Kapitel 43 - Der Tempel in Weiß
- empirewebnovel
- 23. Dez. 2024
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Der eisige Wind heulte über die Gipfel der Berge, ließ den Schnee in feinen Wirbeln tanzen und schnitt scharf wie eine Klinge in die Luft. Sie zog ihren Mantel enger um sich und spürte, wie die Kälte selbst durch die dicke Wolle kroch.
Ihre beiden Dolche aus Drachenstein, deren Klingen in der Morgensonne wie gefrorenes Feuer gefunkelt hätten, wären sie nicht fest an ihren Gürtel geschnallt und gut vor neugierigen Blicken verborgen worden. So wie immer.
Jeder Schritt ließ den Schnee unter ihren Stiefeln knirschen, ein leises, rhythmisches Geräusch in der überwältigenden Stille der Berge. Ihre Fußspuren zogen sich wie eine unregelmäßige Linie durch das endlose Weiß, das sich über die gefrorene Landschaft erstreckte.
Ein Windstoß zerrte an ihren blonden Haaren, und sie schob sie genervt zurück, bevor sie die rote Kapuze tiefer ins Gesicht zog. Die Farbe war ein scharfer Kontrast zur bleichen Landschaft, eine lebendige Spur in der eisigen Leere.
Die ersten Sonnenstrahlen schienen wie ein Geschenk der Götter, golden und sanft, und ließen die schneebedeckten Berge wie Edelsteine glitzern. Das Licht kroch über die Felsen und tastete sich hinab ins Tal, wo es die Schatten zu vertreiben suchte. Doch die Stille blieb, schwer und bedeutsam, als ob die Natur selbst den Atem anhielt, um das Geheimnis zu wahren, das in dem Tal verborgen lag.
Die Frau lächelte. Es war ein seltener Anblick in dieser rauen Umgebung, einer, der für einen Moment Wärme in die Kälte brachte. Doch es war nicht die Sonne, die sie zum Lächeln brachte.
[???] ,,Hab ich dich.’’
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Die Pferde trabten langsam über den mit Schnee bedeckten Stein. Der Weg war schmal und führte zwischen steilen Klippen hindurch, die von Eiszapfen, die Stacheln ähnelten, gesäumt waren. Der Wind wehte leise durch die Berge, trug ein hohles, melancholisches Heulen mit sich, das in der Weite des Gebirges widerhallte. Sie waren bereits seit einer knappen Woche unterwegs, und heute würde der Tag sein, an dem sie endlich den Tempel erreichen würden.
Leyla ließ ihren Blick über die majestätischen Berge schweifen, die sich um sie wie gewaltige Wächter auftürmten. In der Ferne erstreckte sich das Tal, dessen Ende ihr Ziel verbergen sollte. Der Schnee glitzerte im Licht der fahlen Wintersonne, doch seine Kälte drang durch jede Schicht Kleidung.
,,Ich wünschte, es wäre nicht so kalt… Meine Hände würden mir beim Malen abfrieren’’, murrte Leyla und zog ihren neuen, schwarzen Wintermantel fester um sich.
,,Dann mal doch, sobald wir wieder in Malyl sind’’, schlug Roxy vor, ihre Stimme weich und aufmunternd. Doch Leyla schenkte ihr nur ein schwaches Lächeln. Malen war nicht nur eine Leidenschaft für sie – es war ein Teil von ihr, eine Möglichkeit, das Gesehene festzuhalten und einen Anker in ihren ansonsten lückenhaften Erinnerungen zu finden.
Was hatte sie wohl getan, bevor sie Roxy das erste Mal in Migar getroffen hatte? Der Tag blieb wie ein schwarzer Schleier über ihrem Geist, verbarg alle vorherigen Erinnerungen. Hatte sie eine Familie? Woher kam sie? Das Malen half ihr, diese Lücken zu überbrücken – ein leiser Versuch, sich selbst zu verstehen.
Ein Zittern überkam sie. Es war nicht die Kälte, die sie frösteln ließ, sondern das Gefühl der Unvollständigkeit, das plötzlich an die Oberfläche drang, wie eine Welle, die sie zu überwältigen drohte.
,,Ist dir kalt? Soll Liam dich in den Armen tragen?’’ Fers Stimme durchbrach ihre Gedanken, voller Schalk und Wärme. Der Zwerg war seit dem Kampf mit dem Drachen aufgeschlossener geworden, sein Humor hatte an Leichtigkeit gewonnen.
,,Sei leise Fer’’, fauchte Leyla, ihre Stimme schärfer als beabsichtigt. Sie hatte keine Geduld für Späße, nicht heute.
,,Ohh, das ist ja jemand gereizt, haha.’’ Liam ritt lachend neben sie, doch Leyla würdigte ihn nur eines vernichtenden Blicks. Ihr war kalt, sie konnte nicht malen, und die letzte Nacht, in der sie kein Auge zubekommen konnte, hatte ihre Stimmung verdüstert.
,,Lasst Leyla in Ruhe’’, sagte Roxy ruhig, aber mit Nachdruck. Ihre scharfen Augen fixierten die beiden Männer, die wie schuldbewusste Kinder gleichzeitig antworteten: ,,Jaja, ist ja schon gut.’’
Leyla seufzte, ließ Himmel etwas schneller traben und entfernte sich von der Gruppe. Sie brauchte Zeit, um den Kopf frei zu bekommen, allein mit dem stetigen Rhythmus der Hufe im Schnee und dem Heulen des Windes. Wer war sie vor jenem Tag in Migar gewesen? Und würde sie es jemals herausfinden?
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Der Tempel lag am Ende des Tals, verborgen zwischen hoch aufragenden Tannen, deren Äste und Nadeln, von Schnee beschwert, ein Gefühl der Stille über die Landschaft legten. Hätten die vier nicht genau gewusst, wo sie suchen mussten, hätten sie ihn niemals gefunden.
Der Tempel schien aus der Zeit gefallen zu sein, ein Bauwerk aus makellosem weißen Stein, das sich nahezu perfekt in die verschneite Landschaft einfügte. Nur das leicht angelehnte weiße Tor verriet, dass es hier mehr gab als eine unberührte Kulisse.
,,Können wir unser Lager im Tempel aufschlagen?’’ fragte Leyla, ihre Stimme leicht zitternd vor Kälte. Sie konnte ihre Zehen kaum noch spüren, trotz der dicken Winterstiefel.
,,Ja, das sollte kein Problem sein’’, antwortete Liam, während er sich vorsichtig dem Eingang näherte. ,,Die meisten Tempel aus der Zeit haben einen Vorraum, bevor man zum eigentlichen Inneren gelangt.’’ Sein Blick glitt prüfend über das Tor.
Als er die Hand ausstreckte, um es weiter zu öffnen, hielt er plötzlich inne. ,,Hinter der Tür liegt kein Schnee… Durch den Türspalt hätte eigentlich Schnee in den Tempel fallen sollen, doch hier ist nichts.’’
,,Meinst du, dass jemand anderes kurz vor uns hier angekommen ist?’’ fragte Roxy und legte instinktiv die Hand fester um den Griff ihres Schwertes. Ihre Augen huschten unruhig über die Bäume, als würde sie erwarten, dass jeden Moment jemand aus den Schatten trat.
,,Nein, außer uns sollte niemand hiervon wissen. Lasst uns erstmal reingehen. Fer, kannst du die Tür aufschieben?’’
Der Zwerg nickte, legte seinen Rucksack ab und stemmte sich gegen das Tor. Mit einem dröhnenden, schleifenden Geräusch schwang es auf. Vorsichtig trat Fer als Erster über die Schwelle.
,,Scheint niemand hier zu sein’’, rief er nach einem prüfenden Blick. ,,Ihr könnt kommen.’’
Leyla und Liam folgten ihm, ihre Schritte vorsichtig und leise. Im Raum war es kühl, aber nicht so beißend kalt wie draußen. Die von Liam beschworene Lichtkugel tauchte den Eingangsbereich in ein sanftes, weißes Licht, das von den glatten Steinwänden reflektiert wurde.
Der Tempel war von innen genauso schlicht wie von außen. Vier massive Säulen aus weißem Stein trugen das Dach, während der Boden aus polierten Platten bestand, die unter dem Licht fast wie Marmor glänzten. Die Luft war still, beinahe erdrückend ruhig, als ob der Ort seit Ewigkeiten auf Besucher gewartet hätte.
Roxy führte die Pferde vorsichtig hinein, ihre Schritte hallten auf dem Steinboden wider. Die Tiere schnauften leise, als spürten sie die ungewöhnliche Energie des Ortes.
Am Ende des Raumes befand sich eine breite, steinerne Treppe, die nach unten führte. Sie wirkte, als würde sie in die Dunkelheit selbst hinabgleiten.
,,Wollen wir uns hier den Abend aufwärmen und morgen hinunter gehen?’’ fragte Roxy, während sie die anderen ansah. Die Gruppe nickte zustimmend. Leyla ließ sich an einer der Säulen nieder, spürte die kühle Wand in ihrem Rücken und war einfach nur froh, einen Moment der Ruhe gefunden zu haben.
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Liam hatte in der Mitte des Tempels eine kleine Feuerstelle errichtet. Die Flammen warfen tanzende Schatten an die weißen Wände, ließen die Gravuren auf den Säulen lebendig erscheinen. Die vier saßen im Kreis um das Feuer, das ihre Gesichter in ein warmes, flackerndes Licht tauchte.
Leyla spürte ein schmerzhaftes Pochen in ihrer rechten Schläfe. Es war ein vertrautes, unangenehmes Drücken, das ihr den Atem stocken ließ. ,,Das gleiche Pochen wie damals in Migar…’’ dachte sie und fixierte die Flammen, die sich wie lebende Wesen in die Höhe wanden. In ihren Händen lag eine Leinwand, und ihr Stift huschte mit schnellen, geübten Bewegungen über das Papier. Sie wollte die Schönheit des Tals einfangen, bevor die Erinnerung verblasste, bevor die Kälte ihre Eindrücke verschluckte.
Liam und Roxy unterhielten sich leise, ihre Stimmen ein sanftes Murmeln im Hintergrund. Sie sprachen über das Gebirge und seine Eigenheiten, über alte Legenden, die mit diesen Bergen verbunden waren. Doch Leyla schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit. Ihre Gedanken und ihre Hände waren ganz auf die Leinwand gerichtet.
Neben ihr saß Fer, in Gedanken versunken. Seine Finger zupften wiederholt an seinem Bart, während seine Stirn in tiefen Falten lag. Das Zupfen war rhythmisch, fast unbewusst, und Leyla spürte, wie es sie langsam aus ihrer Konzentration riss.
Nach dem gefühlt hundertsten Zupfen ließ Leyla den Stift sinken und wandte sich zu ihm.
,,Ist alles okay bei dir, Fer? Du siehst bedrückt aus.’’
Fer hielt inne und blickte sie an, seine Augen schienen einen Moment lang zu zögern. Dann schüttelte er den Kopf. ,,Es ist nichts. Es gibt bei uns nur eine alte Geschichte über einen ähnlichen Tempel. Und deren Inhalt macht mir etwas Sorgen…’’
Leyla richtete sich etwas auf. ,,Erzählst du mir davon?’’ Dann drehte sie sich zu den anderen. ,,Roxy, Liam, seid mal Still, Fer erzählt eine Geschichte’’,
Gespannt richteten die drei ihre Aufmerksamkeit auf Fer. Selbst die Pferde, die an der hinteren Wand angebunden standen, schienen innezuhalten. Der Raum war still, bis auf das Knistern des Feuers, das wie eine lebendige Begleitung zu Fers Worten klang.
Der Zwerg räusperte sich, seine Hände ruhten nun still auf seinen Knien. Die Flammen spiegelten sich in seinen Augen, als er zu sprechen begann.
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,,Vor langer Zeit, als die zehn Erzengel noch die Welt bewohnten, wurden sie wie Götter verehrt’’, begann Fer mit ruhiger, aber gewichtiger Stimme. Die Flammen des Feuers warfen tanzende Schatten über sein Gesicht, während die anderen gespannt lauschten. ,,Viele Menschen, Elfen und andere Völker beteten sie an und widmeten ihr Leben dem Glauben. Sie bauten Tempel, schrieben Bücher und errichteten Statuen.’’
Die Stille des Tempels wurde nur vom Knistern des Feuers durchbrochen. Selbst die Pferde wirkten wie in die Erzählung vertieft. Fer zog die Aufmerksamkeit aller mit jeder Silbe weiter in seinen Bann.
,,Diese Leute nannte man Engelskultisten. Sie waren keine Einheit, sondern eher verschiedene Gruppen, die unabhängig voneinander agierten. Sie folgten meist einem bestimmten Erzengel.’’ Seine Worte hatten eine Ernsthaftigkeit, die wie eine Last auf die Hörenden lag.
,,Neben den Tempeln der Engelskultisten, die nicht mehr als große Monumente zu ehren ihrer Götter waren, gab es auch die Engelstempel. Ob sie von der Erzengeln selbst errichtet wurden, weiß niemand, jedoch waren sie ganz anders als die geschmückten Versionen der Sterblichen.’’
Fer blickte auf, und seine Augen schienen die Flammen zu durchdringen, als ob er in eine andere Zeit blicken könnte. ,,Diese Engelstempel lagen überall auf dem Kontinent und darüber hinaus verstreut. Meist waren sie gut versteckt. Sie lagen in tiefen Wäldern, auf abgelegenden Inseln — oder in den Tälern der Gebirge.’’
Die Gruppe hielt den Atem an. Leyla zog ihren Mantel enger um sich, als ob sie spüren könnte, dass die Wände des Tempels sich näher um sie schlossen.
,,In diesen Tempeln schlummerten Geheimnisse, die das Wissen der Sterblichen weit überstiegen. Artefakte, deren Macht Suchende aus der ganzen Welt anlockte. Waffen, die jeden Träger zu einem Ausnahmekrieger machten.’’
Er ließ eine Pause entstehen, die von der Spannung erfüllt war. ,,Doch diese Tempel waren nicht nur Orte des Wissens. Sie bargen Gefahren, die kaum jemand überwinden konnte. Monster und Fallen waren in den Hallen verstreut, und magische Barrieren machten es denen, die nicht stark genug waren, unmöglich, zu den Geheimnissen zu gelangen.’’
Fer atmete tief ein, bevor er weitersprach. ,,Das Gefährlichste war jedoch der Tempelwächter. In der vorletzten Kammer, direkt vor den Schätzen, lebte er. Eine Kreatur mit unvorstellbarer Macht, die es fast unmöglich machte, die Mysterien des Tempels zu erreichen.’’
Seine Stimme wurde leiser, als er weitererzählte. ,,Es gibt die Geschichte von Marwulf, einem Zwergenabenteurer, der mit Hunderten Kriegern in einen solchen Tempel eingedrungen ist. Er überlebte als Einziger den Kampf mit dem Wächter – und das auch nur, weil er fliehen konnte.’’
Fer hielt inne und starrte nachdenklich in die Flammen, die nun höher brannten, als ob sie die Bedeutung seiner Worte unterstreichen wollten.
,,Wenn das hier ein Engelstempel ist’’, sagte er schließlich, ,,erwarten uns viele Fallen und Monster. Ganz zu schweigen von dem Wächter. Natürlich sind Legenden und Geschichten oft ausgeschmückt, aber ich denke trotzdem, dass wir vorsichtig sein sollten.’’



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