Kapitel 36 - Ein neuer Anfang im Morgenlicht
Aktualisiert: 26. Jan. 2025

Leylas Finger glitten sacht über Liams Haut, ihre Berührung so vorsichtig, als wolle sie den Moment nicht stören. Er schlief noch, und sie hatte beschlossen, geduldig zu warten, bis er von selbst erwachte. Während sie ihn betrachtete, spürte sie, wie eine leise Freude in ihr aufstieg, ein zartes, prickelndes Gefühl, das in ihrem Inneren wuchs, wenn sie an den vergangenen Abend dachte.
Die ersten Strahlen der Morgensonne krochen über den Fensterrahmen und tauchten das Zimmer in warmes, goldenes Licht. Der klare Himmel versprach einen friedlichen Tag, während das fröhliche Zwitschern der Vögel von draußen hereindrang. Im Zimmer herrschte eine wohltuende Stille, unterbrochen nur vom sanften Rhythmus von Liams Atem und dem leisen Rascheln der Bettdecke, wenn er sich leicht bewegte.
„Liams Haut ist so glatt“, dachte sie und ließ ihre Finger sacht über seine Muskeln gleiten. „Vielleicht liegt das daran, dass er ein Elf ist.“
Seine Wärme strahlte durch den dünnen Stoff der Decke hindurch, beruhigend und vertraut. Leyla schloss für einen Moment die Augen, ließ sich von der Nähe zu ihm einhüllen. Sie wollte diesen Moment festhalten, ihn für immer bewahren – die Ruhe, die Sanftheit, die Vertrautheit.
Plötzlich überkam sie ein Drang, der sich nicht ignorieren ließ. Sie wollte diesen Augenblick einfangen, nicht nur in ihren Erinnerungen, sondern auch auf Papier. Vorsichtig, darauf bedacht, ihn nicht zu wecken, stand sie auf und griff nach ihrem Rucksack, der noch in der Ecke des Zimmers lag. Sie zog ihren Zeichenblock hervor und kehrte zu ihrem Platz am Bett zurück.
Liams blondes Haar war zerzaust, einige Strähnen fielen ihm über die Stirn. Sein Gesicht war friedlich, entspannt, als ob nichts die Ruhe seines Schlafs stören könnte. Die Decke bedeckte den größten Teil seines Körpers, nur ein Arm lag locker darüber, und sein weißer Stoffmantel schien wie ein sanfter Rahmen für seinen ruhenden Körper.
Mit jeder Bewegung des Stifts fühlte Leyla, wie sie tiefer in diesen Moment eintauchte. Sie konzentrierte sich auf die feinen Details seines Gesichts, die weichen Linien, die leicht gesenkten Augenlider, den Hauch eines Lächelns, der seine Lippen umspielte. Es war, als ob sie mit jedem Strich nicht nur sein Abbild einfing, sondern auch die Wärme und den Frieden, die sie in diesem Augenblick empfand.
Als sie das Bild betrachtete, spürte sie eine tiefe Zufriedenheit. Es war nicht nur eine Zeichnung – es war ein Stück von ihm, ein Stück von ihnen. Sie legte den Zeichenblock vorsichtig beiseite und glitt leise zurück ins Bett. Die vertraute Wärme seines Körpers empfing sie sofort, wie ein Versprechen, dass alles gut war.
—GÄHN—
Liams leises Gähnen durchbrach die Stille. Seine Augen öffneten sich langsam, noch schwer vor Schlaf, doch als er sie sah, hellte sich sein Gesicht auf. Ein verschlafenes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus, und er legte einen Arm um sie, zog sie näher zu sich.
„Guten Morgen, Leyla. Wie hast du geschlafen?“ Seine Stimme war noch rau, ein sanftes Echo der Nacht.
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„Ich habe sehr gut geschlafen, und du?“
Liam lächelte, zog sie näher an sich und drückte ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. „So gut wie lange nicht mehr, daran könnte ich mich gewöhnen.“
Leyla lächelte leicht, doch in ihrem Inneren schwelten widersprüchliche Gedanken. Sie liebte diese ruhigen, intimen Momente, doch sie wusste, dass gerade ihre Seltenheit sie so besonders machten. Manche Augenblicke sollten selten bleiben, dachte sie. Das machte sie kostbarer.
„Du, Leyla“, begann Liam nach einer Weile, während seine Finger sanft über ihren Rücken strichen. „Ich weiß, dass gestern etwas passiert ist. Du musst mir nichts erzählen, wenn du noch nicht willst, aber ich sehe, dass es dich bedrückt. Ich bin hier, wenn du bereit bist.“
Leyla atmete tief durch, als wollte sie den Knoten in ihrer Brust lösen. Sie wusste, dass sie mit Liam reden musste. „Ich… ich will dir alles erzählen.“ Ihre Stimme war leise, aber entschlossen.
Sie begann von allem zu berichten: vom General, dem Oni-Mädchen, der Begegnung mit Arne, ihrer Suche nach Anja und dem Moment, in dem sie gezwungen war, einen Menschen zu töten. Ihre Worte waren ruhig, doch ihre Hände zitterten leicht, als sie von dem Mord sprach. Liam hörte aufmerksam zu, ohne sie ein einziges Mal zu unterbrechen. Seine Berührung blieb fest und beruhigend, wie ein Anker, der sie durch ihre Geschichte trug.
Als sie fertig war, hob Liam ihre Hand an seine Lippen und küsste sie sanft. „Es ist schwer, Leyla. Ich weiß, wie schwer das erste Mal ist.“ Seine Stimme war weich, aber bestimmt. „Es ist leicht, sich auf das zu konzentrieren, was verloren ging. Aber schau dir an, was du gerettet hast. Du hast Unschuldige beschützt. Wie viele Frauen hätten sonst Anjas Schicksal teilen müssen? Du hast gehandelt, um die Welt ein Stück besser zu machen. Es wird mit der Zeit leichter. Es wird dich nie kaltlassen – und das sollte es auch nicht. Aber du wirst lernen, damit umzugehen.“
Leyla sah ihn an, Zweifel in ihren Augen. „Dir ging es genauso? Ich kann mir das bei dir gar nicht vorstellen.“
Liam nickte langsam, sein Blick nachdenklich. „Ja, genau so. Ich war erst dreizehn. Es war Sommer, und mein Bruder und ich waren in einem Dorf namens Sommersand. Wir spielten am Strand, als ein Mann auftauchte. Er behauptete, unsere Eltern hätten ihn geschickt, um uns abzuholen. Aber irgendetwas stimmte nicht. Als wir uns weigerten, mit ihm zu gehen, zog er ein Messer.“
Leyla lauschte gebannt, ihre Augen fixierten ihn, während er weiter sprach. Es war das erste Mal, dass er von seiner Kindheit erzählte.
„Der Mann packte meinen Bruder, als wäre er sein Eigentum. Ich… ich wusste nicht, was ich tun sollte. Aber ich griff nach dem Dolch und… ich stach zu.“ Seine Stimme wurde leiser, als er sich erinnerte. „Danach fühlte ich mich Wochen lang schlecht. Ich hatte Albträume, dachte, ich hätte etwas Unverzeihliches getan. Aber dann… dann wurde mir klar, dass es keine andere Wahl gab. Manchmal ist es nicht einfach eine Frage von richtig oder falsch. Es geht ums Überleben – deines, das deiner Lieben oder das derjenigen, die sich nicht selbst schützen können.“
Leyla schwieg, seine Worte hallten in ihr wider. Sie griff nach seiner Hand, hielt sie fest und ließ sich von seiner Ruhe einhüllen. „Wie hast du das nur durchgestanden?“ fragte sie schließlich leise.
„Indem ich nie vergessen habe, warum ich es getan habe“, sagte Liam sanft. „Und indem ich mich daran erinnerte, dass jeder, der kämpfen muss, einen Teil von sich dabei verliert. Aber das heißt nicht, dass du dich aufgeben musst. Du bist stärker, Leyla. Viel stärker, als du glaubst.“
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Leyla spürte, wie die Schwere, die seit gestern auf ihrem Herzen lastete, langsam nachließ. Liams Worte hatten etwas in ihr entfacht – ein Gefühl von Zuversicht und Klarheit. Sie wusste, dass es besser werden würde, und dass sie das Richtige getan hatte.
„Ich kann nicht jedes Opfer, das ich bringen muss, so betrauern. Eine ganze Welt liegt vor mir, und ich muss mich darauf konzentrieren, was noch kommen wird, statt mich im Gestern zu verlieren“, dachte sie, während ihre Finger sanft durch Liams Haare strichen.
,,Danke, es hat mir wirklich geholfen, dass du mir zugehört hast.’’
Liam grinste und schnippte ihr leicht gegen die Stirn. „Du Dummkopf, ich bin immer für dich da, das weißt du doch. Egal, ob ich dich aus einem Kerker retten muss, oder dir zuhöre, wenn es dir nicht gut geht.“
Seine Worte ließen ein Lächeln auf Leylas Gesicht erscheinen. Er hatte recht – sie konnte immer auf ihn zählen. Doch sie wollte nicht die Einzige sein, die umsorgt wurde. Sie wollte für ihn genauso da sein, wie er es für sie war – stark, verlässlich, ein Fels, auf den er bauen konnte. Irgendwann würde sie sich revanchieren.
„Lass uns mal darüber reden, welchen Auftrag wir als Nächstes annehmen. Ich hab gehört, dass du und Roxy einige kleinere Aufträge erledigt habt, während wir getrennt waren. Das habt ihr gut gemacht.“ Liam kratzte sich am Hals, bevor er weitersprach: „Ich habe einen großen Auftrag in Sicht, einen Auftrag, der uns direkt in den vierten Rang befördern wird. Aber bis dahin haben wir noch etwas Zeit, um zu trainieren und uns vorzubereiten.“
„Ein großer Auftrag? Was denn für einer?“ Leyla sah ihn neugierig an.
„Das ist ein Geheimnis!“ Liam grinste schelmisch, bevor er sich langsam aufsetzte. „Wollen wir frühstücken gehen? Ich hab einen riesigen Hunger.“
Leyla stöhnte enttäuscht, als sie keine Antwort auf ihre Frage bekam, und ließ sich widerwillig vom Bett gleiten, als hätte die gemütliche Wärme sie fest umschlungen. Der Gedanke an Frühstück war das Einzige, was sie in Bewegung brachte. Ihr Magen meldete sich bereits mit einem lautstarken Grummeln, und so stand sie auf, zog sich an und strich noch einmal ihre Haare glatt.
Von draußen hörte man das allmähliche Erwachen der Stadt. Schritte hallten über das Kopfsteinpflaster, das Klappern von Wagen und das leise Murmeln von Stimmen drang durch das Fenster. Es war, als würde die Welt selbst aus einem tiefen Schlaf erwachen, bereit, den neuen Tag mit all seinen Herausforderungen willkommen zu heißen.



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