Kapitel 38 - Graue Federn im Morgentau
- empirewebnovel
- 2. Nov. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. Nov. 2024

,,Ugh’’
Leyla starrte auf Paul de Coteau. Sein dunkles Haar wehte leicht im Wind, sein schwarzer Mantel flatterte hinter seinem Rücken. Sie überlegte bereits, wie sie ihn schnell abwimmeln könnte. Der Gedanke an ein längeres Gespräch mit ihm löste in ihr ein leichtes Unbehagen aus.
,,Wohin des Weges? Hast du etwa nach mir gesucht?’’
Paul strahlte die unerschütterliche Selbstsicherheit eines Mannes aus, der daran gewöhnt war, dass die Welt sich um ihn drehte. Jeder seiner Schritte schien sorgfältig gesetzt, jede Bewegung einstudiert, als ob er wusste, wie sehr seine bloße Präsenz andere beeindruckte. Doch Leyla spürte nichts als Widerwillen. Die arrogante Art, mit der er sprach, das selbstgefällige Lächeln – alles an ihm erinnerte sie daran, warum sie Adlige nicht leiden konnte.
,,Davon träumst du wohl. Ich wüsste nicht, was es dich angeht.’’ Leyla konnte sein eingebildetes Auftreten nicht leiden. ,,Tun alle Adligen so, also würde ihnen die Welt gehören?’’
Ein knappes Lächeln umspielte Pauls Lippen, als ob ihn ihre schroffe Antwort amüsierte. Er schien von ihrer Zurückweisung unberührt, vielleicht sogar noch interessierter. Er ging einen Schritt auf sie zu. ,,Nun, es geht mich natürlich nichts an, ich wollte nur ein Gespräch beginnen. Tatsächlich hatte ich nach dir – nein, nach euch gesucht.’’
Leyla schenkte ihm einen misstrauischen Blick. Was könnte ein Adliger wie er von ihr und ihren Freunden wollen? Trotz ihres Unmuts begann eine leichte Neugierde in ihr zu wachsen. Nach einem kurzen Seufzen fragte sie schließlich:
,,Was möchtest du denn von uns?’’
,,Ich hätte einen Auftrag für euch. Es ist keine große Sache, aber ich dachte, dass ihr ihn vielleicht übernehmen würdet.’’
Überrascht schwieg Leyla einen Moment, bevor sie antwortete: ,,Einen Auftrag? Worum geht es denn?’’
,,Eine ältere Dame wohnt etwas außerhalb der Stadt. Normalerweise kommt sie regelmäßig zum Einkaufen, aber sie war jetzt schon länger nicht mehr hier. Würdet ihr nach ihr sehen?’’
,,Klingt ja nicht gerade aufregend, aber wenn der Herzog selbst einen Auftrag dafür ausgibt, steckt vielleicht doch mehr dahinter…’’ dachte sie. Der Gedanke, dass ein einfacher Auftrag vielleicht eine größere Intrige verbarg, ließ ihre Neugierde weiter anwachsen. Warum sonst sollte ein Herzog sich über eine alte Dame Sorgen machen? Da fiel ihr wieder ein, dass sie bereits einen Auftrag angenommen hatten.
,,Tut mir leid, aber wir haben schon einen anderen Auftrag angenommen. Wir können ihn jedoch gerne übernehmen, sobald wir wieder verfügbar sind.’’
,,Verstehe. Nun, das ist schade, aber natürlich kann ich das nachvollziehen. Aber ihr würdet mir einen großen Gefallen tun, wenn ihr mir nach diesem Auftrag Bescheid gebt.’’
,,Keine Sorge, ich weiß, wo Euer Gnaden residieren – falls ich mal Langeweile habe’’, sagte sie mit einem sarkastischen Unterton. Als Paul nicht sofort antwortete, fragte sie sich, ob sie zu weit gegangen war. Einen Moment lang blieb Paul still, sein Blick fest auf Leyla gerichtet. Dann jedoch brach er in ein herzhaftes Lachen aus, das den angespannten Moment verfliegen ließ.
,,Haha, das passt nicht zu dir, Leyla. Ich bin nur Paul für dich. Aber dennoch, falls du etwas brauchst, zögere nicht, mich zu fragen.’’
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Enttäuscht ließ sich Leyla wieder auf ihr Bett fallen. Sie hatte im Park eine gute Stunde gewartet, doch Finn war nicht aufgetaucht.
Sie dachte an das Gespräch mit Paul zurück. Sie wusste immer noch nicht, was sie wirklich von ihm halten sollte. Er war ein Adliger mit einer arroganten Art, die sie lange abgestoßen hatte, doch irgendwie schien sich etwas an ihrem Bild von ihm zu ändern. Ihre anfängliche Abneigung hatte sich allmählich gelockert, wie ein Knoten, der sich widerwillig löst. Doch ein leiser Zweifel blieb – warum war er so nett zu ihr?
Ihr Blick fiel auf Liam, der neben ihr schlief, sein goldenes Haar zerzaust. Sein Anblick ließ ein warmes, freudiges Kribbeln in ihr aufsteigen, das wie ein sanfter Strom ihren ganzen Körper durchströmte. Vorsichtig strich sie ihm eine Strähne aus dem Gesicht.
Sie genoss es, einfach dazuliegen, seine Züge im sanften Mondlicht zu betrachten und seinem gleichmäßigen Atmen zu lauschen. Ein verschmitztes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sie kurz darüber nachdachte, ihn aus dem Schlaf zu kitzeln und die Überraschung in seinen Augen zu sehen. Die Reaktion würde sie gerne sehen, doch sie beschloss, ihn schlafen zu lassen.
Sie kuschelte sich an ihn und schloss ihre Augen. Für einige Minuten kreisten ihre Gedanken noch umher, von Paul zu Finn, von Finn zu Liam und dann wieder zurück zu Paul. Mit Liams Wärme an ihrer Seite und dem leisen Rhythmus seines Atems im Ohr glitt sie schließlich in die Dunkelheit des Schlafes, eingehüllt in ein Gefühl der Geborgenheit.
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Himmel flog über die grüne Landschaft. Der Himmel war komplett von Wolken bedeckt und in der kühlen Morgenluft hing der frische, unverkennbare Duft des nahenden Regens. Feine Tropfen von Morgentau hingen wie winzige Juwelen an den Grashalmen und funkelten matt im grauen Morgenlicht.
Die vier waren bei Sonnenaufgang mit ihren Pferden aufgebrochen und hatten sich auf den Weg gemacht. Fer hatte gesagt, dass sie gegen Nachmittag den Baum ,,Wind’’ erreichen würden.
,,Es gibt eine berühmte Ballade von Margin Alvarez, in der er darüber singt, wie der Baum im Wind tanzt. Seitdem trägt er auch diesen Namen.’’ Leyla war immer wieder überrascht, wie viel Fer wusste.
Ihr Blick streifte über den Horizont, sie konnte es kaum erwarten, den Baum mit eigenen Augen zu sehen. Leyla stellte sich bereits vor, wie ihre Zeichnung den majestätischen Baum festhalten würde – eine Erinnerung an den Moment, die sie immer bei sich tragen könnte.
Wann immer sie auf Himmel ritt, fühlte sie sich so leicht, als ob der sanfte Wind all ihre Sorgen forttragen würde. Ihrer Finger glitten sanft durch sein seidiges, vom feuchten Morgen beschlagenes Fell. Die Kälte der Luft vermischte sich mit der Wärme seines Körpers und gab ihr ein beruhigendes Gefühl.
Fröhlich begann Leyla, eine Melodie zu pfeifen.
,,Schon aufgeregt?’’ fragte Roxy, die näher an sie herangeritten war.
,,Ja, ein bisschen. Doch am meisten freue ich mich darüber, endlich wieder mit euch allen zusammen einen Auftrag anzugehen. Es fühlt sich an, als wäre die Gruppe endlich wieder vollständig.’’
Ein sanftes Lächeln breitete sich auf Roxys Gesicht aus, und ihr Blick wurde weich, als sie Leyla zunickte. ,,Das stimmt. Es ist ein ganz besonderes Gefühl, die Gruppe wieder komplett zu haben. Es macht die Reise sicherer und gleichzeitig viel schöner.’’



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