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Kapitel 40 - Der Atem des Abgrunds

Vorsichtig, Stufe für Stufe, kletterten die Vier in den dunklen Abgrund. Die Luft war dick und schwer, erfüllt von dem strengen Geruch nach Moder und abgestandenem Wasser, der Leylas das Atmen erschwerte. Sie begann leicht zu zittern, während es mit jedem weiteren Schritt kühler wurde.


Als sie schließlich am Fuß der Treppe ankamen, erhellte die Kugel einen kleinen Raum. In den dunklen Ecken unter der Decke spannten sich dichte Spinnenweben wie filigrane Vorhänge, während die alten Holzkisten, von der Feuchtigkeit aufgequollen, verstreut auf dem unebenen Steinboden lagen. Das, was Leylas Aufmerksamkeit erregte, war jedoch etwas anderes.


Die Holztür gegenüber der Treppe übte eine besondere Anziehungskraft auf sie aus. War es der rote Pfeil, der ihren Blick fesselte, oder das fahle Licht, das wie ein Versprechen – oder eine Warnung – unter dem Spalt hervorsickerte?


,,Wahrscheinlich ist das Kreuz nicht in diesem Raum, sondern hinter der Tür, oder?’’ fragte Leyla den Zwerg.


,,Stimmt, ich denke, der Pfeil ist von unserem Auftraggeber. Lass uns vorsichtig bleiben, ich gehe vor.’’


Er wollte gerade die Tür öffnen, als Liam sich vor ihn schob.


,,Hier könnten Fallen sein. Lass mich vorgehen!’’ sagte Liam und warf Fer einen entschlossenen Blick zu. Fer zögerte, seine Augen verengten sich, doch schließlich nickte er widerwillig, seine Lippen zu einer schmalen Linie gepresst.


Vorsichtig öffnete Liam die alte Tür, die mit einem, den ganzen Raum füllenden, Knarren aufschwang.


Während Liam den Boden und die Wände nach Fallen absuchte, blickte Leyla über seine Schulter. Vor ihnen erstreckte sich ein schmaler, beklemmender Gang, dessen Wände aus kaltem, feuchtem Stein bestanden. An der Decke waren in regelmäßigen Abständen gläserne Kugeln befestigt, von denen etwas Licht die Dunkelheit vertrieb.


Die Glaskugeln kamen Leyla bekannt vor, aber sie konnte nicht zuordnen, woher. 


,,Solche Magie habe ich noch nie gesehen’’, flüsterte Fer leise. Dann fügte er hinzu: ,,Nein, das sieht überhaupt nicht wie Magie aus…’’


,,Hier sind keine Fallen.’’ unterbrach ihn Liam und gab seinen Freunden das Zeichen, ihm vorsichtig zu folgen.



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,,Huch!?’’ rief Leyla, als ihr ein einzelner, kalter Wassertropfen auf die Wange tropfte und sie zusammenfahren ließ. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, und sie schluckte schwer, um das Unbehagen zu vertreiben.


,,Pass auf, das Wasser hat dich erwischt!’’ rief Liam mit einem Grinsen, doch als er den ernsten Blick von Fer sah, strafften sich seine Gesichtszüge erneut. 


Leyla merkte, wie sie errötete, doch auch sie richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Umgebung. ,,Was wohl hinter der nächsten Tür ist?’’


Liam hatte bereits begonnen, die Tür nach Fallen abzusuchen, während Roxy Leyla etwas zur Seite nahm:


,,Wie geht es dir? Wenn es dir zu viel wird, können wir jederzeit umdrehen.’ 


,,Alles gut, du musst dir keine Sorgen um mich machen. Ich schaff das!’’ verkündete Leyla. Sie wollte ihrer Gruppe kein Klotz am Bein sein. Sie wollte nicht, dass sich Roxy um sie extra Sorgen machte. 


Liam tastete die Tür sorgfältig ab, bevor er leise murmelte: ,,Keine Drähte, keine magischen Siegel… zumindest nichts, was ich erkennen kann.’’ Dann sah er zu den anderen: ,,Es sieht sicher aus.’’


Dann drüchte er langsam die Türklinke nach unten. Die Tür öffnete sich leise und schwang ganz leicht auf. Auf der anderen Seite offenbarte sich ihnen ein riesiger Raum. ,,Was ist das hier für ein Keller? Das sieht eher wie ein Thronsaal oder eine Kathedrale aus…’’ stellte Roxy fest.


Der Raum war fast einhundert Meter lang und dreißig Meter breit. Am anderen Ende des Raumes befanden sich einige Stufen, an deren Ende eine Art Vitrine lag, in der eine Kette mit einem Kreuz dran zu sehen war. ,,Das muss die Kette sein’’, flüsterte Fer leise.


Die kunstvollen Verzierungen an den Wänden wirkten wie Reliefs einer vergessenen Ära, und das flackernde Licht der Fackeln, die am Boden vor den Wänden standen, tauchte den Raum in ein fast überirdisches Glühen.


,,Wie können hier Fackeln brennen? Es sollte doch seit Ewigkeiten niemand mehr hier gewesen sein…’’ flüsterte Leyla ehrfurchtsvoll.


,,Das sind magische Lichter. Die brennen so lange, wie sich derjenige, der sie entzündet hat, in der Nähe befindet.’’ Liams Stirn runzelte sich, während er den Raum nach der Person absuchte, die das Feuer mit Mana speiste.


,,Das gefällt mir nicht, wir sollten umkehren…" murmelte Fer und begann, sich langsam in Richtung Ausgang zu bewegen. Sein Blick huschte rastlos von einer Fackel zur nächsten, und seine Schritte waren so vorsichtig, dass man beinahe die Anspannung in der Luft hören konnte.


Ein leises Knacken hallte durch den Raum, und für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Dann hörten sie es – ein Brüllen, so tief und mächtig, dass die Luft selbst zu vibrieren schien. Leyla gefror das Blut in den Adern.



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— ROOOAAAAAR —


Der ganze Saal bebte, und einige Kiesel lösten sich aus der Decke, regneten, begleitet von dichten Staub- und Erdwolken, auf den Boden herab. Der dumpfe Klang des herabfallenden Gesteins hallte in der gewaltigen Halle wider, vermischt mit dem schrillen Echo des Brüllens.


Die Staubwolke verdeckte Leyla die Sicht vollständig. Ein stechender, trockener Geruch stieg ihr in die Nase, und sie spürte, wie sich feine Staubpartikel in ihrer Kehle festsetzten. Ihre Gedanken überschlugen sich: ,,Was war das? Ein Monster?’’  Panik stieg in ihr auf, als sie realisierte, dass sie ihre Gefährten aus den Augen verloren hatte.


„Fer! Liam! Roxy!“ schrie sie, doch ihre Stimme wurde von der überwältigenden Stille nach dem Brüllen verschluckt. Kein Echo, keine Antwort.


Leyla verbarg ihr Gesicht in der Kapuze ihres Mantels, um sich vor dem herabfallenden Staub zu schützen, und wartete einen Moment. Ihr Herz pochte unkontrolliert, jeder Schlag ein Trommeln gegen ihre Rippen.


Als sie den Stoff senkte, konnte sie schemenhaft ihre Begleiter ausmachen. Ihre Umrisse flackerten im Licht der magischen Fackeln, die trotz des Chaos unermüdlich brannten. Leyla atmete erleichtert auf, doch ihre Erleichterung verwandelte sich sofort in kalten Schrecken, als ihr Blick auf das fiel, was sich hinter ihren Gefährten auftürmte.


Durch den immer noch schwebenden Staub sah sie nur Umrisse, doch sie wusste sofort, was dieses markerschütternde Brüllen ausgestoßen hatte.


Das Monster hatte glänzende, braune Schuppen, die wie poliertes Metall in dem tanzenden Licht schimmerten. Sein Maul war gespickt mit Reißzähnen, scharf wie Dolche, und schwere Flügel spannten sich wie gewaltige Segel über den Raum. Aus seinen rot glühenden Augen funkelte eine Intelligenz, die beinahe noch beängstigender war als seine Gestalt. Die Hitze, die von seinem Körper ausging, war drückend – als hätte jemand ein Schmiedefeuer in der Halle entfesselt. Die gewaltigen Pranken des Biests, jede von der Größe eines ausgewachsenen Pferdes, gruben sich in den Boden, und der tiefe, gleichmäßige Atem des Monsters ließ Leylas Herz für einen Moment stillstehen.


,,Ei- Ein Drache…’’ keuchte Leyla, ihre Augen weit aufgerissen. 


Sie wusste, dass Drachen gefährlich waren. Sie wusste, dass sie äußerst mächtig waren. Und sie wusste, dass das Leben ihrer Gruppe für dieses Wesen den gleichen Wert hatte wie ein Käfer unter ihrem eigenen Schuh.


Der Staub legte sich allmählich, und Leyla sah die Reaktionen ihrer Freunde. Roxy hielt ihr Schwert mit bebenden Händen, und selbst Liam, der sonst immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hatte, war sichtlich blass. Fer hingegen stand wie ein Fels, seine Augen verengt, seine Streitaxt bereit.


Zum ersten Mal konnte Leyla den Drachen in seiner vollen Pracht sehen. Trotz der Gefahr, die von ihm ausging, war er von einer unfassbaren Schönheit. Die braunen Schuppen schimmerten wie Edelsteine, und die prächtigen Flügel erinnerten an die Segel eines gigantischen Schiffes, doch mit einer Eleganz, die jedes Menschenwerk übertraf.


Der Raum strahlte eine unbeschreibliche Schönheit aus. Das Spiel der magischen Lichter auf den verzierten Wänden verlieh dem Ort eine majestätische Aura, die nur vom gewaltigen Drachen übertroffen wurde. Seine Präsenz war ein atemberaubender Anblick, der Ehrfurcht und Schrecken zugleich hervorrief.


Liam und Roxy hatten mittlerweile ihre Waffen gezogen und standen nun an Leylas Seite, bereit, das Schlimmste zu überstehen.


,,Was habe ich getan? Wo habe ich uns hingeführt? Das ist alles meine Schuld…’’ Leyla biss sich auf die Lippen, während ihr diese Gedanken durch den Kopf schossen. Sie hatte ihre Freunde zu diesem Auftrag gedrängt, hatte gehofft, sich beweisen zu können Sie hatte gehofft, dass sie sich im Kampf beweisen würde. Doch ein Drache? Das war zu viel…


Das Maul des Drachen öffnete sich und sie konnte erkennen, wie sich ein Ball aus Flammen in seinem Schlund formte.


,,Das wars. Wir sind tot…’’ 


Sie war wie gelähmt, unfähig, sich zu bewegen. Tränen traten ihr in die Augen, doch plötzlich riss ein Schrei sie aus ihrer Starre.


,,BLEIBT IN DER FORMATION! GEBT NICHT AUF, DANN HABT IHR SCHON VERLOREN!!!’’


Fer stürzte sich auf den Drachen und ließ seine Streitaxt auf den geöffneten Mund krachen. Der Schlag war so stark, dass der Drache überrascht zurückwich und der glühende Feuerball verpuffte. Wütend schlug das Biest mit einer Pranke nach Fer, doch der Zwerg ließ sich geschickt zurückfallen. Der Angriff ging ins Leere.


Der Mut in Fers Augen entzündete etwas in ihr. Sie richtete sich auf, ihre Hände um den Schwertgriff fester als je zuvor. Zum ersten Mal, seit der Drache gebrüllt hatte, fühlte sie etwas anderes als Angst: Entschlossenheit.

 
 
 

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