Kapitel 33 - Der Wert von Gold
- empirewebnovel
- 28. Sept. 2024
- 9 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. Jan. 2025

Draußen war die Nacht hereingebrochen, und ein feiner Nebel legte sich wie ein Schleier über die stillen Straßen. Die Laternen warfen schwaches, gelbliches Licht auf das Kopfsteinpflaster, während ein eisiger Wind durch die Gassen zog. Das entfernte Klappern eines Pferdewagens hallte leise wider, ansonsten lag die Stadt in einer geheimnisvollen, fast unheimlichen Stille. Die Dunkelheit schien erdrückend, nur gelegentlich durchbrochen von flackerndem Licht, das aus den Fenstern der Häuser fiel.
Die Gaststätte „Elfenlied“ hingegen bot einen wohltuenden Kontrast zur kalten Nacht. Der warme, behagliche Duft von Kräutern und gebackenem Brot erfüllte den Raum. Kerzenlicht spiegelte sich in den polierten Holztischen, und das beruhigende Knistern des Kaminfeuers ließ die Wände beinahe lebendig wirken. Die dicken Steinwände der Schenke hielten die Kälte fern, und das Lachen der Gäste trug zu einer Atmosphäre der Geborgenheit bei. Es war der perfekte Ort, um den Strapazen des Tages zu entkommen.
An einem der Tische saß Leyla mit Roxy. Sie hatten es sich mit dampfendem Kartoffeleintopf gemütlich gemacht, während Leyla erzählte. Sie sprach von Finn und der merkwürdigen Blume, die er ihr gegeben hatte, vom General, der beinahe gestorben wäre, und von der mysteriösen Assassine.
Als Leyla ihre Erzählung beendet hatte, sah Roxy sie besorgt an. „Zum Glück geht es dir gut! Dieser Finn wirkt wirklich seltsam. Ich wünschte, ich könnte dir sagen, wofür die Blume steht, aber das weiß ich leider auch nicht.“
Leyla nickte nachdenklich, während sie den warmen Eintopf aß. Die Wärme des Essens und das vertraute Gespräch mit Roxy ließen sie für einen Moment die Kälte und die Ereignisse des Abends vergessen. Sie war so dankbar, wieder mit Roxy sprechen zu können. Es tat einfach gut, jemanden an ihrer Seite zu haben.
„Was den General angeht“, begann Roxy mit ernstem Ton, „ich bin froh, dass du das Ganze irgendwie aus der Welt schaffen konntest. Aber Leyla, du musst wirklich vorsichtiger sein. Es ist keine gute Idee, sich mit den Mächtigen des Kaiserreichs anzulegen. Bitte denk nächstes Mal nach, bevor du dir jemanden wie ihn zu deinem Feind machst, ja?“
Leyla verzog das Gesicht und starrte in ihre Schüssel. Sie wusste, dass Roxy recht hatte, auch wenn sie es ungern zugab. Wenn Paul nicht gekommen wäre, hätte die Begegnung mit dem General vielleicht tödlich geendet.
Nach einer kurzen Pause fragte Roxy mit eindringlichem Blick: „Bist du dir ganz sicher, dass die Assassine nichts gegen dich im Sinn hatte?“
Leyla nickte entschlossen. „Ja, ganz sicher. Sie hat mich nicht einmal wirklich angesehen. Nachdem sie den General getroffen hatte, ist sie einfach verschwunden.“
Roxy wirkte nachdenklich, ihre Augen suchten etwas Unsichtbares in der Ferne. Es war, als ob sie mehr wusste, doch sie zögerte, etwas zu sagen. „Dann sollten wir uns aus der Sache heraushalten“, meinte sie schließlich. „Das könnte gefährlich werden, vor allem, wenn die Assassine…“
Sie brach ab und biss sich auf die Lippe, als ob sie nicht sicher war, ob sie weitersprechen sollte.
Leyla lehnte sich vor, ihre Neugier geweckt. „Was ist mit ihr?“, fragte sie eifrig.
Doch Roxy schüttelte nur stumm den Kopf. „Es ist nichts, das wichtig ist. Lass uns lieber auf uns selbst konzentrieren. Solange Fer und Liam noch in Himmel sind, sollten wir ein paar Aufträge erledigen.“
Leyla war enttäuscht. „Schade, ich hätte wirklich gern gewusst, wer diese Frau war“, murmelte sie leise und stocherte in ihrem Eintopf herum.
Die beiden aßen den Rest ihres Essens schweigend auf. Die Wärme der Gaststätte und die beruhigende Atmosphäre ließen den Tag langsam verblassen, und nachdem sie ihre Schüsseln geleert hatten, verabschiedeten sie sich und gingen in ihre Zimmer. Leyla fühlte sich, trotz der unerwarteten Ereignisse des Abends, sicherer als zuvor. Es würde ein neuer Tag kommen, und mit ihm neue Antworten – vielleicht sogar auf die Fragen, die sie nicht zu stellen wagte.
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Die ersten Strahlen der Morgensonne fielen sanft auf Leylas Gesicht. Sie rieb sich müde die verschlafenen Augen und schwang langsam die Beine aus dem Bett. Von draußen drangen aufgeregte Stimmen zu ihr hinauf, durchsetzt vom metallischen Klirren von Rüstungen.
Neugierig trat sie zum Fenster ihres Zimmers und schaute hinaus auf die Straßen von Malyl. Dort marschierten die Soldaten der Kaiserlichen Armee in geordneten Reihen in Richtung Stadttor. Ihre Bewegungen waren synchron, das Dröhnen ihrer Schritte hallte durch die stillen Straßen.
„Ziehen sie ab? Hat der Angriff gestern vielleicht etwas damit zu tun?“, murmelte Leyla leise zu sich selbst.
Fasziniert beobachtete sie die Soldaten, bis die letzten von ihnen die Stadt verlassen hatten. Eine Welle der Erleichterung durchströmte sie. Seit ihrer Ankunft hatte sich die Stadt wie ein Pulverfass angefühlt, bereit, bei der geringsten Provokation zu explodieren. Ihre Anwesenheit hatte die Bewohner offensichtlich unterdrückt, als wären die Soldaten jederzeit bereit, zuzuschlagen.
Mit ihrem Abzug schien sich eine Art stiller Atemzug durch Malyl zu bewegen. Die Gassen wirkten offener, freier. Die Menschen begannen wieder laut miteinander zu sprechen, und das Leben kehrte langsam in die Stadt zurück. Dennoch lag ein Hauch von Anspannung in der Luft, eine unsichtbare Erinnerung an die Angst, die noch nicht ganz verflogen war.
Leyla streifte ihr schwarzes Gewand über und fuhr sich mit den Händen durch die Haare, als wollte sie die letzten Reste der Müdigkeit aus ihrem Körper vertreiben. Dann ging sie in den Aufenthaltsraum der Gaststätte hinunter. Von Roxy war keine Spur zu sehen, vermutlich schlief sie noch.
„Kann ich bitte etwas Brot mit Käse zum Frühstück haben?“, rief sie dem Wirt zu und setzte sich an einen der Tische.
Nach dem schnellen Frühstück verließ sie das „Elfenlied“. Die klare Morgenluft empfing sie, und Leyla beschloss, die Gelegenheit zu nutzen, um ein wenig Sport zu treiben. „Früher habe ich morgens oft Sport gemacht… glaube ich“, murmelte sie vor sich hin und begann, nach einem geeigneten Ort zu suchen.
Ihre Gedanken kehrten unweigerlich zu den Geschehnissen des Vorabends zurück. Die mysteriöse Frau, die den General angegriffen hatte, ließ sie nicht los, und der Gedanke an Finn – seine rätselhafte Art, die Blume, die er ihr gegeben hatte – löste ein seltsames Ziehen in ihrer Brust aus. War es Neugier? Faszination? Oder etwas, das sie noch nicht benennen konnte? Sie war sich nicht sicher, aber eines wusste sie mit Gewissheit: Sie wollte ihn wiedersehen.
In Gedanken versunken bemerkte sie kaum, dass ihre Füße sie von allein in Richtung des Parks trugen. Erst als sie das vertraute Rascheln von Laub unter ihren Stiefeln hörte, schaute sie sich um und erkannte, wo sie war.
Der Park war in herbstliche Farben getaucht. Die Bäume wechselten ihr Laub von tiefem Grün zu leuchtendem Rot und Gold, und der Boden war von einer vereinzelten Schicht raschelnder Blätter bedeckt. Die Luft war klar und kühl, und jeder Atemzug füllte ihre Lungen mit der Frische des Morgens. Tau glitzerte auf den Blättern wie kleine Edelsteine, die von der Morgensonne beleuchtet wurden, und das leise Zwitschern der Vögel verlieh der Szenerie eine beruhigende Lebendigkeit. Doch an der Stelle, an der der General gelegen hatte, prangte noch immer ein dunkelroter Fleck auf dem Boden – ein stiller Zeuge des Geschehens.
Leyla ging langsam zum Springbrunnen und begann, sich zu dehnen. Die Bewegungen halfen, ihre Muskeln zu lockern, und nach einer Weile fühlte sie sich wach und gestärkt. Sie griff in ihre Tasche und zog die Blume hervor, die Finn ihr gegeben hatte.
Die zarten Blütenblätter schimmerten in einem feinen silbrigen Glanz, der in der klaren Morgenluft noch lebendiger wirkte. Die Pflanze schien gleichzeitig zerbrechlich und widerstandsfähig zu sein – wie ein Relikt aus einer anderen Welt. Leyla ließ die Blume in ihrer Hand rotieren und betrachtete sie aufmerksam. Was bedeutete sie? Welche Botschaft steckte dahinter?
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,,Das ist doch keine normale Blume.’’
Leyla rief sich Finns Worte ins Gedächtnis. Er hatte von Magiesicht gesprochen, doch sie hatte keine Ahnung, was das sein sollte oder wie sie sie anwenden könnte. Was sollte sie jetzt mit der Blume machen? Nach einigem Zögern steckte sie sie wieder weg. Vielleicht konnte Liam ihr mehr über diese seltsame Fähigkeit erzählen.
,,Ich vermisse ihn…’’, dachte sie, während ihr Blick einem kleinen Vogel folgte, der von Baum zu Baum hüpfte. Der Gedanke an Liam ließ ihr Herz schwer werden. Wie lange war es her, dass sie ihn gesehen hatte? Zwei Wochen? Vielleicht länger? Ein Hauch von Sehnsucht legte sich wie eine Wolke über ihre Gedanken.
Der Vogel flog durch die Wipfel der Bäume, als wäre er auf der Suche nach Nahrung. Nach einigen Minuten schien er seine Suche aufzugeben und verschwand hinter den Dächern der Häuser. Leyla seufzte leise und erhob sich. Es war Zeit, zur Gaststätte zurückzukehren. Mittlerweile müsste Roxy schon wach sein.
Auf ihrem Rückweg entschied sie sich, eine andere Route zu nehmen. Ihre Schritte führten sie durch ein ärmeres Viertel der Stadt. Die Gassen waren schmal, die Häuser verfallen, ihre Wände rissig und bröckelnd. Zersprungene Fensterscheiben und beschädigte Türen zeugten von der Armut, die hier herrschte. Die Luft war erfüllt von einem schwachen, muffigen Geruch, und das Geräusch von knirschendem Schutt unter ihren Stiefeln hallte unheimlich in der Stille wider.
Ein leichtes Ziehen an ihrem Mantel ließ Leyla innehalten. Sie drehte sich um und sah ein kleines Mädchen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Auf ihrem Kopf wuchsen zwei kleine Hörner – sie war ein Oni. Fer hatte ihr von diesem Volk erzählt.
Die Oni, einst ein stolzes Volk, das in den Mittellanden lebte, waren von den Menschen gefürchtet und von den Anhängern des Dämonenkults nahezu ausgelöscht worden. Die wenigen, die überlebt hatten, führten seitdem ein Leben im Verborgenen oder in bitterer Armut.
„Nur weil sie angeblich den Dämonen ähnlich waren…“, dachte Leyla und spürte einen Stich des Mitleids. Das Schicksal der Oni machte sie traurig und wütend zugleich.
„Hey, was gibt’s, Kleine?“ fragte sie mit einem warmen Lächeln und beugte sich zu ihr hinunter.
Das Mädchen trat von einem Fuß auf den anderen und schien sich nicht sicher zu sein, ob sie sprechen sollte. Schließlich hob sie den Kopf und fragte leise: „Ähm, hast du vielleicht etwas zu essen für mich? Oder ein bisschen Geld?“
Die Stimme des Mädchens klang schwach und brüchig, und Leyla spürte, wie Mitgefühl sie überrollte. „Hast du keine Eltern? Kümmert sich niemand um dich?“, fragte sie behutsam.
„Meine Eltern sind schon lange tot“, antwortete das Mädchen mit gesenktem Blick. „Ich hab nur meinen kleinen Bruder.“
Leyla zögerte einen Moment, bevor sie in ihre Tasche griff. Das leise Klirren einer Goldmünze in ihrer Hand durchbrach die Stille der Gasse. Sie hielt sie dem Mädchen hin. „Hier, nimm das. Gibt es noch etwas, womit ich dir helfen kann?“, fragte sie sanft.
Das Gesicht des Mädchens hellte sich schlagartig auf, und ihre großen Augen leuchteten vor Dankbarkeit. „Ähm, danke… nein, ich glaube, ich brauche nichts“, sagte sie zögerlich.
Leyla hatte das Gefühl, dass das nicht ganz stimmte, wollte aber nicht weiter nachfragen. Stattdessen legte sie ihr eine Hand auf die Schulter und sagte: „Gut. Aber wenn dir doch noch etwas einfällt oder du Hilfe brauchst, kannst du gerne zu mir kommen. Ich wohne zurzeit in der Gaststätte ‚,Elfenlied‘‘. Weißt du, wo das ist?“
Das Mädchen nickte schüchtern und murmelte ein leises „Ja“, bevor sie in einer schmalen Seitengasse verschwand.
Leyla blieb noch einen Moment stehen und sah in die Richtung, in die das Mädchen gegangen war. Eine leise Beklommenheit machte sich in ihr breit, doch sie konnte nichts weiter tun. Schließlich drehte sie sich um und setzte ihren Weg fort, während der kalte Wind durch die verlassenen Gassen wehte.
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,,Bitte, irgendwer. Irgendjemand muss meine Frau retten!’’
Eine verzweifelte Stimme drang an Leylas Ohren, und sie spürte, wie sich ihre Schritte beschleunigten. Sie ging zügig die Straße entlang, den Rufen folgend. Wenn jemand Hilfe brauchte, wollte sie nicht zögern.
Schließlich erreichte sie die Seitengasse, aus der die Stimme kam. Die Straße führte zu einer düsteren Kaserne der Stadtwachen. Das Gebäude thronte bedrohlich über der Umgebung, als ob es die Stadt von oben herab beobachten würde. Die metallischen Klänge von Rüstungen und Schwertern hallten durch die Luft, vermischt mit der stickigen Schwere der Gasse. Die Wände der Kaserne waren von Moos und Schimmel bedeckt, als hätte die Zeit selbst beschlossen, diesen trostlosen Ort zu verurteilen.
Vor dem schweren Eingangstor der Kaserne kauerte ein Mann. Leyla musterte ihn genauer und erkannte, dass er schwarzes Fell hatte und sein Gesicht dem eines Wolfes ähnelte – ein Lupid. Er flehte zu einer der Wachen hinauf, seine verzweifelte Stimme bebte vor Angst.
„Verschwinde und such dir jemanden, der auf Märchen steht. Wir haben Wichtigeres zu tun, als uns um verirrte Straßenköter zu kümmern“, schnauzte die Wache, bevor sie mit einem lauten Knall die Tür vor seiner Nase zuschlug.
Ein brennender Zorn kochte in Leyla auf. Ihr Herz pochte schneller, und sie ballte die Hände zu Fäusten. Warum mussten so viele in dieser Welt Nicht-Menschen mit solcher Grausamkeit behandeln? Es schien, als würden sie ihren Wert nur auf ihren Ursprung reduzieren.
Vorsichtig trat Leyla auf den schluchzenden Mann zu, der immer noch auf dem Boden kauerte. „Ich habe deine Rufe gehört“, sagte sie sanft. „Deine Frau muss gerettet werden?“
Der Lupid hob den Kopf und blickte sie mit vor Tränen geschwollenen Augen an. Für einen Moment wirkte er ungläubig, als hätte er nicht erwartet, dass ihm überhaupt jemand zuhören würde. Sein Körper zitterte, und seine Worte waren kaum mehr als ein Flüstern.
„J-ja… sie war gestern im Wald, um Kräuter zu sammeln, und ist nicht zurückgekommen. Als ich nach ihr suchte, fand ich nur ihren Hut… mit Blutspritzern darauf.“
Leyla schluckte schwer. Sie konnte die Verzweiflung in seiner Stimme spüren, die Angst, die jeden seiner Worte durchdrang. Doch ihr Entschluss stand schon vor seiner Antwort fest. Sie musste helfen – nicht nur, weil sie eine Abenteurerin war, sondern weil sie es tief in ihrem Herzen fühlte.
„Ich bin Abenteurerin“, erklärte sie mit ruhiger Entschlossenheit. „Meine Partnerin und ich werden gerne nach deiner Frau suchen und sie retten.“
Der Lupid schüttelte hastig den Kopf. „Ich… ich habe kein Gold, um euch zu bezahlen. Ich…“
„Es geht nicht ums Gold“, unterbrach ihn Leyla sanft. „Ich helfe, weil es richtig ist. Manchmal gibt es Dinge, die wichtiger sind als Bezahlung.“
Sie schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln und streckte ihm die Hand hin. Der Mann starrte sie für einen Moment an, bevor er zögernd ihre Hand ergriff. Seine zitternden Finger und sein tiefes Seufzen verrieten, wie erschöpft er war. Doch Leylas Worte schienen ihm neue Kraft zu geben, und er zog sich mühsam auf die Beine.
„Komm mit“, sagte sie und machte eine einladende Geste. „Wir gehen zu meiner Partnerin, und dann klären wir den Rest.“
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg in Richtung des „Elfenlieds“. Der Lupid hinkte leicht, doch sein Blick wirkte entschlossener. Leyla hoffte, dass sie die Frau rechtzeitig finden würden – sie würde alles tun, um dieses Versprechen zu halten.



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