Kapitel 45 - Ein Krater in der Seele
Aktualisiert: 5. Feb. 2025

Leyla befand sich in einem dunklen Raum.
Sie konnte sich nicht bewegen und aus ihrem Mund kamen keine Geräusche. Vor ihr befand sich nur ein Tisch, auf dem drei Kerzen standen.
Eine braune, eine rote und eine grüne.
,,Was ist los? Wo bin ich hier? Was ist mit Liam? Was ist mit Roxy? Was ist mit Fer? Wurden wir angegriffen? Was sind das für Kerzen? Warum kommt mir mir alles hier bekannt vor? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum?’’
Eine der Kerzen, die braune, erlosch und Leyla spürte ein Gefühl von Unbehagen aufkommen.
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Als Leyla die Augen öffnete, war alles ein wirbelnder Strudel aus Farben und Schatten. Ihr Kopf dröhnte, und die kalte, harte Oberfläche des Tempelbodens drückte unangenehm gegen ihren Rücken. Sie versuchte, sich zu erinnern. Die Tür, der Schmerz, die Dunkelheit – und dann? Was waren das für Kerzen gewesen?
Dumpfe Schreie drangen an ihr Ohr, begleitet vom schrillen Klirren von Klingen, das durch den Raum hallte. Langsam drehte sie den Kopf, ließ ihren Blick durch den Raum gleiten. Vor ihr tobte ein erbitterter Kampf. Roxy und Liam standen einem Gegner gegenüber, eine Gestalt in einem roten Gewand, die sich mit übermenschlicher Geschwindigkeit zwischen ihren Angriffen hindurchbewegte. Die schwarzblauen Dolche in den Händen der Gestalt blitzten bedrohlich auf, jede ihrer Bewegungen wirkte wie ein tödlicher Tanz.
Dann sah Leyla Fer.
Der Zwerg lag regungslos auf dem Boden, seine Augen glasig und leer. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals, und ihr Atem wurde schwer. ,,Nein… Fer?’’ flüsterte sie, ihre Stimme zitternd und kaum hörbar. Sie stolperte auf ihn zu und kniete sich neben seinen starren Körper. Ihre Hand zitterte, als sie nach seiner griff. Die Kälte seiner Haut war alles, was sie wissen musste. Fer war tot.
Tränen stiegen in ihre Augen, verschwammen ihr Sichtfeld. Doch ein anderes Gefühl war stärker als die Trauer. Wut. Reine, glühende Wut.
Sie wirbelte herum, zog ihr Schwert und schoss auf den Gegner zu. ,,WIE KANNST DU ES WAGEN?!’’ schrie sie, ihre Stimme hinterließ ein Echo in der weiten Halle.
,,Leyla? Du lebst? Aber wie?’’ Liam, seine Augen voller Tränen, rief ihr zu, doch sie hörte ihn kaum. ,,Wieso sollte ich nicht leben? Fer ist doch der, der tot ist’’, dachte Leyla, doch die Worte blieben unausgesprochen. Ihre Aufmerksamkeit war ganz auf ihren Gegner gerichtet.
Mit einem wütenden Schrei schlug sie zu, zielte auf den Rücken der Gestalt. Doch in letzter Sekunde schien der Körper des Angreifers sich unnatürlich unter der Klinge wegzuducken, wie von einer unsichtbaren Kraft gelenkt. Leyla keuchte, ihr Herz raste. Wie konnte jemand so schnell sein?
Der Angreifer drehte sich zu ihr um. Jetzt konnte sie das Gesicht erkennen. Es war das einer jungen, blonden Frau, deren böse funkelnden Augen Leyla das Blut in den Adern gefrieren ließen.
Plötzlich wurde sie von einer gewaltigen Kraft zurückgerissen. Leyla stolperte und fiel unsanft, direkt neben das klaffende Loch, auf den Boden. Liam war bei ihr, kniete keuchend an ihrer Seite. Seine Augen waren weit aufgerissen, voller Angst und Verzweiflung.
,,Das ist Bournadette Lacroix. Sie ist die Nummer zwei der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Wir haben keine Chance gegen sie.’’ Seine Worte hallten in Leylas Kopf wider, doch sie wollte nicht glauben, was sie hörte.
,,Fer? Nimm Leyla mit nach draußen während Roxy und ich sie in Schach halten!’’ rief Liam plötzlich, seine Stimme laut und entschlossen.
Leyla starrte ihn an, ihre Gedanken wirr. ,,Aber Liam… Fer ist tot.’’
Liam drehte sich um, sein Blick wanderte zu Fers regungslosem Körper. Ungläubig weiteten sich seine Augen. ,,Wieso? Du wurdest doch getroffen, wieso ist Fer tot?’’
Bevor Leyla etwas erwidern konnte, wurde der Raum von einem donnernden Geräusch erfüllt. Eine Welle aus weißem Stein schoss durch die Halle, traf Leyla mit voller Wucht und schleuderte sie über die Kante des Lochs. Sie fiel, ihr Körper drehte sich im Nichts. Ein letzter Blick auf Liam, dessen Gesicht von purer Angst gezeichnet war, brannte sich in ihr Gedächtnis.
,,Ein Glück, er ist unversehrt’’, dachte Leyla noch, bevor sie in die Dunkelheit stürzte.
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Vorsichtig setzte Leyla einen Schritt vor den anderen. Sie versucht leise zu sein, so leise, dass niemand sie hören konnte.
Sie spürte den stechenden Schmerz in ihrem rechten Oberschenkel. Seit sie in die Tiefe gestürzt war und auf einer Reihe spitzer Steine gelandet war, blutete sie stark.
,,Ich muss unbedingt zurück zu Liam und Roxy… Wenn ich nur wüsste, wie ich hier unten rauskommen kann. Scheiße…’’
Jeder Schritt war eine Qual, die Schmerzen zogen sich wie Nadeln durch ihren Körper, jeder Atemzug fühlte sich an wie ein Krampf. Gedanken an Liam und Roxy versanken in einem Nebel aus Verzweiflung.
Schmerz und Trauer fluteten ihren Verstand und ließen ihren Magen verkrampfen.
,,Fer… Was ist mit dir passiert…’’
Da fiel ihr ein Glühen am Ende des Ganges auf. Ein braun-orangenes Licht schien aus einem Loch in der Wand und je näher sie dem Glühen kam, desto stärker wurde der pochende Schmerz in ihrer Schläfe, den sie, seitdem sie und die Anderen diesen Ort betreten hatten, spürte.
Das Licht warf unruhige Schatten an die Wand, und ein modriger Geruch stieg in ihre Nase. Der schmale Gang schien endlos und die Dunkelheit wie eine erdrückende Wand um sie herum.
,,Was ist nur los mit mir…’’
Sie hatte dieses Pochen nicht mehr gespürt, seit sie damals aus Migar aufgebrochen war.
Ihre Schritte wurden schneller, angetrieben von einem unbestimmten Drang, obwohl der pochende Schmerz in ihrem Kopf mit jedem Meter stärker wurde. Es war, als ob das Licht sie rief, lockte, trotz der Gefahr, die es versprach.
Sie erreichte das Loch in der Wand und blickte hindurch. Ihr Kopf fühlte sich so an, als würde er jeden Moment platzen.
,,Was ist das?’’
Leyla hatte vergessen, dass sie leise sein wollte. Stattdessen starrte sie gebannt durch das Loch in der Wand…
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Vor Leyla lag ein brauner Stein, unscheinbar, aber mit einer merkwürdigen Ausstrahlung. Seine Oberfläche war von seltsamen Zeichen bedeckt, Linien und Symbole in einer Sprache, die sie nicht verstand. Sie starrte ihn an, unfähig, den Blick abzuwenden.
Langsam streckte sie ihre Hand aus, ihre Finger zitterten leicht, bevor sie sich um den Stein schlossen.
Augenblicklich wurde ihr Geist aus ihrem Körper gerissen. Ihr Atem stockte, als Bilder in ihrem Kopf explodierten. Ein Schloss über einem spiegelglatten See. Eine Gestalt mit schwarzen Flügeln, die bedrohlich in der Ferne schwebte. Ein Beutel voller Steine, alle ähnlich wie der, den sie in der Hand hielt.
Die Bilder strömten weiter, endlos, wie ein nie versiegender Fluss. Szenen von Kriegen, von glücklichen Familien, von verborgenen Tempeln. Das alles und noch mehr überrollte ihren Verstand, bis es plötzlich aufhörte.
Leyla öffnete die Augen und starrte ungläubig auf ihre Hand. Der Stein war verschwunden. Stattdessen zogen sich braune Linien in feinen Mustern über ihren linken Zeigefinger, wie ein seltsames Tattoo. Es leuchtete leicht, bevor es verblasste.
,,Was war das?’’ flüsterte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. Ihre Finger zitterten, während sie das fremdartige Muster anstarrte.
Doch die Ruhe hielt nicht lange. Wie eine Welle brachen die Trauer und Wut in ihr hervor. Sie fühlte, wie die Emotionen in ihr hochkochten, wie ein brodelnder Vulkan, der kurz vor dem Ausbruch stand.
—AHHHHHHH—
Leyla schrie, ein verzweifelter, ohrenbetäubender Schrei, der von den Wänden der Höhle zurückgeworfen wurde. Die Erde begann zu beben, zuerst nur leicht, dann immer heftiger. Sie sank auf die Knie, Tränen strömten unaufhaltsam über ihr Gesicht, und sie vergrub ihren Kopf in den Händen. Doch ihr Schluchzen wurde von dem donnernden Lärm um sie herum übertönt.
Aber das Beben hörte nicht auf. Die Höhle schien sich um sie herum aufzubäumen. Trümmer stürzten von der Decke herab, und nicht nur die Höhle – auch der Tempel weit über ihr, das Tal, die Berge – alles erzitterte unter den unkontrollierten Kräften, die sie freigesetzt hatte.
Riesige Steinblöcke brachen von den Bergwänden ab und stürzten in die Tiefe. Leyla schrie und schrie, als ob sie die Welt um sie herum aufbrechen wollte.
Dann wurde es still.
Als Leyla die Hände langsam sinken ließ und ihre Augen öffnete, sah sie das Ausmaß der Zerstörung. Sie saß unversehrt in der Mitte eines riesigen Kraters. Die malerische Landschaft des Tals war verschwunden, ersetzt durch ein gähnendes Loch, das alles verschluckt hatte – den Tempel, den Wald, die Tiere. Alles war unter einer Lawine aus Stein begraben worden.
,,Wa— War ich das?’’ stammelte Leyla, ihre Stimme brüchig. Sie fühlte etwas in sich, etwas Wildes, etwas Mächtiges, etwas das sie vorher nicht gekannt hatte.
,,Liam? Roxy? Fer?’’ rief sie, während sie stolpernd durch die Trümmer lief. Ihre Stimme war heiser, und ihre Schritte waren schwer, als sie die Hoffnungslosigkeit ihrer Suche zu spüren begann.
Dann hörte sie eine Stimme hinter sich, kalt und gleichzeitig amüsiert ,,Die wirst du nicht finden. Was hast du gemacht? Ich konnte bis eben kaum magische Kraft bei dir spüren?’’
Leyla drehte sich langsam um, ihr Herz raste. Sie sah in das grinsende Gesicht einer unversehrten Bournadette Lacroix. Ihr Lächeln war eine Mischung aus Neugier und Spott, ihre Augen funkelten wie die eines Jägers, der sein Beutetier endlich gestellt hatte.



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