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Kapitel 39 - Wo die Dunkelheit wartet

Aktualisiert: 3. Nov. 2024

Die Äste des Baumes wippten im Wind — sie sahen tatsächlich so aus, als würden sie durch die Luft tanzen.


Leyla, Fer, Liam und Roxy saßen um das knisternde Lagerfeuer herum. Die Flammen züngelten empor, ihr Licht flackerte im Takt des Windes, während der Rauch in den wolkenverhangenen Himmel stieg, als wollte er sich mit den Schatten der Nacht vermischen.


,,Ich konnte um den Turm herum keine Fallen oder andere Gefahren entdecken. Wenn wir morgen früh hineingehen, sollten wir dennoch vorsichtig bleiben.’’ Fer sprach ruhig, aber mit besorgtem Tonfall. Er hatte den Nachmittag und den Abend genutzt, um den kleinen Turm und seine Umgebung auszukundschaften.


Leyla war währenddessen völlig in ihre Skizze des Baumes vertieft gewesen, als ob jeder Pinselstrich den Zauber des Windes einfangen könnte, der durch die Äste fuhr. Roxy hatte sich um die Pferde und Liam um eine Feuerstelle gekümmert.


,,Der Baum Wind ist ein wahres Naturwunder. Man spürt die Geschichte, die in seinen Ästen und Wurzeln lebt, als würde er die Weisheit vergangener Zeiten bewahren. Ich kenne zwar die Ballade und die Geschichten, aber unter ihm zu sitzen ist wirklich etwas Besonderes’’, flüsterte Fer ehrfurchtsvoll.


,,Kannst du die Ballade singen?’’ Leyla bereute, versäumt zu haben, den Bardenabenden beigewohnt zu haben. Diese fanden einmal jede Woche in einer Gaststätte am Stadtrand statt. Barden aus der ganzen Region kamen dort zusammen, um ihre Lieder, Geschichten und Malereien zu teilen.


,,Bitte, Fer, sing uns die Ballade! Ich würde so gerne das Lied hören, das Wind so lebendig werden lässt.’’ Roxy schien Leylas Idee zu gefallen.


,,Ich bin mir nicht sicher… Es ist schon lange her, dass ich gesungen habe. Ich hoffe, ich treffe noch die richtigen Töne.’’


Nun schloss sich auch Liam an: ,,Ein Grund mehr, es jetzt zu tun. Komm schon Fer, wir alle warten schon darauf!’’


,,Gut, dann bitte ich um Ruhe. Ihr hört nun ,,Ein Tanz im Winde’’ von Margin Alvarez.’’ Fer atmete tief durch und erhob sich, als ob er sich innerlich sammelte. Seine Augen schimmerten im Feuerschein, als er zu singen begann.



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Im Tal der alten Berge, stolz und still,

Da steht ein Baum, der trotzt jedem Will.

Seit Zeiten unzählig, wurzelt er fest,

Inmitten von Felsen, die kaum einer misst.


Er neigt sich im Winde, ein tänzelndes Spiel,

Mit Zweigen, die flüstern, geheimnisvoll, kühl.

Wer unter ihm ruht, ist geborgen und frei,

Im Schatten des Windes, im sanften Geleit.


Ein Turm in der Ferne, alt und allein,

Erzählt von den Schlachten, dem fallenden Stein.

Ein Zeuge vergangner, erbitterter Nacht,

Wo Helden einst fochten, nun still und bedacht.


Doch der Baum im Winde, er bleibt unberührt,

Von Fehden und Kriegen, die niemand mehr spürt.

Er tanzt in den Lüften, zeitlos und klar,

Ein Wächter der Träume, wie er immer war.



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Leyla, Roxy und Liam brachen in begeistertes Klatschen aus, ihre Applaus hallten im Takt der letzten Töne nach, als ob sie die Melodie noch festhalten wollten.


,,Du hast gar nicht erzählt, wie gut du singen kannst!’’ Leyla war verblüfft, wie sanft und klar Fers Stimme klang. Sie hätte niemals gedacht, dass der Zwerg solche Töne hervorbringen könnte. 


,,Leyla hat recht, du hast echtes Talent, Fer! Ich wette, als Barde würdest du die Leute in den Tavernen zum Schweigen bringen und jedes Herz für dich gewinnen’’, verkündete Liam anerkennend. 


Doch Fer winkte nur ab. ,,Ach, das Leben eines Barden wäre nichts für mich. Tag für Tag dasselbe Lied für dasselbe betrunkene Publikum – nein danke, das ist mir zu langweilig.’’ Dann fügte er schmunzelnd hinzu: ,,Ich werde auch nicht noch einmal für euch singen, außer ihr singt vorher selber etwas.’’


Die Stimmung war ausgelassen und sie lachten viel. ,,Ich bin unendlich dankbar, dass ich mit ihnen zusammen sein kann. Sie sind nicht nur Freunde – sie sind wie eine Familie. Ich hoffe, dass wir noch viel Zeit zusammen verbringen können.’’


Die Stunden vergingen, und das Feuer brannte mittlerweile nur noch schwach, seine Glut warf sanftes Licht über die schlafenden Gesichter von Fer, Liam und Roxy. Langsam legte sich eine friedliche Stille über das Lager, als die Nacht ihren Schleier über sie zog. 


Zum ersten Mal seit langem fühlte sich Leyla vollkommen geborgen, wie in den schützenden Armen eines alten Freundes, der über sie wachte. Leyla hatte mehr Nächte in der Natur verbracht als in Gasthäusern, doch meistens war sie immer in Alarmbereitschaft — besonders nach ihrer Entführung im Wald der Wölfe. Sie dachte an die Ballade und fragte sich, ob der Baum wirklich jene beschützte, die unter ihm rasteten.


In ihren Schlafsack gekuschelt, gab sie sich dem sanften Rauschen des Windes hin, der die Äste des Baumes wiegte. Langsam glitt sie in den Schlaf und tauchte in eine Welt voller Träume ein, als ob der Baum sie in eine andere Dimension geleiten würde.



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Liam beschwor eine Lichtkugel, die den ganzen Raum erhellte, während Roxy ihre Haare zurückband und sich bereit machte.


Leyla schaute sich im Turm um. Der Turm war düster und still, als ob er längst verlassen und der Zeit überlassen worden wäre. Jeder Schritt der Gruppe wirbelte feine Staubwolken auf, die in Liams magischem Licht tanzten und Schatten über die verwitterten Wände warfen. Die Luft roch alt, beinahe abgestanden, und der schwere Geruch von Verfall und Moder hing in jedem Winkel.


Auf den ersten Blick war hier nichts besonderes: ein morscher Tisch, ein teilweise verrottetes Bett und ein alter, verstaubter Teppich, dessen einst leuchtende Farben nun nur noch als schwache Schatten seiner Vergangenheit zu erkennen waren.


Da fiel ihr ein Umschlag auf, der unter einem der Tischbeine lag. Vorsichtig zog sie ihn heraus. Auch dieser Umschlag trug den „N“-Stempel.


,,Will einer von euch den öffnen?’’ fragte sie in die Runde. 


,,Nein, du kannst ihn zuerst lesen’’, antwortete Roxy.


Leyla löste das Siegel, zog das Pergament heraus und begann zu lesen:


,,An die Grauen Federn:


Mich freut, dass ihr den Turm erreicht habt. Unter dem Teppich befindet sich eine Treppe zu einem alten Keller. 


In einem der Zimmer befindet sich ein Kreuz an einer Kette. Bergt diese und bringt sie nach Malyl. Legt sie beim Brunnen im Park ab. Dann erhaltet ihr euer Gold.


In ewigen Grüßen — N’’


,,Wieder diese Worte. ,,In ewigen Grüßen’’ klingt irgendwie komisch, wer sagt sowas?’’ dachte sich Leyla, während sie den Brief an Liam weiterreichte.


Nachdem jeder den Brief gelesen hatte, begannen sie zu besprechen, wie sie vorgehen wollten.


,,Wir sollten dicht zusammenbleiben und vorsichtig sein. Keller klingt netter als es wahrscheinlich ist. Wenn es einfach wäre, die Kette zu beschaffen, wären wir nicht beauftragt worden.’’ Fer zog bereits den Teppich zur Seite, während er sprach. Tatsächlich war eine Art metallene Falltür in den Boden eingelassen. Eine schmale, steile Treppe führt in die Finsternis.


Auch Leyla bereitete sich auf den Abstieg vor. Sie legte ihren Rucksack, den Bogen und den Köcher neben das Bett und stellte noch einmal sicher, dass ihr Schwert leicht zu ziehen war.


,,Den Bogen werde ich in engen Gängen wohl nicht brauchen genauso wenig wie die Malsachen im Rucksack.’’


Als Fer die Falltür öffnete, entströmte der Dunkelheit ein kühler, unheimlicher Hauch, der Leyla einen Schauer über den Rücken jagte. ,,Fast wie zuhause in Erzofen’’, murrte er, während er vorsichtig, begleitet von Liams Licht, hinabstieg.


Roxy folgte ihm schweigend. Leyla bemerkte sofort, dass Roxy ungewöhnlich angespannt wirkte – ihr Blick war scharf und wachsam, als ob sie eine unsichtbare Gefahr witterte, die Leyla noch nicht erkannte. Sie wollte ihr gerade folgen, als Liam sie am Handgelenk packte.


,,Hör mir gut zu Leyla: Bleib immer bei mir und tu nichts Unüberlegtes. Versprich mir, dass du an meiner Seite bleibst. Der Gedanke, dich in der Dunkelheit zu verlieren… Ich könnte es mir nicht verzeihen.’’ Er hielt kurz inne und blickte Leyla in ihre Augen.


,,Ich passe schon auf, ich will nicht, dass es wie beim Stahlbären läuft. Weder für dich, noch für mich’’, entgegnete sie dem besorgten Elfen.


,,Gut, dann bin ich beruhigt. Ach ja, wenn du eine Kiste siehst — lass dich nicht Fressen!’’ 


Leyla konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. ,,Wie soll mich denn eine Kiste fressen?’’ Dann folgte sie Roxy vorsichtig.


Leyla spürte ein Kribbeln im Nacken, während sie in die Dunkelheit hinabstieg. Das Licht von Liams Kugel war ihr einziger Halt in dem finsteren Schlund, der sich vor ihnen erstreckte. Die Treppen waren schmal, und der Atem der Gruppe hallte leise wider, während sie tiefer und tiefer stiegen. In der Luft lag eine unheimliche Stille, als ob der Keller darauf wartete, dass jemand seine Geheimnisse entdeckte.

 
 
 

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