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Kapitel 44 - Eine Schatzkammer voller Gold

Aktualisiert: 24. Dez. 2024

Leyla stieg die kühlen, steinernen Stufen des Tempels hinab. Ihre Schritte hallten durch die Dunkelheit, das leise Echo ihrer Bewegungen klang wie das Flüstern vergessener Stimmen. Mit jeder Stufe schien die Luft dichter zu werden, erfüllt von einem seltsamen, erdigen Geruch und einem Hauch von Feuchtigkeit, der ihre Haut prickeln ließ. Tiefer und tiefer drang sie in die alten Räume vor, die seit Jahrhunderten kein Licht mehr gesehen hatten.


Plötzlich zischte es – Pfeile schossen aus den Wänden, flogen wie tödliche Schatten durch die Luft. Leyla duckte sich blitzschnell, ihr Herz raste, während sie spürte, wie die Luft um sie herum von den Geschossen zerschnitten wurde. Sie sprang über einen breiten Graben, in dem glühende Lava träge vor sich hinblubberte, die Hitze schlug ihr ins Gesicht und ließ ihre Kehle trocken werden.


Ihre Reise wurde von Kämpfen unterbrochen. Stahlbären, deren schimmernde Panzer wie lebendiges Metall wirkten, stürmten auf sie zu. Arach, riesige spinnenartige Kreaturen mit pechschwarzen Augen und klackernden Kiefern, lauerten in den Schatten. Und dann, der Drache – seine mächtigen Schwingen füllten die Kammer, seine glühenden Augen fixierten sie, bevor sie in einem Sturm aus Zähnen und Klauen um ihr Leben kämpfte.


Blut, Schweiß und Erschöpfung trugen sie schließlich in den letzten Raum. Hier wartete eine letzte Prüfung. Ein Golem aus weißem Stein erhob sich, fast so groß wie die Decke selbst. In seiner Hand hielt er ein Schwert, dessen Klinge im flackernden Licht zu glühen schien. Mit einem Schrei ließ Leyla eine Erdsäule unter sich hervorschießen, katapultierte sich in die Höhe und führte mit aller Kraft einen tödlichen Schlag gegen den Golem aus. Seine steinernen Glieder zerbrachen mit einem donnernden Knall, als sie auf dem Boden aufschlugen.


Erschöpft und blutverschmiert trat sie in den letzten Raum. Der Anblick raubte ihr den Atem: Regale voller Bücher, die Geschichten längst vergessener Zeiten erzählten. Artefakte, die in jedem Museum der Welt einen Ehrenplatz gefunden hätten. Goldmünzen, die in dem Flammenlicht glitzerten, als wollten sie ihr versprechen, dass ihr Kampf nicht umsonst gewesen war. Sie wollte nach ihnen greifen und sich die tiefsten Wünsche ihrer Seele erfüllen.


Dann wurde alles schwarz. Leyla öffnete die Augen. Sie lag auf ihrem Fell, ihr Herz hämmerte noch immer in ihrer Brust. Es war nur ein Traum gewesen.



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Müde rieb sich Leyla die Augen. Der Traum war immer noch lebendig in ihrem Geist, die Bilder der Prüfungen, der Kämpfe und des Schatzes schienen für einen Moment greifbarer als die Realität. Es war ein schöner Traum gewesen – ein Traum von Stärke und Triumph. Sie hoffte, dass sie den heutigen Tag genauso gut bestehen würden, wie sie es geträumt hatte.


,,Du bist wach? Hast du etwas besonderes geträumt?’’ Fers Stimme drang durch die Stille und riss Leyla endgültig aus ihren Gedanken. Seine tiefe, warme Stimme klang besorgt, doch auch ein wenig rastlos.


,,Ja, hab ich’’, antwortete Leyla und blickte sich um. Der Tempel war von dem Licht des schwindenden Lagerfeuers erhellt, die Flammen flackerten unruhig, als würden sie Fers Stimmung widerspiegeln. Liam lag neben ihr, sein Atem ruhig und gleichmäßig. Roxy war bei den Pferden, strich sanft über ihr Fell und murmelte beruhigende Worte, die leise in der Stille widerhallten.


Leyla sah Liam an und lächelte. Sie strich ihm sanft über die Wange, und er öffnete langsam die Augen. Einen Moment lang war alles ruhig. Als er Leyla sah, huschte ein schläfriges, aber ehrliches Lächeln über sein Gesicht, und er schmiegte sich gegen ihre Handfläche. 


,,Guten Morgen Liam’’, sagte Leyla, ihre Stimme leise und sanft, fast wie eine Melodie.


,,Guten Morgen Leyla’’, antwortete er verschlafen, seine Stimme rau und warm.


,,Wenn alle wach sind, können wir aufbrechen, oder?’’ Fers Worte durchbrachen die intime Stille. Seine Augen blickten angespannt zur Treppe, die in die Tiefe führte. Es war offensichtlich, dass ihn die Unruhe des Abends noch nicht losgelassen hatte.


Leyla wollte nachhaken, wollte wissen, was genau ihn beschäftigte, doch sie hielt inne. Es war nicht der richtige Moment.


Nachdem die Gruppe ein einfaches Frühstück geteilt hatte, standen sie auf. Leylas Gedanken waren bei dem Traum, bei den Prüfungen und dem Raum voller Schätze. Als sie zu der steinernen Treppe trat, war es, als würde der Traum sie rufen, als hätte er sie auf diesen Moment vorbereitet. Sie atmete tief durch, bevor sie den Abstieg in die Dunkelheit begannen. Schritt für Schritt ging es hinunter, und das Licht des Tages verschwand langsam hinter ihnen.



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,,Es gibt keine Fallen, keine Gegner. Das ist komisch…’’ Fers Stimme war leise, aber scharf, als er aussprach, was sie alle dachten.


Die Gruppe war bereits mehrere Stockwerke hinabgestiegen. Die Luft war kühler geworden, die Wände nun geschmückt mit kunstvollen Gravuren, die Geschichten und Symbole einer längst vergangenen Ära erzählten. Weiße Fackeln, die auf magische Weise brannten, erhellten die Ebene und warfen ein sanftes, schimmerndes Licht auf die verzierten Oberflächen.


Doch der Weg war seltsam still geblieben. Keine Monster, keine Falle, keine Hindernisse. Nicht einmal das leiseste Geräusch, außer ihren eigenen Schritten, störte die bedrückende Ruhe.


,,Selbst wenn das hier kein Engelstempel ist, sollten hier Fallen, Monster oder andere Hindernisse sein. Irgendwas gefällt mir nicht. Ich denke, wir sollten umkehren’’, fuhr der Zwerg fort, seine Stimme rau vor Besorgnis.


Leyla spürte das gleiche Unbehagen. Die Unruhe kroch mit jeder Minute tiefer in ihre Gedanken, ein leises, nagendes Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Es war ganz anders, als sie es geträumt hatte – und vielleicht war genau das das Problem. Sie öffnete den Mund, um Fer zu antworten, doch Liam kam ihr zuvor:


,,Nein, wir gehen weiter. Mein Kontakt hat nichts von Monstern oder Fallen erwähnt. Es ist merkwürdig, aber kein Problem.’’ Seine Augen blitzten entschlossen, doch es lag ein Hauch von Unsicherheit in seiner Haltung.


,,Ich sehe das auch so wie Liam,’’ fügte Roxy hinzu, ihre Stimme ruhiger. ,,Wir sollten uns freuen, dass wir bisher auf keine Probleme gestoßen sind. Lasst uns einfach vorsichtig bleiben.’’ Sie blickte Leyla an, die zögernd nickte.


,,Vielleicht ist jemand vor uns hier herein gekommen und hat alle Gefahren beseitigt?’’ Leyla sprach die Möglichkeit aus, die ihr seit Beginn ihres Abstiegs im Kopf herumgegangen war. ,,Schließlich war kein Schnee hinter der offenen Tür.’’ 


Doch dieser Gedanke war alles andere als beruhigend. War hier noch jemand anderes? Und wenn ja – waren es Verbündete? Oder Feinde? 


Ihre Gedanken rasten, während sie gemeinsam einen weiteren Raum betraten. Er war größer als die vorherigen, die Wände verziert mit komplizierten Mustern aus Gold und Silber, die im Licht der Fackeln schimmerten. Links klaffte ein tiefes Loch im Boden, das in die Dunkelheit führte, so tief, dass selbst Liams Lichtkugel den Boden nicht erreichen konnte. Auf der anderen Seite des Raumes stand eine Tür, so prachtvoll und kunstvoll verziert, dass sie unweigerlich alle Blicke auf sich zog.


,,Ist das die Schatzka—’’ Leyla brach mitten im Satz ab. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Nacken, wie ein Dolch, der plötzlich in sie eindrang. Sie spürte, wie sich ihr Mund mit Blut füllte, ihr Körper zitterte. Ihr Blick verschwamm, und die Welt um sie herum versank in Dunkelheit.

 
 
 

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