Kapitel 42 - Die Ruhe nach dem Sturm
- empirewebnovel
- 22. Dez. 2024
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In dem Moment, in dem Leyla die Kette berührte, wurde es in der ganzen Halle dunkel. Die Fackeln erloschen mit einem leisen Zischen, der Feuerball des Drachen verpuffte, und auch das Monster, das sie an den Rand ihrer Kräfte gebracht hatte, war verschwunden. Eine unnatürliche Stille legte sich über die Halle, so vollkommen, dass Leyla ihren eigenen Herzschlag hören konnte.
Leyla hatte mit ihrer Annahme recht gehabt. Und damit hatte sie sich und ihren Freunden das Leben gerettet. Die Erleichterung, die sie durchströmte, war überwältigend.
Erschöpft atmete sie tief durch. Doch mehr als alles andere fühlte sie Stolz. Stolz darauf, dass sie den richtigen Riecher gehabt hatte. Stolz darauf, dass sie ihre Angst überwunden hatte. Stolz darauf, dass sie ihre Verbündeten nicht zurückgehalten, sondern zum Sieg geführt hatte.
,,Geht es euch gut?’’ rief sie in die undurchdringliche Dunkelheit. Ihre Stimme hallte in der Leere wider, bevor sie in der Ferne verklang. Vorsichtig tastete sie sich an der kalten, rauen Wand entlang in Richtung des Ausgangs.
Der erste der antwortete war Liam: ,,Ja, es geht uns allen gut. Das war unglaublich Leyla!’’
,,Das war… doch… einfach’’, schnaufte Fer. Seine Stimme klang erschöpft, aber voller Stolz. Leyla spürte, dass er seine Kräfte bis aus Letzte ausgereizt hatte, doch sie ließ ihm den Moment, ohne ihn darauf anzusprechen.
,,Roxy? Ist alles gut bei dir? Wo bist du?’’ Leylas Stimme war von Sorge erfüllt.
,,Ich bin hier drüben. Ich hab das Gefühl, dass mein linker Arm gebrochen ist, aber ansonsten geht es mir gut.’’ Roxys Stimme zitterte vor Schmerz, und Leyla spürte einen Stich von Schuld und Mitgefühl.
Es dauerte eine Weile, doch nach einer knappen Stunde hatten sie den langen, düsteren Weg durch die Halle hinter sich gelassen. Das schwache, flackernde Licht der Glaskugeln begrüßte sie wie ein alter Freund, der ihnen Hoffnung schenkte.
Fer stützte Roxy, die bei jedem Schritt schwankte, und half ihr, die Treppe zu erklimmen. Der steinerne Aufstieg fühlte sich endlos an, jeder Schritt hallte durch den Turm wie das Echo eines längst vergangenen Kampfes.
Als sie endlich ins Freie traten, umfing sie die frische Nachtluft wie eine tröstende Decke. Der Mond thronte wie ein stiller Wächter über ihnen, und das Flüstern der Blätter im Wind löste die Spannung in ihren Schultern. Nach der erstickenden Stille des Turms wirkte die Nacht lebendig, voller Leben und Versprechen.
Leyla rannte direkt zu Himmel, ihrem treuen Pferd, und umarmte seinen glänzenden, schwarzen Hals. ,,Du weißt nicht, wie sehr ich das gerade brauche’’, flüsterte sie mit zitternder Stimme.
Himmel wieherte sanft, seine großen, warmen Augen spiegelten das Mondlicht wider. Er rieb seinen Kopf liebevoll an Leylas Wange, und sie schloss die Augen. Alles, was sie fühlte, war das weiche Fell ihres Gefährten und die überwältigende Erleichterung, die sie erfüllte. Für einen Moment war alles andere vergessen. Die Bilder des Drachen, die Schreie ihrer Freunde – alles verschwand in der Berührung des warmen Fells.
Sie hatten es geschafft.
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Erschöpft ließ sich Leyla in ihr Bett fallen. Die Reise zurück nach Malyl war ohne weitere Probleme verlaufen, doch nun machte sich die Müdigkeit mit voller Wucht bemerkbar. Ihr Zimmer war klein, aber gemütlich. Das schummrige Licht einer Öllampe warf sanfte Schatten an die Wände, die von Holzbalken gestützt wurden. Der Duft von getrockneten Kräutern, die in kleinen Bündeln an der Decke hingen, mischte sich mit der leichten Frische der Nachtluft, die durch das gekippte Fenster hereindrang.
,,Nur noch fünf Wochen…’’ murmelte sie, während sie ihre schmutzigen Kleider auszog und sie achtlos über einen Stuhl warf. Der Stoff fühlte sich rau an, voller Erinnerungen an die Reise, die sie gerade beendet hatten.
Auf der Rückreise hatte Liam schon von dem Nächsten besonderen Auftrag erzählt. Seine Stimme klang in Leylas Erinnerung noch nach, energisch und voller Begeisterung: „Mein Kontakt meinte, dass der Tempel über viertausend Jahre alt ist. Ich wette, da können wir so einige wertvolle Schätze finden!“ Seine Grinsen war noch vor ihrem inneren Auge, während sie in Gedanken bereits das Abenteuer vor sich sah.
Der Tempel, den sie in fünf Wochen erkunden würden, lag einige Tagesreisen westlich von Malyl, tief in den ungezähmten Wäldern der Hamalien. Das war kein gewöhnlicher Ort – schwer zugänglich, voller Geheimnisse und vermutlich unberührt seit Jahrtausenden. Leyla spürte, wie die bekannte Mischung aus Vorfreude und Neugier in ihr aufstieg, als sie an die Geschichten dachte, die sie in den vergangenen Wochen gehört hatte.
Doch vorerst war Ruhe angesagt. Mit dem Gold, das sie für die Beschaffung der Kette erhalten hatten, konnten sie es sich leisten, eine Weile in Malyl zu bleiben und das Leben zu genießen. Sie würde endlich wieder ihre Abende in der Taverne verbringen, den Duft von frisch gebackenem Brot genießen und vielleicht den neuen Markt erkunden, der sich im westlichen Viertel entwickelt hatte.
Roxy würde diese Zeit ebenfalls brauchen, um sich von ihren Verletzungen zu erholen. Leyla hoffte, dass ihre Freundin schnell wieder auf die Beine kommen würde. Sie konnte Roxys erschöpftes, aber vor Stolz strahlendes Gesicht immer noch vor sich sehen, als sie Malyl erreicht hatten.
Langsam, ganz allmählich, übernahm die Müdigkeit ihr Bewusstsein. Der weiche Stoff der Decke fühlte sich wie eine Umarmung an, und das leise Rauschen der Blätter vor ihrem Fenster lullte sie ein. Es dauerte nicht lange, da war sie bereits in einen tiefen, traumlosen Schlaf gefallen.
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,,Hast du alle Sachen gepackt?’’
,,Natürlich hab ich das. Endlich können wir wieder ein neues Abenteuer beginnen. Ich hoffe für dich, dass es das Warten wert war, Liam.’’
Leyla und Liam standen im Stall, wo Himmel und die anderen Pferde in ihren Boxen geduldig auf den Aufbruch warteten. Die warme, trockene Luft des Stalls war erfüllt vom erdigen Geruch nach Stroh und dem leichten Duft nach Leder, der von den Satteln ausging. Himmel schnaubte leise, als ob er die bevorstehende Reise bereits erahnte.
Draußen bedeckte ein weißer Teppich aus Schnee die weiten Landstriche der Mittellande. Die sonst so saftig grünen Felder lagen unter einer stillen, eisigen Decke. Die Bäume wirkten wie in helle Mäntel gehüllt, ihre Äste von einer dünnen Schicht glitzernden Schnees bedeckt. Der Wind wehte sanft, aber eiskalt durch die Landschaft, ließ die Luft klar und schneidend erscheinen. Bald würde es Frühling werden, doch noch herrschte die frostige Ruhe des Winters.
,,Na ihr beiden? Schon aufgeregt?’’ Die tiefe, brummige Stimme von Fer ließ die beiden herumfahren. Der Zwerg stapfte mit seinem schweren Rucksack und einer neuen Streitaxt in der Hand heran. Seine Kleidung war dünn, eigentlich unpassend für den Winter, doch seine dichten, von der Kälte unbeeindruckten Züge verrieten seinen natürlichen Widerstand gegen extreme Temperaturen.
Nur noch Roxy fehlte. Ihr Arm war längst verheilt, und Leyla wusste, dass ihre Freundin mindestens genauso aufgeregt war wie sie selbst.
,,Ob sie sich verspätet?’’ murmelte Leyla, doch in diesem Moment entdeckte sie einen vertrauten roten Schimmer in der Ferne. Roxy, deren leuchtendes Haar sich wie ein roter Faden von dem weißen Schneefeld abhob, kam gemächlich näher. Ein Korb baumelte in ihrer Hand, während ihr Schwert sicher an ihrem Gürtel befestigt war.
,,Roxy!!! Da bist du ja, beeil dich!’’ rief Leyla und winkte ihr zu.
,,Entspann dich, wir haben doch genug Zeit. Außerdem habe ich uns noch frisches Brot gekauft. Fühl mal, es ist noch ganz warm.’’ Roxy streckte ihr den Korb entgegen.
Leyla verzog das Gesicht zu einem Schmollen, konnte sich aber ein breites Grinsen nicht verkneifen, als sie das warme Brot in der Hand spürte. Der Duft war beruhigend, eine Erinnerung an gemütliche Abende in Malyl.
,,Ich war einfach das Warten leid. Deinem Arm geht es auch wirklich gut?’’
,,Ja klar, er ist wieder wie neu. Alles dank…’’
,,Die Pferde sind soweit. Ihr habt auf der Reise noch genug Zeit zu reden’’, unterbrach Liam mit einem Lächeln und führte die Tiere aus dem Stall.
Leyla kletterte auf den Rücken von Himmel, dessen weiches, schwarzes Fell sich warm unter ihren Händen anfühlte. Sie strich ihm über den Hals und richtete ihren Blick auf den Horizont, wo die schneebedeckten Gipfel der Hamalien sich majestätisch gegen den klaren, blauen Winterhimmel abhoben.
Was sie wohl in dem Tempel erwarten würde?



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