Kapitel 41 - Schwarze Blütenblätter
- empirewebnovel
- 21. Dez. 2024
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Dez. 2024

Roxy stürmte auf den Drachen zu, ihre Schritte hallten auf dem kalten Steinboden wider, während sie laut schrie, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Der Drache wandte ihr langsam seinen durchdringenden Blick zu. Seine roten Augen funkelten gefährlich, bevor er sein Maul öffnete und eine dünne, zischende Säule aus Feuer in ihre Richtung schoss.
Mit einer geschmeidigen Bewegung wich Roxy aus, sprang gegen die Wand und lief einige Schritte an ihr entlang, bevor sie sich mit einem kraftvollen Tritt abstieß. Für einen Augenblick schien sie in der Luft zu schweben, bevor sie auf den Drachen zuschoss, ihr Schwert in der Hand wie ein Speer.
Währenddessen kniete Liam am Rand des Raumes, die Hände ausgestreckt, umgeben von einer eisigen Aura. Stachel aus himmelblauem Eis formten sich langsam in seinen Händen, während seine Lippen leise Worte murmelten. Seine Augen waren auf den Drachen gerichtet, jeder Muskel seines Körpers angespannt. Eismagie war eine Unterstufe der Wassermagie – kompliziert und anstrengend. Es erforderte höchste Konzentration und am besten eine starke Affinität zum Element.
Liam jedoch hatte nur eine geringe Affinität zur Wassermagie. Trotzdem wusste er, dass gegen Erddrachen, wie den, der vor ihnen stand, Eismagie am effektivsten war. Der Gedanke an die Schwäche des Drachen gab ihm den Fokus, den er brauchte.
Fer, der durch seine zwergische Herkunft eine natürliche Resistenz gegen Drachenfeuer hatte, stürmte mit donnernden Schritten auf den Drachen zu. Seine mächtige Axt blitzte im Licht der magischen Fackeln auf, während er immer wieder auf die Klauen des Drachen hieb. Doch für jeden seiner Angriffe, musste Fer auch einmal zurückweichen, sobald das Maul des Drachen nach ihm schnappte.
Leyla, die die Hitze des Kampfes ignorierte, rannte unter dem linken Flügel des Drachen hindurch. Ihre Klinge konnte die Schuppen zwar nicht durchdringen, doch durch schmale Spalten zwischen den Platten gelang es ihr, kleinere Verletzungen zuzufügen, die den Drachen wütender machten.
Mit einem kühnen Satz landete Roxy auf dem Kopf des Drachen. Ihr Schwert zielte auf eines seiner Augen. Doch bevor sie es erreichen konnte, schüttelte der Drache seinen massiven Kopf so heftig, dass Roxy den Halt verlor. Sie stürzte in die Tiefe, ihr Schrei hallte von den Wänden wieder.
Der Drache wandte sich ihr zu, sein Maul öffnete sich, bereit, sie mit einem Biss zu verschlingen. Als plötzlich zwei glitzernde Eisstachel, von Liam abgefeuert, direkt gegen die Stirn des Drachen flogen. Der Treffer ließ das Biest kurz zurückweichen. Fer rannte los, fing die fallende Roxy auf und zog sie aus der Gefahrenzone, bevor er sich wieder auf den Drachen stürzte.
,,Es läuft gut, wir können das schaffen!’’
Leyla hatte es inzwischen geschafft, auf den Rücken des Drachen zu klettern. Ihr Ziel war der Nacken, wo die Schuppen dünner schienen. Plötzlich begann der Körper des Drachen zu glühen, ein tiefes, pulsierendes Leuchten, das von seiner Brust ausging und sich über seinen ganzen Körper ausbreitete. Die Hitze wurde unerträglich. Leyla sprang ab und landete hart neben Fer, das Schwert fest in der Hand.
Die vier standen nun wieder nebeneinander. Ihr Atem ging schwer, noch sie waren unverletzt.
,,Wir machen das gut, wir werden ihn besiegen!’’ rief Leyla ihren Kameraden voller Überzeugung zu.
Fer jedoch schüttelte den Kopf. ,,Nein, es ist viel zu einfach. Ein Drache ist eigentlich viel mächtiger. Und schau dich um – ich sehe kein Loch, keine Öffnung, aus der er gekommen sein könnte. Es ist unmöglich, dass wir ihn übersehen haben…’’
Leyla erstarrte, ihre Augen suchten die Umgebung ab. Fer hatte recht. Sie erinnerte sich an die Geschichten von Drachen, die ganze Armeen ausgelöscht hatten. Dieser Drache wirkte dagegen lächerlich schwach, fast zahm.
,,Egal, Hauptsache wir gewinnen.’’
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Mit jeder Minute, die der Kampf dauerte, wurde die Halle heißer. Leyla spürte, wie ihre Kleidung immer weiter vom Schweiß durchnässt wurde, während die stickige, glühende Luft ihr das Atmen erschwerte. Es fühlte sich an, als wäre die Halle ein Ofen, und der Drache das Feuer, das sie alle verschlingen wollte.
Trotz ihrer Bemühungen schienen sie dem Drachen keinen ernsthaften Schaden zufügen zu können. Die mächtigen Schuppen des Biestes schienen undurchdringlich, und jeder Angriff prallte wirkungslos ab. Doch genauso wenig war der Drache in der Lage gewesen, einen von ihnen zu verletzen – ein trügerisches Gleichgewicht, das Leylas Kräfte langsam erschöpfte.
Roxys Brust hob und senkte sich schwer, und ihr Gesicht war gerötet vor Anstrengung. ,,Einen Kampf in Sachen Ausdauer gewinnen wir nicht… Verdammt, wir können so nicht weitermachen…’’ keuchte sie, das Schwert locker in ihrer Hand.
Leyla nickte. Sie fühlte, wie ihre Beine nachgaben und ihre Arme schwer wurden. In ihrem Kopf drehte sich alles nur um einen Gedanken: Wenn sie doch nur stärkere Erdmagie beherrschen könnte! Doch so sehr sie sich auch bemühte, die Magie schien sie zu verspotten.
,,Was glaubst du, Roxy? Wieso ist der Drache hier? Es ergibt keinen Sinn, dass er einfach so aus dem Nichts erschienen ist…’’ Leylas Stimme zitterte leicht, während sie sprach. Sie runzelte die Stirn und ließ ihren Blick durch die Halle schweifen. Da fiel ihr Blick auf den glänzenden Gegenstand am Ende des Raumes – die Kette, die in der Vitrine lag!
Ihr Herz schlug schneller. ,,Ich hab’s! Der Drache ist nur hier, um die Kette zu beschützen!’’ rief sie plötzlich und ihre Stimme war durchdrungen von einer neuen Energie. Sie drehte sich zu ihren Gefährten um. ,,Könnt ihr den Drachen ablenken?’’
,,Die Kette? Glaubst du wirklich?’’ fragte Fer ungläubig. In diesem Moment schwang der Drache seine mächtige Klaue, und Fer hob gerade noch rechtzeitig seine Axt, um den Schlag abzuwehren. Die Wucht des Aufpralls schleuderte ihn gegen die harte Tempelwand. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen landete er am Boden, doch er schüttelte den Staub ab und sprang wieder auf.
,,Alles klar, Leyla! Ich vertraue dir!’’ rief er mit einer Stimme, die wie Donner durch den Raum hallte.
Roxy, deren Atem immer noch schwer ging, zog ihr Schwert fester. ,,Hier bin ich, du Riesensalamander!’’ schrie sie, während sie auf den Drachen zusprang. Der Vergleich mit einem Salamander schien das Biest in Rage zu versetzen, denn es bäumte sich auf, seine Schuppen begannen erneut in einem pulsierenden, bedrohlichen Rot zu glühen.
Auch Liam, der etwas abseits stand und die Szene beobachtete, nickte Leyla zu. ,,Leute, wenn Leyla ausnahmsweise mal eine Idee hat, ist sie in der Regel gut. Lasst uns versuchen ihr Zeit zu verschaffen!’’ rief er mit einem schiefen Grinsen.
Leyla musste lachen. Früher hätten sie Liams Worte zur Weißglut gebracht, aber jetzt gaben sie ihr die Entschlossenheit, die sie brauchte. Mit neuer Energie rannte sie los, ihren Blick fest auf die Kette am anderen Ende des Raumes gerichtet. Währenddessen warfen sich ihre Gefährten mit allem, was sie hatten, erneut in den Kampf.
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Leyla rannte, so schnell sie konnte. Ihre Schritte hallten dumpf auf dem kalten Steinboden wider, während sie sich unter der scharfen Klaue des Drachen hindurchduckte. Der Gestank von Rauch und verbranntem Stein füllte die stickige Luft. Funken tanzten um sie herum, als die Pranke des Drachen auf den Boden krachte, wo sie eben noch gestanden hatte. ,,Ich muss es schaffen, ich muss es schaffen.’’ Dieser eine Satz hämmerte unaufhörlich in ihrem Kopf, drängte jedes Gefühl von Angst zur Seite.
Sie hatte es bis zu seinem Schwanz geschafft und nutzte dessen Moment der Bewegung, um mit einem gewagten Sprung über ihn hinwegzukommen. Ihr Herz pochte so heftig, dass es in ihren Ohren rauschte, und jede Faser ihres Körpers schrie vor Schmerz und Erschöpfung. Doch sie durfte jetzt nicht aufgeben. Mit jedem Schritt, der sie näher zur Kette brachte, klammerte sie sich an den Gedanken, dass es die einzige Möglichkeit war, diesen Kampf zu beenden.
Während sie auf die Kette zustürzte, lag Roxy regungslos in einer Ecke der Halle. Der Drache hatte sie mit einem gewaltigen Prankenhieb quer durch den Raum geschleudert. Blut rann aus ihrem Mundwinkel und färbte den kalten Stein unter ihr rot. Ihr Schwert lag mehrere Meter entfernt, unerreichbar für ihre zitternden Hände.
Auch Fer war erschöpft. Der unermüdliche Krieger kniete auf der anderen Seite des Raumes, gestützt auf seine Axt. Sein Atem ging schwer, und sein Blick war mühsam auf den Drachen gerichtet. Er kämpfte darum, wieder aufzustehen, doch seine Kräfte verließen ihn zunehmend.
Liam war der Einzige, der sich noch in Bewegung hielt. Seine magischen Kräfte waren aufgebraucht, und so kämpfte er jetzt mit seinen Dolchen. Sein schlanker Körper wirbelte um den Drachen herum, und immer wieder gelang es ihm, kleine Angriffe zu landen. Ein tiefes, klaffendes Mal über dem linken Auge des Drachen zeugte von seinem Mut und seiner Schnelligkeit
Doch als Liam einen weiteren Angriff auf das verletzte Auge des Drachen starten wollte, erstarrte er. Sein Blick folgte dem des Drachen, und in einem einzigen Augenblick begriff er, was passieren würde. Der Drache hatte Leyla entdeckt. Sein Maul öffnete sich weit, rote Linien pulsierten zwischen seinen Schuppen und ließen sie wie glühende Lava wirken. Ein gewaltiger Feuerball begann sich zwischen seinen Reißzähnen zu formen, größer und tödlicher als alles, was sie zuvor von ihm gesehen hatten.
Liam stürzte nach vorne. ,,Fuck, ich bin nicht schnell genug… LEYLA, PASS AUF!’’ schrie er verzweifelt.
Leyla wirbelte herum. Für einen Moment schien die Welt stillzustehen. Alles, was sie sah, war die riesige Feuerkugel, die sich wie ein brennender Meteor auf sie zubewegte. Sie warf sich zur Seite, doch tief in ihrem Inneren wusste sie: Sie war nicht schnell genug.
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Es war nicht das erste Mal, dass Leyla dem Tod in die Augen geblickt hatte. Das erste Mal war im Wald der Arach, als Liam sie alleine zurückgelassen hatte. Sie hatte später von ihm erfahren, dass er die ganze Zeit in der Nähe gewesen war, bereit einzugreifen, falls es gefährlich wurde. Doch in dem Moment, als sie allein zwischen den finsteren Bäumen und den leuchtenden Augen der Spinnen gestanden hatte, wusste sie das nicht.
Das zweite Mal war während des Kampfes gegen Maegnar. Dort hatte sie für einen Moment das überwältigende Gefühl gehabt, dass sie tatsächlich gestorben war. Nachdem der Kampf vorbei war, hatte sie sich jedoch unversehrt wiedergefunden. Schließlich war sie zu dem Schluss gekommen, dass ihre Angst ihr einen Streich gespielt hatte.
Das dritte Mal hatte sie Todesangst, als sie in völliger Dunkelheit in einem Keller eingesperrt war. Allein, von der Stille und der Finsternis fast erdrückt. Sie hatte bereits aufgegeben, als Liam auftauchte. Er hatte ihre Entführer verfolgt und sie alle getötet, um sie zu retten. Sein Gesicht war das Erste gewesen, das sie nach Tagen der Verzweiflung gesehen hatte.
Dann war da noch der Kampf mit dem Stahlbären. Sie und Liam hatten ihn besiegt, aber nur knapp. Liam hatte schwer verletzt überlebt, und auch sie hatte Narben davongetragen, die sie immer an diesen Moment erinnern würden.
Doch jetzt, im Angesicht der glühenden Feuerkugel, die so hell brannte wie die Sonne und heiß genug war, um den Stein unter ihr zu schmelzen, war sie sich sicher, dass nichts sie mehr retten konnte. Die Luft um sie herum verschwamm vor Hitze, und ein ohrenbetäubendes Dröhnen erfüllte den Raum. Jeder Atemzug fühlte sich an, als würde er ihre Lungen verbrennen. „Das war’s …“ dachte sie und schloss ihre Augen.
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Als Leyla ihre Augen öffnete, blendete sie ein grelles, weißes Licht. Es schien von überallher zu kommen, durchdrang die Dunkelheit und ließ alles andere verblassen.
,,Bin ich gestorben?’’ dachte Leyla, während ein Gefühl tiefer Traurigkeit sie durchströmte. Ihr Herz wurde schwer bei dem Gedanken, dass sie ihre Freunde und all die Abenteuer, die sie noch erleben wollte, verloren hatte.
Doch allmählich begann das Licht zu schwinden. Die Konturen der Halle kehrten zurück, und Leyla erkannte, dass sie lebendig war. Sie lag unversehrt auf dem Boden. Die Hitze war gewichen, die Feuerkugel verschwunden, und die Luft fühlte sich kühl an, fast beruhigend im Vergleich zu der sengenden Glut von zuvor.
Ihr Blick fiel auf etwas vor ihr. Auf dem Boden lag eine verbrannte Blume, die sich langsam in feine Asche auflöste. Es war die Blume, die Finn ihr geschenkt hatte. Ihre einst strahlend weißen Blütenblätter waren schwarz vor Ruß, der grüne Stängel war verkohlt und zerbrochen.
Leyla schluckte schwer, schüttelte dann jedoch den Kopf. ,,Ich hab keine Zeit zum Trauern.’’ Entschlossen sprang sie auf die Beine. ,,Das ist meine Chance!’’
Sie sprintete die letzten Meter zur Vitrine, die das Ziel ihres Kampfes enthielt. Mit einem wilden Schrei holte sie aus und schlug mit dem Knauf ihres Schwertes auf das Glas ein.
,,Das Glas kann mich nicht aufhalten, genauso wenig wie dieser Drache! Ich werde die Kette holen, egal, was es kostet!’’
—KLIRR—
Das Glas zersprang in tausend Scherben, die wie schimmernde Splitter durch die Luft flogen. Eine davon schnitt Leyla am Kinn. Ein dünner, warmer Blutstrom lief über ihre Haut, doch sie ignorierte den Schmerz. Ihre Augen waren nur auf die Kette gerichtet.
Hinter ihr spürte sie die drückende Hitze, die sich erneut aufbaute. Ein weiteres Brüllen des Drachen kündigte den bevorstehenden Angriff an. Die Luft schien wieder schwerer zu werden, als sie die Hand nach der Kette ausstreckte.
,,Bitte…’’ flüsterte sie mit zitternder Stimme, während ihre Finger sich um das kalte Eisen der Kette schlossen. „Bitte lass es funktionieren. Bitte lass uns das überleben.“



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