaf glitt.
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„Baltimors Artefakte“ prangte in großen, geschwungenen Buchstaben über dem Eingang zur magischen Schmiede. Leylas Herz schlug schneller, und ihre Aufregung wuchs mit jedem Schritt, den sie auf den Eingang zueilte. Es war das erste Mal, dass sie eine magische Schmiede betrat, und ihre Neugier war kaum zu bändigen.
Zögernd hob sie die Hand und läutete die Glocke, die neben der Tür hing.
—BING—
Das Läuten hallte in der Stille wider. Kurz darauf waren schwere, kräftige Schritte von der anderen Seite der Tür zu hören. Mit einem Knarren schwang die Tür schließlich auf.
Vor Leyla stand ein gewaltiger Mann, der sie förmlich überragte. Er musste mindestens zweieinhalb Meter groß sein. Sein schwarzer Schnauzbart wirkte wie ein akkurat gezogener Strich auf seinem groben, wettergegerbten Gesicht, und seine kahlgeschorene Kopfhaut schimmerte leicht im Licht des Feuers hinter ihm. Seine massiven Hände glichen den Pranken eines Bären – sie waren so groß, dass Leyla sich fragte, wie er damit präzise Arbeiten erledigen konnte.
„Wie groß…“, entfuhr es ihr, bevor sie sich zurückhalten konnte. Sie spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. „Entschuldigung, das war unhöflich“, fügte sie hastig hinzu, und ihre Wangen färbten sich leicht rot.
Der Mann warf den Kopf zurück und lachte dröhnend. „Das ist bei uns Halbriesen so üblich“, sagte er mit einer Stimme, die tief wie ein Donnerschlag war. „Ihr müsst von den Grauen Federn sein?“
„Halbriesen?“ Leyla konnte nicht anders, als sich die Frage insgeheim zu stellen. „Ich muss Roxy später unbedingt fragen, was ein Halbriese ist.“
„Genau“, antwortete Roxy mit einem freundlichen Lächeln. „Ich bin Roxy, und das hier ist Leyla. Wir sollen magische Waffen ausprobieren, oder?“
„So ist es“, brummte der Halbriese und nickte zufrieden. Mit einem kurzen Winken bedeutete er ihnen, ihm zu folgen.
Der Raum, in den er sie führte, war in zwei deutliche Bereiche unterteilt. Auf der einen Seite befand sich die Schmiede selbst, mit einem großen, glühenden Ofen, einem Amboss und einer beeindruckenden Auswahl an Werkzeugen, die ordentlich an den Wänden hingen. Der Duft von erhitztem Metall und Kohle erfüllte die Luft. Die andere Seite des Raums war ungleich geheimnisvoller: Ein mit Runen überzogener Steintisch stand im Zentrum, daneben lagerten mehrere sorgfältig gearbeitete Waffen.
„Die Waffen auf dem Stapel dort sind die, die ihr in meinem Garten testen sollt“, erklärte der Halbriese mit einem Nicken in Richtung des Steintisches. „Nehmt sie ruhig mit raus und sagt mir später, ob sie sich für Abenteurer eignen.“
Leyla betrachtete die Waffen fasziniert. Jede einzelne schien eine eigene Geschichte zu erzählen. Ihre Finger zuckten, als wollte sie eine der Klingen sofort ergreifen. Sie malte sich aus, wie es wäre, eine magische Waffe zu führen – vielleicht ein Schwert, dessen Klinge in Flammen stand. Sie stellte sich vor, wie sie mit solcher Kraft an ihrer Seite mühelos jede Herausforderung meistern könnte.
Ein leises Schmunzeln schlich sich auf ihr Gesicht. „Vielleicht könnte ich mich dann endlich mit Liam messen“, dachte sie, während sie die Artefakte mit leuchtenden Augen betrachtete. Die Aussicht auf dieses Abenteuer ließ ihre Begeisterung weiter wachsen.
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—WUSCH—
Die von Roxy geworfene Axt zischte mit atemberaubender Geschwindigkeit durch den Garten. Gelbe Funken sprühten in alle Richtungen, als die Axt in die Übungspuppe einschlug.
—BOOM—
Eine gewaltige Schockwelle breitete sich aus, riss Leyla fast von den Beinen und ließ die Blätter der umliegenden Büsche erzittern. „Das ist doch eher eine Handgranate als eine Axt… Die eignet sich vielleicht für den Krieg, aber sicher nicht für normale Abenteurer“, dachte sie, während sie sich wieder aufrichtete und den Staub abklopfte.
Leyla bückte sich, um den pechschwarzen Bogen aufzuheben, der vor ihr lag. Seine Oberfläche schimmerte matt im Licht, und in das Holz eingebrannte Runen flackerten für einen kurzen Moment auf, als ihre Finger ihn umfassten. Der Bogen fühlte sich überraschend leicht und gleichzeitig kraftvoll an.
Sie hatte früher schon einige Male mit einem Bogen geschossen und wusste, wie sie ihn halten musste. Sie zog die Sehne zurück, das Holz knarrte leise unter der Spannung. Mit geschlossener Konzentration schloss sie ihr linkes Auge und ließ los.
Der Pfeil schoss auf eine weitere Übungspuppe zu. Leyla runzelte die Stirn und fluchte leise vor sich hin, überzeugt davon, dass sie daneben geschossen hatte. Doch in der letzten Sekunde änderte der Pfeil plötzlich die Richtung und traf exakt ins Zentrum des Ziels. Ihr Atem stockte.
„Hast du das gesehen, Roxy?“ Leyla wandte sich zu ihrer Gefährtin um, ihre Stimme voller Staunen.
„Ja, beeindruckend! Dieser Bogen scheint wirklich etwas Besonderes zu sein. Damit sind wir durch. Sollen wir Baltimor Bescheid geben?“
Leyla nickte, und die beiden sammelten die getesteten Waffen ein, bevor sie zurück zur Schmiede gingen.
Als Leyla und Roxy die Schmiede erneut betraten, schlug ihnen sofort die Hitze des Feuers entgegen. Der Ofen im Hintergrund glühte, und der Geruch von geschmolzenem Metall und Kohle hing schwer in der Luft. Baltimor stand ruhig hinter seinem massiven Arbeitstisch, das Flackern der Flammen spiegelte sich in seinen Augen. Die Atmosphäre war ruhig, beinahe meditativ, doch Leyla spürte die wachsende Spannung – jetzt würden sie endlich ihre Belohnung erhalten.
Baltimor hörte sich aufmerksam ihren Bericht an. Leyla und Roxy erzählten ihm von ihren Eindrücken: Das Flammenschwert, das sie zuerst getestet hatten, war viel zu heiß, um es vernünftig zu halten. Ein Paar Stiefel, die sich selbst reinigten, war auf einem Acker nützlich, aber nicht für Abenteurer geeignet. Das magieabsorbierende Schild beeindruckte sie zwar, war jedoch so schwer, dass es unpraktisch war. Die explodierende Axt war spektakulär, ging jedoch nach nur einem Einsatz kaputt. Der schwarze Bogen jedoch hatte sich als überraschend vielseitig und präzise erwiesen.
Baltimor nickte, sichtlich zufrieden mit ihrer Rückmeldung. „Danke, ihr wart mir eine große Hilfe. Nun zu eurer Belohnung: Welche der Waffen wollt ihr haben?“
Leyla zögerte keine Sekunde. Der Bogen hatte sie vom ersten Moment an fasziniert, noch bevor sie ihn richtig benutzt hatte. Es fühlte sich an, als wäre er für sie bestimmt, eine Waffe, die perfekt zu ihr passte. „Den schwarzen Bogen!“, sagte sie entschlossen, ihre Stimme fest und sicher.
Baltimor lächelte und reichte ihr den Bogen. „Ein ausgezeichnete Wahl. Möge er dir treue Dienste leisten.“
Leyla nahm den Bogen entgegen und fühlte, wie ein warmes, kraftvolles Gefühl sie durchströmte. Mit dieser Waffe fühlte sie sich bereit für alles, was noch kommen würde.



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