Kapitel 32 - Blut auf kaltem Stein
- empirewebnovel
- 26. Sept. 2024
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 25. Jan. 2025

Am Abend zuvor:
Leyla lag in ihrem Bett und starrte gedankenverloren die Decke an. Die Begegnung mit General van Trey ließ sie nicht los. Immer wieder spielten sich die Ereignisse vor ihrem inneren Auge ab, und ihre Gedanken wirbelten durcheinander.
Sie hatte nicht das Gefühl, dass es falsch gewesen war, sich schützend vor das Kind zu stellen. Auch, dass sie sich dem General nicht unterwerfen wollte, hielt sie weiterhin für richtig. Doch etwas daran nagte an ihr, ein Gefühl des Unbehagens, das sie nicht abschütteln konnte.
„Ich muss aufhören, mich Adligen gegenüber so zu benehmen“, murmelte sie leise, als ob die Worte im Raum weniger schwer wiegen würden. „Wenn Paul nicht gekommen wäre, wäre ich jetzt vielleicht tot.“
Sie biss sich auf die Unterlippe und schloss die Augen. Der Gedanke, dass sie den General auch hätte herausfordern können, ohne ihn direkt zu beleidigen, ließ sie nicht los. Ihre Wut hatte sie überwältigt, und sie wusste, dass sie in diesem Moment zu viel riskiert hatte. Es hätte anders laufen können – es hätte schlimmer laufen können.
Ihr fiel ein Gespräch mit Fer ein, das sie vor einiger Zeit geführt hatte. Er hatte ihr erklärt, wie wichtig es war, höflich mit Adligen zu sprechen, die richtige Anrede zu verwenden und die Etikette zu beachten. Sie erinnerte sich genau daran, wie er seine Worte mit seiner typischen Mischung aus Ernst und Spott gewürzt hatte.
Leyla seufzte leise. Sie wusste, wie man sich richtig verhielt, doch in der Hitze des Moments hatte sie all das vor Wut vergessen. „So etwas darf mir nicht noch einmal passieren“, flüsterte sie entschlossen. „Ich gefährde mich und meine Freunde damit.“
Ihre Gedanken wurden langsamer, die scharfen Kanten ihrer Erinnerungen schienen sich zu glätten, wie Blätter, die im Herbstwind sanft zur Erde gleiten. Sie wollte wach bleiben, die Nacht nutzen, um einen klaren Kopf zu bekommen, doch die Müdigkeit überkam sie. Ihre Augenlider wurden schwer, und ihre Atmung wurde tiefer.
„Ich hoffe, ich muss diesen General nie wiedersehen“, murmelte sie, bevor sie in einen unruhigen Schlaf glitt, ihre Träume erfüllt von flackernden Bildern und unausgesprochenen Ängsten.
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Leyla blickte in die Richtung, in die Finn kurz vor seinem Verschwinden geschaut hatte. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihr aus, und sie beschloss gerade, den Park zu verlassen, als plötzlich eine Bewegung ihre Aufmerksamkeit fesselte. Ein Mann betrat den Park — Thibedeau van Trey!
Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie den General erkannte. Sein Blick fiel sofort auf sie, und ohne zu zögern ging er schnurstracks auf sie zu. Leyla spürte, wie ihr Puls schneller wurde, doch bevor er etwas sagen konnte, kam sie ihm zuvor. Sie verbeugte sich tief, so wie Fer es ihr einst gezeigt hatte, und streckte ihm die Hand entgegen.
„General van Trey, ich möchte mich zutiefst für mein gestriges Verhalten entschuldigen. Es war respektlos von mir, Euch so anzusprechen“, sagte sie mit einer Stimme, die sie versuchte, ruhig klingen zu lassen.
Ihre Hände waren feucht vor Nervosität, und ihre Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an. Jedes Wort schmeckte bitter auf ihrer Zunge, doch sie wusste, dass sie keine andere Wahl hatte. Sie durfte ihm keinen Grund geben, sie in diesem dunklen Park zu konfrontieren – oder zu töten.
Sie zitterte leicht, während sie auf eine Antwort wartete, doch der General schien sie nicht einmal richtig anzusehen. Stattdessen ging er langsam an ihr vorbei und setzte sich auf die niedrige Mauer hinter ihr.
Vorsichtig hob sie den Kopf und blickte zu ihm. Er saß da, sein Blick auf den Mond gerichtet, und schien nachzudenken. Schließlich drehte er sich zu ihr, seine kalten, roten Augen trafen ihre.
„Ich nehme die Entschuldigung an“, sagte er ruhig. Seine Stimme war beherrscht, doch Leyla spürte die unterschwellige Härte darin. „Herzog de Coteau hat mich darüber aufgeklärt, dass du die Bräuche des Reiches nicht kennst. Das entschuldigt dein Verhalten ein wenig.“
Sein Ton ließ keinen Zweifel daran, dass er sie dennoch verachtete. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, sprach er weiter: „Genug davon. Ich habe eben gehört, wie du dich unterhalten hast, aber hier sehe ich niemanden außer dir.“
Leyla schluckte schwer. Sein misstrauischer Blick durchbohrte sie, und sie fühlte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Sollte sie ihm von Finn erzählen? Etwas an Finn hatte sie neugierig gemacht – vielleicht sogar fasziniert. Er war freundlich gewesen, und sein rätselhaftes Verschwinden schien nicht ohne Grund geschehen zu sein. Der General hingegen war jemand, der ohne zu zögern ein Kind getötet hätte.
Leyla spürte, wie sich ihre Gedanken überschlugen. Doch bevor sie sich entscheiden konnte, wurde sie von einer unerwarteten Wendung erlöst.
Gerade als der General den Blick wieder auf sie richtete, betrat eine weitere Person den Park. Leyla drehte sich um, und als sie sah, wer es war, stockte ihr der Atem.
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Eine düstere Gestalt trat leise auf den Platz. Die Frau war ganz in Schwarz gekleidet, ihre Bewegungen so unscheinbar, dass Leyla sie beinahe übersehen hätte, wären da nicht die Dolche in ihren Händen gewesen, die im schwachen Licht des Mondes blitzten. Ihre Augen waren starr auf den General gerichtet, und ihre Haltung ließ keinen Zweifel daran, dass sie eine Bedrohung darstellte.
Leylas Gedanken überschlugen sich. Wer war diese Frau? Alles an ihr – die Kleidung, die Haltung, die lautlose Bewegung – erinnerte Leyla an eine Assassine.
Auch der General hatte die Frau bemerkt. Ohne eine Sekunde zu zögern, erhob er sich langsam, seine Haltung angespannt, sein Blick wachsam. Das Flammenschwert erschien in seiner Hand, das magische Feuer leuchtete gefährlich in der Dunkelheit, als er sich vorsichtig in ihre Richtung bewegte.
Plötzlich sprang die Assassine mit der Geschwindigkeit eines Raubtiers vorwärts. Bevor der General angreifen konnte, schoss ein schwarzer Wurfstern lautlos aus ihrer Hand und flog direkt auf ihn zu. Der General wich instinktiv zur Seite, doch im nächsten Moment spannte sich sein Körper wie unter dem Einfluss unsichtbarer Fesseln. Seine Muskeln zuckten, und ein keuchender Laut entfuhr ihm, bevor er wie ein gefällter Baum krachend zu Boden ging.
Leyla starrte die Szene vor ihr mit aufgerissenen Augen an. Ihr Atem stockte, während ihre Gedanken sich überschlagen hatten. Was hatte die Frau getan? Der General lag reglos auf dem Boden, und für einen Moment war das einzige Geräusch sein flacher, schwerer Atem.
Ihr Blick wanderte unruhig zwischen dem am Boden liegenden General und der Assassine hin und her. Die Frage, ob sie als Nächstes angegriffen werden würde, durchfuhr sie wie ein Schock. Ihre Hand glitt zu ihrem Schwert, und ihre Finger schlossen sich um den Griff. Ihr Atem wurde flacher, während sie die Frau nicht aus den Augen ließ.
Doch anstatt sie zu attackieren, sprang die Frau plötzlich rückwärts, ihre Bewegungen geschmeidig wie die einer Katze. Ohne ein weiteres Geräusch verschwand sie in der Dunkelheit zwischen den Häusern. Ihr Rückzug war so lautlos, dass es Leyla für einen Moment so vorkam, als sei sie nie dort gewesen.
Als die Assassine verschwunden war, kehrte eine fast greifbare Ruhe zurück. Sie war durchdringender als zuvor, und Leyla spürte, wie sich die Haare auf ihren Armen aufstellten. Das Geräusch was dies hervor rief, war das keuchende Atmen des Generals, das sich schwer und unregelmäßig anhörte. Der Wind raschelte in den Bäumen, stärker als zuvor, und die Dunkelheit schien dichter zu werden, als wolle sie die Spuren des Kampfes verschlucken.
Leyla stand wie versteinert, unfähig, sich zu rühren. Ihre Gedanken waren ein Wirbel aus Angst, Erleichterung und Verwirrung. Was war gerade passiert? Wer war diese Frau, und warum hatte sie den General angegriffen? Die Kälte der Nacht drang durch ihre Kleidung, doch sie bemerkte es kaum. Die Welt um sie herum schien sich verändert zu haben, und nichts schien mehr so sicher wie noch vor wenigen Minuten.
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Langsam begann Leyla, sich wieder zu bewegen. Ihr Blick fiel auf den General, der immer noch reglos am Boden lag. Blut lief aus seinem Mund und sammelte sich in einer dunklen, roten Pfütze auf dem kalten Stein.
„Soll ich ihn einfach liegen lassen?“, dachte sie, während sie ihn anstarrte. „Er hätte es bestimmt verdient…“
Doch obwohl jeder Teil ihres Körpers ihn verachtete, drängte etwas Tiefes in ihrem Inneren sie dazu, sich zu ihm niederzuknien. Ihre Hände zitterten, als sie die Blutung untersuchte. Eine offene Schnittwunde am Hals zog sich über seine Haut, und sie biss sich auf die Lippe, während sie nach einer Lösung suchte. Vorsichtig zerriss sie einen Teil seiner Kleidung und presste das Stück Stoff auf die Wunde, um den Blutfluss zu stoppen.
„Ich bin so dumm“, murmelte sie leise zu sich selbst, während sie arbeitete. Sie hasste ihn, verabscheute ihn, und doch konnte sie es nicht zulassen, dass er hier verblutete. Sie wusste, dass sie seinen Tod nicht betrauern würde – vielleicht würde sie sich sogar erleichtert fühlen. Doch eines war sicher: Sie würde niemals einen Menschen, den sie retten konnte, sterben lassen. Das war eine Grenze, die sie nicht überschreiten würde.
Was sollte sie jetzt tun? Leyla überlegte verzweifelt. Selbst wenn sie ihn irgendwie aus dem Park schaffen könnte, was dann? Sie hatte keine Ahnung, ob es in der Stadt Krankenhäuser gab, und Liam, der ihn hätte heilen können, war noch immer in Himmel, um sich von seinen eigenen Verletzungen zu erholen.
Ihr Blick wurde von einem schwachen, rötlichen Leuchten angezogen, das aus einer der Innentaschen der Uniform des Generals strahlte. Mit einer Mischung aus Neugier und Hoffnung zog sie ein kleines Fläschchen hervor. Darin befand sich eine dicke, tiefrote Flüssigkeit, die im Licht des Mondes leicht funkelte.
„Ist das ein Heiltrank?“, murmelte Leyla. Sie erinnerte sich daran, wie Liam ihr einmal von ihnen erzählt hatte. Sie sollten sehr selten und wertvoll sein, wenn sie sich richtig erinnerte.
Zögernd löste sie den Korken und setzte das Fläschchen an den Mund des Generals. Nach und nach ließ sie den Inhalt hineinlaufen. Seine Kehle zuckte leicht, während die Flüssigkeit hinunterlief. Leyla hielt den Atem an, als er plötzlich keuchend die Augen aufriss. Sein Blick war zunächst leer, doch dann fixierten seine Pupillen sie mit einer scharfen Wachsamkeit.
„Ähm… ich hab Ihnen den Heiltrank gegeben und…“, begann sie unsicher, doch er unterbrach sie.
„Wo ist sie?“, fragte er knapp, seine Stimme heiser.
„Die Frau? Sie ist verschwunden“, antwortete Leyla schnell.
Der General fluchte leise, während er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht langsam aufrichtete. Seine Finger glitten zu seinem Hals, wo die klaffende Wunde gewesen war. Ein kurzes, zufriedenes Nicken folgte, als er bemerkte, dass sie vollständig geheilt war.
„Danke für deine Hilfe. Ich muss los und mich um einige Dinge kümmern“, sagte er und musterte Leyla für einen Moment nachdenklich. Seine nächsten Worte überraschten sie: „Ich bin froh, dass ich dich nicht getötet habe.“
Leyla starrte ihn an, sprachlos. Schließlich platzte es aus ihr heraus: „Wer war die Assassine?“
Sein Gesicht verdunkelte sich. „Das ist eine gute Frage. Aber keine Frage, die eine Zivilistin etwas angeht.“ Seine Stimme wurde schärfer. „Geh nach Hause und vergiss das Ganze am besten!“
Leyla ballte die Hände zu Fäusten. „Als ob ich das könnte“, dachte sie bitter, wagte es jedoch nicht, ihm zu widersprechen. Sie wollte nur weg, zurück zu Roxy, um ihr von dem Abend zu erzählen.
Der General drehte sich ohne ein weiteres Wort um, und gemeinsam verließen sie den Park in angespanntem Schweigen. An der ersten Kreuzung trennten sich ihre Wege, und Leyla atmete erst wieder durch, als sie sicher war, dass er außer Sichtweite war.



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