Kapitel 37 - „N“
- empirewebnovel
- 29. Okt. 2024
- 5 Min. Lesezeit

,,Hattet ihr einen schönen Abend? Du grinst die ganze Zeit, Leyla’’, fragte Roxy, während sie an ihrem Fruchtsaft nippte.
Leyla merkte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. War es ihr wirklich so leicht anzusehen?
,,Ja, Leyla, sag doch mal: Hattest du einen schönen Abend?’’ neckte Liam sie, breit lächelnd.
Leyla warf Fer einen flehenden Blick zu, in der verzweifelten Hoffnung, dass er sie aus der unangenehmen Situation retten würde. Doch zu ihrer Enttäuschung zwinkerte er nur und widmete sich wieder seinem Frühstück.
Zu Leylas Glück trat in diesem Moment der Wirt an den Tisch und unterbrach das Gespräch:
,,Ihr seid doch die Grauen Federn, oder? Eben wurde ein Auftrag für euch abgegeben.’’
Der Wirt legte einen schlichten, weißen Umschlag auf den Tisch, in dessen Mitte ein auffälliger roter Stempel mit einem weißen „N“ prangte. Schwarze Farbspritzer zierten das Papier und verliehen dem Umschlag eine mysteriöse, fast bedrohliche Aura.
,,Was ein merkwürdiger Umschlag’’, dachte Leyla und fragte sich, wofür das ,,N’’ stehen könnte. Ihr fiel nichts Passendes ein, also wandte sie sich an die anderen. Doch auch sie hatten ein ebenso ratloses Gesicht.
,,Weiß einer von euch, von wem der Auftrag ist?’’ durchbrach Fer das Schweigen.
,,Nein… Sehr merkwürdig. Wir sollten noch nicht so bekannt sein, als dass uns Fremde einen Auftrag zukommen lassen’’, murmelte Roxy, während ihre Hand über das raue Papier strich.
,,Wollen wir den Umschlag nicht öffnen?’’ fragte Leyla neugierig. Sie wollte unbedingt wissen, was in dem Auftrag stand. Wer der Absender war, spielte in diesem Moment für Leyla keine Rolle. Ihr Herz raste vor Aufregung, und sie konnte es kaum erwarten, zu erfahren, welche neue Herausforderung auf sie wartete.
,,Wir sollten den Auftrag gut durchlesen, bevor wir entscheiden, ob wir ihn annehmen wollen.’’ Liams Stirn legte sich in Sorgenfalten, während seine Stimme ernst klang. ,,Wir sollten uns genau überlegen, worauf wir uns einlassen.’’ Seine Augen ruhten für einen Moment auf dem seltsamen Stempel, als wäre ihm etwas daran nicht ganz geheuer. Dann schob er den Umschlag zu Leyla. ,,Du solltest ihn aufmachen, Leyla.’’
Der Umschlag lag ruhig auf dem Tisch. Das rote Siegel mit dem weißen „N“ schien im schwachen Licht zu leuchten, während die schwarzen Farbspritzer wie Schatten um den Stempel herumtanzten. Ein kühler Hauch zog durch den Raum, als ob das ganze ,,Elfenlied’’ für einen Moment den Atem anhielt, während Leyla zögernd nach dem Brief griff.
Leyla hob den Umschlag auf und begann ihn langsam zu öffnen. Ihre Finger zitterten leicht vor Aufregung, als das Siegel sich allmählich löste.
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,,An die Grauen Federn:
Ich habe eure bisherigen Schritte mit Neugier verfolgt. Jetzt, wo ihr wieder vereint seid, scheint mir der perfekte Moment gekommen, euch zu kontaktieren.
In der Nähe des Baumes Wind befindet sich ein alter Turm. Begebt euch dorthin, dort erwarten euch die weiteren Anweisungen.
Sobald ihr den Auftrag abgeschlossen habt, werdet ihr als Belohnung achtzig Gold erhalten.
In ewigen Grüßen — N’’
Leyla las die Zeilen immer wieder, als könnte sie kaum glauben, dass jemand sie beobachtete und genau wusste, wer sie war. Sie reichte den Brief weiter, ohne ein Wort, und wartete.
Fer brach als erster das Schweigen: ,,Das stinkt nach Problemen. Lasst uns den Zettel verbrennen und vergessen.’’
,,Als Belohnung kriegen wir achtzig Gold. Weißt du, wie viel das ist? Denk doch mal an deine Familie. So eine Gelegenheit bekommen wir nicht jeden Tag!’’ Leyla verstand Fers Zweifel, doch ihr Interesse an diesem neuen Abenteuer war größer.
,,Langsam Leyla. Mir gefällt der Auftrag auch nicht; ich würde den ungern annehmen.’’
Roxy wirkte nachdenklich, ihre Stirn in Falten gelegt und ein Hauch von Zweifel lag in ihren Augen. Sie war selten so verunsichert, und Leyla fragte sich, ob Roxy hinter diesem Auftrag mehr vermutete — oder sie mehr wusste, als sie sagte.
Während die Worte des Briefs leise nachklangen, erhob sich die vertraute Stimme des Abenteurers in Leyla – diese innere Sehnsucht nach neuen Pfaden und unbekannten Herausforderungen. Das Gasthaus um sie herum wirkte plötzlich kleiner, einengender, und die Vorstellung des alten Turms, den geheimnisvollen Anweisungen, lockte sie, als wäre sie bereits Teil des Abenteuers. Das Risiko war hoch, aber das Versprechen auf das Unbekannte zog sie wie ein unsichtbares Band.
,,Was denkst du Liam?’’ fragte sie den Elfen hoffnungsvoll, der sich bisher noch nicht dazu geäußert hatte.
Nachdenklich stützte er seinen Kopf auf seine Hände, doch als Leyla ihn ansprach, richtete er sich seufzend auf.
,,Nun, es gibt schon einige Dinge, die seltsam sind. Wir kennen den Absender nicht, wir wissen nicht, was der wirkliche Auftrag ist oder wie schwierig er wird. Es könnte auch sein, dass wir, sobald wir am Turm sind, keine Möglichkeit mehr haben, abzulehnen…’’
Leyla seufzte leise, das Gefühl von Vorfreude wich langsam einer tiefen Enttäuschung. Hatte sie zu naiv auf das Abenteuer geblickt? Ihre Freunde hatten Recht — es war mit vielen Risiken verbunden. ,,In der Gilde ist bestimmt auch noch ein Auftrag, der genauso spannend ist…’’, dachte sie. Da fuhr Liam fort:
,,Es ist riskant, aber es ist auch eine Möglichkeit. Wenn wir vorsichtig sind und aufeinander aufpassen, sollten wir damit klarkommen.’’ Dann drehte er sich zu Fer: ,,Und Leyla hat Recht: Zwanzig Gold pro Person ist eine Menge Geld. Genau dafür hast du dich doch entschlossen Abenteurer zu werden.’’
Fer seufzte und hob resigniert die Hände. Sein Blick wanderte von Roxy, die immer noch etwas unsicher wirkte, über Liam, dessen Wort durch seine Erfahrung am meisten zählte, zu Leyla, die ihn voller Begeisterung ansah.
,,Gut, ihr habt mich überzeugt. Wir müssen genug Proviant mitnehmen; darum kümmere ich mich. Wollen wir morgen früh aufbrechen?’’
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Leyla saß auf ihrem Bett und prüfte jedes einzelne Stück ihrer Ausrüstung noch einmal, als wolle sie sich selbst versichern, dass sie nichts Essentielles vergessen hatte. Die Zimmer hatten sie noch länger gemietet, und sie hatte sich entschieden, einige Dinge dort zu lassen.
Neben ihren normalen Kleidern nahm sie ihr Schwert, ihren neuen Bogen, fünfzehn Pfeile und den Köcher, den Fer ihr kurz nach dem Gespräch am Morgen gegeben hatte, mit. Zusätzlich zu ihrer Ausrüstung packte sie den Zeichenblock, die Stifte, ihr Jagdmesser und ihren Wasserschlauch ein. Auch die Feder von Finn durfte nicht fehlen. Alles andere ließ sie in ihrem Zimmer.
,,Ich darf den anderen keine Last sein. Sie haben diesem Auftrag wegen mir zugestimmt, ich muss ihnen beweisen, dass es die richtige Entscheidung war’’, murmelte sie.
Nachdem sie ihren Rucksack gepackt hatte, verließ sie ihr Zimmer. Sie wollte noch ein weiteres Mal in den Park gehen, in der Hoffnung, dass sie Finn dort wiedersehen würde.
Die Stadt Malyl versank langsam in der Dunkelheit, während die letzten Strahlen der Abendsonne noch wie ein Hauch auf den Pflastersteinen lagen. Der kühle Wind strich leise durch die Gassen, und die wenigen auf der Straße verbliebenden Menschen huschten wie Schatten an ihr vorbei. Der Tag wich der Nacht, und mit ihm schien sich auch die Stimmung in der Stadt zu ändern – eine seltsame, erwartungsvolle Ruhe legte sich über die Häuser.
Es war, als ob ein verborgener Funke in ihrem Inneren neu entfacht worden war. Seit dem Treffen mit Finn fühlte sie eine neue Art der Stärke in ihrem Herzen, die sie früher nicht gekannt hatte – eine Kraft, die die Schrecken der letzten Tage verblassen lassen konnte. Vor diesem Treffen schlichen sich auch die Erinnerungen an ihre Entführung immer wieder wie dunkle Schatten in ihre Gedanken, sobald die Nacht hereinbrach. Doch jetzt, nach Finns Anwesenheit, erschien ihr die Dunkelheit nicht mehr als Bedrohung, sondern sogar fast tröstlich.
Sie wusste nicht, ob sie deswegen dankbar oder wütend sein sollte. Einerseits verstand sie, dass er ihr damit half, andererseits gefiel ihr der Gedanke nicht, dass er ihre Gefühle manipulieren und unterdrücken konnte. ,,Wer genau ist er?’’ fragte sie sich.
Gerade wollte sie in die Straße einbiegen, die zum Park führte, als sie eine Stimme hinter sich hörte:
,,Leyla, was ein schöner Zufall, dass wir uns hier treffen!’’



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