Kapitel 4 - Ein Abschied ist auch ein Anfang
- empirewebnovel
- 24. Aug. 2024
- 11 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen

Helle, warme Sonnenstrahlen fielen auf Leylas Gesicht und kitzelten sie langsam wach.
Verschlafen rieb sie sich die Augen, streckte sich ausgiebig und gähnte leise in die Stille des Morgens hinein. Einen Moment lang blieb sie einfach liegen und ließ den Blick durch das kleine Zimmer wandern. Das vergilbte Buch lag noch immer auf dem Nachttisch, genau dort, wo sie es in der Nacht zurückgelegt hatte.
Diesmal ignorierte sie es bewusst.
„Ich habe früher nicht an Götter geglaubt. Warum sollte ich jetzt damit anfangen?" murmelte sie leise.
Religion war für sie schon immer nur ein Weg gewesen, der Realität auszuweichen – eine Art, sich in Geschichten zu flüchten, anstatt den Dingen ins Auge zu sehen. Und Verdrängung würde ihr weder helfen, ihren Weg in dieser Welt zu finden, noch würde sie sie nach Hause bringen.
Langsam zog sie ihre Schuhe an und trat zur Tür. Einen kurzen Moment blieb sie stehen. Dann verließ sie das Zimmer.
Die hölzerne Treppe knarrte unter ihren Schritten. Noch ehe sie unten ankam, stieg ihr bereits der Geruch von warmer Suppe entgegen – dicht, sättigend, überraschend angenehm.
Unten entdeckte sie Roxy.
Ihre erste – und bisher einzige – Freundin in dieser Welt saß an einem der Tische und lächelte ihr ruhig entgegen. Das Morgenlicht fiel schräg durch die Fenster und fing sich in ihren roten Haaren, ließ es warm aufleuchten.
„Guten Morgen, Leyla. Hast du gut geschlafen?"
Leyla ließ sich ihr gegenüber auf die Bank sinken. „Ging so", antwortete sie ehrlich. „Das Bett war laut. Und ich hatte ein paar Gedanken, die mir keine Ruhe gelassen haben."
Noch bevor Roxy antworten konnte, trat der Wirt an ihren Tisch heran. Ein älterer, schlanker Mann mit weißem Vollbart, dessen Stimme so rau klang, als hätte er sie sein Leben lang in dieser Taverne eingesetzt.
„Was möchtet ihr zum Frühstück? Ich kann euch Weizenbrot mit Früchten und Honig anbieten, eine Nudelsuppe mit Schweinefleisch oder einen Haseneintopf."
Leyla zögerte.
Seit fast fünfzehn Jahren hatte sie kein Fleisch mehr gegessen. Schon der bloße Gedanke daran fühlte sich falsch an. Kurz fragte sie sich, wann genau das eigentlich begonnen hatte. Warum es ihr damals so wichtig geworden war.
Sie bestellte das Weizenbrot. Roxy nahm ohne Zögern den Haseneintopf.
„Du, Roxy", begann Leyla vorsichtig, während der Wirt sich wieder entfernte. „Was für Möglichkeiten gibt es unterwegs, wenn ich keinen Proviant mehr habe – und keine Tiere essen möchte?"
Roxy sah sie einen Moment an. Dann brach ein kurzes Lachen aus ihr heraus, herzlich und unverblümt.
„Du bist echt komisch, Leyla."
Dennoch legte sie leicht den Kopf schief und dachte nach. „Nun… es gibt einige Wurzeln, die man essen kann. Dazu verschiedene Beeren und Früchte, je nach Jahreszeit."
Leyla biss sich leicht auf die Lippe.
Hoffentlich würde sie ihre Prinzipien nicht aufgeben müssen. Der Gedanke war unangenehm.
„Apropos Proviant", sagte sie schließlich und sah Roxy an. „Hilfst du mir später beim Einkaufen?"
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Die nächsten Stunden verbrachten Roxy und Leyla damit, durch das Dorf zu schlendern und einzukaufen.
Migar war, wie Leyla inzwischen wusste, eine der größten Siedlungen der gesamten Region. Vor einigen Monaten hatte das Dorf sogar den Status einer Kleinstadt beantragt – und beim Blick auf die belebten Straßen und die dicht gedrängten Häuser konnte sie verstehen, warum.
Mit Roxy an ihrer Seite fühlte sie sich deutlich sicherer. Weniger verloren.
Langsam öffnete Leyla ihren schwarzen Lederrucksack.
Auch den hatte Roxy ihr geschenkt – zusammen mit den sieben Kupfermünzen vom Vortag, überreicht mit einer Selbstverständlichkeit, bei der Leyla noch immer nicht ganz wusste, wie sie sie einordnen sollte.
Neugierig ließ sie den Blick über ihre Einkäufe wandern und ging ihn innerlich noch einmal durch. Ein Schlafsack und eine dicke Decke lagen ordentlich zusammengerollt im Inneren – für die Nächte unterwegs, die kälter werden konnten, als sie sich im Moment vorstellen mochte. Zusammen hatten sie drei Kupfermünzen gekostet. Der teuerste Teil. Aber mit Sicherheit auch der wichtigste.
Dann fiel ihr Blick auf den eisernen Kochtopf.
Früher hatte sie manchmal mit ihrem Vater draußen übernachtet. Lagerfeuer, kalte Morgenluft, heißer Tee in der Hand. Sie verdrängte die Erinnerung und sah zu Roxy.
„Kann man das Wasser in der Natur einfach trinken? Oder muss ich es abkochen?"
Roxy lächelte leicht. „Du hast Glück. Der Ter'Chu, der durch die Mittellande fließt, hat klares Trinkwasser. Da musst du dir keine Sorgen machen."
Erleichterung machte sich in Leyla breit. Das vereinfachte vieles.
Der Topf hatte sie zusammen mit einem Trinkschlauch eine weitere Kupfermünze gekostet. Deutlich mehr hatte das Essen verschlungen – für zwei Kupfermünzen hatte sie einen kleinen Proviantbeutel mit Käse, Brot und Äpfeln, der laut dem Verkäufer ungefähr fünf Tage reichen sollte, erstanden.
Zusätzlich hatte Roxy ihr noch etwas Persönliches zugesteckt.
Ein schweres silbernes Feuerzeug. Der obere Teil war wie ein Drachenkopf geformt, das Maul weit aufgerissen, bereit, auf Knopfdruck eine kleine Flamme auszuspeien.
„Taschendrache", hatte Roxy es genannt. Leyla hatte es sofort in die Hand genommen und zweimal gedrückt, einfach um zu sehen, wie die Flamme aufflackerte.
Sie ließ den Blick noch einmal durch den Rucksack gleiten, von oben nach unten, und suchte nach Lücken.
„Gibt es noch irgendetwas, das mir fehlt?"
Roxy sah sie vielsagend an – mit einem Ausdruck, der gerade so zwischen Ernst und Vergnügen balancierte, sodass Leyla nicht sicher war, was als Nächstes kommen würde.
„Dir fehlt doch noch das Wichtigste überhaupt."
Leyla wartete. Roxy ließ die Pause absichtlich einen Moment länger andauern.
Dann grinste sie.
,,Deine Waffe!’’
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Leyla schluckte nervös.
Sie hatte noch nie eine echte Waffe in der Hand gehalten. Nicht einmal aus Neugier. Vom Kämpfen ganz zu schweigen.
„Brauche ich wirklich eine Waffe?" fragte sie unsicher.
Ihr Blick glitt zu Roxy, die sich gerade entspannt streckte und dabei ein Selbstbewusstsein ausstrahlte, das Leyla bei sich selbst inzwischen schmerzlich vermisste. Schließlich blieb ihr Blick an Roxys Schwert hängen – abgenutzt am Griff, vertraut in der Art, wie es am Gürtel hing.
„Ich habe noch nie eine Waffe benutzt", gab sie leise zu. „Und ich habe sowieso nur noch eine Kupfermünze."
Roxy winkte sofort ab. „Das ist ein Abschiedsgeschenk", sagte sie locker. „Oder willst du doch lieber in Migar bleiben?"
Leyla schüttelte den Kopf.
Anfangs hatte sie tatsächlich kurz darüber nachgedacht – einfach hierbleiben, bei Roxy, in diesem Dorf, das sich bereits halbwegs vertraut anfühlte. Doch sie wollte weder dauerhaft von ihr abhängig sein, noch ihr weiterhin zur Last fallen. Und hier würde sie auch niemals herausfinden, wie sie nach Hause zurückkehren konnte.
„Gut", sagte Roxy zufrieden. „Dann brauchst du definitiv etwas, womit du dich verteidigen kannst. Wir wollen doch nicht, dass dich unterwegs ein Stahlbär frisst."
Sofort zog sich Leylas Magen unangenehm zusammen. Unbewusst zuckte ihre Hand, und sie musste sich bewusst davon abhalten, sich am Handgelenk zu kratzen. Ein Stahlbär klang absolut nicht nach etwas, dem sie begegnen wollte. Über wilde Tiere hatte sie bisher kaum nachgedacht.
Roxy bemerkte ihre Nervosität offenbar sofort.
„Das war ein Witz", sagte sie lachend und tätschelte ihr beruhigend die Schulter. „Monster gibt es hier in der Region kaum. Bleib einfach auf den Wegen, dann passiert dir schon nichts."
Leyla atmete langsam aus.
„Aber", fuhr Roxy dann fort, „eine Waffe brauchst du trotzdem." Kurz musterte sie Leyla mit einem neugierigen Blick. „Oder kannst du etwa Magie benutzen?"
Magie.
Allein das Wort ließ Leylas Herz einen Takt schneller schlagen. Unwillkürlich stellte sie sich vor, wie das wohl aussehen würde – Magie im Alltag, einfache Zaubersprüche, die man lernen konnte wie Vokabeln.
Halb gedankenverloren murmelte sie: „Abrakadabra."
Roxy starrte sie einen Moment lang an. Verständnislos. Vollkommen still.
Dann prustete sie los.
„Was bitte soll ein Abkadaba sein?"
Sofort schoss Leyla die Röte ins Gesicht. „Ich dachte einfach… vielleicht funktioniert Magie so", murmelte sie.
Roxy grinste noch immer breit – doch nach und nach wurde ihr Gesichtsausdruck etwas ruhiger, nachdenklicher. Für einen kurzen Moment wirkte es, als wolle sie etwas sagen. Als hätte sie bereits die Worte auf der Zunge.
Dann hellte sich ihre Miene wieder auf. „Komm", sagte sie schließlich. „Lass uns zu Bertram gehen. Der wird schon irgendetwas für dich haben."
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Feine Linien verliefen über das helle Eisen der Klinge.
Sie schienen beinahe lebendig – kunstvoll eingravierte Glyphen, die sich über das Metall zogen und im warmen Licht der Mittagssonne leicht schimmerten. Das Schwert hing an der Wand zwischen Dutzenden anderen Waffen, doch Leylas Blick war sofort daran hängen geblieben und nicht mehr losgelassen worden. Es besaß eine beinahe mystische Ausstrahlung, etwas Ruhiges und gleichzeitig Gefährliches. Und trotz seines eleganten Erscheinungsbildes wirkte es leicht genug, dass selbst sie es führen könnte.
Unwillkürlich fragte sie sich, wie schwer es wohl sein würde, den Schwertkampf wirklich zu lernen.
„Ein gutes Auge haben Sie."
Die raue, tiefe Stimme ließ Leyla leicht zusammenzucken.
Sie gehörte Bertram, dem Schmied von Migar. Der Mann war ein wahrer Hüne – über zwei Meter groß und breit gebaut wie ein Schrank, die Lederschürze kaum breit genug für seine massigen Schultern. Trotz des harten, faltigen Gesichts lagen in seinen Augen eine unerwartete Wärme und eine stille Freundlichkeit, die man direkt bemerkte.
Roxy trat näher an das Schwert heran. „Was ist das für eine Klinge?"
Bertram strich beinahe ehrfürchtig über das helle Metall. „Dieses Schwert trägt den Namen Riesenschlächter. Die Klinge wurde mit magischen Runen versehen – triffst du jemanden damit, verteilt sich ein lähmendes Gift in seinem Körper." Kurz grinste er. „Und es kostet nur sechs Silber."
„Riesenschlächter. Das klingt wirklich wie aus einem Fantasyroman."
Leyla wandte den Blick leicht enttäuscht ab. Das Gift hätte ihre fehlende Kampferfahrung vermutlich ausgleichen können. Aber sechs Silber waren eindeutig außerhalb jeder Reichweite – und sie wollte Roxy nicht noch mehr schulden, als sie es ohnehin schon tat.
Während Roxy und Bertram beide weiter über die Klinge sprachen, begann Leyla sich im Laden umzusehen. An den Wänden hingen Speere, Äxte und Schilde in allen Größen. Daneben standen mehrere Rüstungen auf hölzernen Gestellen wie stille Wächter. Überall hing der schwere Geruch von Eisen, Holzkohle und erhitztem Metall in der Luft.
Dann blieb ihr Blick an etwas anderem hängen. Langsam trat Leyla näher.
Vor ihr hing ein schlichtes Schwert mit lederumwickeltem Griff. Keine magischen Runen. Kein verzierter Stahl. Keine Glyphen, die im Licht schimmerten. Und trotzdem zog es ihren Blick auf eine Weise an, die sie nicht recht erklären konnte.
Plötzlich spürte sie Roxys Hand auf ihrer Schulter. „Gefällt dir dieses Schwert?"
Leyla nickte leicht.
„Das ist ein Garnisches Kurzschwert", erklärte Bertram hinter ihr. „Ideal für Anfänger. Kostet nur fünf Kupfer."
„Möchtest du es einmal halten?" fragte Roxy lächelnd.
Leyla griff vorsichtig nach dem Schwert. Sofort spürte sie das Gewicht in ihrer Hand – schwerer, als sie erwartet hatte, jede kleine Bewegung ungewohnt und unnatürlich. Und obwohl die Waffe in Leyla ein Unbehagen auslöste, hatte sie das seltsame Gefühl, dass die Waffe irgendwie zu ihr passte. Als würde sie warten, dass jemand sie richtig hielt.
„Dann nehmen wir das", entschied Roxy. „Können wir noch eine Schwertscheide und einen passenden Gürtel dazu haben?"
Dann wandte sie sich wieder Leyla zu, und ein Grinsen schlich sich in ihr Gesicht.
„Bevor du gehst, zeige ich dir wenigstens einmal die Grundlagen. So wie du das Schwert gerade hältst, sieht es eher aus, als würdest du eine Wespe verscheuchen wollen."
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„Ich bin dir wirklich unglaublich dankbar, Roxy. Du hast mir so sehr geholfen." Leyla sah sie an, während der Wind um sie herum strich und einzelne Haarsträhnen ihrer Freundin vor ihr Gesicht wehte. „Das Geld gebe ich dir irgendwann auf jeden Fall zurück."
Sie standen am nördlichen Ausgang von Migar, dort, wo der Weg in Richtung Halfen begann. Nach längerem Überlegen hatte Leyla sich entschieden, auf halben Weg abzubiegen, und durch den Wald hindurch nach Ramir zu reisen.
Roxy winkte sofort ab und verschränkte locker die Arme vor der Brust. „Leyla, das waren Geschenke", sagte sie mit einem kleinen Schmunzeln. „Ich habe dir die Sachen nicht gegeben, damit du dich jetzt verschuldet fühlst."
„Trotzdem", erwiderte Leyla leiser. „Das war alles nicht billig."
„Und trotzdem will ich nichts zurückhaben."
Leyla musterte sie einen Moment lang schweigend. Seit ihrer Rettung in der Gasse hatte sich ihr immer wieder dieselbe Frage aufgedrängt, und schließlich rang sie sich dazu durch, sie laut auszusprechen.
„Warum?"
Für einen kurzen Augenblick wurde Roxys Blick ernster. Das lockere Lächeln verschwand, und sie sah an Leyla vorbei hinaus auf die weiten Felder, als würde sie dort eine Antwort suchen, die sie längst kannte.
„Weil ich weiß, wie es ist, allein zu sein", sagte sie schließlich ruhig. „Vor allem als Frau."
Dann wurde ihre Stimme wieder weicher, fast beiläufig. „Und ehrlich gesagt wirkst du nicht gerade wie jemand, der lange alleine klarkommen würde."
Leyla atmete leise durch die Nase aus.
Eine kurze, angenehme Stille legte sich zwischen sie – die Art von Stille, die nur zwischen Menschen entstehen konnte, die sich bereits ein kleines Stück verstanden. Dann lächelte Roxy wieder.
„Ich hoffe wirklich, dass wir uns wiedersehen." Sie hob die Hand zum Abschied. „Möge Kamera deinen Weg segnen."
Bei diesen Worten zog sich etwas in Leylas Brust zusammen. Sie mochte Roxy bereits jetzt erstaunlich gern – vielleicht gerade deshalb, weil sie in dieser fremden Welt die Person gewesen war, die ihr ohne Hintergedanken geholfen hatte. Einfach so. Ohne etwas zu erwarten.
Unwillkürlich musste sie an Katja denken. Die beiden hätten sich vermutlich verstanden – sofort, ohne große Worte. Der Gedanke ließ sie kurz lächeln. Sie, Katja und Roxy wären bestimmt ein gutes Trio gewesen.
„Möge Kamera deinen Weg sehen", antwortete Leyla unbeholfen und erwiderte den Gruß, auch wenn sie selbst nicht wirklich an Kamera glaubte.
Dann drehte sie sich um und begann zu gehen.
Der Weg vor ihr war kaum mehr als ein sandiger Pfad, der sich durch die weiten Hügel der Mittellande schlängelte. Mehrmals blickte Leyla noch zurück. Roxy stand noch immer am Dorfausgang, sah ihr nach und winkte, bis die Entfernung zwischen ihnen langsam zu groß wurde.
Erst dann richtete Leyla den Blick wieder vollständig nach vorne.
Die Mittellande waren friedlich. Zu beiden Seiten des Weges erstreckten sich endlose Felder aus goldenem Weizen, die sich im Wind bewegten wie Wellen auf einem ruhigen Meer. Dazwischen lagen vereinzelte Bauernhäuser mit strohgedeckten Dächern, kleine Windmühlen und schmale Zäune aus dunklem Holz. Über allem wölbte sich ein weiter blauer Himmel, an dem nur wenige helle Wolken träge vorüberzogen.
Das Rascheln der Ähren, das entfernte Klappern eines Wagens und der warme Duft von Erde und Sommergras vermischten sich zu einer Ruhe, die Leyla gleichzeitig fremd und seltsam vertraut vorkam.
Die Landschaft erinnerte sie an Zugfahrten von Hamburg nach Oldenburg. Dieses monotone Vorbeiziehen weiter Felder, das Gefühl von Weite, die Art, wie das Sonnenlicht auf dem Weizen lag und alles ein wenig unwirklich schöner machte als es war.
Doch Leyla verdrängte den Gedanken bewusst.
Sie war nicht mehr in Deutschland. Sie war hier. Im Kaiserreich. Wenn sie jede Kleinigkeit mit ihrer alten Heimat verglich, würde sie niemals wirklich vorankommen – niemals aufhören, nach hinten zu schauen.
Langsam ließ sie den Blick in die Ferne wandern. Am Horizont erhob sich eine gewaltige Gebirgskette, deren Gipfel selbst aus dieser Entfernung noch beeindruckend wirkten – dunkle Mauern gegen den Himmel, fast zu groß, um echt zu sein.
„Das müssen die Larifen sein", murmelte sie nachdenklich. „Das heißt, dahinter liegt die Kaiserstadt."
Sofort fragte sie sich wieder, wie der Kaiser wohl war. Ob er gerecht regierte oder ob das Kaiserreich genauso funktionierte wie die grausamen Monarchien aus ihren Geschichtsbüchern. Roxys angespanntes Gesicht fiel ihr ein, die Art, wie sie den Namen ausgesprochen hatte – knapp, ohne Wärme.
Leyla seufzte leise. Wahrscheinlich eher Letzteres.
Schließlich wanderte ihr Blick zu dem Wald, der sich einige Kilometer vor ihr bereits gegen den Horizont abzeichnete. Dunkle Baumkronen, dichter und schwerer als alles, was sie bisher in dieser Welt gesehen hatte. Bis nach Malyl würde es mehrere Wochen dauern.
Und trotzdem breitete sich langsam etwas Warmes in ihr aus. Vielleicht war es die Freiheit. Vielleicht einfach nur die Sonne auf ihrer Haut und die frische Luft, die nach Gras und offenem Land roch.
Leyla schloss für einen Moment die Augen, breitete die Arme leicht aus und spürte den Wind, der durch ihre Haare strich – warm und gleichmäßig, als würde er sie vorwärtsdrängen.
,,Ist doch eigentlich ganz schön.’’
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Roxy blieb noch eine ganze Weile am Dorfausgang stehen, selbst nachdem Leyla längst hinter den sanften Hügeln verschwunden war.
Sie hatte ihr alles gegeben, was sie entbehren konnte. Eine vernünftige Ausrüstung. Nützliche Hinweise über die Region. Und mehrere Stunden lang die Grundlagen des Schwertkampfes, obwohl sie dabei sehr viel Geduld gebraucht hatte.
Allein der Gedanke daran ließ ein leichtes Schmunzeln über ihr Gesicht huschen.
Doch hinter der Unsicherheit hatte Roxy auch etwas anderes gesehen. Einen gewissen Trotz. Den stillen, hartnäckigen Willen, trotzdem weiterzugehen – auch wenn man völlig überfordert war und es einem ins Gesicht geschrieben stand.
Langsam verschwand das Lächeln wieder.
Wer Leyla wohl wirklich war?
In ihrem ganzen Leben hatte Roxy noch nie jemanden mit natürlich blauen Haaren gesehen. Und dann war da noch die Art gewesen, wie Leyla gesprochen hatte – manche Wörter, manche Fragen, als würde sie Dinge nicht kennen, die für jede Person so selbstverständlich sein sollten wie das Atmen.
„Sie wirkte so verloren", murmelte Roxy leise.
Ein trauriger Ausdruck legte sich über ihre Züge. „Ich hoffe wirklich, dass sie den Weg schafft."
Für einen Moment glitten ihre Gedanken zu den Gerüchten, die sie in den letzten Wochen immer häufiger aufgeschnappt hatte. Geschichten, die zunächst wie gewöhnliches Tavernengeschwätz geklungen hatten – die Art von Geschichten, über die man lachte und die man vergaß. Doch inzwischen machten sie selbst erfahrene Reisende nervös.
Roxy schüttelte den Gedanken ab.
,,Die Wahrscheinlichkeit, dass Leyla ihm begegnet, liegt quasi bei null.’’
Schließlich wandte sie sich ab und machte sich langsam auf den Rückweg.



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