Kapitel 31 - Eine Engelsstimme im Mondlicht
Aktualisiert: 25. Jan. 2025

Fröhlich pfeifend schlenderte Leyla die belebten Straßen von Malyl entlang, ihren neuen schwarzen Bogen sicher auf den Rücken geschnallt. Roxy war zur Abenteurergilde gegangen, um den Auftrag als abgeschlossen zu melden, doch Leyla verspürte eine wachsende Neugier, die sie dazu trieb, die Stadt endlich richtig kennenzulernen. Heute schien der perfekte Tag, um Malyls verborgene Ecken zu entdecken.
Bis jetzt war sie in Malyl immer nur von einem Ort zum nächsten geeilt, ohne sich die Zeit zu nehmen, die Stadt in Ruhe zu erkunden. Heute jedoch wollte sie etwas von dem Ort sehen, den sie bisher nur oberflächlich wahrgenommen hatte.
Am Stadtrand entdeckte sie einige interessante Läden: „Millswitch Edelsteinvertrieb“ und die „Carne-Apotheke“ fielen ihr sofort ins Auge. Ihre kunstvollen Schilder und liebevoll gestalteten Schaufenster weckten Leylas Interesse, doch sie entschied sich, die Läden ein anderes Mal zu besuchen. Der Tag war zu schön, um in Geschäften zu verbringen.
Die Straßen der Stadt erhitzten sich unter der warmen Nachmittagssonne, doch sobald Leyla in eine schattige Gasse einbog, spürte sie die winterliche Kühle, die sich bereits ankündigte. Ein leichter Schauer lief ihr über den Rücken. „Bald wird es Winter“, murmelte sie vor sich hin. „Ich bin gespannt, wie viel es hier wohl schneien wird.“
Fer hatte ihr erzählt, dass die Winter in den Mittellanden oft kalt und rau waren. Der eisige Wind aus dem Norden wurde durch die beiden Gebirge wie durch einen natürlichen Kanal direkt in die Ebene gelenkt, was die Temperaturen in dieser Region besonders frostig machte.
Während sie in Gedanken versunken weiterging, drang plötzlich eine sanfte Melodie an ihr Ohr. Die klare, tiefe Stimme eines Mannes sang ein altes, melancholisches Lied:
,,O Petra, himmlisch leuchtend, du Stern im dunklen Raum,
Du webst das Band des Lebens, mit ewigem Vertrauen.
Dein Geist durchdringt die Welten, lässt niemals Hoffnung los,
In deinem Namen siegt das Sein, im Kosmos’ endlos Schoß.’’
Leyla blieb stehen. Die Melancholie des Gesangs fesselte sie, und für einen Moment ließ sie alles andere hinter sich. „Was für ein schöner Gesang“, dachte sie und ging neugierig in die Richtung, aus der die Stimme kam.
Ihr Weg führte sie in einen kleinen Park, der wie eine versteckte Oase der Stille mitten in der lebhaften Stadt lag. Die Blumen, die in satten Farben blühten, wiegten sich sanft im leichten Wind, und der Duft von frischer Erde und Blüten erfüllte die Luft. In der Mitte des Parks stand ein kunstvoll gestalteter Springbrunnen, der glitzernde Wasserstrahlen in die Luft sprühte. Die Tropfen funkelten wie winzige Diamanten im Licht der untergehenden Sonne.
Die Atmosphäre war ruhig und friedlich, unterbrochen nur vom leisen Plätschern des Wassers und der klaren, melodischen Stimme des Mannes, der weiter das alte, fast vergessene Lied sang. Leyla ließ den Blick durch den Park schweifen und fühlte, wie sich inmitten dieser Szenerie eine unerwartete Ruhe in ihrem Inneren ausbreitete. Es war, als hätte sie einen Ort gefunden, der sie dazu einlud, einfach stehen zu bleiben und zu lauschen.
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Während der Mann mit geschlossenen Augen sang, konnte Leyla ihren Blick nicht von ihm abwenden. Die Melodie und seine Stimme hatten eine beruhigende Wirkung auf sie, als würden sie all ihre Sorgen für einen Moment vertreiben. Sie verstand die Worte des Liedes nicht vollständig, doch irgendetwas darin ließ sie spüren, dass alles gut werden würde.
Als der letzte Ton verklang, begann Leyla zu klatschen. „Das war ein wunderschönes Lied. Wer ist denn diese Petra, von der du gesungen hast?“
Der Mann öffnete die Augen, und für einen Moment schien er überrascht. Seine Lippen formten ein leises „Oh“, doch dann begann er zu lächeln, ein warmes und sanftes Lächeln, das wie das Nachklingen der Melodie wirkte.
„Das Lied handelt von der Erzengelin des Bestandes, Petra. Man sagt, sie schützt das Glück, das wir alle in uns tragen, und bewahrt die schönsten Momente davor, zerstört zu werden. Zumindest erzählt man sich das.“
Seine Stimme klang selbst wie Musik – sanft und fließend, mit einer Tiefe, die Leyla unwillkürlich entspannte. Es war, als ob jedes seiner Worte von unsichtbaren Saiten begleitet wurde, die leise in der Luft schwebten.
„Darf ich deinen Namen wissen?“ Der Mann verbeugte sich leicht, und Leyla betrachtete ihn nun genauer.
Er trug einen kurzen schwarzen Mantel und einen passenden Anzug, unter dem ein weißes Rüschenhemd hervorblitzte. Seine schneeweißen Haare bildeten einen scharfen Kontrast zu seinen himmelblauen Augen, die in der Dunkelheit des Parks fast leuchteten. Auf seinem schwarzen Hut trug er einen Kranz aus weißen Rosen, ein seltsam deplatziertes Detail, das gleichzeitig perfekt zu seiner düsteren Eleganz passte.
Um seinen Hals hing ein Talisman, der Leyla an einen Traumfänger erinnerte, und an seinem Gürtel blitzte ein schwarzer Dolch, dessen Griff mit filigranen Symbolen verziert war. Als ihr Blick darauf fiel, verspürte sie ein seltsames Kribbeln, das sie nicht einordnen konnte.
Der Mann musterte sie mit einem nachsichtigen Lächeln. „Hat es dir die Sprache verschlagen? Nun, dann stelle ich mich am besten zuerst vor.“ Er zögerte einen Moment, als ob er überlegen müsste, welchen Namen er nennen sollte. „Mein Name ist Finn.“
Leyla spürte, wie ihr Herz einen Moment schneller schlug, und sie merkte, dass ihre Kehle trocken wurde. Etwas an seiner Aura war überwältigend – es war, als ob seine Präsenz den ganzen Park ausfüllte. Finns femininer Charme, gepaart mit seiner mystischen Ausstrahlung, ließ sie für einen Moment die Fassung verlieren.
Er sah sie geduldig an, ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen, während er auf ihre Antwort wartete.
„Ähm“, begann Leyla schließlich, ihre Stimme klang ein wenig unsicher. „Ich bin Leyla. Freut mich, dich kennenzulernen.“
Finns Lächeln vertiefte sich, und er sprach ihren Namen aus, als würde er ihn kosten: „Leyla… ein schöner Name.“ Seine Augen fixierten sie, und es schien, als ob seine Worte eine tiefere Bedeutung trugen. „Hast du jemals darüber nachgedacht, wie viel Macht in einem einzigen Namen steckt? Leyla… Warum setzen wir uns nicht ein wenig und unterhalten uns? Ich habe gerade nichts zu tun. Möchtest du mir unter diesem schönen Mond Gesellschaft leisten?“
Leyla spürte einen Hauch von Misstrauen. „Er ist seltsam“, dachte sie, „aber er scheint nichts Böses zu wollen.“ Schließlich nickte sie zögernd und setzte sich neben ihn auf eine der Steinbänke. Der Mond warf sein silbriges Licht über den Park, und sie fühlte, wie die Atmosphäre zwischen ihnen sich mit einem Hauch von Spannung füllte.
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Die Nacht lag still über dem Park, nur der Skullaer-Mond erhellte die Dunkelheit. Sein Licht fiel wie silbrige Scherben durch die Bäume und ließ die Schatten tanzen. Der Wind war schwach, doch er trug eine Kälte mit sich, die unmissverständlich die nahende Winterzeit ankündigte.
„Hast du dich schon einmal gefragt, warum nur der Skullaer als Mond übrig geblieben ist?“, fragte Finn leise, seine Stimme sanft wie das Flüstern des Windes.
Leyla und Finn saßen nebeneinander und blickten in den klaren Nachthimmel. Der Skullaer leuchtete hell und majestätisch in der Mitte des Himmels, während die Sterne um ihn herum wie funkelnde Tänzer schwebten.
„Ein Freund hat mir einmal erzählt, dass es früher fünf Monde gab, aber ich weiß nicht, warum jetzt nur noch einer übrig ist“, antwortete Leyla nachdenklich.
Finns Augen glitten über die Sterne, bevor er sprach. „Der Grund ist, dass der Skullaer beständig ist. Er steht immer in der Mitte des Nachthimmels und bewegt sich nicht. Dank ihm sind die wenigsten Nächte im Kaiserreich wirklich dunkel. Die anderen Monde waren ständig in Bewegung, sie rasten förmlich über den Himmel. Irgendwann verloren sie ihre Kraft und stürzten in das tiefe Schwarz, das unsere Welt umgibt.“
Leyla runzelte leicht die Stirn. „Das Schwarz, das unsere Welt umgibt?“
„Genau. Unsere Welt ist von der ewigen Nacht umgeben. Am Tag leuchtet uns die Sonne den Weg, doch wenn sie schläft, übernehmen der Skullaer und die Sterne diese Aufgabe. Sie sind jedoch nicht hell genug, um das gesamte Dunkel zu vertreiben, und so wird das ewige Schwarz sichtbar.“ Ein Funken Sehnsucht blitzte in seinen Augen auf, doch es war keine Sehnsucht nach einem fernen Ort, sondern nach etwas Undefinierbarem, einer anderen Existenz.
„Wenn wir sterben, vermischen sich unsere Seelen mit der ewigen Nacht. Wenn du eine gute Person warst, wirst du zu einem der Sterne. Wenn nicht, verschwindest du und nährst den Hunger der Dunkelheit“, erklärte Finn, während er seinen Blick nicht vom Himmel abwandte.
Leyla spürte ein seltsames Kribbeln bei dieser Vorstellung. „Das klingt… schön und beunruhigend zugleich“, murmelte sie. Früher hätte sie bei solchen Worten vielleicht gelacht, sie als alberne Fantasie abgetan. Doch in dieser Welt der Magie und Mythen erschien nichts unmöglich.
Die Tatsache, dass der Mond immer zentral am Himmel stand, hatte sie längst aufgehört zu hinterfragen. In einer Welt wie dieser schienen die Gesetze der Physik, wie sie sie einst kannte, kaum noch Relevanz zu haben.
„Wenn das wirklich so ist“, sagte sie mit plötzlicher Entschlossenheit, „dann möchte ich so leben, dass ich zu einem Stern werde.“
Finns nachdenklicher Blick glitt zu ihr, und im fahlen Mondlicht schien seine Haut beinahe wie polierter Marmor. „Die meisten würden das wünschen“, sagte er leise, „aber bei dir habe ich das Gefühl, dass du es wirklich ernst meinst.“
Er griff in die Innentasche seines Mantels und zog eine Blume hervor, deren weiße Blüten wie gefrorenes Licht funkelten. Behutsam hielt er sie Leyla hin.
„Danke, aber ich bin nicht so der Mensch für Blumen“, versuchte Leyla höflich abzulehnen, ein leichtes Lächeln auf den Lippen.
Finn hielt inne, überrascht von ihrer Reaktion, bevor er in ein herzliches, fast kindliches Lachen ausbrach. „Das… das ist doch keine normale Blume!“ Er musste lachen, während er sprach. „Kannst du… kannst du etwa keine Magiesicht anwenden?“
Leylas Gesicht lief knallrot an, und sie senkte beschämt den Blick. „N-nein, kann ich nicht…“, stammelte sie.
Finn wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, immer noch lachend. „Dann bringe ich es dir wohl am besten bei…“ Seine Stimme wurde plötzlich leiser, und sein Blick wanderte in Richtung der Straße, als würde er etwas suchen.
„Nächstes Mal, wenn wir uns sehen…“, sagte er, während ein dunkler Nebel um ihn herum aufzog, dick und undurchdringlich.
Der Nebel verschluckte das silberne Licht des Mondes, als hätte die Nacht selbst beschlossen, sich dichter um Finn zu legen. Es war, als ob die Welt in diesem Moment den Atem anhielt. Die Sterne funkelten weiter am Himmel, doch ihr Licht schien schwächer, beinahe gedämpft. Alles wurde still – keine Bewegung, kein Laut, nur die kalte Nachtluft und die Blume, die Leyla nun in ihren Händen hielt. Ihre Berührung war weich, aber sie trug eine Kraft in sich, die sie nicht begreifen konnte.



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