Kapitel 47 - Das Spiel der Algavia
- empirewebnovel
- 26. Dez. 2024
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Dez. 2024

Ark II - Vögel im Käfig
[???] ,,Ist mein Vater da drinnen?’’
[???] ,,Ja, eure Hoheit. Er möchte Euch sehen.’’
Der Mann, gekleidet in ein prächtiges, goldenes Gewand, schritt mit festen Schritten durch die große, schwere Tür. Der Duft von Kräutern und verbrannten Ölen erfüllte den Raum, und das Licht der tief hängenden Laternen warf lange Schatten an die Wände. Er ging zum Bett, das in der Mitte des Zimmers stand, umgeben von dicken Vorhängen aus dunklem Samt.
Sein Blick fiel auf seinen Vater, Kaiser Tavil IV. Der einst mächtige Herrscher lag schwach und blass auf den Kissen, sein Gesicht von tiefen Falten und Schatten gezeichnet.
,,Vater, Ihr wolltet mich sehen? Wie geht es Euch?’’ fragte Verion mit einer Mischung aus Sorge und Pflichtgefühl in seiner Stimme.
Der Kaiser öffnete schwerfällig die Augen. Es war deutlich, dass jede Bewegung ihn an die Grenzen seiner Kräfte brachte.
,,Verion, mein Sohn. Ich freue mich dich zu sehen, ein letztes Mal.’’ Seine Stimme war heiser und brüchig, doch in seinen Augen lag ein Hauch von Wärme.
Kronprinz Verion, der einzige Sohn und Erbe des Kaisers, kniete sich neben das Bett. Er nahm die knochige Hand seines sterbenden Vaters in seine eigene, die warm und kräftig war.
,,Ich freue mich auch, Vater. Ich habe alle—’’
,,Das ist unwichtig’’, unterbrach ihn der Kaiser mit einem Hustenanfall, der durch den Raum hallte. ,,Hör mich zu.’’
Verion lehnte sich näher, während sein Vater nach Atem rang.
,,Du musst sicherstellen, dass unser Reich in den nächsten Jahren stabil bleibt. Er wird kommen…’’
Verion runzelte die Stirn. Seine Gedanken überschlugen sich. Mit einem kontrollierten Atemzug fragte er: ,,Wer Vater? Wer wird kommen?’’
Der Kaiser schloss für einen Moment die Augen, als ob er die Antwort suchte. Seine Lippen bewegten sich, doch kein Laut kam heraus. Schließlich murmelte er: ,,Der… Wie war sein Name noch gleich?’’
Sein Gesicht zeigte einen Ausdruck von Verwirrung. Seine Augen huschten ruhelos durch den Raum, als versuche er, einen entflohenen Gedanken einzufangen.
,,Vater, wer wird kommen?’’ drängte Verion nachdrücklich.
,,Oh, Verion, mein Sohn, du bist da. Ich habe dich gar nicht gesehen.’’ Ein schwaches Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Kaisers aus, doch es war leer und abwesend. Verion erwiderte es nicht.
Ohne ein weiteres Wort stand er auf, strich sein Gewand glatt und verließ den Raum mit festem Schritt. Seine Bewegungen waren mechanisch, als ob er gegen eine unsichtbare Last ankämpfte.
Vor der Tür wartete Jacob Dorclaude, sein persönlicher Leibdiener. Sein aufrechter Stand und die makellose Uniform ließen keine Regung erkennen.
,,War das Gespräch erfolgreich, Eure Hoheit?’’ fragte Jacob höflich, während seine Augen auf den Prinzen gerichtet blieben.
Verion antwortete nicht. Ohne den Leibdiener eines Blickes zu würdigen, schritt er schnellen Schrittes an ihm vorbei, seine goldenen Roben raschelten leise im Gang.
--------------------------------------------------------------------------
[???] ,,Im Namen der ewigen Göttin des Glaubens, Kamera, und im Angesicht der versammelten Fürsten, Würdenträger und dem Volk des Kaiserreichs, erhebt sich heute ein neuer Stern am Himmel unserer Geschichte.’’
Die Stimme des Mannes mit den roten Haaren hallte durch den prunkvollen Thronsaal. Der Raum war erfüllt von goldenen und silbernen Verzierungen, riesige Wandteppiche erzählten Geschichten vergangener Kaiser, und das Licht der hohen, kunstvoll gearbeiteten Kronleuchter tauchte alles in ein warmes, helles Glühen. Eine Stille voller Erwartung lag in der Luft, während alle Blicke auf die Mitte des Saals gerichtet waren.
,,Kaiser Verion III, 125. Träger der Kaiserkrone, aus dem erhabenen Hause Algavia, tritt das schwere Erbe seines Vaters, seines Vorgängers und Bruders im Glauben, Kaiser Tavil IV, an. Geleitet vom Licht seiner Mutter, der weisen Kaiserin Sylvana, und gestützt durch die Tugend und Stärke seiner edlen Gemahlin, Kaiserin Valetta Algavia, wird er das Reich mit Gerechtigkeit und Weisheit führen.’’
Die Worte fielen mit einer erhabenen Schwere, als der Mann die Kaiserkrone aus einem reich verzierten Kasten hob. Sie funkelte im Licht des Saales, ein Symbol von Macht, Pflicht und Ewigkeit. Verion kniete sich vor ihn, seine Hände zu einem Gebet gefaltet, die Augen fest geschlossen. Seine Haltung war die eines Mannes, der die Last seiner neuen Verantwortung bereits spürte.
Der Mann mit den roten Haaren wartete einen Moment, ließ die Spannung wachsen, bevor er weitersprach. ,,Ihr, Kaiser Verion III, seid auserwählt, das Symbol der Zeit zu wahren, den goldenen Drachen der Stärke zu ehren und das K-Kreuz der Hoffnung und Einheit hochzuhalten. Möge Eure Herrschaft eine Ära des Friedens und des Wohlstands bringen, in der die Flamme der Tugend niemals erlischt. Die Welt möge Eure Herrschaft mit folgenden Worten preisen.’’
Er begann, die Krone langsam über den Kopf des Kaisers zu senken. Die goldenen Ketten und funkelnden Edelsteine schienen in der Luft zu schweben, während er mit feierlicher Stimme die Zeremonie fortsetzte.
,,Die Zeit formt nur denjenigen, der mit ihr zu herrschen weiß.’’
Ein leises Raunen ging durch die Menge, gefolgt von einem andächtigen Schweigen. Der Mann schloss nun ebenfalls die Augen und sprach weiter.
,,Das goldene Feuer brennt am hellsten, wenn es das Dunkel der Zweifel durchdringt.’’
Langsam senkte er die Krone weiter, und der Moment schien sich in die Unendlichkeit zu dehnen. Die Spannung war greifbar, als würde die Welt selbst den Atem anhalten.
,,Ein Herrscher mag alleine gekrönt werden, doch er führt sein Volk in Einheit.’’
Mit diesen Worten setzte er die Krone schließlich auf den Kopf von Kaiser Verion III. Ein feines Klingen, als das Metall das Stirnband des neuen Herrschers berührte, durchbrach die Stille. Verion öffnete die Augen, seine Haltung war gerade, und ein neuer Glanz erfüllte seinen Blick, als er sich erhob und die Anwesenden musterte.
,,LANG LEBE KAISER VERION III! MÖGE SEINE HERRSCHAFT EIN SEGEN FÜR UNS ALLE SEIN!’’ schrie der Mann mit den roten Haaren, und seine Stimme brach das andächtige Schweigen.
Einen Moment lang herrschte eine tiefe Stille, und dann explodierte der Thronsaal in tosendem Jubel. Stimmen erhoben sich, Hände klatschten und die Akustik des Saales trug den Lärm wie eine Welle durch den Raum. Der neue Kaiser stand da, ruhig und majestätisch, während das Kaiserreich seinen neuen Herrscher feierte.
--------------------------------------------------------------------------
Kaiser Verion saß in einem prunkvollen Saal und blickte auf seine sieben Söhne, die vor ihm knieten. Heute, genau zehn Tage nach seiner Krönung, verlangte es die Tradition, dass er seinen Nachfolger – den nächsten Kronprinzen – ernennen würde. Die Atmosphäre war von Spannung durchzogen, die Luft schwer von unausgesprochenen Erwartungen.
Die Prinzen sahen ihn mit gebannten Augen an, ihre Haltung ehrerbietig, aber die unterschwellige Konkurrenz war spürbar. Jeder von ihnen hatte seinen Anspruch auf die Nachfolge, jeder hoffte, die Gunst seines Vaters zu erringen.
Doch Verion ließ sie warten. Er stand auf und ging zum Fenster, sein Rücken war nun den knienden Gestalten zugewandt. Draußen erstreckte sich die Kaiserstadt in all ihrer Pracht. Händler priesen ihre Waren an, Kutschen ratterten über die gepflasterten Straßen, und überall summte das Leben der Metropole. Verion blieb still, während die Gedanken an vergangene Tage ihn einholten.
Die Worte seines Großvaters, Kaiser Alvanios II., hallten in seinem Kopf wider: ,,Ein Kaiser hat keinen Platz für Freude. Er muss stark sein. Disziplin und Opfer sind der Weg zur Herrschaft.’’ Verion erinnerte sich an die Härte in den Augen seines Großvaters, an die Schläge, an die Demütigungen und an die Misshandlung, die er als Kind hatte ertragen müssen. Alvanios hatte ihn gebrochen, um ihn zu formen – oder zumindest hatte er es versucht.
Ein kleines, bitteres Lächeln umspielte Verions Lippen. ,,Heute’’, dachte er, ,,heute zahle ich es dir heim, Großvater.’’
Mit einem tiefen Atemzug wandte er sich von der Welt jenseits des Fensters ab und ging zurück zu seinem Sessel. Seine Schritte waren gemessen, und das leise Rascheln seiner Kleidung hallte im stillen Raum wider. Er setzte sich, sein Blick durchdringend, seine Haltung entsprechend der eines Mannes, der die absolute Kontrolle besitzt.
,,Meine Söhne’’, begann er, seine Stimme ruhig und dennoch voller Gewicht. ,,Ich habe entschieden, dass ich heute nicht nur einen, sondern sieben Kronprinzen ernennen werde.’’
Unglaube spiegelte sich in den Gesichtern der Prinzen. Die Aussicht auf sieben Kronprinzen – eine scheinbare Absurdität – ließ die Ordnung der Welt ins Wanken geraten.
Prinz Cornelius, der Zweitgeborene, war der Erste, der den Mut fand, das Schweigen zu brechen. ,,Aber Vater,’’ begann er mit einem Hauch von Unbehagen in der Stimme, ,,wie kann es mehr als einen Kronprinzen geben? Ihr wollt doch nicht, dass irgendwann mehrere Kaiser regieren, oder?’’
Sein Halbbruder, Prinz Tavil, der Sechste der Brüder, schloss sich an. Seine Worte waren direkter, fast scharf. ,,Ich stimme Cornelius zu. Es ergibt keinen Sinn, dass wir alle Kronprinzen werden. Das widerspricht der Tradition, ja sogar der Logik!’’
Ein Räuspern unterbrach die aufkommende Unruhe. Es war Prinz Eugenius, der Dritte, bekannt für seine Gelassenheit und klugen Worte. Mit ruhiger Stimme sprach er: ,,Unser Vater hat sicherlich einen Grund für diese Ankündigung. Lasst uns ihn aussprechen lassen, bevor wir urteilen.’’
Die übrigen Prinzen nickten langsam, und die Aufmerksamkeit richtete sich wieder vollständig auf Verion. Der Kaiser beobachtete sie schweigend, bevor ein kaum merkliches Lächeln seine Lippen umspielte.
--------------------------------------------------------------------------
Verion lehnte sich entspannt zurück, seine Hände ruhten auf den verzierten Armlehnen seines Thronsessels. Mit einem belustigten Lächeln sprach er, als hätte er ihnen gerade ein einfaches Rätsel gestellt: ,,Ein Spiel. Ihr werdet ein Spiel spielen.’’
Die Prinzen, vor ihm kniend, blickten ihn an, ihre Gesichter eine Mischung aus Überraschung, Unglaube und wachsendem Unbehagen. Verion genoss ihre Reaktionen, ließ die Spannung für einen Moment in der Luft hängen, bevor er weitersprach:
,,Ich nenne es das Prinzenspiel. Ihr alle werdet zu Kronprinzen ernannt. Während der nächsten sechs Jahre, werdet ihr durch unterschiedliche Verdienste Punkte sammeln, die Goldkronen. Ich werde euch diese verleihen, wenn ihr mich beeindruckt oder zufriedenstellt. Zu jedem Jahrestag dieses Tages werden wir uns hier wieder versammeln, und derjenige von euch, der die wenigsten Goldkronen gesammelt hat, verliert.’’
Seine Worte hallten in dem großen Raum wider, gefolgt von einem schweigenden Entsetzen, das sich wie ein kalter Nebel über die Gruppe legte. Die Prinzen wechselten nervöse Blicke, jeder suchte in den Gesichtern der anderen nach einem Hinweis darauf, wie man reagieren sollte.
Der zwölfjährige Ludwig, ein schüchterner Junge mit kindlichen Zügen und blassem Haar, war der Erste, der das Schweigen brach. ,,Und was passiert wenn man verliert?’’ Seine Stimme zitterte leicht, als er die Frage stellte.
Verions Lippen verzogen sich zu einem verspielten Lächeln, doch seine Augen blieben kalt. ,,Dann werdet ihr aus dem Prinzenspiel ausgeschlossen. Ihr verliert all eure Titel und Ansprüche, und zusammen mit euren Familien werdet ihr aus dem Kaiserreich verbannt.’’
Das Entsetzen in den Gesichtern seiner Söhne wurde greifbar. Prinz Geroius, ein feuriger junger Mann mit energischer Stimme, sprang auf, seine Brust bebend vor Wut. ,,Wie bitte?’’ platzte es aus ihm heraus. ,,Das kann nicht Euer Ernst sein, oder? Das ist ein schlechter Witz, genau, nur ein schlechter Witz.’’
Sein Lachen klang leer und verzweifelt, fast wahnsinnig.
Verions Blick wurde scharf wie eine Klinge. ,,Doch, das ist mein voller Ernst. Aus Gründen, die ich euch jetzt noch nicht nennen kann, ist es notwendig, auf diese Weise den Besten von euch zu bestimmen. Wenn einer von euch Probleme damit habt, könnt ihr entweder sofort aussteigen oder eure Beschwerden an Yang richten.’’
Mit einer geschmeidigen Bewegung deutete er auf die schwarze Frau, die ruhig in der Ecke des Raumes stand. Ihre Augen glitzerten wie wunderschönes Glas, ihr schlanker Körper, gehüllt in schlichte weiße Kleidung, gab einem Unwissenden keinen Hinweis auf ihre Fähigkeiten. Geroius’ Aufbrausen verstummte sofort, als er sie erblickte.
Yang. Sie war die Oberste der Kaiserlichen Kopfgeldjäger und die stärkste Kriegerin des Reiches. Die Prinzen wussten, dass ihr Vater nur drei Möglichkeiten bot: das Prinzenspiel zu spielen, ins Exil zu gehen oder durch Yangs Hand zu sterben.
Verion ließ seinen Blick langsam über die Gruppe gleiten. ,,Wenn es keine Einwände mehr gibt, dann könnt ihr jetzt gehen.’’
Die Prinzen zögerten, bevor sie sich schließlich tief verneigten – einige aus Respekt vor ihrem Vater, andere aus Angst vor Yang. Ohne ein weiteres Wort verließen sie den Raum, ihre Schritte hallten in der drückenden Stille wider.
Verion lächelte und mit leiser, aber fester Stimme flüsterte er, als spräche er zu einer unsichtbaren Präsenz: ,,Ich hoffe, damit kann ich das Reich schützen, Vater.’’



Kommentare