Kapitel 35 - Trauer, Schmerz und Liebe
Aktualisiert: 2. Feb. 2025

Leyla blickte durch ein Fenster, das vor ihr schwebte, wie aus dem Nichts erschienen. Dahinter sah sie eine vertraute, aber zugleich unbegreifliche Szenerie. Eine Frau, die ihr bis ins Detail glich, saß an einem Tisch, ein Buch in der Hand.
„Wie kann das sein? Ist das wirklich… ich? Wo bin ich hier?“ Ihre Stimme zitterte, während sie die Worte flüsterte.
Das Zimmer jenseits des Fensters war von einem sanften, diffusen Licht erfüllt, das die Umgebung unwirklich wirken ließ. Die Möbel schimmerten glatt und fremdartig, als wären sie aus einem Material, das es nicht geben konnte. Die Luft im Raum wirkte wie erstarrt, zeitlos und ruhig, als ob die Zeit dort langsamer floss. Doch eine unsichtbare Barriere schien sie von dieser Welt zu trennen, unerreichbar und doch so nah.
Ihr Blick wanderte zu einer glänzenden Glasscheibe, die an einer Wand hing. Auf der Scheibe flimmerten Bilder, winzige, leuchtende Figuren, die sich in einer fremden Welt bewegten. Leyla verstand nicht, was sie sah, doch die Bewegungen der Figuren zogen sie in ihren Bann. Es war, als würde sie durch das Fenster einen Blick in eine völlig andere Realität werfen.
„Was ist das?“ Ihre Finger zitterten, als sie nach dem Fenster griff. Sie wollte es öffnen, eintreten und Antworten suchen. Wer war das andere Ich? Was waren das für Möbel? Was war das auf der Glasscheibe?
Doch je mehr sie sich danach ausstreckte, desto weiter schien der Raum in die Ferne zu gleiten. Es war, als ob er vor ihr wegrannte, sich in die Dunkelheit zurückzog, je näher sie ihm kam. Leylas Herz begann schneller zu schlagen. Sie wollte schreien, rennen, die unsichtbare Barriere durchbrechen, doch ihre Bewegungen wurden träge, wie in einem zähen Traum.
Plötzlich spürte sie die Dunkelheit um sich aufsteigen. Sie war nicht einfach Abwesenheit von Licht – es war eine greifbare, schwere Leere, die sie langsam umhüllte. Ihr Körper fühlte sich an, als wäre er aus Blei, ihre Sinne verschwanden nach und nach, während das Zimmer hinter dem Fenster zu einem wirbelnden Strudel wurde. Alles löste sich auf, als ob die Welt sie unwiderruflich in die Tiefe ziehen wollte. Sie fühlte, wie die Finsternis sie verschlang, bis nichts mehr übrig war.
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Der kühle Wind strich sanft durch die Äste des Baumes, unter dem Leyla langsam erwachte. Die Blätter raschelten leise, wie ein zärtliches Flüstern der Natur, das sie willkommen hieß. Der Himmel war von dichten Wolken bedeckt, und die letzten Strahlen der Abendsonne brachen nur vereinzelt hindurch, wie verlorene Gedanken, die sich ihren Weg bahnten. Der Duft von feuchtem Moos und erdigem Holz füllte die Luft, und Himmel, ihr treuer Begleiter, stand geduldig an ihrer Seite. Seine sanften Augen ruhten auf ihr, voller stummer Sorge.
„Warum weine ich?“ fragte sie sich leise, während sie eine Träne von ihrer Wange wischte. Ihre Stimme klang fremd, als ob sie aus weiter Ferne käme. Eine unerklärliche Trauer hatte sich in ihr breitgemacht, eine Last, die sie nicht verstand. Es fühlte sich an, als hätte sie etwas Kostbares verloren, doch sie konnte nicht sagen, was es war. Die Tränen, die über ihre Wangen liefen, schienen nicht aufzuhören, als ob sie eine Geschichte erzählten, die sie selbst nicht kannte.
Ihr Herz fühlte sich schwer an, wie ein Stein, der sich langsam in die Tiefe eines dunklen Sees sinken ließ. Tief in ihr regte sich eine Empfindung, die sie nicht greifen konnte – ein Echo von etwas, das sie vergessen hatte. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, doch sie spürte, dass es wichtig war, etwas, das Teil von ihr gewesen war.
Was sie nicht wusste, war, dass sie um eine Version von sich selbst trauerte, die nicht mehr existierte. Die Leyla, die einst außerhalb dieser Welt gelebt hatte, war in jenem Moment gestorben, als ihre Klinge das Leben des Mannes beendete. Es war nicht nur der Tod eines anderen – es war der endgültige Abschied von einer Leyla, die einst unschuldig gewesen war, einer Leyla, die noch nie getötet hatte. Ihre Vergangenheit, ihre Erinnerungen, alles, was sie einst gewesen war, hatte sich in der Dunkelheit verloren.
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Langsam kehrte Leyla ins Bewusstsein zurück. Die Erinnerungen an den Kampf wurden klarer, und eine kalte Realität legte sich wie ein schwerer Schatten über sie. Sie hatte einen Menschen getötet.
Ihr Blick wanderte zu Arne, der weinend über dem leblosen Körper von Anja kauerte. Die Szene vor ihr fühlte sich an wie ein Albtraum, aus dem sie nicht erwachen konnte.
„Ich hab mir Roxys Worte also nicht eingebildet…“ flüsterte sie vor sich hin, ihre Stimme brüchig und voller Schmerz. Eine lähmende Trauer mischte sich mit einem brennenden Gefühl von Schuld, das ihr Herz schwerer und ihre Gedanken dunkler werden ließ. Es nagte an ihr, ein bohrender Zweifel, ob sie nicht nur versagt, sondern auch etwas verloren hatte, das sie nie wieder zurückholen konnte.
Mit zitternden Beinen und einem Gefühl der Erschöpfung rappelte sie sich auf und ging langsam zu Arne hinüber.
„Es tut mir so leid. Ich konnte mein Versprechen nicht halten“, murmelte sie, während ihre Nägel sich in ihre Handflächen gruben. Der Schmerz, den sie spürte, war kaum mehr als ein Tropfen im Ozean ihrer inneren Qual. Blut sickerte durch ihre Finger und tropfte zu Boden, doch sie schenkte dem kaum Beachtung. Alles, was sie wollte, war irgendein Gefühl, das sie von der Leere in ihrem Inneren ablenken konnte.
Arne drehte sich zu ihr um, sein Gesicht eine Maske aus Schmerz und Trauer. „Du trägst keine Schuld, Leyla“, sagte er mit erstickter Stimme. „Was ihr getan habt… ihr habt sie von ihrem Leid erlöst. Sie ist frei von diesen Monstern. Und denjenigen, die ihr das angetan haben, habt ihr Gerechtigkeit gebracht.“ Seine Worte waren voller Kummer, doch in seinen Augen lag ein Hauch von Dankbarkeit.
Leyla schluckte schwer. „Gerechtigkeit? Was ist das für eine Gerechtigkeit, wenn sie trotzdem tot ist?“ Sie spürte, wie ihre Stimme zu brechen drohte. Die Worte des Lupiden fühlten sich an wie ein leerer Trost, eine blasse Antwort auf ein Loch, das nicht gefüllt werden konnte.
„Wo ist Roxy?“ fragte sie schließlich, um den Fokus von ihrer Schuld und ihrem Schmerz zu lösen.
„Sie… sie hat die Leichen verbrannt. Sie wollte nicht, dass die Tiere kommen. Sie sollte bald wieder da sein“, antwortete Arne leise.
Leyla nickte kaum merklich und drehte sich um. Sie ging zu Himmel, der in der Nähe wartete, und ließ sich neben ihm auf den Boden sinken. Sein warmer Körper lehnte sich gegen sie, und das gleichmäßige Heben und Senken seiner Brust war der einzige Trost, den sie in diesem Moment spürte. Sie vergrub ihre Finger in seinem dichten Fell, als wollte sie sich an ihn klammern, um nicht in ihrer inneren Dunkelheit zu versinken.
„Du bist wach, Leyla? Wie geht es dir?“ Roxy kniete neben ihr und legte sanft eine Hand auf ihren Rücken.
„Fürchterlich… wir konnten sie nicht retten.“ Leylas Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, das vom Wind beinahe fortgetragen wurde.
„Das stimmt…“ Roxy seufzte schwer, und in ihren Augen lag ein Schatten von Traurigkeit. „Aber wir haben sie zu ihm zurückgebracht. Er kann sich nun von ihr verabschieden. Manchmal ist das alles, was wir tun können. Es tut weh, aber es bedeutet nicht, dass du versagt hast. Du hast für sie gekämpft, bis zum letzten Moment, Leyla. Du hast alles gegeben.“
,,...’’
Leyla schwieg, doch in ihrem Inneren tobte ein Sturm. Es war nicht nur die Trauer um die verlorene Frau, sondern auch die Schuld, die sie an ihrer eigenen Tat nagte. Der Gedanke, dass sie ein Leben genommen hatte, wühlte sie auf, ließ sie zweifeln, wer sie war und was sie werden würde.
„Das ist aber nicht alles, was dich quält, oder?“ Roxy musterte sie mit durchdringendem Blick, während sie ihr sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich.
Leyla senkte den Kopf. Sie schämte sich für die Gefühle, die sie überwältigten – die Reue, die Angst, der Zweifel. „Ich… ich fühle mich, als hätte ich nicht nur den Mann getötet, sondern auch mich selbst“, flüsterte sie schließlich. Die Worte kamen schwer über ihre Lippen, als ob sie eine Last aussprechen würde, die sie zu erdrücken drohte.
Roxy lächelte sanft und zog Leyla in eine Umarmung. Ihre Stimme war beruhigend, fast wie eine Wiege inmitten des Chaos. „Es ist okay, dass du dich so fühlst, Leyla. Das zeigt nur, dass dir ein Leben unfassbar viel bedeutet. Du schämst dich, weil du weißt, wie wertvoll es ist – und das macht dich stärker, nicht schwächer.“
Leyla zitterte in Roxys Armen, und die Tränen, die sie zurückgehalten hatte, brachen erneut hervor.
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Die Mauern von Malyl erhoben sich majestätisch gegen den Nachthimmel, das kalte Licht des Mondes ließ sie wie stumme Wächter erscheinen. Schatten fielen in langen, unheimlichen Linien auf die leeren Straßen, und der Wind trug eine Kälte mit sich, die Leyla bis ins Mark drang. Die sonst so lebendige Stadt schien in eine Art stillen Schlaf gefallen zu sein, erfüllt von einer Ruhe, die gleichzeitig tröstlich und beklemmend war.
Leyla und Roxy gingen nebeneinander her, ohne ein Wort zu wechseln. Die Erlebnisse des Tages lasteten schwer auf ihnen. Leyla fühlte, wie die Müdigkeit sie immer mehr einnahm, jeder Schritt war mühsamer als der letzte. Ihre Gedanken waren ein Wirrwarr aus Schuld, Trauer und einer leisen, unbestimmten Hoffnung, die sie sich selbst nicht erklären konnte.
Als sie die Ställe erreichten und Himmel und Rost in die Obhut der Stallmeister gaben, legte Leyla ihre Hand noch einmal sanft auf Himmels Hals. Seine Wärme schien ihr kurz die Last zu nehmen, die sie auf den Schultern trug. Sie versprach sich selbst, dass sie bald wieder bei ihm sein würde.
Als sie schließlich das vertraute, warme Licht der Gaststätte „Elfenlied“ betraten, spürte Leyla eine kurze Welle der Erleichterung. Der Duft von frisch gebackenem Brot und das Knistern des Kamins gaben ihr das Gefühl von Sicherheit. Ihr Blick wanderte durch den Raum, und dann sah sie ihn: Fer saß in einer Ecke, einen Bierkrug in der Hand, und grinste breit, als er sie erblickte.
Ohne nachzudenken, stürzte Leyla zu ihm und warf sich ihm in die Arme. „Leyla, ich freu mich ja auch, dich wiederzusehen, aber wenn du mich weiter so fest drückst, brech ich noch auseinander!“
Leyla lachte leise, obwohl ihre Augen feucht schimmerten, und ließ ihn langsam los. „Wo ist Liam?“ fragte sie, ihre Stimme zitternd vor Erwartung.
Fer neigte leicht den Kopf und grinste wissend. „Er ruht sich in seinem Zimmer aus, das zweite Zimmer links.“
Leyla verlor keine Zeit. Sie sprintete die Treppe hinauf, ihr Herz schlug wie wild, während sie jede Stufe nahm. Als sie die Tür zu Liams Zimmer erreichte, hielt sie kurz inne, atmete tief durch und öffnete sie dann mit einem Ruck.
Liam saß auf seinem Bett, ein erschöpftes, aber herzliches Lächeln auf den Lippen. „Na, hast du mich vermisst?“
Seine Worte waren wie ein warmes Licht in der Dunkelheit. Leyla schloss die Tür hinter sich, ging auf ihn zu und ließ sich in seine Arme fallen. Der vertraute Duft und die beruhigende Wärme seiner Umarmung schienen die Kälte, die in ihrem Herzen herrschte, langsam zu vertreiben. Sie hob den Kopf und küsste ihn. Es war ein zögerlicher, doch tiefer Moment, der alles sagte, was sie nicht in Worte fassen konnte.
In diesem Moment wollte sie nichts anderes, als ihm nahe zu sein. Ihre Hand glitt unter sein Hemd, strich über seine Brust. Sie spürte seinen Herzschlag unter ihren Fingern.
Ihre Fingerspitzen erkundeten vorsichtig die feinen Linien seiner Muskeln, während sich sein Atem ruhig und tief gegen ihre Berührung hob und senkte. Jeder sanfte Druck ihrer Hand auf seiner Haut war wie ein stiller Dialog zwischen ihnen, eine unausgesprochene Bitte um Nähe und Zuneigung. Die Wärme seines Körpers strahlte durch den dünnen Stoff seines Hemdes und ließ die Kälte, die sich in ihrem tief Inneren festgesetzt hatte, langsam schmelzen. Sie fühlte, wie ihre Herzen in einem gleichmäßigen Rhythmus schlugen, als ob sich ihre Seelen in diesem Augenblick im Einklang miteinander verbanden.
Sie sprachen kein Wort, doch es war nicht nötig. In diesem Moment sagte ihre Stille alles, was Worte niemals hätten ausdrücken können. Die Wärme ihrer Körper, die in stiller Harmonie verschmolzen, vertrieb jede Spur von Dunkelheit.



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